von Reinhild Bauer
Brauchtum (49)
Die Entstehungsgeschichte dieses Sternes beginnt – wie schon der Name vermuten läßt – in Herrnhut. Diese Siedlung in der Oberlausitz entstand zu Beginn des 18. Jh., als protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Mähren in das lutherische Sachsen zogen. Die Herrnhuter Brüdergemeinde entwickelte sich rasch zu einer starken Gemeinschaft mit über die ganze Welt verstreuten Missionen. Die Kinder der Missionare wurden zu Bildungszwecken in die Standorte in Deutschland geschickt. Im Hauptsitz der Brüdergemeinde in Herrnhut wurden Mitte des 19. Jh. mit diesen Kindern zur Weihnachtszeit die ersten Herrnhuter Sterne gebastelt – und zwar im Mathematikunterricht. Der Lehrer verwendete die Form des Sternes, um seinen Schützlingen ein besseres geometrisches Verständnis zu vermitteln. Die Sterne waren weiß und rot, als Sinnbild für Reinheit und für das Blut von Jesus Christus und sollten den heimwehgeplagten Kindern als „Stern von Bethlehem“ Trost schenken. Seit dieser historisch bedeutenden Mathematikstunde wurden in der Herrnhuter Brüdergemeinde – weltweit bekannt unter „Moravian Church/Mährische Kirche“ – diese Sterne zum ersten Advent gebastelt und aufgehängt. Die Kinder trugen diese Sterne in alle Missionarshaushalte, und so verbreitete sich der neue Brauch rasch.
Traditionell wird der Stern am 1. Advent aufgehängt und leuchtet die gesamte Weihnachtszeit hindurch. Der „Saisonschluß“ dieses Schmuckstückes ist jedoch undefiniert. Mancherorts wird er mit dem Ende der Weihnachtszeit am 6. Jänner wieder abgebaut, andere lassen ihn bis Mariae Lichtmeß am 2. Februar hängen und manche wollen diese Zierde noch länger genießen und lassen ihn überhaupt auf unbestimmte Zeit in ihren Stuben.
Der echte Herrnhuter Stern besteht aus 25 Zacken: 17 viereckigen und acht dreieckigen Spitzen, wobei ganz ursprünglich die dreieckigen Spitzen rot und die viereckigen weiß waren. Und ganz traditionell muß der Stern selbst zuhause zusammengebaut werden. Der Herrnhuter Buchhändler Pieter Hendrick Verbeek entwickelte einen Modellbogen zum Zusammenbauen des Sternes und ließ sich Ende des 19. Jh. diese Idee patentieren. Die Beliebtheit dieser Sterne ist bis heute ungebrochen. Mittlerweile gibt es sie in unzähligen Größen und Farben sowie aus verschiedensten Materialien.
So wurde aus einer kleinen Bastelidee im Mathematikunterricht einer ursprünglich mährischen geflüchteten Minderheit eine weltweit beliebte Weihnachtsdekoration mit starker Symbolik. Ein Brauch, der sich in jedem (Papier-)Stern zur Weihnachtszeit zeigt.
Über die Autorin:
28 Jahre alt, Ehefrau, Mutter und Mitorganisatorin zweier großer Kulturveranstaltungen für die deutsche Jugend; aufgewachsen im Österreichischen Turnerbund und der Bündischen Jugend, Studium zur Volksschullehrerin, anschließend drei Jahre in der österreichischen Politik.