von Alain Felkel
Der 18. Oktober 1918 wurde für Österreich-Ungarn zur Zeitenwende. An jenem Tag proklamierte der mährische Exilpolitiker Tomáš Garrigue Masaryk in Washington die Gründung der Republik Tschechoslowakei. Die USA, Großbritannien und Frankreich erkannten den neuen Staat sofort an. Am 28. Oktober 1918 akzeptierte die Donaumonarchie die Bedingungen von US-Präsident Wilson für einen Waffenstillstand, indem sie der Abtrennung der böhmischen Kronlande zustimmte. Wenig später dankte Kaiser Karl I. von Habsburg ab.
Der Zusammenbruch des Habsburgerreiches war ein enormer Schock für seine deutschsprachigen Untertanen. Gemildert wurde die Katastrophe nur dadurch, daß sich plötzlich den deutschsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens die Möglichkeit bot, sich der entstehenden Republik Deutschösterreich anzuschließen. Schließlich hatte US-Präsident Wilson das Recht der Völker auf Selbstbestimmung ausgerufen. In Reichenberg bildete sich daher eine provisorische Landesversammlung, welche jedoch vergeblich die Selbstbestimmung Deutsch-Böhmens forderte. Ende Oktober 1918 annektierten tschechoslowakische Truppen in krasser Mißachtung des Völkerrechtes die böhmisch-mährischen Kronlande. Dadurch gerieten plötzlich 3,5 Millionen Sudetendeutsche unter das Joch der Tschechoslowakei.
Die politischen Führer der Sudetendeutschen waren nicht gewillt, sich dies gefallen zu lassen. Sie reisten Anfang November 1918 nach Prag, um den Konflikt diplomatisch zu lösen. Die Mission scheiterte krachend. Der tschechoslowakische Finanzminister Alois Rasin wies die Emissäre mit den Worten „Mit Rebellen verhandeln wir nicht“ rüde ab und verweigerte der sudetendeutschen Minderheit somit jegliches Selbstbestimmungsrecht. Appelle an die Alliierten verhallten ebenfalls ungehört, da ihnen Masaryk die Sudetendeutschen als unbedeutende ethnische Minderheit darzustellen wußte.
Nun griffen die sudetendeutschen Führer zu Mitteln des passiven Widerstandes. Der Konservative Dr. Rudolf Lodgman von Auen und der deutsche Sozialdemokrat Dr. Josef Seliger riefen die deutschsprachige Bevölkerung der böhmischen Kronlande zum Generalstreik und zu Demonstrationen gegen die tschechoslowakische Regierung auf. Als Zeitpunkt der Demonstrationen wurde der 4. März 1919 auserkoren, ein Datum mit hohem Symbolwert. An jenem Tag trat in Wien das österreichische Parlament zusammen, dessen Wahl den Sudetendeutschen verwehrt geblieben war.
4 .März 1919: Über fünfzig erschossene sudetendeutsche Demonstranten für das versprochene Selbstbestimmungsrecht der Völker
In Teplitz-Schönau hielt Josef Seliger eine Rede. In ihr forderte er das Selbstbestimmungsrecht für die Sudetendeutschen und den Anschluß des Sudetengebietes an Deutsch-Österreich, wobei es zu keinerlei ernsthaften Zwischenfällen kam. Anderswo war den sudetendeutschen Demonstranten weniger Glück beschieden. In Karlsbad, Sternberg, Mies, Arnau, Eger und Aussig schossen tschechische Soldaten nach gegenseitigen verbalen Provokationen dutzende Demonstranten nieder und töteten 29 von ihnen. Am schlimmsten erging es jedoch den Protestierenden in Kaaden in Westböhmen. Nachdem Tausende sich auf dem örtlichen Marktplatz versammelt hatten und eine handfeste Prügelei um das Hissen der tschechoslowakischen Flagge vor dem Rathaus entbrannt war, schossen die Regierungssoldaten mit Maschinengewehren und Karabinern hemmungslos in die Menschenmenge. Das Resultat war verheerend: 25 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Insgesamt wurden an jenem Tag im Sudetenland 54 Demonstranten getötet und etwa 130 verwundet.
Vergebens drangen die Sudetendeutschen bei der tschechoslowakischen Regierung auf restlose Aufklärung. Die Tschechoslowaken betrieben systematisch eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Die an den Gemetzeln beteiligten Soldaten behaupteten, von den Sudetendeutschen durch tätliche Angriffe zu den tödlichen Salven provoziert worden zu sein. Darüber hinaus verzögerten die Strafbehörden die Untersuchungen zu den Geschehnissen des 4. Märzes so lange, bis die tschechoslowakische Armee die beteiligten Soldaten in andere Landstriche versetzt hatte und wichtige Untersuchungsunterlagen spurlos verschwunden waren.
Derartige juristische Taschenspielertricks machten den 4. März 1919 nicht ungeschehen. Das Blutbad zeugte im Sudetenland einen identitätsstiftenden Märtyrerkult um die Toten des 4. Märzes 1919, auch Märzgefallene“ genannt. Darüber hinaus wurde es zum Auftakt einer verhängnisvollen Gewaltspirale. Diese führte zum Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 und endete 1946 nach zahlreichen weiteren Massakern an den Sudetendeutschen mit ihrer Vertreibung aus der Heimat.