Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

OAZ statt FAZ

von Benedikt Kaiser

Ostdeutsche lesen nur sehr zurückhaltend die westdeutsche „Qualitätspresse“. Das heißt: Bürger Sachsens, Sachsen-Anhalts, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Thüringens, also jener Bundesländer, die – einschließlich Ostberlins, aber dies ist durch Zustrom aus Westberlin und Schwaben ein Sonderfall – den Osten der BRD ausmachen, greifen nicht zur Frankfurter Allgemeinen, zur Süddeutschen, zur Zeit, zum Spiegel und zum Stern.

Ich erinnere mich diesbezüglich lebhaft an eine Vorlesung im Herbst 2007 hier in Chemnitz an der Technischen Universität, als meine damalige Professorin für Internationale Politik uns Jungstudenten den ständigen Konsum von Tageszeitungen anempfahl. Man sollte, so mahnte sie, mindestens eine bundesdeutsche Tageszeitung (je nach Neigung FAZ oder SZ, wobei im ostdeutschen Volksmund SZ die Sächsische meint), abonnieren, ferner mindestens eine internationale, entweder die Neue Zürcher Zeitung oder, besser noch, eine englischsprachige. Zu ihrem Bedauern, so stellte sie fest, könne man das aber nicht nur von Studenten kaum noch erwarten, sondern auch nicht mehr von geneigten „Normalbürgern“. In ihrem Chemnitzer Randstadtteil, berichtete sie aus ihrem Leben, bekäme sie alle Tageszeitungen, die sie hielte, mangels Ost-Vertriebsstrukturen der „Qualitätspresse“ erst mit der regulären Mittagspost zugestellt, und der Postbote habe ihr bestätigt, sie sei ohnehin die einzige Person in seinem Zustellungsbereich mit derlei publizistischen Vorlieben.

Unabhängig von politischen Standpunkten besteht die Befürchtung, daß westdeutsche Konzernmedien „den Osten“ negativ darstellen würden.

Jenseits dieser anekdotischen Evidenz und überdies jenseits der Tatsache, daß der Akademikerprozentsatz im Osten in vielen Regionen deutlich geringer ausfällt, womit statistisch tatsächlich auch die Wahrscheinlichkeit sinkt, überregionale Tageszeitungen zu konsultieren: Auch diverse Studien zeigen, daß nur ein äußerst geringer Prozentsatz von FAZ bis Zeit nach Ostdeutschland geliefert wird. Grundlegend existiert unabhängig von politischen Standpunkten des jeweiligen Ostdeutschen die Befürchtung, daß westdeutsche Konzernmedien „den Osten“ negativ darstellen würden und aus schlechter Tradition heraus Klischees bedienen, was die Akzeptanz der Westpublikationen weiter erschwere. Selbst Mark Siemons vom FAZ-Feuilleton muß einräumen: „In der vom Westen dominierten gesamtdeutschen Öffentlichkeit kommen ostdeutsche Erfahrungen bloß als etwas Fremdartiges vor.“ Der Westen als Norm, der Osten als zu mißachtende terra incognita.

Das macht wichtige Spezifika des autochthonen Lesermarktes aus: Zum einen hat sich sechsunddreißig Jahre nach dem Anschluß der DDR-Gebiete an die BRD also die traditionelle Skepsis gegenüber überregionalen, westlich dominierten Zeitungen eher gefestigt denn abgeschwächt. Zum anderen gibt es eine stärkere Bindung von Zeitungslesern, oft älteren Semesters, an klassische regionale Medien wie die Leipziger Volkszeitung, die Freie Presse oder den Nordkurier. Aber auch diese verlieren seit 1990, als sie von SED-Bezirkszeitungen zu privatwirtschaftlich organisierten und oft SPD-nahen Firmen wurden, konstant an Auflage. Die größte von ihnen, die Freie Presse für Chemnitz, Zwickau, Erzgebirge usw. verkauft gerade mal noch über 160.000 Exemplare; das entspricht einem Minus von 61,4 Prozent seit 1998. Vor der „Wende“, Anfang 1990, waren noch 600.000 Stück gedruckt worden.

Das liegt, so meine ich, nicht am fehlenden Interesse der alternden Leserschaft an den Ereignissen in ihrer Heimat, sondern vielmehr an der Entkoppelung der meist linksliberal dominierten Redaktionen von der Mehrheitsempfindung großer Teile der Bevölkerung. Salopp formuliert: Wenn in Sachsens oder Thüringens ländlichen Räumen um die 50 Prozent „rechts“ wählen, die örtlichen Journalisten, die oft zudem aus dem Westen stammen, aber unbeeindruckt davon konstant rotgrüne „Narrative“ propagieren, dann wächst da etwas auseinander, das nicht zusammengehört. Diese Absage an den linken Belehrungsjournalismus auch bei den Regionalmedien darf man jedoch gerade nicht mit einer Absage an die Themen der Region verwechseln. Denn das Verlangen nach „Nähe“, nach Vertrauen und Zusammenhalt wächst im Osten selbst dort wieder, wo es nie fort war. Ein weiterer FAZ-Feuilletonist, Simon Strauß, macht dies auch für die anhaltenden Erfolge der Alternative für Deutschland im Osten der Republik verantwortlich. Es gehe vor allem „um das Paradigma der Gemeinschaft, die soziale Bindungsstärke“, schreibt er in seinem neuen Erfolgsbuch mit dem aussagekräftigen Titel In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht (Stuttgart 2025). Gegenüber dem hegemonialen Westen als „Gesellschaft der Beziehungslosen“, also der Vereinzelten, positionieren viele Ostdeutsche ihre „Sehnsucht nach mehr Nähe als Kennzeichen eines ostdeutschen Lebensgefühls“. Daraus erwüchsen ostdeutsches Sonderbewußtsein und ostdeutscher Trotz: Nähe als politischer Wert, als Identitätsbaustein. Es herrsche die Empfindung in weiten Teilen der ostdeutschen Gesellschaft vor, weiß der West-Ost-Grenzgänger Strauß, daß man sich dies gegen alle Tendenzen der Zeit habe bewahren können: „Der Osten besitzt damit ein ureigenes Mittel zur Verteidigung der Seele gegen die Zerschlagungstendenzen des westlichen Neoliberalismus.“

Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ) als Blatt für die gesamte ehemalige DDR

Folgt man dieser Argumentation, und das Gros der Ostdeutschen dürfte dies intuitiv und lagerübergreifend tun, sprengt das nicht nur die realpolitische Links-Rechts-Dichotomie, sondern wirft auch die Frage auf, inwiefern sich das künftig metapolitisch-journalistisch äußern könnte. Genau diese markante Frage stellt sich auch Holger Friedrich, Jahrgang 1966, gelernter Schlosser, „umstrittener“ IT-Erfolgsunternehmer aus Ostberlin mit gewisser staatsnaher DDR-Vergangenheit, der als kreativer und „disruptiver“ Herausgeber der Berliner Zeitung und der neuen Weltbühne nun seinen nächsten Coup landen will: Er gründet derzeit die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ), die nicht – wie seine Berliner Zeitung, die Freie Presse, die Sächsische usw. – ein Regionalblatt für einzelne Ostlandstriche sein soll. Nein: Friedrich will ein Blatt für die gesamte ehemalige DDR schaffen, die ostdeutsche Stimme, die bisher kaum jemand vernimmt, wenn sie denn überhaupt artikuliert wird. Er selbst spricht, gewohnt selbstbewußt, von einem „Leitmedium“, das er auf die Beine stelle.

Das ambitionierte Projekt startet im Februar: montags bis freitags als E-Paper, am Wochenende mit einer großen Druckausgabe, und Lokalredaktionen gebe es dann in allen ostdeutschen Landeshauptstädten. Die etablierte Konkurrenz schaut mit großem Argwohn auf diese OAZ-in-spe. Die einen stoßen sich an der Frakturtitelei – die freilich auch bei der FAZ unbeanstandet etabliert ist; andere mokieren sich über drohende Rußlandnähe, weil Friedrich neben guten Kontakten in westliche Nationen auch in Rußland und China Kontakte pflegt; wiederum andere werfen Friedrich entweder vor, bereits bei seiner Berliner Lokalzeitung zu coronamaßnahmenkritisch berichtet haben zu lassen oder aber gar zu AfD- sowie BSW-freundliche Standpunkte zuzulassen. Keiner dieser Punkte – und das ist eher der Beleg für eine enervierende Westhegemonie im etablierten Journalismus als der Gegenbeweis – läßt Friedrich in Ostdeutschland alt aussehen. Vielmehr ist es so, daß dort AfD- und BSW-Wähler zusammen etwa 50 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinen; vielmehr ist es so, daß das Rußland- und Ukrainebild im Osten deutlich von dem vorgegebenen im Westen abweicht; vielmehr ist es schließlich so, daß auch die friedlichen Coronaproteste vor allem in Ostdeutschland auf fruchtbaren Boden gefallen sind und in weiten Teilen Sachsens noch heute, im Januar 2026, wöchentlich fortgesetzt werden usw. usf.

Schließt da jemand eine Lücke auf dem Markt der Meinungen, der Berichte und der Analysen?

Der ostdeutsche mediale Teilmarkt ist schwierig, neben Lokalzeitungen und der Boulevardikone SuperIllu behauptet sich bis dato niemand nachhaltig und nachdrücklich. Eben dies will Holger Friedrich mit seiner Mannschaft, den Mitarbeitern des neugegründeten Ostdeutschen Verlages in Dresden, ändern. Man werde im Februar das Debüt eines Mediums „mit klarem publizistischem Kompaß, sauberem Handwerk und einer selbstverständlichen ostdeutschen Perspektive“ erleben: „Ein Medium, das erklärt statt lenkt, einordnet statt polarisiert und Zukunft nicht behauptet, sondern sichtbar macht.“ Folgerichtig heißt es in den zehn „Publizistischen Leitlinien“ der künftigen Redaktion, man wolle „Kontext vor Kommentar“ bieten, keine „vorgefertigten Erzählungen“ reproduzieren, „Perspektivenvielfalt statt Scheinsicherheit“ offerieren, „ostdeutsche Realität als Normalität“ verstehen, „Nähe“ – da ist sie wieder, siehe Simon Strauß! – bieten, lokale und regionale Themen „ernst nehmen“, „ostdeutsche Zukunft sichtbar machen“, „Interessen benennen“, dabei aber „verständlich bleiben“ und „Vertrauen“ generieren.

Das sind viele Ansprüche, hehre zumal, die in ihrer bloßen Formulierung bereits implizit Kritik an den bisherigen Platzhirschen üben. Man darf folglich gespannt sein – und dem kühnen Projekt alles Gute wünschen.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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