von Erich Körner-Lakatos
Zweimal versucht Budapest, die deutsche Volksgruppe zu magyarisieren.
Die sogenannte Lex Apponyi, drei den Schulunterricht betreffende Gesetze (1906/07) des Unterrichtsministers Graf Albert Appony, bedeutet einen schweren Schlag für die deutsche Volksgruppe in Ungarn. Appony, dem die Magyarisierung der sprachlichen Minderheiten ein Anliegen ist, legt fest: In den Grundschulen, in denen bisher in den Sprachen der Volksgruppen – zum Beispiel in Deutsch – unterrichtet worden sei, solle ab sofort das ungarische Idiom in einem Umfang gelehrt werden, daß jeder Schüler am Ende des vierten Schuljahres seine Gedanken in Wort und Schrift auf Ungarisch ausdrücken könne. Falls ein Lehrer dieses Ziel nicht erreiche, so würden ihm Disziplinarmaßnahmen drohen.
In den 1930er-Jahren kommt es zu einer weiteren Maßnahme, die die Ungarndeutschen (Donauschwaben) trifft. Es handelt sich dabei um die vom Ministerpräsidenten Gyula Gömbös angestoßene Kampagne der Namensmagyarisierung. Auf Beamte und Soldaten wird starker Druck ausgeübt, ihren deutschen Familiennamen in einen ungarisch klingenden umzuändern. Der tiefere Grund liegt in der Person des Premiers Gömbös selbst. Er ist zu drei Vierteln deutscher Abstammung – tiefenpsychologisch wohl der Grund für sein übertriebenes Bekenntnis zum Magyarentum.
Admiral Miklós Horthy, der als Reichsverweser die Stelle als Staatsoberhaupt führt, ist von der Idee der Namensmagyarisierung wenig angetan. Er schreibt an seinen Freund Graf Pál (Kosename: Bóli) Teleki, den zweimaligen Ministerpräsidenten, wie folgt: „Kedves Bóli! Részemről én mindig ellensége voltam és vagyok a névmagyarosításnak (…) Den Vogel erkennt man an seinen Federn“ [deutsch im Original].Übersetzt: „Lieber Bóli! Von meiner Seite war und bin ich immer ein Gegner der Namensmagyarisierung (…) Den Vogel erkennt man an seinen Federn.“
Der Kleinadelige Horthy gilt allgemein als bodenständiger Magyare, jedoch weist sein Stammbaum in dieser Beziehung einen kleinen Mangel auf, denn seine Großmutter mütterlicherseits, die Schauspielerin und Sängerin Elisabeth Gerber, ist die Tochter eines Wiener Dienstmannes. Ein Umstand, der Horthy verborgen geblieben ist, da über diese höchst standeswidrige Heirat seines Großvaters in der Familie Stillschweigen gewahrt wird. Nebenbei: Auch Horthys Nachfolger als Staatschef, nämlich der Pfeilkreuzler-Führer Ferenc Szálasi, der sich wie Gömbös als Ultranationalist gibt, hat väterlicherseits eine Wiener Großmutter, nämlich Julianna Helmreich.
Zurück zur Initiative des Gyula Gömbös, der ab 1. Oktober 1932 das Amt des Regierungschefs innehat und sofort ans Werk geht – denn zwischen August 1933 und Oktober 1935 stellen 68.019 Personen einen Antrag auf Magyarisierung ihres Familiennamens. 52,9 % der Antragsteller haben bisher einen deutschen, 35,8 % einen slawischen, 2,9 % einen rumänischen sowie bloß 2,1 % einen für Personen jüdischer Abstammung typischen Familiennamen. Knapp mehr als zwei Prozent, das scheint wenig, aber es ist zu bedenken, daß viele israelitische Religionsverwandte einen deutsch klingenden Namen haben. Da Gyula Gömbös bereits im Oktober 1936 im Alter von bloß fünfzig Jahren stirbt, bedeutet dies das Aus für die von ihm betriebene Änderung der Familiennamen. Sein Nachfolger Kálmán (Koloman) Darányi zeigt daran wenig Interesse. Auffallend ist, daß von den endgültig unerledigt bleibenden Anträgen (immerhin 5.398) ein Großteil auf solche von jüdischen Antragstellern fällt (3.440).
Von hohen Offizieren donauschwäbischer Abstammung, die einen ungarischen Familiennamen annehmen, seien zwei erwähnt. Der eine schreibt sich ursprünglich Franz Knausz. Der 1887 in Raab (Győr) geborene nimmt 1934 den Mädchennamen seiner Mutter an und heißt fortan Szombathelyi. Er steigt im Zweiten Weltkrieg zum Oberbefehlshaber der Honvéd-Truppen an der Ostfront auf und bekleidet von September 1941 bis April 1944 das Amt des Generalstabchefs. Nach Kriegsende folgt seine Auslieferung an Tito-Jugoslawien, wo er wegen des Massakers von Neusatz (serb. Novi Sad) zum Tode verurteilt und hingerichtet wird.
Der andere hochrangige Offizier heißt zuerst Gustav Hautzinger, jedoch bereits ab 1924 Gusztáv Jány, denn er nimmt lange vor der Gömbös-Kampagne ebenfalls den Mädchennamen seiner Mutter an. Jány ist Befehlshaber der ungarischen zweiten Armee, die am Donbogen von den Russen im Jänner 1943 praktisch ausgelöscht wird. 1947 verurteilt ihn ein Budapester Volksgericht wegen Kriegsverbrechen zum Tode. Im Laufe des Prozesses wird Jány von seiner Vergangenheit eingeholt: Der Richter spricht ihn spöttisch mit „Herr Hautzinger“ an …