Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Politik als Beruf – Politik als Berufung

von Fritz Simhandl

Eine persönliche Bilanz

Als jemand, der seitjdem Jus-Studium beruflich politisch tätig ist, stellt sich mir die Frage, ob Politik ein Beruf oder eine Berufung sei. Vorweg: Nach gut 35 Jahren habe ich mir dazu keine abschließende Meinung bilden können. Eines steht fest: Es ist ein „sowohl als auch“. Ich möchte meinen Befund keineswegs im klassischen Sinne von Max Webers Politik als Beruf (1919) auf die soziologische Komponente der politischen Berufe reduzieren.  Die Bewertung der weltanschaulichen Grundlagen für die Berufswahl soll in diesem Rahmen nicht weiter behandelt werden, ebenso wenig die konkrete Parteipolitik. Als ausgewiesener Parteipolitiker will ich davon bewußt absehen. Gleichzeitig sei festgehalten, daß Grundvoraussetzung für einen politischen Beruf ist, Partei zu ergreifen. Hier stellt sich auch die Frage nach dem öffentlichen Feind (hostis) und dem privaten Feind (inimicus), wie Carl Schmitt sie in seiner Politischen Theologie gestellt hat. Übt man einen politischen Beruf aus, darf man diese beiden Kategorien nicht verwechseln.

Das „Parteiergreifen“ definiert die zentrale Funktionalität im politischen Beruf.

Ein politischer Beruf kann auf unterschiedlichen Hierarchieebenen ausgeübt werden. Präsidenten, Regierungschefs, Minister, Klubobmänner, Abgeordnete, Bürgermeister und Spitzenrepräsentanten in den beruflichen Interessenvertretungen, die im medialen Rampenlicht stehen, sind dabei immer nur die Speerspitze und zugleich die zahlenmäßige Minderheit in der Gesamtheit des politischen Personals. Die breite Masse sind die parlamentarischen Mitarbeiter, die Fachreferenten, die hauptamtlichen Mitarbeiter in Parteiorganisationen und beigeordneten Bildungseinrichtungen oder die ministeriellen Kabinettsmitarbeiter. Sie sind – abseits der vielen, vielen unschätzbar wichtigen Ehrenamtlichen – die Basis jeder erfolgreichen politischen Bewegung. Ihnen allen ist gemein, daß sie in ihren Funktionen für etwas Partei ergreifen. Das „Parteiergreifen“ definiert die zentrale Funktionalität im politischen Beruf. Dazu braucht es einschlägiges Fachwissen, wenn man Sachpolitik betreibt. Viele greifen auf ihre schulisch-akademische Vorbildung zurück. Andere sind Praktiker und Fachleute mit einschlägigen Berufsvorlaufbahnen. Eine einschlägige akademische Grundausbildung ist für die Ausübung eines politischen Berufes keine Voraussetzung. Mir persönlich hat mein Jus-Studium und mein „Hineinschnuppern“ in benachbarte Fächer aber nicht geschadet.

Aber entscheidend ist immer die Praxis. Ein politischer Beruf ist ein Lehrberuf, somit Politik als praktische Philosophie. Lehrling, Geselle und Meister sind die Stufen, die in einem politischen Beruf nach oben führen. Kommunikation, Begeisterungsfähigkeit, Fleiß, Zielstrebigkeit und ein Gespür für den richtigen Augenblick sind praktische Fertigkeiten, die nicht schaden können. Für jene, die den Maschinenraum der inhaltlichen Hintergrundarbeit dem publikumswirksamen Bad in der Öffentlichkeit vorziehen, sind Bescheidenheit und das Bohren dicker Bretter im inhaltlichen Tagesgeschäft die Basis für eine erfüllte Berufslaufbahn. Programmatische Vorarbeiten, inhaltliche Konzepte, die Mitarbeit an Wahl- und Regierungsprogrammen, die Expertentätigkeit in Regierung und Opposition sind hier das tägliche Brot.

Ohne tiefe und reflektierte Überzeugung, an der „guten Sache“ zu arbeiten, ist diese Arbeit nicht möglich.

Kein politischer Beruf ist ohne Gemeinschaft denkbar. Parteiergreifen setzt die Formulierung des eigenen und Abgrenzung zum anderen denklogisch voraus. Gemeinschaft ist der Resonanzbogen, in dem man sich in seiner Laufbahn bewegt. Mit Gemeinschaft ist auch immer Gefolgschaft verbunden. Ohne Gefolgschaft kann keine politische Gemeinschaft vorwärtskommen. Hier bilden sich Loyalitäten ab, die oft Jahrzehnte, wenn nicht ein Leben lang eine politische Gemeinschaft Gleichgesinnter vorwärts und zum Erfolg bringen. Die verantwortungsvolle und erfüllte Ausübung eines politischen Berufes hat immer mit der „guten Sache“ zu tun. Ohne tiefe und reflektierte Überzeugung, an dieser „guten Sache“ zu arbeiten, ist diese Arbeit nicht möglich. Nur der Glaube an diese „gute Sache“, kann Grundlage sein, einen politischen Beruf auszuüben. In einem solchen Arbeitsfeld gibt es keinen Acht-Stunden-Tag, keine Fünf-Tage-Woche. Politik ist ein Gesamtkunstwerk, und dieses Gesamtkunstwerk ist 24 Stunden täglich zu bespielen. Dafür braucht es Idealismus und eine lustvoll erlebte Selbstausbeutung.

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