Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Das schwarze Tuch als Kleid und Fahne der Deutschen

von Daniel Fabian

Schwarz, Nicht-Farbe und Anti-Farbe und wegen seiner Farben voneinander scheidenden Kraft doch eine der häufigsten Tinkturen (Wappenfarben), ist aus der deutschen Nationalsymbolgeschichte nicht wegzudenken. Ob Altes Reich oder BRD, ob Schwarz-Rot-Gold, Schwarz-Weiß-Rot oder Schwarz-Gold, ob Deutscher Orden oder Hohenzollern-Preußen und davon abgeleitet z.B. das Eiserne Kreuz: Schwarz war immer prominent sichtbar. Das rein schwarze Tuch ist aber ungewöhnlich. In der turbulenten Phase zwischen 1813 und 1945 säumte schwarzer Stoff mehrfach den Schicksalspfad des deutschen Volkes in besonderer Weise, die einen genaueren Blick rechtfertigt.

Historisch steht das rein schwarze Tuch unter anderem für Tod und Lebensgefahr wie bei Pest- und Piratenflaggen, für Trauer und Buße, aber auch für die Negation von irdischem Prunk und aller Eitelkeit, letzteres besonders auffällig in der betonten Nüchternheit reformierter und lutherischer Pastoren seit dem 16. Jh. und bis in die Gegenwart, auch in Talar und Soutane der katholischen Priester. Obwohl insbesondere die liturgischen Gewänder auch andere Farben haben können, wurde Schwarz so zu einer mit dem Klerus assoziierten Farbe.

Eine neue Nationaltracht

Schwarzes Tuch bei Soldaten, Freischärlern und Rebellen ist ein Symbol für Rache, auch Todesverachtung, Verzweiflung. Wer sich unter’s schwarze Banner stellt, zeigt damit, das letzte Mittel zu ergreifen und zum äußersten bereit zu sein. In diesem Sinn wurden schwarze Fahnen bereits in Bauernaufständen des 17. Jh. verwendet. Berühmt wurde die schwarze Uniform der Lützower Freischar im Befreiungskampf gegen Napoleon: Wegen Geld- und Uniformmangels hatten die Kämpfer ihre zivile Kleidung zu benutzen. Da Schwarz alle Farben überdeckt, entstand die ungewöhnliche schwarze Uniform. Die immense Popularität dieser Freiwilligentruppe nach dem Kriegsende 1814/15 trug dazu bei, auch den schwarzen Leibrock bekannt zu machen, zumal die Waffenröcke nach dem Krieg noch bei den ehemaligen Kämpfern vorhanden waren und wiederum zivil weiterverwendet wurden, nicht zuletzt von den Studenten der Jenaer Urburschenschaft. Auch deren Festuniformen bestanden selbstverständlich aus schwarzen Leibröcken.

Auf Anregungen der nationalen Vordenker Arndt und Jahn entstand aus diesen Anfängen gar die Idee einer neuen „Deutschen Nationaltracht“ aus schwarzem Rock und schwarzem Barett, die eine Zeitlang begeistert aufgenommen wurde; viele Darstellungen von deutschen Patrioten in solcher Tracht aus jener Zeit lassen sich finden. Dementsprechend waren die meisten Vorschläge für eine solche „Nationaltracht“, die in den Folgejahren in Modezeitschriften präsentiert wurden, schwarz gehalten und orientierten sich mehr oder weniger stark an den Freikorpsuniformen. Auch bei den Damenkleidern, die der neuen „deutschen Tracht“ folgen wollten, setzte sich schwarzes Tuch als „Nonnenzeug“ durch. Diese schwarze Farbe war das wesentliche Unterscheidungskriterium zur französischen oder englischen Mode der Zeit, von der zumindest die neue „Nationaltracht“ der Damen sich im Schnitt wenig unterschied. Zur zeitgenössischen Mode des Biedermeier- und Empirestils in Pastelltönen und Weiß bildeten die schwarzen Gewänder einen denkbar starken Kontrast.

Schwarze Fahnen des Widerstandes

Neben diesem letztlich gescheiterten und kurzlebigen Versuch der Neustiftung eines Nationalsymbols steht als zweites historisches Unikum die schwarze Fahne. Seit der Julirevolution 1830 in Frankreich hatte diese Flagge Karriere als Zeichen für Protest, Aufstand und v.a. für  Anarchismus gemacht. In Deutschland setzte sich diese Bedeutung – auch aufgrund des Mangels an Revolution – zunächst eher weniger durch, nach dem Ersten Weltkrieg dafür umso mehr. Aus dem Protest gegen die Republik und das Versailler Friedensdiktat erwuchs in den Freikorps, später in den neuen politischen Gruppen der Nationalrevolutionäre und der „Konservativen Revolution“ der schwarzen Fahne eine eigene Bedeutung. Sie wurde in verschiedenen Gestaltungen deren Zeichen schlechthin, über die verschiedenen politisch rechten Gruppen – Nationalrevolutionäre, Landvolkbewegung, Jugendbünde – hinweg verbreitet finden sich schwarze Flaggen und Wimpel auch als Gestaltungselement auf Druckschriften und Bildpropaganda, schwarze Uniformteile usw. Unzählige „jugendbewegte“ junge Deutsche zogen unter schwarzen Wimpeln auf Fahrt. Viele Lieder aus den Jugendbünden zeigen bis heute die Anziehungskraft dieses Symboles. Auch die Freikorps der ersten Nachkriegszeit kämpften im In- und Ausland vielfach unter improvisierten schwarzen Fahnen.

Dabei spielte die Erinnerung an die Freischaren hundert Jahre zuvor ebenso hinein wie ahistorische Annahmen. Die Vorstellung einer historisch nicht belegten „schwarzen Bauernkriegsfahne“ etwa war so stark, daß der Schöpfer der Fahne für die widerständigen Bauern in Norddeutschland 1929, Peter Petersen, diese wie selbstverständlich als Vorlage nahm und gar nicht an ein anderes Widerstandssymbol dachte.

In der durchaus langen europäischen Geschichte der schwarzen Fahne als politisches Symbol – meist an den politischen Rändern, rechts wie links – ist ihr Auftreten zwischen den Weltkriegen in Deutschland wie ein kurzes, aber ungewöhnliches und markantes dunkles Aufblitzen. Die Flaggen verschwanden mit der Zwangsvereinigung der Jugendbünde in der HJ und der Zerschlagung aller legalen Strukturen. Der NS-Staat vereinnahmte den schwarzen Stoff, wieder in der alten Bedeutung von Todesdrohung und Abschreckung, in seinen Elitetruppen SS und Panzertruppe. Vor allem die SS-Uniformen hoben sich markant von den Brauntönen der Parteiuniformen und dem Feldgrau der Wehrmacht ab und werden bis heute weltweit stark mit dem „Dritten Reich“ assoziiert. Aufgrund dieser Assoziation verschwand mit dem Ende des Nationalsozialismus’ die schwarze Farbe völlig aus der militärischen Nutzung in Deutschland.

Einen letzten Nachhall fand die „schwarze“ nationale Tradition Deutschlands im Auftauchen schwarzer Fahnen bei den Protesten der Ruhrarbeiter 1966. Es blieb eine Episode, auch wenn der linksnationale Autor H. Eichberg versuchte, in einem berühmt gewordenen Lied eine Verbindung zwischen Landvolkbewegung, Ruhraufstand und künftiger patriotischer Erhebung gegen Fremdherrschaft und deutsche Teilung herzustellen. Heute sind schwarze Fahnen und schwarze Bekleidung neben Traueranlässen am ehesten europaweit präsent als Farbe von linken und rechten Anarchisten, „freien Kräften“ und als Zeichen für Widerstand und Gewaltbereitschaft, insbesondere bei Demonstrationen. Die häufigste Nutzung dürfte im Linksextremismus bzw. der „Antifaschistischen Aktion“ zu finden sein. Aus der beschriebenen, kurzlebigen Tradition in Deutschland heraus lebt das schwarze Tuch nur noch in einigen Liedern und Fahnen der Jugendbewegung.

Liedauswahl:

„Die schwarzen Fahnen flattern im Wind“ (Walter Jansen)

„Laßt weh’n die schwarze Fahne“ (Walter Gollhardt)

„Schwarze Fahne halte stand“ (Karl Foltz)

„Schwarz ist die Sorge und schwarz unser Brot“ (aus dem Jugendbund dj 1.11)

„Wer trägt die schwarze Fahne dort“ (Henning Eichberg)

Literaturhinweise:

E. M. Schneider: Herkunft und Verbreitungsformen der „Deutschen Nationaltracht der Befreiungskriege“ als Ausdruck politischer Gesinnung (Diss. 2002)

K. Weißmann: Schwarze Fahnen, Runenzeichen (1991)

Ders.: Lexikon politischer Symbole (2022)

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