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Über Jahrzehnte unzertrennlich: „Schäng“ Löring und sein „Vereinche“

„Ich als Verein mußte reagieren“

von Matthias Bäkermann

Mäzenatentum im heimischen Fußball „Ich als Verein mußte reagieren“

Die Binsenweisheit „Geld schießt keine Tore“ entbehrt im Profifußball inzwischen den Bezug zur Realität. Denn selbst Sportromantikern dürfte klar sein, daß Spieler, Trainer, Manager und Vereinsbosse der Bundesligen heute Akteure in einem Multimillionengeschäft sind. Und Wohl und Wehe in diesem Markt sind entscheidend an den sportlichen Erfolg geknüpft. Die britische Premier League konnte alle anderen Ligen in Europa nur überflügeln, weil milliardenschwere ausländische Investoren Vereine wie Manchester City und Chelsea London, die einst über das Mittelfeld ihrer Ligen selten hinauskamen, mit Geld vollpumpten und ihnen damit heute Stammplätze in der Champions League sicherten.

In Deutschland und Österreich verhindern verbandsinterne Regularien wie die seit 1999 geltende 50+1-Regel die direkte Mehrheitsbeteiligung von finanzstarken Großanlegern an den Vereinen. Reiche Privatpersonen oder Unternehmer können jedoch als Mäzene mit ihren Millionen zu teuren Verpflichtungen und Spielergehältern oder vereinseigener Infrastruktur beitragen und damit maßgeblich den Erfolg gewährleisten.

Der Mäzen als Feindbild

Nicht immer trifft deren Liebe zum Verein oder der Heimatregion, die neben menschlichen Dingen wie Eitelkeit oder die Sehnsucht nach Ruhm das Mäzenatentum begründet, auf besondere Gegenliebe bei den Fans. Wenn einer der bekanntesten deutschen Mäzene, der SAP-Gründer Dietmar Hopp aus alter Verehrung seinen „Dorfverein“ TSG Hoffenheim aus der Kreisliga bis in die oberen Sphären der Bundesliga führte, erntet er nicht nur bei neidvollen gegnerischen Fans Schmähungen. Auch in den eigenen Reihen trifft das vielfache Millionenengagement Hopps, das sogar den 50 Millionen Euro teuren Bau eines Fußballstadions umfaßte, nicht uneingeschränkt auf Dankbarkeit. Auch daß Hopp in seiner Jugend und lange vor seiner Karriere als größter deutscher Softwareentwickler selbst das Hoffenheim-Trikot überzog, wiegt den Ärger über sein zuweilen großspuriges Verhalten, aber vor allem die immanente Furcht vor dem Ausgeliefertsein an dessen  Mäzenatentum, nicht auf. So war der Bundesligist Hoffenheim neben dem von der Bayer AG finanzierten Bayer Leverkusen und dem von Volkswagen geförderten VfL Wolfsburg eine von drei Ausnahmen von der 50+1-Regel, nach der ein Verein stets die Stimmenmehrheit behalten müsse, weil Hopp diese Mehrheit bis 2023 innehatte. Aus dem Mäzen wurde damit ein Investor.

Fließende Grenzen zwischen Mäzenen, Sponsoren und Investoren

Tatsächlich sind die Grenzen zwischen Mäzenen, die, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen, ihr Vermögen einsetzen und Investoren oder Sponsoren oft fließend. Und das waren sie von jeher. So war der Wolfenbütteler Spirituosenunternehmer Günter Mast ein früher Mäzen des Fußballvereins Eintracht Braunschweig. Der spätere Vereinspräsident, der immer wieder große Geldsummen in den blau-gelben Club investierte, gab 1983 offen zu, daß wirtschaftliche Gründe sein Engagement für Eintracht Braunschweig begründet hätten. „Zeigen Sie mir einen, der soviel kostenlose PR hat wie ich.“ Denn auf ihn ging maßgeblich zurück, daß sein Verein 1973 erstmals den Hubertushirsch seiner Kräuterlikör-Firma als Trikotwerbung präsentierte und mit diesem Sponsoring den Werbemarkt im bezahlten Fußball revolutionierte. „Die Eintracht ist jetzt eben eine ,Jägermeister‘-Filiale“, prahlte Mast später. In den 70er-Jahren versuchte der Hauptsponsor  sogar, direkt auf den Spielbetrieb Einfluß zu nehmen. Während eines lausigen Eintracht-Spiels meinte der in der Halbzeitpause die Mannschaftskabine stürmende Günter Mast, die Kicker mit einer strengen Rede zu mehr Leistung anstacheln zu können. Doch als Trainer Branko Zebec dazu trat, herrschte dieser seinen Chef mit strenger Miene an: „Was machen Sie hier? Das ist mein Bereich. Kümmern Sie sich ums Finanzielle.“ Mast drehte sich um und verschwand, bezeugte später Langzeittorhüter Bernd Franke die Episode.

„Schäng“, der letzte Patriarch des deutschen Fußballs

Auch ein anderer Mäzen eines Fußballvereins griff einmal während der Halbzeitpause ins Operative ein – doch mit ganz anderen Folgen. Der mittelständische Elektrounternehmer Hans „Jean“ Löring wurde 1966 Präsident des Regionalligisten Fortuna Köln. In diesem Verein, bei dem er sich selbst in den ersten Jahren als Stammspieler einsetzte, entwickelte sich der Tausendsassa zum wichtigsten Förderer. Allein 1973, im Jahr des Aufstiegs in die Bundesliga, unterstützte er mit 2,5 Millionen D-Mark und sorgte dafür, daß einige Spieler über die Lohnlisten seiner Unternehmen versorgt wurden. Der in kölscher Mundart „Schäng“ gerufene Löring begleitete sein „Vereinche“ jahrzehntelang durch alle Höhen und Tiefen, die 2001 in der Insolvenz endeten, bevor der „letzte Patriarch“ 2005 völlig verarmt starb. Unvergessen blieb sein Auftritt bei der Niederlage gegen den SV Waldhof Mannheim am 15. Dezember 1999, im Abstiegsjahr aus der Zweiten Bundesliga, als „Schäng“ während der Halbzeit in den Katakomben den prominenten ehemaligen Nationaltorwart Toni Schumacher zornschnaubend als Trainer entließ. „Ich als Verein mußte reagieren“, begründete Löring diesen außergewöhnlichen Rauswurf danach gegenüber der Presse.

Steinreiche „Edelfans“ in der Grauzone

Auch andere große bundesdeutsche Mäzene wie Klaus-Michael Kühne oder Martin Kind weisen auf die vielen Grautöne zwischen dem Altruismus des Mäzens und den plumpen Geschäftsinteressen des Investors hin. Der Hörgerätemillionär Kind hatte mit seinem Einsatz für Hannover 96 nie ein Hehl daraus gemacht, auch die Geschicke des Vereines lenken zu wollen. Deshalb war er auch vehementer Gegner der 50+1-Regel, gegen die er sogar klagte. Der Milliardär Klaus-Michael Kühne tendiert sogar noch mehr in Richtung Investor. Obwohl der reichste Hamburger als selbsternannter „Edelfan“ bis zu 60 Millionen Euro in den HSV investierte, waren diese Finanzspritzen meist mir direkten Gegenleistungen verbunden, wie den Namensrechten am Stadion, Anteilen an der Aktiengesellschaft oder den Erwerb von Transferrechten, wie zum Beispiel 2012 im Fall des niederländischen Mittelfeldstars Rafael van der Vaart. Zudem zeigte der 81jährige 2018 die Zähne, als er ausgerechnet im Abstiegsjahr des Bundesliga-Dinos plötzlich den Rückzug seines finanziellen Engagements ankündigte. Auch wenn Kühne seine Drohung nicht konsequent umsetzte, wurde nicht nur dem Vorstand des Vereines bewußt, auf welch dünnem Eis man sich in der Abhängigkeit eines Mäzens bzw. Investors befinde.

Den Rückzug eines Mäzens mußte auch ein Wiener Traditionsverein nach 2005 verkraften. Der in den neunziger Jahren in die Mittelmäßigkeit abrutschende FK Austria Wien gewann 1999 den in Kanada reich gewordenen Unternehmer Frank Stronach als Unterstützer. Dieser krempelte den Verein sofort um und übernahm über eine Tochterfirma den Profibetrieb per Betriebsführervertrag. Tatsächlich führte Stronach Austria wieder in die Erfolgsspur, er gründete eine Jugendakademie, prominente Trainer und Spieler sorgten dafür, daß wieder Fußball auf europäischer Ebene gespielt wurde und am Ende sogar die Meisterschaft stand. Daß er die Fanszene mit seinen selbstherrlichen Entscheidungen verprellte und er im eigenen Stadion laut beschimpft wurde, vergrätzte den in seiner ursprünglichen Heimat um Anerkennung buhlenden Self-Made-Millionär. Die jüngere Geschichte des österreichischen Fußballs war in Bezug auf Mäzenatentum mehr von enttäuschten Hoffnungen als von Erfolgen geprägt. Hochstapler und Betrüger gaben sich teilweise ein Stelldichein. So feierte Admira-Präsident Hans-Werner Weiss 2005 den Beginn des Investments des Iraners Majid Pishyar als „Weihnachten und Ostern an einem Tag“, bevor dieser in nur drei Jahren den Verein in ein sportliches und finanzielles Chaos stürzte.

Diese Aufzählung der ganz großen Mäzene darf jedoch keinesfalls das Wirken von unzähligen Privatpersonen oder mittelständischen Unternehmen als Kleinmäzene für den Fußball in den Schatten stellen. Gerade in den unterklassigen Ligen, die kaum Zuschauereinnahmen verbuchen, sind diese sowohl in Österreich als auch in der Bundesrepublik oft Garanten für den reibungslosen Spielbetrieb und teilweise sogar für die Existenz der kleinen Vereine.

Fans als Freiwillige: Bluten und Bauen für Union

Und dann wären da noch die Fans, die nicht nur millionenfach ins Stadion strömen, sondern privat oder in organisierter Fanszene ihre Vereine unterstützen. Als exemplarisch gilt vielfach der Berliner Fußballclub Union. Der einstige DDR-Underdog-Verein geriet Ende der 90er-Jahre in existentielle Schwierigkeiten. Immer wieder drohte der Lizenzentzug, die Schulden häuften sich ins fast Unermeßliche, ein Konkurs schien unabwendbar. Sodann traten die Fans in Aktion. Um ihren Verein zu retten, gingen sie in der Öffentlichkeit mit der Aktion „Fünf Mark für Union“ sammeln, spendeten massenhaft Blut („Bluten für Union“). Da das jahrzehntealte Stadion An der Alten Försterei den Standards des DFL nicht genügte, stand ein Stadionumbau an. Da aber der schuldenbelastete Verein während seiner sportlichen Talfahrt keine Mittel aufbringen konnte, traten die Fans auf den Plan. Nach 13 Monaten Bauzeit, in denen über 2.000 freiwillige Helfer fast 140.000 unentgeltliche Arbeitsstunden leisteten, konnte das neue Stadion präsentiert werden. Der sportliche Aufstieg bis in die Champions League 2022 war danach ungebrochen. Derzeit ist eine weitere Stadionerweiterung auf der Agenda. Die Tragik daran ist allerdings, daß das Werk von tausenden kleinen Mäzenen bzw. Freiwilligen und ihrer altruistischen Hilfe dafür weichen muß.

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