Schlesien, wie es leibt und lebt oder Volkstumsarbeit mit vollem Körpereinsatz.

Schlesien in uns selbst

von Friedrich Helbig

Diese autobiographische Reise führt uns in den letzten kleinen Zipfel Schlesiens, der trotz „Oder-Neiße-Linie“ in deutscher Staatlichkeit (erst DDR, jetzt BRD) verblieb. Klar kann man ihn auch als „Ostsachsen“ oder „Oberlausitz“ bezeichnen, um jeglicher Verbindung zwischen Schlesien und Deutschland zu entsagen, doch noch gilt die sächsische Landesverfassung von 1992. In Art. 2 Abs. 4 heißt es dort, daß „(…) im schlesischen Teil des Landes die Farben und das Wappen Niederschlesiens gleichberechtigt geführt werden.“ Es gibt ihn also tatsächlich, den schlesischen Teil des Landes Sachsen…

Mein Vater nahm mich, 1978 geboren, schon vor der Wende mit auf den Sportplatz „Junge Welt“ in Görlitz; damals hieß der dortige Verein noch DDR-typisch BSG (Betriebssportgemeinschaft) Motor WAMA Görlitz. Dann kam die sogenannte Wende. Der Verein wurde um- bzw. zurückbenannt: NSV (Niederschlesischer Sportverein) Gelb-Weiß Görlitz. Ich, damals zwölf Jahre alt, war verwirrt. War aus den Bezirken Dresden, Karl-Marx-Stadt und Leipzig nicht gerade erst das Bundesland Sachsen geworden, und waren dessen Farben nicht grün-weiß? Wieso denn jetzt Niederschlesien und gelb-weiß?

Zur gleichen Zeit ging es meiner Großtante, bei der mein Vater aufgewachsen war, zunehmend schlechter. Sie war altersschwach und mußte mangels eigener Kinder von uns als Familie versorgt werden. Ich ging zweimal die Woche zu ihr, brachte Essen, half im Haushalt und feuerte den Kachelofen an. Meist wurden etliche Partien Dame gespielt – ich verlor fast immer –, und dabei erzählte sie wehmütig von ihrer Heimat, die zwar nur wenige Kilometer östlich lag, aber für immer verloren bzw. geraubt schien – Heidersdorf im Kreis Lauban. Sie erzählte von den vielen Obstbäumen im Garten und welch reiche Ernte sie meist brachten. Für mich war es damals erstaunlich, welchen Wert sie diesem Garten beimaß – heutzutage verstehe ich es sehr gut. Sie erzählte, wie sie angsterfüllt mit dem Fahrrad fuhr und sich „zur Sicherheit“ als alte Frau verkleidete. Sie erzählte, wie es hieß, Koffer zu packen, Schlüssel außen an die zu Haustür stecken und wie sich der Treck der Vertriebenen zu Fuß auf den Weg machte. Mittendrin mein damals zweijähriger Vater – Windeln und Babynahrung? Fehlanzeige! Gebannt und entsetzt hörte ich den Erzählungen meiner Großtante zu und las die geretteten Briefe der Familie aus den Zwischenlagern. Mein Referat hierüber im Rahmen des Geschichtsunterrichtes – ich las die Briefe in Auszügen vor – wurde sehr gut benotet. Fraglich, ob es heute überhaupt zum Referat kommen würde…

Bundesland Sachsen-Niederschlesien, Hauptstadt Breslau

Dieser landsmännische Aufbruch in den „Nachwendejahren“ packte mich und zog mich in seinen Bann – auch und gerade wegen meiner eigenen Familiengeschichte. Wir waren schließlich Schlesier, keine Sachsen, und auch keine Oberlausitzer – was jedermann unweigerlich an unserem Dialekt hören konnte. Es entstanden der Niederschlesische Oberlausitzkreis, die Niederschlesische Sparkasse, das Schlesische Museum etc. Es war damals sogar im Gespräch, das ganze Bundesland Sachsen-Niederschlesien zu nennen, aber diese Maximalforderung konnte nicht erfüllt werden. Was aber blieb und bleibt, ist oben zitierter Artikel der sächsischen Landesverfassung. Das Schlesierlied erklang bei jedem Heimspiel des NSV Gelb-Weiß Görlitz beim Einlaufen der Mannschaften, während die Schlesierfahne am Fahnenmast wehte. Die Stufen des Fanblocks malten wir in gelb und weiß an. Wir gaben die Gelb-Weiße Fanzeitung heraus. Omas und Mütter mußten Schals und Mützen stricken und Transparente nähen – nicht in grün-weiß sondern in gelb-weiß. Wir verorteten unsere Hauptstadt nicht in Dresden, sondern in Breslau.

Meine älteren Fußball- und Eishockeyfreunde berichteten mir von ihren Besuchen bei den alle zwei Jahre stattfindenden „Deutschlandtreffen der Schlesier“. Als ich 1999 nach Nürnberg reiste und die Atmosphäre zwischen Wehmut und Aufbruch bzw. Hoffnung hautnah erlebte, konnte ich ihre teils begeisterten, teils gedankenschweren Schilderungen gut nachvollziehen. Alte müde Vertriebenenaugen blickten uns hoffnungs- und erwartungsvoll an – es gab wieder eine schlesische Jugend. Damit legte man auch eine gehörige Last auf unsere Schultern – nur die Jüngeren konnten das Erbe bewahren und weitertragen. „Bekenntnis zu Schlesien“ lautete damals das Motto des Schlesiertreffens – vermutlich brannte sich dies so in mein Unterbewußtsein ein, in meine Seele, daß rund 20 Jahre später dieses Bekenntnis mir buchstäblich unter die Haut ging – und ausgerechnet in München entstand.

„Schlesiertreffen“ im Münchner Speckgürtel

Seit 1999 arbeite ich in der bayerischen Landeshauptstadt und lebe in deren sogenanntem Speckgürtel. Die Beziehung zu meiner neuen „Heimat“ war und ist ambivalent. Zwar bieten die Stadt und ihr Umfeld nahezu unendliche Verwirklichungs- und Verdienstmöglichkeiten, doch ist sie auch eine Stadt mit sehr vielen Singlehaushalten. Ob dies an einer von mir so wahrgenommenen Ich-Bezogenheit bzw. einem gewissen Snobismus liegt, weiß ich nicht. Denn zugleich gibt es auch diese wunderbare Biergartenkultur, wo man einfach beieinander hockt und die Sorgen des Alltags vergessen kann. Obwohl ich mich in Bayern sehr wohl fühle, sah man mich nie in Lederhosen auf der Wies’n – das bin nicht ich, das fühlt sich nicht richtig an. Natürlich benutze ich nach so langer Zeit auch einzelne bayerische Wörter, doch gehen mir diese nicht so leicht über die Lippen, und ich empfinde mich selbst als etwas verkrampft dabei.

Umso schöner und erstaunlicher war es, daß ich im Rahmen meiner Arbeit als Pfleger auf „Landsleute“ traf. Oft reichten ein „Guten Morgen“ und ein „Wie geht es Ihnen?“ meinerseits, und das meist ältere Gegenüber fragte mich, woher ich denn stammte. Als ich „aus Görlitz“ antwortete, kam ein „Ich bin auch Schlesier!“ oder „Ach Schlesien!“ zurück. Ich war überrascht, wie viele Vertriebene in Bayern lebten. Und so führte ich viele Gespräche, die denen mit meiner Großtante sehr, sehr ähnlich waren. Viele waren überrascht, daß sich ein junger Mensch mit ihrem Schicksal auskannte und auseinandersetzte. Die oftmals vorherrschende Geschichtsvergessenheit der Nachkommen, welche zugleich eine Schicksals- und Leidensvergessenheit des eigenen Volkes ist, ist zum einen der schulischen (Un)bildung geschuldet und zum anderen der gesellschaftlich geforderten und geförderten Ich-Bezogenheit. Diese erlernte Form der Empathielosigkeit dem Eigenen gegenüber führte soweit, daß einem pflegebedürftigen Vertriebenenehepaar aus Schlesien durch ihre Kinder eine polnische 24-Stunden-Betreuungskraft organisiert wurde, die bei ihnen einzog. Die Alten stimmten widerwillig zu, es sei ja schließlich zu ihrem Besten, und sie sollten dankbar sein. Sie wurden aber immer stiller und sprachen kaum noch. Nach Flucht und Vertreibung 1945 aus ihrer angestammten Heimat durch Polen, wurde nun ihr nach dem Krieg mühsam neu erbautes Heim wieder durch Polen „besetzt“. Wie dankbar kann man sein, wenn man re-traumatisiert wird? Aber „zum Glück“ für die Empathielosen ist dieses Problem ja nun im Jahre 2022 „ausgestorben“ – dachten sie zumindest. Doch ihre Rechnung wird nicht aufgehen, so lange Schlesien in uns selbst weiterlebt.

Es lebt weiter in Form unseres Dialekts, in der Art unseres Essens, im Wandschmuck des Wohnzimmers, im Singen des Schlesierliedes zum Einlullen der Kinder und dem Verwenden von Bunzlauer Keramik statt Tupperware. Psychologisch lebt es mehr oder weniger (un)bewußt weiter, da sich wohl auch Traumata gleichsam weitervererben bzw. im familiären Gedächtnis erhalten. Schon aus diesem Grund ist eine Beschäftigung mit dem Thema auch weiterhin zum Erhalt der eigenen psychischen Gesundheit geboten. So wird vielleicht die eine oder andere eigene Verhaltensweise erklärbar und verständlich. Als letztes Jahr im Dezember mein Vater verstarb, schmückte seine Urne natürlich die Schlesierfahne, und ein Trompeter spielte das Schlesierlied. Welch inniger Moment, bewegten sich doch meine Lippen genauso textsicher wie die meines ältesten Sohnes. Dabei kam er doch in Bayern zur Welt und lebt seitdem mit uns dort.
Leider fiel 2008 der Niederschlesische Oberlausitzkreis, was seinen Namen betrifft, der Kreisreform zum Opfer – nun ist er der Kreis Görlitz. Erhalten blieb zumindest der schlesische Adler im Wappen. Die Niederschlesische Sparkasse heißt nun nach einer Fusion Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien. Hier blieb das Schlesische im Namen also erhalten; tendenziell wird staatlicherseits allerdings versucht, das Schlesische aus dem Bewußtsein zu tilgen – siehe Kreisreform. Dabei hofft man wohl, wie oben schon beschrieben, auf ein „Aussterben“ und Umwerten. Überall dort hingegen, wo sich Privatleute in Initiativen oder Vereinen betätigen, bleibt das Schlesische eher erhalten – bei der Niederschlesischen Philharmonie, dem Niederschlesischen Athletenclub und vielen mehr.

Zwiespältige Heimkehr

Das Tragische aus landsmannschaftlicher schlesischer Sicht ist nun, daß gerade ein Großteil der damaligen begeisterungsfähigen schlesischen „Nachwende-Jugend“ die Region rund um Görlitz verlassen hat – meist aus wirtschaftlichen Gründen. Zurück blieb eine überalterte Region. Diese bietet zwar hinsichtlich Wohnraum und Kulturangebot ein schönes Ambiente, um dort seinen Lebensabend zu verbringen, doch ist dies höchstens bewahrend, keinesfalls jedoch zukunftsgerichtet. Oft höre ich von älteren und jüngeren Patrioten, wie schön die Stadt Görlitz doch heute im Vergleich zu westdeutschen Städten sei: herrliches Stadtbild, ordentliches Kulturangebot, stabile alternative Wahlergebnisse, wenig Ausländer. Dies scheint aus heutiger Sicht und Lage nachvollziehbar, meine Wahrnehmung ist aber eine andere bzw. differenzierter: Im Vergleich zur Zeit meines Wegzugs 1999 hat sich die Anzahl der Dönerläden verfünffacht. Beliebte alteingesessene Kneipen und Geschäfte sind verschwunden. Es gibt auf den Schulhöfen Crystal Meth zu kaufen. Polnische Ärzte in stetig wachsender Zahl prägen die ambulante und stationäre medizinische Versorgung. Es gibt seit einigen Jahren auch spezielle Migrantenklassen an den Schulen, inklusive Kopftuchmüttern und -töchtern. Kehr’ ich heute zur Heimat wieder, so empfinde ich nicht nur starke, positive Heimatgefühle, sondern auch Zorn und Trauer, was aus der Heimat geworden ist und was wir nicht aufhalten konnten…

Kehr’ ich einst zur Heimat wieder
Früh am Morgen, wenn die Sonn’ aufgeht
Schau ich dann ins Tal hernieder
Wo vor jeder Tür ein Mädchen steht
Da seufzt sie still, ja still und flüstert leise
Mein Schlesierland, mein Heimatland
So von Natur, Natur in alter Weise
Wir sehn uns wieder, mein Schlesierland
Wir sehn uns wieder, am Oderstrand.

Das Schlesierlied

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