Mythen, Sagen, Wundersames
von Alain Felkel
Die deutsche Sagenlandschaft ist reich an Heldenkämpfen, doch arm an Berichten über Fahnen. Eine der wenigen Volkssagen über eine deutsche Fahne ist durch den Historiker Werner Zimmermann überliefert. Sie handelt von der Erschaffung der Bundschuhfahne durch den Berufsrevolutionär Joss Fritz im 16. Jh.: „Joss Fritz wußte wohl aus Erfahrung, mit welch religiöser Scheu und mit welch blindem Glauben der Kriegsknecht an dem Schutzheiligen in der Kriegsfahne hing, und er hoffte das Gleiche für den gemeinen Mann von seiner Bundschuhfahne. […] Es war zu Heilbronn am Neckar, in des Reiches Stadt, wo er einen Maler mit seinem Begehren anging (…) Er bat nun den Maler, ihm ein solches Fähnlein zu malen, darin ein Kruzifix und daneben unserer lieben Frauen und St. Johannis des Täufers Bildnis wäre und darunter ein Bundschuh. An diesem Letzteren strauchelte auch der Heilbronner Maler und fragte, was er damit meine. Joß stellte sich ganz einfältiglich. Er sei eines Schuhmachers Sohn, sein Vater, sagte er, halte Wirtschaft zu Steint im Schweizerlande und führe, wie männiglich bekannt, einen Bundschuh in seinem Schilde; darum, damit man wissen möge, daß dieses Fähnlein von ihm sei, wollte er seines Vaters Zeichen darstellen lassen. Diese treuherzige Rede täuschte den Maler. Er malte, was Joss darein haben wollte, und bald war das Fähnlein fertig.“
In der Folgezeit wurde die Bundschuhfahne an allen Fronten geschwungen und zum Symbol der aufständischen Bauern, bis diese 1525 geschlagen wurden. Aber nicht nur Fahnen fanden Eingang in die Sage, sondern auch Fahnenträger.
Die Sendlinger Mordweihnacht
1705 avancierte ein bis dahin unbekannter Schmied in der Sendlinger Mordweihnacht zum Sagenhelden der bayrischen Erhebung gegen die kaiserlichen Truppen, die im selben Jahr Bayern besetzt hatten. Truppenaushebungen, die Eintreibung von Kriegskontributionen und die Grausamkeiten der Besatzungsmacht hatten den Aufstand der bayrischen Bauern verursacht, die nach einigen Anfangserfolgen vor München nicht nur schwer geschlagen, sondern nach ihrer Kapitulation zu Hunderten von den Kaiserlichen niedergemetzelt wurden. Wer dem Massaker nicht entfliehen konnte, den töteten entweder die Infanteristen mit ihren Hirschfängern oder die Reiter mit ihren Sarrassen. Trotzdem gelang es über hundert Mann, dem grausamen Morden zu entrinnen und sich in den Häusern, Scheunen, Höfen, ja sogar in der Kirche von Sendling zu verstecken. Es half alles nichts. Die Kaiserlichen folgten ihnen dicht auf den Fersen und töteten bis auf 36 Mann alle. Ein letzter verzweifelter Kampf fand auf dem Kirchhof statt. Hier verkauften die Rebellen ihr Leben teuer, bis sie alle niedergemacht wurden. Ob sie mit der bayrischen Fahne in der Hand fielen, ist ungewiß. Was die Sage daraus machte, ist jedoch klar überliefert.
„Schmiedbalthes“ Balthasar Riesenhuber
Denn angeblich befand sich der Legende nach unter den letzten Aufrechten der 70 Jahre alte Schmied Balthasar Riesenhuber, der kurz zuvor dank seiner übermenschlichen Kraft und Körpergröße zum Träger des bayrischen Löwenbanners ernannt worden war. Der „Schmiedbalthes” – so sein vermeintlicher Spitzname – hatte einst der Legende nach während der Türkenkriege viele Heldentaten verrichtet. Unter anderem hatte er ein Stadttor aus den Angeln gehoben und in verschiedenen Gefechten Dutzende von Türken erschlagen. In der Sage Der Schmied von Kochel verteidigte der Fahnenträger wie ein Löwe das bayrische Rautenbanner, indem er mit nur einem Arm seine fünfzig Kilo schwere Stachelkeule auf die Häupter der Feinde niedersausen ließ. So kämpfte er, bis keiner der Seinen mehr lebte und er selbst tödlich verletzt als Letzter zusammenbrach.
Der glorreiche Akt tröstete die Geschlagenen über die schwere Niederlage hinweg. Eigenartig ist jedoch, daß die Heroisierung des Kampfes um die Fahne erst in den Dreißiger Jahren des 19. Jh. massiv einsetzte. 1830 erschuf der Maler Wilhelm Lindenschmit der Ältere in der Sendlinger Kirche das Fresko der Bauernschlacht. Wenig später folgten weitere Historiengemälde, die den Schmied von Kochel heroisierten. Als wesentlich für die Sagenbildung entpuppten sich jedoch die vermeintlich historischen Studien von F.J. Gruber, die dieser 1828 erstmals publiziert hatte. Wie der Archivar und Historiker August Schäffler bereits 1861 nachwies, erwiesen sich Grubers historische Referenzen sämtlich als Fälschungen und der Schmied von Kochel als pure Erfindung Grubers. Doch wer fragt heute noch danach? Mythen erweisen sich stets stärker als historische Wahrheiten und erschaffen ihre eigene Wirklichkeit…