von Bruno Burchhart
Der Stellenwert der Muttersprache für die eigene Identität und die Identität der eigenen Gruppe bzw. des eigenen Volkes ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die eigene Tradition, die Geschichte, die Sitten, das Brauchtum, die Bildung – all das wird in der Muttersprache weitergegeben. Infolge der Zerstückelung Europas durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges fanden sich plötzlich viele Angehörige des deutschen Volkes als Minderheiten in neuen Staaten. Dadurch und durch die Zeit der kommunistischen Diktaturen im „Ostblock“, wo Deutsch unter strenger Strafandrohung verboten war, war die Weitergabe der deutschen Muttersprache meist sehr schwierig: Eine „sprachlose“ Generation war dort die Folge.
Die Lage der deutschen Muttersprache im heutigen Europa ist sehr unterschiedlich. Innerhalb der „binnendeutschen“ Staaten wird in der BRD natürlich Deutsch gesprochen, aber eine ausdrückliche Festlegung darauf gibt es nicht; in Österreich ist die deutsche Sprache als die Staatssprache verfassungsmäßig fixiert, in Liechtenstein und Luxemburg ist sie die Amtssprache, in der Schweiz Hauptsprache. In vielen weiteren Staaten gibt es jedoch eine deutsche Minderheit bzw. Volksgruppe. Dabei sieht man eine beträchtliche Variationsbreite, von der gleichberechtigten deutschen Sprache wie in Belgien bis zur nicht einmal verfassungsmäßigen Anerkennung auch nur der deutschen Volksgruppe wie in Frankreich und Slowenien.
Leuchtendes Vorbild Belgien
Die relativ kleine deutsche Volksgruppe ist völlig gleichberechtigt mit der wallonisch-frankophonen und der flämisch-niederländischen. Alle drei sind Staatssprachen und haben ein gleichberechtigtes Parlament für ihre Angelegenheiten. Deutsch ist in Ostbelgien (Eupen-Malmedy) alles, unterrichtet wird auf Deutsch in Kindergärten und Grundschulen bis hin zu Gymnasien und Fachschulen. Straßen, Betriebe usw. sind deutsch beschriftet. Die deutsche Tageszeitung Grenzecho informiert über Regionales und Weltnachrichten ebenso wie das deutsche Radio Contact. Im eigenen Parlament wird in Deutsch verhandelt. Eine so vorbildhafte Situation gibt es für die Deutschen in Europa sonst nirgendwo.
Noch halbwegs annehmbare Verhältnisse bestehen in Rumänien, Südtirol, Ungarn und mit Abstrichen in Schlesien und Dänemark. Eher mäßig ist die Situation in Kroatien, Serbien, der Slowakei und Tschechien, sehr schlecht in Slowenien und Frankreich.
Rumänien
Im 1918 entstandenen Groß-Rumänien fanden sich deutsche Volksangehörige aus verschiedenen früheren Staaten auf einmal gemeinsam in einem neuen Staat: Sie alle mußten sich erst zusammenfinden. Die Siebenbürger hatten den großen, bis heute anhaltenden Vorteil des deutschen Schulsystemes, das alle Regimes von der Monarchie über die Republik bis zum Kommunismus überstanden hatte. Dadurch konnte die Muttersprache erhalten bleiben. Das deutsche Schulsystem in Rumänien stellt eine erfreuliche Besonderheit dar. In den Lyzeen/Gymnasien wird in deutscher Sprache unterrichtet. Wegen des hohen Ansehens der deutschen Schulen und der schwindenden Zahl der deutschen Minderheit werden diese hauptsächlich von ethnischen Rumänen besucht. Gewisse Probleme mit Lehrern für technische Fächer, bei Büchern etc. gibt es zwar, aber die Gymnasien in Hermannstadt, Temeschwar etc. blühen. Die verfassungsmäßige Vertretung der Deutschen erfolgt im kulturellen und politischen Bereich durch das DF (Demokratische Forum). Die Allgemeine Deutsche Zeitung, wohlgemerkt eine Tageszeitung, und das Wochenblatt Hermannstädter Zeitung informieren, deutsches Radio hingegen gibt es nur regional und stundenweise. Bekannt sind die „Deutschen Literaturtage“ im Banater Reschitza, der Literaturzirkel „Stafette“ in Temeschwar und besonders das Deutsche Theater ebendort. Zahlreiche Kulturgruppen – Chöre sowie Tanz- und Instrumentalensembles – tragen zur Förderung von Muttersprache, Kultur und Tradition bei, ein ausgezeichnetes Jahrbuch berichtet darüber. Eine insgesamt also recht gute Situation.
Italien
Italien wurde 1918 das jahrhundertelang deutsch besiedelte Südtirol zugeschlagen und dieses dann einer massiven Italianisierung unterzogen, u.v.a. durch gelenkte Zuwanderung, Italianisierung von Personennamen und geographischen Bezeichnungen sowie Verbot des Deutschunterrichtes. Erst 1992 konnte mit der Umsetzung des Autonomiestatutes eine halbwegs akzeptable verfassungsmäßige Lösung erreicht werden. Muttersprachlich gesehen ist das Schulproblem heute entsprechend dem Proporzsystem zwischen den 600.000 Deutschsüdtirolern, 300.000 Italienern und 30.000 Ladinern geregelt – mit zahlreichen Grundschulen, Fachschulen und Gymnasien in 45 deutschen Schulsprengeln und 77 Direktionen sowie der seit 1997 eingerichteten Freien Universität Bozen. Die größte der deutschen Zeitungen sind die Dolomiten, dazu kommen etliche regionale und örtliche. Mehrere deutsche Radiosender informieren. Zahllose Kulturgruppen pflegen die deutsche Muttersprache und Tradition.
Es gibt in Italien außerdem noch etliche deutsche Sprachinseln – im Kanaltal, im Fersental, in Timau, in Sauris, mit den sieben cimbrischen Gemeinden. Sie behaupten mühsam ihre Sprachbesonderheiten der alten kärntnerisch-tirolo-bajuwarischen Dialekte.
Ungarn
Nicht leicht ist die Situation der ungarländischen Deutschen, da sie im Gegensatz zur geschlossenen volksdeutschen Siedlung in Rumänien und in Südtirol ziemlich verstreut leben. Es gibt deutsche Zentren im Bereich Budapest, Westungarn und im südungarischen Komitat (Bezirk) Branau/Baranya. In der LdU (Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen) sind die Deutschen im kulturellen und politischen Bereich verfassungsgemäß organisiert.
Die Muttersprachenvermittlung ist schwierig. Trotz massiver Magyarisierung, Horthy-Faschismus und Kommunismus kann man heute zwar wieder ein deutsches Leben mit unendlich vielen kulturellen Vereinigungen erkennen. Es gibt mittlerweile auch in allen Komitaten deutsche Kindergärten und deutsche Grundschulen, die zum Teil unter Mitträgerschaft der LdU stehen. Das Problem liegt in den unterschiedlich vielen Deutschstunden pro Woche, die von einer bis zu fünf Stunden reichen. Es existieren auch deutsche Gymnasien, z.B. in Budapest, sowie zwei große deutsche Bildungszentren in Frankenstadt/Baja und Fünfkirchen/Pécs. Dort wird vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Matura in Deutsch unterrichtet. In Budapest ist die deutsche Andrassy-Universität beheimatet, sowie ein universitäres Germanistikinstitut. Die Lehrerausbildung wird von den ungarländischen Deutschen in großer Intensität vorangetrieben.
Es besteht außerdem eine große Zahl von Kulturgruppen wie Instrumental- und Tanzgruppen sowie Chören. Deutsche Medien wie die tägliche Budapester Zeitung, die regionale Balaton-Zeitung, besonders auch das Sonntagsblatt der Jakob-Bleyer-Gesellschaft informieren; auch gibt es eine deutsche Radiosendung aus Fünfkirchen. Ein deutsches Theater wird im südwestungarischen Sechsard/Szekszárd bespielt. So kann das Deutschtum auf vielfältige Art gepflegt und weitergegeben werden. Angeführt werden muß, daß das Magyarenland der einzige Staat ist, der für die Vertreibung der Deutschen einen eigenen Feiertag, den 19. Januar, eingerichtet hat. Ein nachahmenswertes Beispiel für andere!
Polen
Eine völlig andere Situation findet man im Fall der Volksdeutschen in Polen vor. Nach Flucht, Genozid und Vertreibung der meisten Deutschen war eine Sammlung der „sprachlosen“ Generation nach der Wende sehr schwierig. Im VdG (Verband der deutschen soziokulturellen Gemeinschaften) sind die etwa 300.000 Volksdeutschen als verfassungsmäßig anerkannte Minderheit kulturell und politisch organisiert. Die Vermittlung der Muttersprache ist in Anbetracht der eher restriktiven polnischen Regierung nicht einfach. Es werden nur zwei bis drei Wochenstunden Deutschunterricht in den Volksschulen des Minderheitengebietes finanziert. Es gibt dort Kindergärten und Grundschulen, wo unter der Trägerschaft des VdG mit Hilfe von Vereinen wie Pro liberis Silesiae oder dem privaten Kindergarten „Wunder“ in Chronstau ein zweisprachiger Unterricht erfolgt. Eine großartige Ausnahme ist der Schulkomplex in Goslawitz bei Oppeln, wo vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Matura in Deutsch unterrichtet wird. Das deutsche Wochenblatt informiert, ein sehr schönes Jahrbuch resümiert. Man kann deutsches Internetradio, allerdings kaum deutsches Fernsehen konsumieren. In Oppeln gibt es ein großartiges Museum über die Volksdeutschen. Viele Kulturgruppen halten die deutsche Tradition aufrecht – keine leichte Aufgabe.
Balkanstaaten, Tschechien, Slowakei
In den Staaten mit relativ kleinen deutschen Minderheiten wie Kroatien, Serbien, der Slowakei und Tschechien ist eine schon fast bedrohliche Situation festzustellen. Die Folgen von Flucht, Vertreibung und Genozid sind gewaltig. So leben dort nur mehr wenige tausend Volksdeutsche. Zwar gibt es jeweils zahlreiche Vereinigungen, vorwiegend in den Städten, die mit Hilfe von Kulturgruppen in ihren meist von der BRD errichteten Gemeinschaftshäusern die Tradition pflegen. So geschieht es mit großem Idealismus in den etwa zehn Ortsgruppen in Kroatien, wie z.B. Esseg/Osijek, den etwa zwölf in Serbien wie z.B. Mariatheresiopel/Subotica, weiters den 21 in Tschechien wie z.B. Reichenberg und Aussig sowie den etwa zwölf in der Slowakei, z.B. in Preßburg. Die deutschen Zeitungen Karpatenblatt in der Slowakei, das Landesecho in Tschechien und das zweisprachige Deutsche Wort in Kroatien sind hervorragende Medien. Der muttersprachliche Deutschunterricht erfolgt jedoch nur durch private Initiativen in den Ortsgruppen. Es gibt keine deutschen Schulen, die Ausnahme ist das Thomas-Mann-Gymnasium in Prag. Gott sei Dank findet man überall kulturelle Aktivitäten, wodurch die eigene Tradition, wie Volkstanz, Literatur und Musik, hochgehalten wird. Auch Theatergruppen bestehen. Ein herrliches Museum über die Karpatendeutschen findet sich in Preßburg, ein wunderbares Jahrbuch in Marburg in Slowenien. Mit großem Idealismus wird dort überall gearbeitet und geschaffen.
Baltikum
Kurz erwähnt werden soll noch die Situation der Baltendeutschen. Das traditionsreiche Baltendeutschtum besteht heute nur mehr aus wenigen tausend Seelen in Estland und Lettland. Deutsch wird nur als Fremdsprache unterrichtet. Literarische und gesellschaftliche Veranstaltungen finden unter den Volksdeutschen statt. Wichtig ist der wiederbelebte Kontakt zu den zahlreichen baltendeutschen Vereinigungen in der BRD.
Dänemark

Fahne des Bundes Deutscher Nordschleswiger
Beachtenswert ist die Situation der Deutschen in Dänemark. Für die im BDN (Bund Deutscher Nordschleswiger) zusammengeschlossenen etwa 20.000 Dänen-Deutschen gibt es 22 deutsche Kindergärten, 14 deutsche Schulen und ein Gymnasium in Apenrade. Kulturelle Aktivitäten und die politische Vertretung sind gewährleistet. Ein ausgeklügeltes Büchersystem und die Zeitung Der Nordschleswiger versorgen die Volksgruppe.
Fördernde Institutionen
In der AGDM (Arge der Deutschen) innerhalb der FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) wird von Seiten aller Volksdeutschen zusammengearbeitet. Die bundesdeutsche Regierung fördert die deutschen Volksgruppen nach Kräften. Auch von Österreich kommt Unterstützung, ebenso wie von privaten Vereinigungen wie z.B. der Österreichischen Landsmannschaft, der Deutschen Burschenschaft und dem Kärntner Heimatdienst. Sie alle bemühen sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, ungebrochen um die Förderung der Muttersprache und des deutschen Volkstumes – und auch die Abonnenten des ECKARTs leisten dazu einen wichtigen Beitrag!