Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Archiv Karlheinz Weißmann

Österreichs Erste Republik und ihre Symbole

von Karlheinz Weißmann

Einen Symbolkampf wie die Weimarer Republik hat Österreichs Erste Republik nicht erlebt. Das war keineswegs von Anfang an zu erwarten. Denn der Untergang der Monarchie, der Zerfall des Vielvölkerstaates und die Gründung einer Republik „Deutsch-Österreich“ zwangen zu symbolpolitischen Entscheidungen, die alles andere als unumstritten waren.

Das wurde schon deutlich an der Debatte über ein neues Staatswappen, die der Vorschlag des gerade gewählten Staatspräsidenten, des Sozialisten Karl Renner, auslöste. Renner wollte an Stelle eines Wappens im traditionellen Sinn eine Art Allegorie, wie sie der Symbolik der Arbeiterbewegung, aber in der Farbgebung der großdeutschen Überlieferung entsprach: bestehend aus einem Stadtturm in schwarz, gekreuzten Hämmern in rot darüber, umgeben von einem goldenen Kranz von Ähren. Aber die Unterstützung für diesen Entwurf war gering. Mehrheitlich wünschte man eine Orientierung an bekannten Mustern und die Übertragung der Aufgabe an ausgewiesene Heraldiker. Deshalb sah ein erstes Konzept die Rückkehr zum Adlermotiv vor, allerdings nicht zu dem stark mit der Reichsidee verbundenen Doppeladler, sondern zum einköpfigen, schwarzen, rot bezungten, golden bewehrten Adler mit einer goldenen Mauerkrone auf dem Haupt, im rechten Fang ein goldenes Ährenbündel, im linken einen goldenen Hammer, auf der Brust den Bindenschild. Man wolle, wie es in der offiziellen Erklärung hieß, „durch den (einköpfigen) Adler die Lebenskraft und das Aufstreben des neuen Freistaates, in welchem Bürger (Mauerkrone), Landwirte (Ähren) und Arbeiter (Hammer) ihre Kräfte gleichen Zielen widmen werden, andeuten und durch den Bindenschild das staatliche Territorium in seiner Gänze kennzeichnen.“

Das „Große Wappen“ sollte Ansprüche der jungen Republik auf abgetrennte Gebiete untermauern.

Das Nebeneinander von Überlieferung und Neuerung spielte auch eine Rolle bei den Erwägungen für ein „Kleines“ und ein „Großes Wappen“ der Republik. Das Kleine Wappen hätte lediglich aus dem Bindenschild, aufgelegt ein goldener Hammer im ebensolchen Ährenkranz, bestanden; das Große wäre dagegen eine Art Anspruchswappen gewesen und hätte auf den fünfzehn Plätzen nicht nur die Wappen der Bundesländer wiedergegeben, sondern auch auf die abgetrennten Gebiete der Sudetendeutschen hingewiesen, die man ursprünglich mit Deutschösterreich zu vereinigen gehofft hatte. Zur Ausführung dieses Entwurfes ist es nicht gekommen. Das schließlich verabschiedete Gesetz über das Staatswappen und das Staatssiegel der Republik Deutschösterreich vom 8. Mai 1919 nahm keinen Bezug mehr auf ein „Großes Wappen“.

Das erste Staatswappen der Republik Deutschösterreich, vom Staatsrat beschlossen am 31. Oktober 1918; Entwurf: Karl Renner, Nachzeichnung
Wikimedia Commons, Regicollis

Die „Babenbergerfarben“ Rot-Weiß-Rot setzen sich durch.

Daß schon in das Wappen der Bindenschild aufgenommen worden war, hatte auch mit der frühen Entscheidung zu Gunsten einer entsprechenden Staatsflagge zu tun. Auf Vorschlag des Christlich-Sozialen Wilhelm Miklas wählte man die „Babenbergerfarben“ Rot-Weiß-Rot als „deutschösterreichische Staatsfarben“. Allerdings galt diese Entscheidung als Provisorium. Denn schon in einem Aufruf der Regierung vom 12. November 1918 hatte es geheißen, mit der Vereinigung Österreichs und Kleindeutschlands gehe in Erfüllung, was das „Volk seit den Tagen von 1848“ stets gewünscht habe; und der Artikel 2 des an demselben Tag verabschiedeten Gesetzes über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich lautete entsprechend lapidar: „Deutsch­österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik“.

Die Idee, daß Deutschösterreich nur für eine Übergangszeit Bestand haben und dann in einer großdeutschen Republik aufgehen werde, konnte in der Bevölkerung auf erhebliche Zustimmung rechnen, die vor allem im Zeigen der Farben Schwarz-Rot-Gold zum Ausdruck kam. Das Gemälde Max Freys Die Ausrufung der I. Republik vom Balkon des niederösterreichischen Herrenhauses in der Herrengasse zu Wien am 30. Oktober 1918 vermittelt jedenfalls eine fast idyllische Stimmung. Es zeigt die Menschenmenge auf der Herrengasse vor dem Herrenhaus, in dessen Räumen der Staatsrat tagte. Zeitgenössischen Quellen zufolge waren bereits am Vormittag Professoren und Studenten von der Universität hierhergezogen. Die Korporierten trugen schwarz-rot-goldene Fahnen mit. Man forderte entschieden den „Anschluß“, brachte Heilrufe auf Deutschland aus und sang patriotische Lieder wie Die Wacht am Rhein. Reserveoffiziere, die auf Studienurlaub waren, hatten die schwarz-gelben Kokarden von ihren Mützen entfernt und provisorische schwarz-rot-goldene aufgesteckt.

Die Szenerie veränderte sich allerdings im Laufe der nächsten Stunden durch den Zustrom von Arbeitern und Soldaten. Diese führten rote Fahnen, ließen den Frieden und die „Internationale“ hochleben. Auf einem Aquarell von Moritz Ledeli, betitelt Demonstration vor dem Ständehaus in der Wiener Herrengasse anläßlich der Gründung Deutschösterreichs, das wie das Gemälde Freys zeitnah zu den Ereignissen entstanden ist, sind überhaupt nur rote Fahnen zu sehen. Ob damit eine andere Phase der Entwicklung oder nur eine andere Perspektive auf die Ereignisse gewählt wurde, läßt sich nicht mehr entscheiden. Den Berichten über die Vorgänge kann aber entnommen werden, daß es rasch zu Rangeleien zwischen deutschnationalen und linken Demonstranten kam, bis letztere von der Herrengasse zum Parlament marschierten, am linken Flaggenmast vor dem Gebäude eine rote Fahne aufzogen und sie als Symbol der „sozialistischen Republik“ begrüßten.

Letztlich handelte es sich dabei um eine ohnmächtige Geste. Aber entscheidender war, daß der weitere Gang der Dinge wesentlich durch Prozesse bestimmt wurde, die die politisch Verantwortlichen Deutschösterreichs gar nicht kontrollieren konnten, was wesentlich mit der Entwicklung der Anschluß-Frage zu tun hatte. Als Hugo Preuß – deutscher Innenminister und „Vater“ der Weimarer Verfassung – der Nationalversammlung in Weimar am 24. Februar 1919 den Vorschlag unterbreitete, „dem neuen Reiche neue Farben zu geben, neue Farben, die freilich alt sind und als solche für weite Kreise unseres Volkes einen Gefühlswert haben: schwarz-rot-gold“, war das immerhin noch eine Reaktion auf ein Gespräch zwischen Preuß und dem Gesandten Deutschösterreichs in Berlin. Der hatte Preuß überzeugt, daß die Absicht der Reichsregierung, an den alten Farben Schwarz-Weiß-Rot festzuhalten, in Österreich als Bekenntnis zur Überlieferung des kleindeutschen Reiches und wenn nicht als Absage, dann doch als Vorbehalt gegenüber der großdeutschen Lösung verstanden würde. Nur Schwarz-Rot-Gold könne über einem alle Deutschen vereinigenden Staat wehen.

„Deutsche und damit Kinder der unglücklichsten Nation der Welt“

Nur führte das von den Siegermächten ausgesprochene Anschluß-Verbot dazu, daß solche Überlegungen obsolet waren. Die deutsche Reichsregierung hielt aber trotzdem an dem einmal eingeschlagenen Kurs fest, der sich durch eine unwillige Konzession – die Handelsflagge blieb Schwarz-Weiß-Rot mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge im Obereck – noch fataler auswirkte. Als am 3. Juli 1919 abgestimmt wurde, hatte man deshalb nicht nur die radikale Linke, die sich für Rot aussprach, sondern auch die gemäßigte – die Deutsche Volkspartei – wie die radikale Rechte – die Deutschnationale Volkspartei – gegen sich. Die Konsequenz war jener fatale „Flaggenstreit“, der die Geschichte der Weimarer Republik bis zu ihrem frühen Ende begleiten sollte. Ein Symbolkonflikt solcher Schärfe blieb Österreich erspart, wenn auch zu den ersten Forderungen der Sieger gehörte, die Bezeichnung „Deutschösterreich“ aufzugeben. Daraufhin hielt Renner in einer Ansprache fest, daß man sich dessen ungeachtet als Teil der „deutschen Nation, unserer Nation“ betrachte: „unser Ziel steht fest, so wahr wir Deutsche sind. Man kann uns das Herz nicht aus dem Leibe reißen, wenn wir fortleben sollen: So wird man es niemals und nimmermehr vermögen, uns vergessen zu machen, daß wir Deutsche und damit Kinder der unglücklichsten Nation der Welt sind. Aber, meine Herren, es kann sein, daß eine geschichtliche Phase gegen uns ist; es ist möglich – wir wissen es nicht – aber es wird sich erweisen, früher oder später, daß das tausendjährige Band des Blutes stärker ist als der geschichtliche Eintag. Wir werden uns selbst treu bleiben, wenn wir auch den Notwendigkeiten der Zeit vielleicht mehr als wir wünschen Rechnung tragen müssen.“

Schwarz-Rot-Gold hier, „Schwarz-Rot-Mostrich“ dort

In Folge dieser Einschätzung der Lage wurden die Entscheidungen, die im Hinblick auf die Staatssymbole getroffen worden waren, nicht mehr revidiert. Die Loyalität der staatstragenden Kräfte kam im Zeigen von Rot-Weiß-Rot und des einköpfigen Adlers zum Ausdruck. Dagegen stand das Festhalten der Kommunisten wie der Sozialisten an der Farbe Rot. Allerdings gab es in den Reihen der SDAP durchaus noch die Erinnerung an die eigene 48er-Tradition und die Erwartung, daß „die Fahne Schwarz-Rot-Gold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen“ müsse. Was aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, daß Schwarz-Rot-Gold das bevorzugte Zeichen der Deutschnationalen war. Und was fallweise zu einer gewissen Irritation führte, wenn man mit Kräften der politischen Rechten im Reich zusammenging, wo „Schwarz-Rot-Mostrich“ oder „Schwarz-Rot-Sch …“ nur Gegenstand des Hasses und der Verachtung war. Eine Unübersichtlichkeit, die noch verstärkt wurde, als sich im nationalen Lager eine neue Kraft, die Nationalsozialisten, formierte, die nach kurzem Zögern Schwarz-Rot-Gold aufgaben und dann die aus dem Reich übernommene Hakenkreuzfahne zeigten.

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