von Martin Hobek
Vor 100 Jahren setzte Prags letzte Hochblüte ein, die es mit London, Paris und New York wetteifern ließ – und die ohne seine 30.000 Deutschen nicht möglich gewesen wäre. 1945 versank dieser ganz eigene Kosmos für immer. Gerhard Scholten hat diesen Weltuntergang gleich zweimal miterlebt.
Gerhard Scholten wurde 1923 im nordböhmischen Trautenau (heute Trutnov) geboren. Sein Vater war ein Großindustrieller. Die Mutter lebte nach der Scheidung in Prag, das der Bub 1930 kennenlernte. Er erkannte, daß er die Mutter und die Stadt sogar noch mehr liebte als den Vater und Trautenau und übersiedelte 1933 ganz. In Prag erlebte er paradiesische Jugendjahre, bis 1939 die Wehrmacht einmarschierte. Sein weitsichtiger Vater war bereits in die USA ausgewandert und besorgte seinem Sohn ein Visum. Der aber wollte Mutter und Großmutter nicht alleine lassen.
Im Frühjahr 1944 kommt es zur Katastrophe: Gerhard schickt seinem Vater einen Brief, der von der Gestapo abgefangen wird. Der abschätzige Inhalt über das NS-Regime und die Überprüfung des Absenders mit Einstufung als „Vierteljude“ bedeuten für Scholten den Beginn einer zehnmonatigen Odyssee durch diverse Konzentrationslager mit Endstation Auschwitz. Er beschreibt 1988 in seinem Buch Zwischen allen Lagern – Leben in einer Zeit des Wahnsinns detailreich, wie unzählige Häftlinge durch schwere Arbeit, begleitet von körperlicher Gewalt, Hunger und grassierenden Krankheiten, starben. Gerhard Scholten fühlt sich als stolzer Deutscher, gläubiger Lutheraner und großbürgerlicher Liberaler unter Juden, Kommunisten und Kriminellen besonders einsam. Seine Muttersprache kann der Deutschnationale fast nur bei den SS-Männern anwenden, die ihre Bestialität im Namen einer „deutschen Herrenrasse“ ausleben und ihn als „Untermenschen“ sehen.
Auschwitz ist ausgiebig dokumentiert; Scholtens Beschreibung der zehn Tage zwischen Abzug der SS und Eintreffen der Roten Armee allerdings eine Rarität. Am 17. Jänner 1945 hastet die SS davon und nimmt die Häftlinge mit. Zurück bleiben weniger als 2.000 Menschen – nicht mehr transportfähig und noch nicht vergast. Scholten nutzt das Chaos und versteckt sich. Es passiert Paradoxes: Man entscheidet sich, im KZ zu bleiben, weil man draußen aus dem Osten zurückströmenden SSlern in die Hände laufen könnte. Und Hunderte sterben, weil sie sich buchstäblich „totessen“. Die Entkräfteten nehmen beispielsweise die Margarine aus dem Luxusdepot der SS würfelweise zu sich.
Der mehrsprachige Scholten kehrt nach einer Zeit des Dolmetschens für die Sowjets langwierig nach Prag zurück. Als er auf S. 139 seines Werkes endlich an der Wohnungstür läutet und die Mutter sofort öffnet, muß der gefesselte Leser aufpassen, daß ihm das Buch nicht aus der Hand fällt. Aber Scholten merkt bald, daß er vom Regen in die Traufe gekommen ist. Wer auf Prags Straßen Deutsch spricht, wird schlimmstenfalls mit Benzin übergossen und am Wenzelsplatz verkehrt herum als lebende Fackel an eine Laterne gehängt. Der nervige tschechische Musiker, den die Mutter als Untermieter nehmen mußte, um über die Runden zu kommen, denunziert Gerhard Scholten als „Nazi“. Dieser muß sich beim SNB – einer tschechischen Mischung aus Gestapo und SS – zum Verhör melden. Dort werden weder seine eintätowierte Häftlingsnummer noch die Entlassungspapiere eines Blickes gewürdigt. Er kommt in jenes Aufnahmelager, das er bereits kennt. Bald folgt seine Familie.
Durch mehrmalige Bestechung des Wachpersonals und die Hilfe von tschechischen Freunden können Mutter und Großmutter nach Wien ausreisen. Scholten selbst arbeitet ein Jahr lang für die UNO in Bremen, dann versucht er, in Prag seine tschechoslowakische Staatsbürgerschaft zurückzubekommen. Im Zuge dessen erfährt er, daß er neuerlich zur Verhaftung ausgeschrieben sei. Am Vorabend der kommunistischen Machtübernahme flieht Scholten 1947 endgültig nach Wien. Das Vermögen des Vaters in Trautenau war 1938 durch die Nazis konfisziert worden, das der Mutter in Prag 1945 durch den tschechischen Staat – bis auf die Wohnung, die sich der musizierende Denunziant unter den Nagel gerissen hatte.
In seiner Wiener Zeit schrieb Scholten nicht nur das oben behandelte Buch, 1993 erschien auch Mein Prag. Es ist ein Stadtführer aus der Perspektive eines einheimischen Deutschen, der dort als Zehn- bis 22jähriger lebte, und zwar 1933-1945. Scholten zur Ausgangslage: „Die Familie meiner Mutter gehörte seit Generationen dem Prager Deutschtum an, jener Gemeinschaft, die nie mehr als dreißigtausend Seelen zählte. So gering diese Zahl auch scheinen mag, so stark prägten die Prager Deutschen diese Stadt, die Künste, die Wissenschaften und – im Zeitalter der Technik – die Industrie.“ Die deutsche Gemeinde war nicht nur begütert, sondern auch kunstsinnig. Mozart reiste 1786 nach Prag und stellte hier Figaros Hochzeit und Don Giovanni fertig. Bei der Uraufführung von Letzterem 1787 im Prager Ständetheater wollte das Publikum gar nicht mehr aufhören zu jubeln. Mozart, enttäuscht von der provinziellen Borniertheit seiner Heimatstadt Salzburg, reagierte begeistert: „Meine Prager verstehen mich!“ Die drei deutschen Theater in Prag waren von Weltrang. Sogar Enrico Caruso aus Neapel, ein Weltstar seiner Zeit, hatte 1904 im Neuen Deutschen Theater in Prag seinen ersten Auftritt nördlich der Alpen. Der im Publikum enthusiasmierte 14jährige Franz Werfel wurde zu einem glühenden Verehrer Verdis.
Das Ende der Donaumonarchie schockte die Prager Deutschen nur kurz. Während man in den Verliererstaaten Deutschland und Österreich 1923/24 Reichsmark- oder Kronen-Millionär sein mußte, um seine Kaffeehauszeche zu begleichen, erwies sich die neue Tschechenkrone als solide. Und so mußten die Kulturinstitutionen in Wien, Berlin und Dresden hilflos mitansehen, wie ihre Galionsfiguren in Richtung Prag von dannen zogen… Scholten schildert auch, wie er mit seiner Mutter in eine kleinere Wohnung übersiedelte. Diese befand sich allerdings in einem neuen mehrstöckigen Wohnhaus, das über eine flächendeckende Fußbodenheizung verfügte und über einen Aufzug, bei dem man mittels Knopfdruck bestimmen konnte, in welche Etage es ging. Es war eines der ersten Gebäude weltweit mit diesen revolutionären Neuerungen.
Für Scholten hat die „Goldene Stadt“ 1945 ihren Glanz verloren: „Prag kann nie mehr das werden, was es einst war, nie mehr das Herz Europas.“ In seinem Buch spricht er ganz offen über die Fehler der beiden Volksgruppen Prags. Die Deutschen sahen sich selbst als Elite und die Tschechen als Dienstpersonal. Scholten weist auch darauf hin, daß die Tschechen gegenüber den Nazis weniger widerständig gewesen seien die Prager Deutschen. Die Tschechen lebten während des Krieges in einem Überfluß, der seinesgleichen suchte, und interpretierten dies bizarrerweise als heldenhafte Sabotage: „Wir schädigen Deutschland, indem wir ihm möglichst viele Lebensmittel vorenthalten.“
Waren die meisten Tschechen nach 1945 froh, die verhaßten Deutschen und Juden losgeworden zu sein, entdecken sie sie jetzt partiell wieder und feiern sie – bestes Beispiel Franz Kafka. Das hat aber primär touristisch-kommerzielle Gründe. Die seltsamen kleinen, klischeehaft gestalteten Glasjuden, die in keinem Prager Souvenirladen fehlen dürfen, legen ein makabres Zeugnis ab.
Ich schrieb 1994 gemeinsam mit dem FPÖ-Granden Andreas Mölzer und dem jüdischen Sozialdemokraten Walter B. Simon Juden und Deutsche. Im Rahmen meiner Recherche las ich auch Mein Prag und war begeistert. Ich kannte damals weite Teile Mitteleuropas wie meine Westentasche und setzte dazu an, „Globetrotter“ zu werden, flog erstmals und badete auf Oahu erstmals im Meer. Gerhard Scholtens wegen schämte ich mich fast, noch nie in Prag gewesen zu sein. Und ich wollte mit ihm persönlich über die Stadt sprechen. Durch meine jugendliche Hartnäckigkeit gelangte ich an seine private Telefonnummer. Es war April 1995, er hob schon bei meinem ersten Versuch ab. Als ich mich namentlich vorstellte, erwähnte er sofort mein Buch und lobte es. Ich wuchs um mehrere Zentimeter. Ich solle ihn bitte in zwei, drei Wochen noch einmal anrufen, dann könnten wir uns gerne treffen, auch spontan.
Ungefähr eine Woche später überflog ich den Lokalteil einer Tageszeitung: Gerhard Scholten, Vater des Bundesministers Rudolf Scholten, sei von einem vorbeifahrenden Fahrzeug der Wiener Müllabfuhr 300 Meter mitgeschleift worden und noch an der Unfallstelle verstorben. Ich war tief betroffen, auch über die unwürdig-groteske Art des Ablebens dieser großartigen Persönlichkeit mit dieser tragischen Vorgeschichte. Die Lust auf Prag war verflogen. Erst im Sommer 2003 machte ich dort auf der Durchreise für ein paar Stunden Station. Mittlerweile kenne ich Prag einigermaßen, absolvierte sogar ein vierwöchiges Praktikum am Tschechischen Nationalmuseum und habe einen Schwager und dessen Familie dort. Mein Prag wird aber immer zu einem Gutteil „sein Prag“, jenes von Gerhard Scholten sein.