Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Dauerschizophrenie

von Benedikt Kaiser

Kaisers Zone (36)

„Die Vorherrschaft einer sozialen Gruppe“, definierte der italienische Revolutionär Antonio Gramsci zeitlos, „zeigt sich auf zwei Arten, als Beherrschung und als intellektuelle sowie moralische Führung.“ Würden beide Arten – Herrschaft und Führung – konvergieren, wäre politische Macht (einstweilen) gesichert.

Eben dies war vor exakt 35 Jahren, in der Endzeit der DDR, nicht mehr gegeben. Die Nomenklatura der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beherrschte zwar noch die Bevölkerung, aber sie verlor ihre letzten intellektuellen und moralischen Führungskapazitäten. Der durchschnittliche Bürger wußte um die faktische Herrschaft der SED durch ihre repressiven und ideologischen Staatsapparate. Aber man bezweifelte ihre Legitimität. Das sorgte zuallererst für Entfremdung der Beherrschten von ihren Herrschern, hernach für Risse im Block an der Macht, die sich zu Brüchen entwickeln konnten.

Eine der wirkmächtigsten DDR-Autorinnen, Christa Wolf, stellte über Jahrzehnte hinweg Herrschaft und Führung der DDR nicht in Frage; sie galt nicht nur als begnadete Schriftstellerin, sondern in letzter Instanz auch als regimeloyal. Doch im Oktober 1989, Wochen vor dem Mauerfall, griff sie zur Feder. Sie tat dies in der Wochenpost und damit in einer reichweitenstarken Zeitung, die über eine durchschnittliche Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren verfügte – bei einer DDR-Einwohnerzahl von lediglich ca. 16 Millionen. Der Text kann als Lehrstück fundamentaler Regierungskritik gelesen werden. Denn unter der Überschrift „Das haben wir nicht gelernt“ blies Wolf zum Frontangriff auf eine übergriffige bzw. indoktrinierende Art und Weise, die Jugend zu erziehen. Statt Mündigkeit habe man Unmündigkeit produziert, statt auf kritische Bewußtseinsbildung und konstruktiven Meinungsstreit habe man auf Aushöhlung der Diskursfähigkeit und Glaubenslehren gesetzt. Die Folge sei ein Zustand der „Dauerschizophrenie“ gewesen – ein verfestigter Zustand des Widerspruchs zwischen individuellen, subjektiven Wahrnehmungen und offiziellen, vermeintlich objektiven Darstellungen der Verhältnisse. Gemeint war so lapidar wie folgenschwer: Was in der Zeitung und im Fernsehen berichtet wurde, nahm das Volk nicht mehr ernst – der eigene Blick auf die Zustände im Land kollidierte ständig mit den offiziösen SED-„Narrativen“.

Bei aller grundsätzlichen Differenz zwischen 1989 und 2024, zwischen DDR und BRD: Es stellt sich die Frage, ob Teile dieser Wolfschen Kritik nicht auch unter heutigem Blickwinkel gelesen werden könnten. Was ist es anderes als „Dauerschizophrenie“, wenn man im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) und in den regierungsfreundlichen Privatmedien von „gewinnbringender Vielfalt“ und einer harmonischen „bunten Gesellschaft“ liest, während die Verwerfungen des sogenannten Multikulturalismus’ sogar in ostdeutschen Kleinstädten ankommen? Was ist es anderes als „Dauerschizophrenie“, wenn Deutsche heute der Presse entnehmen müssen, wie konsensual „die Gesellschaft“ gemeinsam mit „der Politik“ gegen „rechts“ aufstehe, wo doch im Alltag viele Menschen die zum Teil neue Erfahrung machen, daß der Zorn auf die Herrschenden immer mehr Landsleute erfaßt?

Gramsci sagte einst, der Machtblock gerate in eine Krise, wenn er nur noch herrsche, aber nicht mehr führe. Wir nähern uns heute diesem Zustand – innerhalb wie außerhalb der „Zone“.

Benedikt Kaiser

Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.

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