von Thore Stein
Wer heute von Westen kommend auf Höhe der Stadt Ribnitz-Damgarten das kleine Flüßchen Recknitz überquert, der verläßt das Land Mecklenburg und betritt Pommern. Den allermeisten Reisenden wird dieser Umstand nicht bewußt sein, kein Schild am Straßenrand weist darauf hin, daß hier über Jahrhunderte eine Grenze zwischen Machtsphären bestand, die heute längst vergangen sind. Und doch verbindet beide Teile des heutigen Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern im Nordosten der Republik nicht nur ein Bindestrich im Namen, sondern auch eine sich immer wieder kreuzende Geschichte.
Einst Siedlungsgebiet germanischer Stämme wanderten nach deren Abzug zunehmend Jäger und Fischer slawischer Abstammung in den leergewordenen Raum ein. Sie etablierten über mehrere Jahrhunderte ein loses Stammeswesen, deren Namen bis heute so manche Ortsbezeichnung von Regionen und Landschaften beeinflussen. Deutsch wurde das Land erneut, als von Westen und Süden immer mehr deutschstämmige Siedler, den Kriegszügen ihrer Fürsten folgend, als Kolonisten in das menschenleere Land einzogen. Fortan prägte dieser neue Volksstamm, eine Mischung aus niederdeutschen und in Teilen slawischen Volksgruppen, den Siedlungsraum entlang der Ostsee. Wer auf seiner Reise heute durch dieses Land Pommern die Städte wie Greifswald, Stralsund, Stettin, Kolberg und Köslin umfährt, der findet sich in einer Landschaft wieder, die den Namen Gutslandschaft verdient.
Das Dorf war ein eigener kleiner Staat im Staate.
Die raumprägenden kleinen Gutshöfe – rund dreiviertel aller Siedlungen waren wohl Gutsdörfer – haben dabei eine Besonderheit, nämlich die ihnen innewohnende Gutswirtschaft. Das ganze Dorf war dabei gewissermaßen ein eigener kleiner Staat im Staate. Zentral stand das Gutshaus als Mittelpunkt des Gutes, flankiert von zahlreichen Funktionsgebäuden wie Scheunen, Ställen, Werkstätten und oftmals auch Brennereien. Vorgelagert, meist arrondiert an einer langen Straße, die Landarbeiterkaten. Rationale Bauwerke, häufig standardisiert in ihrer Ausführung. Gutsbesitzer waren die mit Beginn der Ostkolonisation ins Land gekommenen Ritter, die im Dienst der Herzöge die Aufsiedlung der äußerst dünnbesiedelten Landstriche organisatorisch bewerkstelligen sollten. Im Gegenzug erhielten sie ihr Lehen, verbunden mit weitreichenden Rechten. Dabei nutzte der sich etablierende Landadel jene Gelegenheiten, die aus Kriegen und Notzeiten entstanden, um die Bauernschaft sukzessive in die bis ins erste Jahrzehnt des 19. Jh. andauernde Leibeigenschaft zu zwingen.
Die weltpolitischen Stürme erreichten die weit verstreuten Güter nur selten.
Dabei brachten die über Jahrhunderte fortdauernden Adelsgeschlechter so manchen berühmten Politiker und Feldherrn hervor. Namen wie v. Manteuffel, v. Zitzewitz, v. Puttkammer oder v. Blücher haben Bekanntheit weit über ihren Landbesitz in Pommern erlangt. Diese frühen Familiendynastien konnten im Laufe der Zeit weite Teile der Landwirtschaftsflächen in ihren Besitz bringen und gewannen durch ihre wirtschaftliche Stellung großen Einfluß in den sie beherbergenden Staaten. Doch anders als in Mecklenburg, wo ein übermächtiger Landadel das Land de facto regierte und der Herzog oftmals mehr Staffage als Machtzentrum war, so hatten es die pommerschen Adelsfamilien mit starken Staaten, nämlich Schweden und Preußen aufzunehmen und sich letztlich im preußischen Staatswesen einzufügen.
Gemeinsam hatten beide Landesteile jedoch die Dominanz der Gutsstruktur. Die Adelsfamilien bewirtschafteten die Güter als Landwirte selbst, sie waren ihre Einkommensquellen und mußten somit voll und ganz auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten ausgerichtet werden. Der Wandel hin zu einem mehr repräsentativen Charakter erfolgte nur langsam, wenn es Erträge und Kapital zuließen. Oftmals gab es nur wenige standesgemäß ausgebaute Herrenhäuser und umso mehr schlichte Gutsverwalterhäuser, die der Bewirtschaftung der zahlreichen Nebengüter dienten. Erst mit dem Einzug des „außerlandwirtschaftlichen Kapitals“ im 19. Jh. erfolgte eine radikale und rasche Hinwendung zum repräsentativen Herrensitz. Gebeutelt durch die Agrarkrise und die gesellschaftlichen Umbrüche im Nachgang der französischen Revolution wurden viele Güter an nichtadelige Besitzer, Kaufleute und Industrielle aus allen Teilen des Reiches veräußert, die damit ihren Status aufwerten oder schlichtweg Geld anlegen wollten. Alte Häuser wurden konsequent abgebrochen und dem Zeitgeist des Historismus entsprechende Bauten errichtet. So stammt der größte Teil der heute noch erhaltenen Guts- und Herrenhäuser aus der Zeit von 1830 bis 1914, ältere Bauten sind nur selten noch zu finden. Dabei meinte es die Geschichte des 20. Jh. mit diesem deutschen Landstrich genauso wenig gut wie mit vielen anderen Teilen Deutschlands. Den Brüchen des Ersten Weltkrieges folgend kam es zu massiven Verwerfungen im Agrarsektor des Reiches und somit auch auf den Gütern im Osten. Konkurse und Aufsiedelung von Gutsbesitz waren die Folge, jedoch bestand die Grundstruktur dieses Landstriches bis ins deutsche Schicksalsjahr 1945 weitestgehend unverändert fort.
Vertreibung, Enteignung, Bodenreform und Zwangskollektivierung
Als Anfang Februar der Endkampf um Pommern eingeläutet wurde und sich die deutschen Wehrmachtsverbände mit dem Rücken zur Ostsee im zähem Abwehrringen nach Westen zurückkämpften, den schier unendlichen Strom aus Flüchtlingen aus noch östlicheren Provinzen deckend, endete eine fast 700 Jahre andauernde Epoche in Pommern. Zahlreiche Städte gingen in Flammen auf, Hinterpommern und Stettin wurden von Deutschen entvölkert und die Eigentümerfamilien der zahlreichen Güter enteignet, vertrieben oder ermordet. Bis an die Elbe heran wurden tausende Güter im Rahmen der Bodenreform zerschlagen, und ihr zugehöriges Land wurde an Neubauern verteilt. Deren Eigentum währte jedoch nur kurz, denn die Zwangskollektivierung in der DDR und ähnlich auch im neuen Polen schuf die großen Produktionsgenossenschaften, die bis 1989 die Landwirtschaft prägend fortbestanden. Die Herrenhäuser der „Junker“ nebst zugehörigen Wirtschaftsgebäuden waren dem Befehl Nr. 209 der SMAD folgend zum Abbruch freigeben worden. Der Mangel an Baumaterial für die zahlreichen zu errichtenden Neubauernstellen und der Wille nach Auslöschung jeglicher Erinnerung an die angebliche Feudalherrschaft waren Motivation. Die Umsetzung erfolgte jedoch regional sehr unterschiedlich. So wurden insbesondere in Thüringen und Sachsen unzählige Schlösser zerstört, während im heutigen Mecklenburg-Vorpommern zwei wesentliche Faktoren dazu beitrugen, daß die zahlreichen Landsitze weitestgehend verschont blieben.
Die Herrenhäuser blieben auch in der DDR Mittelpunkt der Dörfer – in neuer Funktion.
Zum einen herrschte durch die massive Zerstörung in den wenigen Städten des Landes massiver Mangel an Wohnraum, sodaß jedes Gutshaus, jedes Wirtschaftsgebäude schlichtweg zu Wohnzwecken benötigt wurde; hinzu kam, daß Millionen Ostvertriebener im Land unterkommen mußten. Zum anderen hatte die Bevölkerung im von der Gutswirtschaft geprägten Nordosten ein überwiegend positives Verhältnis zu den vormaligen Besitzern und „ihrem“ Schloß. Die Herrenhäuser waren Mittelpunkt der sonst so kleinen Gutsdörfer, emotional und wirtschaftlich. Man wagte einfach nicht, daran Hand anzulegen und diese abzubrechen, und so fanden sich neue Nutzungsmöglichkeiten: Wohnungen, LPG-Büros, Dorfkonsum, Kindergarten, Arztpraxis. Die Herrenhäuser blieben Mittelpunkt der Dörfer – in neuer Funktion. Inneneinrichtungen, Fassadenstuck und Parkanlagen ging dabei allzu oft verloren. Funktionalität und Mangelwirtschaft waren die neuen Bauherren. Doch die Häuser überlebten den Sozialismus, die Gutsanlagen in Form der Stallungen und Scheunen wichen den neuen Bedürfnissen der Produktionsgenossenschaften, die auch das Land der Güter in ihre Großstrukturen einverleibt bekamen.
Bilanz der „Wende“: Mehr abgebrochene Guts- und Herrenhäuser als in der gesamten DDR-Zeit
Mit einem weiteren deutschen Schicksalsjahr des vorigen Jahrhunderts setzte die nächste Episode für die Gutslandschaft zwischen den kleinen Flußläufen Recknitz im Westen und Leba im Osten, dem historischen Pommernland, ein. Die Gutshäuser wurden leergezogen, die ländlichen Räume im ehemaligen Ostblock verloren viele ihrer Menschen durch Abwanderung. Unzählige Gemeinden wollten sich dieser großen Gebäude möglichst schnell entledigen, und nur selten kehrten die Alteigentümer zurück. Im heutigen Polen schon gar nicht, denn dort wurde eine Rückkehr der einstigen Herren des Landes bis ins Heute hinein gefürchtet und abgelehnt. Im Land westlich der Oder dagegen mußten wieder neue Nutzungskonzepte gefunden werden, denn das zugehörige Ackerland, welches die Häuser über Jahrhunderte durch seine Erträge finanzierte, war weg. Es gehörte den LPGs oder wurde als Hehlerware durch die Treuhand meistbietend verkauft.
Und so konnte nicht jedes dieser oftmals prächtigen und viele hundert Quadratmeter großen Herrenhäuser zu einem Landhotel oder einem Seminarhaus umfunktioniert werden. In Folge wanderte so manches stattliche Haus durch die Hand von Glücksrittern und Spekulanten, zu oft mit dem endgültigen Verfall als bitterer Konsequenz, deren Bilanz mehr abgebrochene Guts- und Herrenhäuser nach der Wende zu verzeichnen hat als in der gesamten Zeit der DDR. Und trotzdem: Viele dieser baulichen Zeugen deutscher Kulturkraft haben die Brüche des 20. Jh. überlebt und stehen noch trotzig gegen die Zeit. Und so erzählen sie auch weiterhin die Geschichte des Landes Pommern und seiner Menschen.