Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Links gegen Links

von Benedikt Kaiser

Wer sich nach Wahlen gleich welcher Art eine Sachsenkarte ansieht, wird neben einem blau-schwarzen Kopf-an-Kopf-Rennen eine große Ausnahme entdecken können: Leipzig. Die 610.000-Einwohner-Stadt ist eine Art Hauptstadt Ostdeutschlands, die größte Stadt der alten DDR jenseits von Ostberlin, universitätsgeprägt, Flughafendrehkreuz (insbesondere für Bundeswehr und DHL), Messestandort, Kulturstätte von Völkerschlachtdenkmal bis Thomanerchor, Heimat des Fußballs mit gleich mehreren großen Clubs und noch vieles mehr. Politisch betrachtet ist Leipzig hingegen vor allem dies: ein blutroter Punkt im Freistaat, dominiert von der Linkspartei. Um genau zu sein, liegt das nicht am ganzen Stadtgebiet Leipzigs, sondern an dem, was man den roten Südgürtel nennen könnte: Alles, was unterhalb sowie links (bis nach Leutzsch) und rechts (bis nach Reudnitz) des Stadtkernes liegt, ist unstrittiges Antifa-Hoheitsgebiet, mit Connewitz in der südlichen Mitte als Epizentrum.

Das alles ist nicht neu: Die antifaschistische Szene „befreite“ insbesondere Connewitz bereits in der Umbruchszeit ab 1989 von Andersdenkenden jenseits linksoffener bis linker Lebenswelten. Die linksgrüne taz schreibt denn auch von „Jahrzehnten“, seit denen der Stadtteil „identitätsstiftend für die linke Szene“ sei. Der Soziologe Ansgar Hudde geht chronologisch noch weiter zurück und verweist darauf, daß bereits in den 1970er-Jahren Connewitz als „alternativ“ gegolten habe. Denn die DDR-Autoritäten ließen es nur hier zu, daß Hausbesetzer (SED-Jargon: „Schwarzwohner“) ganze Straßenzüge des klassischen Altbauviertels kaperten. Connewitz ist Antifa-Gebiet seit nunmehr über fünfzig Jahren – das ist wohl einmalig im deutschen Sprachraum. Vielleicht liegt es auch an dieser unangefochtenen und nachhaltigen Lokalautarkie über Generationen hinweg, daß Leipzigs linke XXL-Szene – in ihrem Kern israelsolidarisch und antideutsch – explizit zur Militanz neigt. Wer sich allein mit aktuellen Fällen des roten Terrors beschäftigen möchte, suche im Netz kurz nach „Hammerbande“ und „Antifa-Ost-Verfahren“.

Neu hieran ist lediglich, daß man diese linke Szene, die u.a. über zahllose Restaurants, Geschäfte, „NGOs“, Clubs, Kneipen, Hausprojekte, Anwaltskanzleien, Linkspartei-Mandatare, Sportvereine und Fußballfanszenen verfügt, herausfordert. Und zwar: von links. Das hat ironischerweise viel mit der Migrationsoffensive seit 2015 zu tun. Denn Leipzig ist in Sachen Zuwanderung längst auf westdeutschen Standard gesetzt worden, rund jeder vierte Leipziger ist Ausländer, in den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl vor allem durch Migration schneller angestiegen als in allen anderen BRD-Metropolen. Neben Ukrainern und Syrern wuchs zuletzt auch die Zahl palästinensischer Zuwanderer – entsprechende Milieus setzten sich insbesondere im Leipziger Osten fest, bevorzugt rund um die Eisenbahnstraße, die in der Bild-Zeitung als „Deutschlands Straße der Angst“ firmiert und wo mittlerweile mehr als 50 Prozent der Anwohner nichteuropäischer Herkunft sind. Das harte Urteil der Journalisten zog allerdings die allgegenwärtige Kriminalität nach sich, nicht die palästinensische Frage. Jene spielt aber insofern doch eine Rolle, weil in den Kiezen rund um die Eisenbahnstraße letzte Leipziger Residuen einer „antiimperialistischen“ und zunehmend auch migrantisch geprägten Linken vorlagen. Diese Szene wurde vor Jahrzehnten aus Connewitz, wo antideutsche Hardliner seit jeher den Ton angeben, in andere, weniger „szenige“ Viertel gedrängt. Sie lebte daher östlich des Zentrums über Jahre hinweg ihre geduldete Randexistenz zwischen „K-Gruppen“-Wiederbelebung, orthodoxem Marxismus und Palästinasolidarität. Letztere, und hier schließt sich der Kreis zur Migrationsoffensive, erfuhr erhebliche Verstärkung durch neue und alte palästinensische Aktivisten. Stück für Stück verschmolzen die Überbleibsel antiimperialistischen Linksradikalismus’ mit propalästinensischen Cliquen. Es entstanden aggressive Gruppen wie „Handala“ und „Lotta Antifascista“, die – verstärkt seit dem Hamas-Terror vom Oktober 2023 und der brutalen Gaza-Zerstörung durch Israels Armee – erstmals wieder selbstbewußt Leipzigs Straßen für Palästinasolidarität beanspruchten.

Das Aufbegehren israelkritischer Linker blieb nicht ohne Folgen: Antideutsche aller Couleur – und in Leipzig gibt es mehr Untergruppen als irgendwo sonst – machten Jagd auf ihre wachsende innerlinke Konkurrenz. Immer wieder wurden „Palis“, wie sie abschätzig genannt werden, körperlich attackiert und bekannte Treffpunkte der linksradikalen Israelkritiker angegriffen. Letztere wollten sich das auf Dauer nicht bieten lassen und riefen nun dazu auf, am 17. Januar nach Connewitz zu ziehen, um der antideutschen Hochburg, in der die Anzahl der Fußballaufkleber der beiden antifalastigen Fanszenen von Chemie und Roter Stern Leipzig nur von den Aufklebern mit positivem Israelbezug übertroffen werden, einen Besuch abzustatten. Der Rest ist wohl bekannt, ging jedenfalls durch die bundesdeutsche Öffentlichkeit: Boulevardblätter riefen den Endkampf um Leipzig aus, Antifa mobilisierte gegen Migrantifa, Israelfans gegen Palästinaaktivisten, Bewunderer des Merkava-Panzers gegen arabische Zwillenromantik.

Im Vorfeld der Palästina-Demo, die von der Linksparteispitze in Bund wie Land übrigens scharf kritisiert wurde, während man Solidarität mit der antideutsch geprägten Leipziger Mehrheitslinken rund um die Linkspartei-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel übte, gab es obligatorische Angriffe von antideutschen Militanten auf antiimperialistische Linke, was die Befürchtung ansteigen ließ, am 17. Januar eskaliere es mehr denn je. Das geschah nicht. Die Polizei, mit vierstelligem Personal angerückt, trennte die feindlichen Brüder voneinander. Antifafahnen auf beiden Seiten, „Alerta, Alerta, Antifascista“-Gebrüll auf beiden Seiten, Linksparteisymbolik auf beiden Seiten (bei den Antideutschen indes mehr), Haß auf beiden Seiten. Aber eben auch: weniger als 2.000 Aktive auf beiden Seiten in einer 610.000-Einwohner-Stadt. Selbst das Gros der Leipziger Linkssympathisanten hatte wohl auf die szeneinterne Großfehde keine Lust.

Ein in der antideutschen Szene gut vernetzter linker Journalist spottete derweil auf „X“ (ehemals „Twitter“) über die fehlende Gewaltorientierung der palästinafreundlichen Linken: Sie würden „lame“ (lahm, zahm) bleiben und „wie die Faschos froh sein, von Cops beschützt zu werden“. Ein Leipziger Genosse ergänzte: „Hab die von vorne bis hinten bepöbelt, keine Bullen wirklich bei mir, und die sind 50 cm vor mir vorbeigelaufen und haben mich nichtmal angerempelt.“ Vereinzelt berichteten Pro-Palästina-Linksradikale dann gar von Verfolgungsjagden durch israelsolidarische Antifa-Gewalttäter bei An- und Abreise; ansonsten blieb die Lage verhältnismäßig ruhig.

Der in Chemnitz beheimatete Linksextremismuskenner Michael Brück, selbst Aktivist der Freien Sachsen sowie Compact-Redakteur (und damit freilich nicht neutral), zieht denn auch ein durchwachsenes Fazit eines Demonstrationsgeschehens, das – jedenfalls gemessen an der medialen Reichweite und Panik – ganz Ostdeutschland in Atem gehalten hat. „Aus Sicht der autonomen Antifa“, womit Brück die hegemoniale antideutsche Flanke meint, „war der 17. Januar 2026 weder ein Mobilisierungserfolg noch Zeichen der Stärke. Trotz Unterstützung etablierter Parteien (Linke, SPD, Grüne) blieb die Teilnehmerzahl im niedrigen vierstelligen Bereich.“ Aber auch die „Feindbildmarkierung“ der antiimperialistischen Gegenseite habe nicht funktioniert; eine Dynamik sei nicht entstanden, beide Lager hätten jeweils nur zu den ohnehin Überzeugten gepredigt. Insgesamt, so fährt Brück fort, sei der Tag damit „friedlicher und weit unspektakulärer“ abgelaufen, als allseits – von linker, rechter, medialer und Polizeiseite – erwartet. „Die Gefahr“, mahnt Brück, der selbst schon Opfer antifaschistischer Täterstrukturen wurde, umgehend, „bleibt trotzdem hoch, auch wenn keine Massen auf der Straße mobilisiert werden können“. Er begründet dies damit, daß sich die in Sachsen operierenden „militanten Antifa-Zellen wie die sogenannte Hammerbande“ damals wie heute aus den vielfältigen antideutschen Milieus der Stadt Leipzig rekrutierten, die weit ins „bürgerlich“ Linksakademische hineinreichten und den Tätern effektiven Schutz und ein permanentes Gefühl der Sicherheit böten.

In der Tat entzogen denn auch nur die palästinasolidarischen Minderheitslinken in Sachsen der „Hammerbande“ ihre Solidarität. Doch geschah dies nicht, weil sie etwa die grassierende Gewalt gegen „Rechte“ abschreckte, sondern lediglich deshalb, weil die Schlüsselfiguren der linken Militanten aus Connewitz bekennende Antideutsche sind. Gegen „rechts“, und zumindest da sind sich die beiden verfeindeten Lager plötzlich wieder einig, bleibe eben alles erlaubt.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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