Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Ist Sachsen aufgewacht?

von Benedikt Kaiser

In der Septemberausgabe des ECKARTs im Jahr 2022 ging es in einem meiner Beiträge um den Freistaat Sachsen als „patriotische Sammelstelle“ mit erheblicher Relevanz und Ausstrahlung für den gesamten deutschsprachigen Raum. Ich führte in die besondere Gemengelage aus AfD und Freie Sachsen (FS) ein, in Bürgerinitiativen wie Ein Prozent und Demonstrationsbündnisse aller Art, die zwischen dem Vogtland und der Oberlausitz eine immense Bandbreite rechtskonservativer, freiheitlicher und nationaler Politikangebote schaffen. Das Wesen dieser Parteien, Organisationen und Zusammenschlüsse ist meist praktischer Art. Das heißt: Es geht um Wahlen, Parlamentssitze, Vernetzung oder auch Mobilisierung auf der Straße.

Ein weiterer Baustein des großen sächsischen Aufbegehrens kann nun ergänzt werden: Es handelt sich um das Magazin Aufgewacht, das seit 2022 zweimonatlich im DinA4-Format zum Preis von acht Euro erscheint. Konsultiert man die letzten Ausgaben, wird deutlich, daß hier Akteure aus dem Umfeld der rechtsregionalistischen Kleinpartei Freie Sachsen versuchen, ihrem aktionistisch-praktischen Fundament des sächsischen Populismus’ einen politisch-theoretischen „Überbau“ zu verschaffen. Denn 130.000 „Follower“ bei Telegram, montägliche „Spaziergänge“ in dutzenden Orten, eigene Anlaufpunkte wie Hausprojekte und Kneipen sowie sachsenweit rund 2,5 Prozent Stammwähler mögen zwar neben einer Landes-AfD, die aktuell in Umfragen bei bis zu 36 Prozent steht, objektiv beachtlich sein; aber auf Dauer reicht das dünne Bindeglied des zum Teil schrillen „Dagegenseins“ gegen alles und jeden nicht aus.

Daher bauen die Strategen rund um Michael Brück und Martin Kohlmann einen weiteren Aspekt in ihre „Graswurzelstrategie“ ein, die der heimische Verfassungsschutz mit Argusaugen beobachtet: ihr eigenes Medium politisch-historischen Charakters. Verantwortlich zeichnet für dieses der Dolmetscher und Slawist Jochen Stappenbeck, ein gebürtiger Franke, der im niederschlesischen Görlitz beheimatet ist. Der ehemalige Chefredakteur der Moskauer Deutschen Zeitung hat an seiner Seite – neben den FS-Parteiköpfen Brück und Kohlmann – beispielsweise den ehemaligen Dresdner NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, den der eine oder andere ECKART-Leser noch aus seiner Zeit als Kopf der Theoriezeitschrift hier & jetzt, wiederum andere von dessen Tätigkeit für die Junge Freiheit, die Staatsbriefe oder das Abendland kennen könnte. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, wenn man einen erheblichen Teil der redaktionellen und gestalterischen Verantwortung ebenjenem Schimmer zurechnet.

Jede Ausgabe von Aufgewacht hat dabei ein Titelthema, das in mehreren Beiträgen abgearbeitet wird. Zuletzt waren dies u.a. „Die rote Welle“, in der das ostlastige Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) inhaltlich und personell seziert wird, oder „Merz. Blackrock-Kanzler im Kriegsrausch“, wobei neben populistisch-launigen Texten stets fundierte Analysen zu finden sind. Man kann die Artikelabfolge überdies so schematisieren: Die Leitthemen sind meist von bundespolitischer Relevanz; Einzelbeiträge über Politik, Wirtschaft und Geschichte sind dann für die spezifische sächsische Situation konzipiert. Der ideologischen Eigentümlichkeit der FS-Strategen entsprechend, die über das eigene patriotische Lager hinaus nach Bündnispartnern suchen, finden sich in diesem „rechten“ Blatt zudem unkonventionelle Gedanken zu Antiimperialismus, Geopolitik und Buchveröffentlichungen. Daß FS-Köpfe wie Brück nach Transnistrien ins letzte Refugium postsowjetischer Überbleibsel reisen oder auch ins umkämpfte Kurdistan, um von dort für die Leser zwischen Plauen und Zittau zu berichten, paßt daher recht gut ins Bild.

Eingerahmt werden derlei exotische Texte von Demonstrationsreden und Interviews: In der Herbstausgabe 2024 (September/Oktober) liest man etwa von Buchhaus Loschwitz-Ikone und ECKART-Autorin Susanne Dagen über den „Opportunismus der Mitte“ als „Feind“. Und in der druckfrischen Ausgabe (Januar/Februar 2025) wird Hans-Christoph Berndt ausführlich zu seiner Rolle als AfD-Fraktionschef im Potsdamer Landtag sowie zur Vielfalt von Widerstandsmöglichkeiten befragt. Berndt, der vor seiner Zeit als blauer Spitzenpolitiker über den Verein „Zukunft Heimat“ das volksverbundene Lager Südbrandenburgs zusammenführte, stellt unmißverständlich klar, daß die AfD nur ein Stein im mosaikrechten Lager neben weiteren Steinen sei. Die Partei müsse als „Motor einer übergreifenden Volks- und Bürgerbewegung“ wirken, „den engen und beständigen Austausch mit dem, was man Vorfeld nennt“, pflegen und außerdem „ängstliche Distanzierungen“ überwinden. Das wird Debatten auslösen. Denn Berndt gibt somit ausgerechnet in Aufgewacht Botschaften auf den Weg, die in Sachsens AfD, wo man die Freien Sachsen als „Unberührbare“ betrachtet, den einen oder anderen Leitwolf verärgern dürften.

Doch einerlei, wie man zu AfD, FS und ähnlichen bzw. überhaupt zu patriotischer Parteienpolitik stehen mag: Hervorzuheben für jeden an Mittel- und Ostdeutschland Interessierten, für jeden Leser von Kaisers Zone zumal, ist die Aufgewacht-Sonderausgabe „Die DDR. Geschichte eines anderen Deutschlands“. Hier erhält man nicht nur historische Beiträge zu Aufstieg und Fall der DDR, sondern auch differenzierte Betrachtungen zu Besonderheiten des ostdeutschen Teilstaates. Die Spannbreite des Analysierten reicht von der Stalinnote bis zur Streitfrage „Schwarz-Weiß-Rot oder Schwarz-Rot-Gold?“, vom „Wirtschaftswunder unter Ulbricht“ über allerlei Lebensweltliches, vom Aufstand des 17. Junis 1953 bis zu markanten Widerstandsaktionen – Stichwort Josef Kneifel.

Beendet man die Lektüre, fragt man sich, ob die Verantwortlichen des Magazins wirklich dieselben seien, deren praktische Politik oftmals in lärmende Aktionen übergeht. Aber mit diesem Doppelcharakter der FS-Führungsebene wird man wohl auch weiterhin in der „patriotischen Sammelstelle“, die Sachsen erwiesenermaßen ist, leben müssen.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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