von Mario Kandil
Bis heute ist es die offizielle, ja geradezu kanonische Sichtweise, die Sudetenkrise von 1938 undifferenziert als Versuch zu schildern, die „unschuldige“ Tschechoslowakei zu zerstören. Aber trifft diese Schwarz-Weiß-Malerei die Realität?
Die Tschechoslowakei (ČSR) war ihren Verpflichtungen, die sie 1919 bei ihrer Gründung als Vielvölkerstaat auf sich genommen hatte, nicht gerecht geworden. Hatte auch der einzelne Sudetendeutsche in der ČSR staatsbürgerliche Gleichberechtigung, sahen sich doch sehr viele Sudetendeutsche als Volksgruppe gegenüber den Tschechen benachteiligt – nicht zu Unrecht. Es lagen hier tatsächlich Mißstände vor, wie der Bericht von Lord Walter Runciman aufzeigt, der 1938 als Beauftragter der britischen Regierung zwischen den Sudetendeutschen und der ČSR-Regierung als Vermittler tätig war. Unvergessen waren noch die Gewaltorgien von 1919, mit denen Deutsche in den Randgebieten Böhmens und Mährens, also die Sudetendeutschen, meist von Tschechen – nur selten hingegen von Slowaken – überzogen wurden. Das Massaker vom 4. März 1919, bei dem in mehreren Städten 54 Sudetendeutsche getötet und mehr als 100 schwer verletzt wurden, war der Gipfel dieser antideutschen Exzesse.
Der Anführer der Sudetendeutschen bekannte sich zum Nationalsozialismus.
Unter den Parteien, in denen die Sudetendeutschen organisiert waren, nahm die am 1. Oktober 1933 von Konrad Henlein gegründete Sudetendeutsche Heimatfront, später in Sudetendeutsche Partei (SDP) umbenannt, den weitaus bedeutendsten Platz ein. Ihr Anführer bekannte sich 1937 dezidiert zum Nationalsozialismus und suchte bei Deutschland Hilfe gegen die zentralistischen Tendenzen der ČSR-Regierung und die Benachteiligung der Deutschen in diesem Kunststaat, dessen Bestand von Großbritannien, Frankreich und der UdSSR garantiert wurde.
Was aber wollte Hitler? Die offizielle Lehrmeinung ist, daß ihn das Schicksal der Sudetendeutschen gar nicht interessiert und er bloß die „Zerschlagung der Tschechoslowakei“ angestrebt habe. Zur Vorbereitung der dafür nötigen Aktion habe er Henleins SDP eine gewisse Rolle zugedacht. Sie sollte laut Hitlers Weisung vom 28. März 1939 an die ČSR Ansprüche stellen, „die für die tschechische Regierung unannehmbar sind“. Das geschah im „Karlsbader Programm“ vom 24. April 1938 und ließ die ČSR am 20. Mai 1938 mobilisieren, da sie mit der Behauptung eines deutschen Angriffes die Briten in den Krieg ziehen wollte. Daß der in der Tat immer näher rückte, hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß Briten und Franzosen erklärten, sie würden der ČSR gegen Deutschland beistehen. Denn nun sah es so aus, als ob die britische und französische „Intervention“ Hitler in die Schranken gewiesen habe. Dadurch mußte sich dieser herausgefordert fühlen und forcierte seinen Angriffsplan.
Chamberlain, die „verdammten Tschechen“ und das „Appeasement“
Zu der für sakrosankt erklärten historiographischen Sichtweise zählt auch, daß bei Verschärfung der Sudetenkrise im September 1938 Großbritanniens Premierminister Neville Chamberlain (Bild) Hitler auf dem Obersalzberg persönlich aufgesucht und dadurch wie auch durch Konzessionen in der Sache eine Politik der Beschwichtigung, das berühmte „Appeasement“, betrieben habe, die Hitler nur zu weiteren Forderungen ermutigt habe. Doch Chamberlains Vorgehen war eine zweigleisige Strategie von Kriegsvermeidung und -vorbereitung. Für Vermeidung stand sein Versuch, die Dynamik Hitlers durch begrenzte Zugeständnisse abzubremsen und in der NS-Führung die verständigungsbereite Fraktion um Hermann Göring zu fördern. Somit billigte der Premier den deutschen Anspruch, die eklatanten Ungerechtigkeiten des Versailler Diktates zu beseitigen. Daher war er über die „verdammten Tschechen“ so erbost, die im Mai 1938 in der „Wochenendkrise“ einen drohenden Angriff der Wehrmacht glatt erfunden hatten, um Großbritannien in den Krieg zu ziehen. Daher beorderte Chamberlain mit Lord Runciman einen Emissär nach Prag, der ihm die Unhaltbarkeit der Lage der Sudetendeutschen bestätigte, was wiederum über die Köpfe der Tschechen hinweg zu dem Münchener Abkommen vom 29. September 1938 führte. Daher sprach Chamberlain nach seiner Rückkehr von „peace in our time“, womit er nicht das Konferenzresultat, sondern die mit Hitler getroffene Abmachung meinte, nie wieder gegeneinander Krieg zu führen. Daher garantierte das britische Schutzversprechen gegenüber Polen vom März 1939 nicht etwa dessen Grenzen, sondern nur dessen Unabhängigkeit.