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Ein Menschenschlag

von Caroline Sommerfeld

Was ist eigentlich ein „Menschenschlag“? Das hier gemeinte „Schlagen, Ausschlagen“ bezieht sich auf das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung der Arten – ein Baum schlägt im Frühjahr aus, Rosenblüten schlagen ins Rosarote oder ein Pferd ist aus der Art geschlagen.

Bezieht man das „Schlagen“ auf Menschen, hat man zunächst dieselbe Wortbedeutung wie beim Tier vor Augen, sie erweitert sich allerdings um geistige und seelische Dimensionen. Ein Menschenschlag ist nicht nur auf eine bestimmte typische Weise anzusehen, sondern verhält sich, denkt, fühlt und prägt seine unmittelbare Lebensumgebung auf eine typische Weise.

Das Grimmsche Wörterbuch zitiert unter „Sächsin“ aus Goethes Kommentar zu Lessings Drama Minna von Barnhelm: „Die anmuth und liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den werth, die würde, den starrsinn der Preuszen.“

Es ist in vergangenen Jahrhunderten vielfach beschrieben worden, wie sich die verschiedenen deutschen Stämme, die Bewohnerschaft der verschiedenen Gegenden und Landstriche, kurzum: die Menschenschläge voneinander unterscheiden.

Der Historiker Hans Delbrück kam in seiner Weltgeschichte (1927) zu dem Schluß, diese Verschiedenheit läge daran, daß seit der Hohenstauferzeit im deutschen Volk „die verschiedenen Eigenschaften nicht zu einer Einheit zusammengefaßt waren und zusammen wirkten, sondern sich zu Sonderbildungen gestalteten, die sich dann gegenseitig widerstrebten und einander bekämpften“.

Doch auch eine „deutsche Einheit“ im politischen Sinne hätte ja diese „Sonderbildungen“ keinesfalls ausgelöscht, sondern ihnen nur ein gemeinsames herrschaftliches Dach aufgesetzt.

Die Verschiedenheit der Menschenschläge innerhalb des deutschen Volkes ist gerade kein Phänomen, das der Ordnungsliebe der Historiker oder Politiker, geschweige denn früherer Rasse- und heutiger „Rassismus“-Apologeten zugänglich ist. Das bereits erwähnte Grimmsche Wörterbuch kann dann auch nur einigermaßen hilflos den großen Philosophen Immanuel Kant ins Feld führen, der zum „Menschenschlag“ weiß:
„MENSCHENSCHLAG, m.: nach diesen vorbegriffen würde die menschengattung in stamm (oder stämme), race oder abartung (progenies classifica) und verschiedenen menschenschlag (varietas nativa) abgetheilt werden können, welcher letztere nicht unausbleibliche, sich vererbende, also auch nicht zu einer klasseneintheilung hinreichende kennzeichen enthalten würde.“
Der „Menschenschlag“ ist nicht im physiologischen Sinne erblich. Jeder Biologismus perlt an ihm ab. Das lateinische „varietas nativa“ trifft es eigentlich sehr schön: angeborene Spielarten oder Abwechslungen so wie diese:
„In Niederbayern ist dann wieder einer der schwarzhaarigsten und dunkeläugigsten Menschenschläge zuhause, die es auf deutschem Boden gibt, besonders von Regensburg gegen den Bayrischen Wald und nach Amberg und Schwandorf hin.“ (Friedrich Ratzel: Glücksinseln und Träume, 1905)

Wer vom „Menschenschlag“ spricht, gebraucht keine wissenschaftliche Kategorie, sondern bringt auf eine nur im Deutschen so mögliche Weise zum Ausdruck, daß Leute aus einer bestimmten Gegend diese und jene Charakteristika tragen.

Allerdings wohnt diesem Wort auch seit langem eine leicht bis schwer abwertend Bedeutungsnote inne. Dann wird vom „Menschenschlag“ eben so gesprochen, daß der gerade Gemeinte irgendwie „aus der Art geschlagen“ sei. Ein groteskes Beispiel bieten Carl Heinrich Röschs Untersuchungen über den Kretinismus in Württemberg (1844), der dortselbst Leute beobachtet haben will, bei denen der Kropf außerordentlich häufig vorkomme, und: „Der Menschenschlag hat grossentheils den kretinischen Habitus; Stammeln und Uebelhörigkeit ist gar häufig“.

So kommt es, daß auch in der unmittelbaren Gegenwart der Ausdruck „Menschenschlag“ von Journalisten verwendet wird, um gegen mißliebige Menschen auszuteilen, die überdies nichts Regionaltypisches eint: „Doch mit Corona scheint auch bei den Preppern, jenem obskur-diffusen Menschenschlag, der sich auf den drohenden Zusammenbruch aller Gesellschaft vorbereitet, die Alarmglocke zu läuten.“ (Leipziger Zeitung, 27. April 2020).

Womit wir wieder in Sachsen angekommen wären. Von der oben zitierten „Anmut und Liebenswürdigkeit“ der Sächsinnen fehlt hier allerdings jede Spur. Um einen Menschenschlag als solchen zu beschreiben, muß man ihn eben erst einmal kennenlernen wollen …