von Erik Lommatzsch
Deutsche Nation und christliches Abendland
1944 war von dem in der deutschen Widerstandsbewegung wirkenden ehemaligen Zentrumspolitiker Josef Wirmer eine Flagge entworfen worden. Auf rotem Grund liegt ein sogenanntes skandinavisches Kreuz (heraldisch korrekt: ein rechtsliegendes Philippuskreuz) in schwarz, welches gelb bzw. golden umrandet ist. Später setzte Wirmer zwischen den goldenen Rand und den roten Grund noch einen schmalen schwarzen Streifen.
Der Entwurf sollte nach dem Sturz des NS-Regimes als Nationalflagge dienen.
Der Staatstreich des 20. Julis 1944 scheiterte, Wirmer wurde hingerichtet. In seinem Entwurf hatte er die deutschen Nationalfarben aufgegriffen, jedoch nicht in der zuvor gebräuchlichen Form einer Trikolore. Wirmers jüngerer Bruder Ernst erklärte später: „Das christliche Symbol des Kreuzes hielt er [Josef Wirmer] für den von ihm und den übrigen Mitgliedern des Widerstandes angestrebten Staat für am besten geeignet.“
Schwarz-Rot-Gold läßt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen: Im Wappen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation findet sich ein schwarzer Adler mit roten Krallen auf goldenem Grund. Allerdings waren diese Farben nicht offizielle Reichsfarben. Als Bezug für die Farben der Nationalflagge dienen oft die Uniformen des Lützowschen Freikorps. Zu sehen waren die Farben – in Form der Trikolore – später beim Wartburgfest 1817, beim Hambacher Fest 1832 und bei der Revolution von 1848/49. In der Weimarer Republik kam der „Flaggenstreit“, die erbitterte Debatte um Schwarz-Rot-Gold oder Schwarz-Weiß-Rot, zu keinem befriedigenden Abschluß. Einen Vorschlag für eine Reichseinheitsflagge hatte der 18jährige, später renommierte Heraldiker und Vexillologe Ottfried Neubecker 1926 vorgelegt. Schwarzer Grund, darauf ein rotes, skandinavisches Kreuz mit goldenem Rand. Möglicherweise diente dieser Entwurf später Wirmer zur Orientierung, der dann lediglich die Farbanordnung vertauschte.
Für die entstehende BRD ließ der sogenannte Verfassungskonvent von Herrenchiemsee im August 1948 wissen, die Flagge könne „nur die Farben führen, die in der gesamtdeutschen Tradition begründet sind“. Uneinig hingegen war man über die Form, vor allem, weil die Sowjetzone bereits die schwarz-rot-goldene Trikolore in Anspruch genommen hatte. So konnte Ernst Wirmer im Oktober 1948 im Parlamentarischen Rat Vertreter der Unionsparteien und der Deutschen Partei für den Flaggenentwurf seines Bruders als Bundesflagge gewinnen. Eingebracht wurde der Antrag allerdings nicht. In einer repräsentativen Umfrage unter der westdeutschen Bevölkerung sprach sich eine Mehrheit für die Trikolore aus, wobei eine noch größere Zahl Desinteresse an dieser Frage zeigte.
Die Wirmer-Flagge als Grundlage für Flagge und Wappen der CDU
Das Kreuz war nun mittig plaziert. Darauf prangte ein Adler. Hermann Ehlers, Bundestagspräsident und stellvertretender CDU-Vorsitzender, hatte einführend erläutert, es handle sich um den Adler „des ganzen Deutschlands“, das Kreuz sei das „prägende Zeichen des Abendlandes“. Die CDU machte bis Ende der 1960er-Jahre Gebrauch von dieser Symbolik. Die Junge Union führte in dieser Zeit die Farbvariante von Neubecker, und bemerkenswerterweise orientierte sich auch die FDP an der Wirmer-Flagge, jedoch mit goldenem, schwarz umrandeten Kreuz, aber ebenfalls ergänzt durch einen Adler.
Später geriet Wirmers Entwurf weitgehend in Vergessenheit, er wurde nur gelegentlich von kleineren Gruppierungen genutzt. Groß war das Geschrei, als die Wirmer-Flagge verstärkt während der seit Oktober 2014 vom Dresdner Verein Pegida und seiner Ableger veranstalteten Demonstrationen gezeigt wurde und damit zu neuer Bekanntheit und Popularität kam. Der Name Pegida steht als Akronym für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Von der „Enteignung eines ehrwürdigen und traditionsreichen Symboles der Christlichen Demokratie“ war gleich zu Beginn Rede. Der Spiegel fuhr Anton Wirmer auf, den Sohn des Flaggenschöpfers, der meinte, er sei „entsetzt“, und es handle sich „im Grund um eine Verdrehung all der Ideen“, die die Flagge seines Vaters darstelle. Inzwischen ist Pegida, mit der letzten Demonstration im Oktober 2024, Geschichte. Die Islamisierung hingegen schreitet fröhlich voran. Die Beispiele sind mannigfach. Drogeriemärkte bieten Ramadankalender für Kinder an, Schleswig-Holstein stellt Muslime an zwei ihrer Feiertage frei, vom allgegenwärtigen Straßentreiben ganz zu schweigen. Welches Symbol könnte die Gegenwehr besser fassen als eine Flagge, die die deutsche Nation mit ihren christlich-abendländischen Grundlagen verbindet?