Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Zu Fuß gehen

von Caroline Sommerfeld

Eine kleine Philosophie des Minderen

Wer zu Fuß geht, fährt nicht. Wer barfuß geht, trägt keine Schuhe. Diese Feststellungen klingen zunächst banal. Es steckt im Begriff des Fußgängers, daß er nicht fährt, andernfalls er eben kein Fußgänger wäre, sondern ein Autofahrer, Bahnfahrer, Radfahrer oder sonst ein mit fahrbarem Untersatz Bestückter. Das Wort „barfuß“ ist definiert als das Fehlen von Fußbekleidung, egal ob es sich um ordentliches Schuhwerk, Socken oder bloße Lumpen handelt. Offensichtlich fehlt dem Fußgänger etwas, dem Barfüßigen, Bloßfüßigen, Unbeschuhten ebenfalls. Die „Unbeschuhten Karmeliten“, ein Mönchsorden, heißen tatsächlich so, weil sie als Zeichen ihrer strengeren Askese und Armut keine geschlossenen Lederschuhe mehr trugen, sondern einfache Sandalen.

Die längste Zeit der menschlichen Kulturentwicklung hindurch sind die allermeisten Menschen zu Fuß gegangen, obwohl das Rad schon erfunden war, ebenso wie die allermeisten Menschen barfuß gegangen sind, obwohl der Schuh schon erfunden war. Die wenigen, die reiten konnten, in einem Wagen mit Ochsen- oder Pferdegespann oder einer Rikscha fuhren oder auf einer Sänfte getragen wurden, unterschieden sich im Rang durch ihre Fortbewegungsweise von den einfachen Leuten. Militärisches Fußvolk trug keineswegs von Anfang an Stiefel: Die Sandalen der römischen Legionäre ermöglichten als ein Element erst die Eroberung eines Riesenreiches durch Märsche mit Gepäck. Zu Fuß gehen zu müssen war also Selbstverständlichkeit und Not zugleich. Denn der Fuß des „Mängelwesens Mensch“ (Arnold Gehlen) verfügt weder über Hufe, Klauen oder Krallen wie mancher Tierfuß, noch daß der Mensch sich anderer Körperteile zur Fortbewegung bedienen könnte, etwa Flügel, Flossen oder Ringmuskeln wie die Schlange. Ein nackter Fuß ist kälte- und druckempfindlich, ohne Fell, hat beim Säugling überhaupt keine und beim vielgewanderten Greis eines Ur- oder Naturvolkes zwar durchaus hornige Schwielen, macht aber dennoch das Zurücklegen weiter Strecken oft zur Qual.

Das Mindere absichtlich zu wählen, bedeutet Selbsterziehung des Menschen.

Heutzutage und seit dem Mittelalter ist das Zufußgehen, wenn dasselbe Individuum die Möglichkeit der fahrenden Fortbewegung hätte, eine bewußte Entscheidung. Daß in derselben Gesellschaft Gefährte in Gebrauch sind, während andere aus Armut kein solches Hilfsmittel haben, ist dementsprechend keine bewußte Entscheidung dieser Leute, sondern geschieht zwangsläufig. Diesen Unterschied gilt es festzuhalten, denn oft wird gegen die „Verhausschweinung des Menschen“ (Konrad Lorenz) die frühere Härte des Lebens als gesund und natürlich hingestellt. Das Mindere absichtlich zu wählen, also auf etwas zu verzichten, worauf man nicht zu verzichten gezwungen ist – das bedeutet Askese, und Askese ist Selbsterziehung des Menschen.

Barfuß zu gehen auf Wanderungen und im Schnee dient der Abhärtung. Pfarrer Kneipps Kaltwassertreten befördert die körperliche und geistige Gesundheit gleichermaßen. Alpenüberquerungen auf Schusters Rappen, Wallfahrten, Wanderungen auf den Spuren berühmter Männer oder Marathonläufe werden seit jeher mit der Absicht angetreten, das Unbequemere zu wählen. Im Kontrast zur Postkutsche oder zur noch viel bequemeren Autofahrt per pedes apostolorum unterwegs zu sein, ist ein asketischer Akt, wozu im allerweitesten Sinne auch sportliches Training gehört. Der Fußgänger wählt das Mindere. Er tut, was er nicht muß. Er gleicht sich in einem Aspekt den Minderbemittelten an. Das tut er allerdings in aller Regel nicht lebenslang, sondern nur für einen ebenfalls ausgewählten Orts- und Zeitraum: den Spaziergang, die Wanderung, die Pilgerreise, die Laufstrecke.

Auf diese Weise kann ein Stückchen Askese selbst dem Verhausschweintesten entweder aufhelfen, weil er mal sieht, wie es ist, oder aber ihn in seiner dekadenten Lebensweise nur bestätigen: Man denke an boot camps für Manager oder das Lastenfahrrad der Klimabewegten. Der Mensch als Mängelwesen schafft sich technische Entlastung, selbstverständlich auch auch für seine empfindlichen Füße. Der Anthropologe Arnold Gehlen sieht darin allerdings keineswegs nur Bequemlichkeit, sondern ganz im Gegenteil überhaupt erst die Möglichkeit der bewußten Wahl des Minderen zur Höherentwicklung. In seinem Hauptwerk Der Mensch (1940) schreibt er, und damit will ich meinen Spaziergang beenden: „Wesen der Zucht: Selbstzucht, Erziehung, Züchtung als In-Form-Kommen und In-Form-Bleiben gehören zu den Existenzbedingungen eines nicht festgestellten Wesens.“

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