von Erik Lommatzsch
Geboren vor 250 Jahren
Der Topos, Luise sei Preußens „Königin der Herzen“ gewesen, ist fest verankert. Wohl erstmalig erschien er 1798 in der Dichtung Am Tage der Huldigung des Romantikers August Wilhelm Schlegel. Im März 1810, wenige Monate vor ihrem frühen Tod im Alter von gerade einmal 34 Jahren, bezeichnete Heinrich von Kleist sie als „der hohen Himmelssonne gleich“, die in voller Pracht strahle, „wenn sie durch finstre Wetterwolken bricht“. Die Zeugnisse der Verehrung sind Legion. Zu Literatur und Publizistik kam die bildende Kunst, genannt sei etwa die 1797 vollendete „Prinzessinnengruppe“ von Johann Gottfried Schadow. Das bekannte Standbild zeigt Luise und ihre Schwester Friederike. Bemerkenswert ist, daß sich die zahlreichen Porträts der Königin recht stark voneinander unterscheiden. Zur Ikone und zum Mythos wurde die „preußische Madonna“, der Luisenkult war und ist selbstredend aber auch nicht frei von Verklärung.
Zur Welt gekommen ist Luise von Mecklenburg-Strelitz am 10. März 1776 in Hannover. Ihr Vater war hier als Gouverneur tätig, die Regierung seines heimatlichen Herzogtums übernahm er erst 1794. Zu dieser Zeit war Luise bereits mit dem preußischen Thronfolger verheiratet. 1797 wurde dieser als Friedrich Wilhelm III. König von Preußen. Die Ehe war – wie in dynastischen Kreisen üblich – arrangiert, beruhte aber auf echter Zuneigung. Zehn Kinder brachte Luise zur Welt, darunter Charlotte, die die Frau des Zaren Nikolaus I. werden sollte, den späteren preußischen König Friedrich Wilhelm IV. sowie den späteren Deutschen Kaiser Wilhelm I.
Vehementer Widerstand gegen Napoleon
Beeindruckt zeigte sich die Königin von Zar Alexander I., dem sie 1802 begegnete. Wie nahe man einander tatsächlich kam, bleibt wohl auf immer ein Geheimnis. Luise jedenfalls sprach einer Annäherung an Rußland das Wort und entwickelte sich zu einer strikten Gegnerin Napoleons, der sich anschickte, Europa zu unterwerfen. Im Unterschied zu dem oft als zögerlich und unentschlossen wahrgenommenen König trat sie vehement für den Widerstand gegen den französischen Eroberer ein. Nach der verheerenden Niederlage in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 floh der preußische Hof, am Ende befand man sich im äußersten nordöstlichen Winkel des Landes, in Memel. Am 6. Juli 1807 traf Luise in Tilsit mit Napoleon zusammen. Sie sollte und wollte den französischen Schlächter, der sie zuvor reichlich hatte verunglimpfen lassen, etwa durch die Veröffentlichung ihrer Briefe an den Zaren zu milden Friedensbedingungen gegenüber Preußen bewegen. Napoleon zeigte sich zwar angetan von ihrer Erscheinung, ihr Bitten war jedoch vergeblich. Am 23. Dezember 1809 kehrte das Königspaar nach Berlin zurück, von der Bevölkerung begeistert empfangen. Die politische Lage war angesichts der andauernden französischen Besatzung weiterhin bedrückend. Am 19. Juli 1810 starb Luise auf Schloß Hohenzieritz während eines Besuches bei ihrem Vater. Bald hieß es, die Königin sei an gebrochenem Herzen über die Demütigung Preußens durch Napoleon gestorben. Theodor Mommsen erklärte rückblickend: „Sie hat nicht mitregiert. Nicht ihre Thaten haben ihr Gedächtniß in das Herz des Volkes gestiftet, sondern ihr Wesen und Sein, und man kann hinzufügen, ihr Leben und Leiden.“
Die heutige Geschichtswissenschaft teilt die „Luisenlegende“ in drei Phasen ein. Erstens war Luise von Anfang an beliebt, das Königspaar lebte vergleichsweise schlicht. Auf Schloß Paretz, eher ein Landhaus, 40 Kilometer westlich von der Mitte Berlins gelegen, hielt man sich gern auf. Der bürgerliche Stil wirkte integrativ. Der Dichter Novalis sprach von „ächtem Patriotism“, der durch „die beständige Verwebung des königlichen Paars in das häusliche und öffentliche Leben“ entstehe. Als zweite Phase gilt die Verehrung Luises in den Befreiungskriegen. Der Dichter Theodor Körner nahm die Idee der Sage von dem nur schlafenden Kaiser Barbarossa auf und sprach von einer ebenfalls nur schlafenden Luise („Kommt dann der Tag der Freiheit und der Rache: / Dann ruft dein Volk, dann deutsche Frau erwache, / ein guter Engel für die gute Sache!“). Generalfeldmarschall Blücher soll nach dem Sieg über die Franzosen ausgerufen haben: „Jetzt endlich ist Luise gerächt!“ Die dritte Phase setzte mit der Gründung des Kaiserreiches von 1871 ein. Hier verwies man auf die Kontinuität der patriotischen Königin zur deutschen Einheit unter ihrem Sohn Wilhelm I. Diesem ist es auch zu verdanken, daß sich die Kornblume, Luises Lieblingsblume, fest als Symbol Preußens etablierte.