Gebäudekomplex „Pirnaisches Tor“ in Dresden; der programmatische Schriftzug leuchtete vom 1. Mai 1968 bis zu seiner Entfernung 1987.

„Außer Raum Dresden“

Zur Besonderheit einer Stadt und ihrer Bewohner

von Susanne Dagen

Aufgewachsen bin ich in den 70er Jahren in einer Stadt, die an vielen Stellen noch längst nicht jener sozialistischen Großstadt glich, die sie vorgab zu sein. „Der Sozialismus siegt“ prangte am zentralen Hochhaus des neu erbauten Stadtzentrums. In der Nacht leuchtete es in die Häuser hinein, an kalten Tagen aber war es oft kaum zu lesen, da die umliegenden Wohnblöcke noch mit Braunkohle beheizt wurden, die die Luft dunstig und „diessch“ werden ließ. Ich hustete mich wie viele andere Kinder durch den Winter.
In den frühen 80ern beheulte der Westen das Waldsterben und den Kalten Krieg; wir erfuhren davon nichts: ARD hieß im Volksmund „Außer Raum Dresden“, da aufgrund des Elbtals bei uns im Raum Dresden kein Westsender zu empfangen war. Heute meine ich, daß wir Dresdner uns vielleicht auch deshalb unseren eigensinnigen Geist und unerbittlichen Lokalpatriotismus bewahrt haben.

Kindheitserinnerungen, bittersüß

Und dennoch wurde jeden Sonntagmorgen bei meinen Großeltern versucht, Deutschlandfunk zu hören. Ich mußte ganz still sein, durfte mich nicht rühren, da selbst das Rascheln des frottierten Bademantels aus dem „Haus des Kindes“, ergattert erst nach stundenlangem Anstehen auf der Straße, ein Geräusch verursacht hätte, das die durch Knattern und Pfeifen unterbrochenen Morgennachrichten vollends unverständlich gemacht hätte. Auf dem Spiel stand ein Stück Herrenschokolade aus dem Nachttisch meines Großvaters, das mir bitter im Gaumen klebte und dennoch den Morgen versüßte. Also still sein! Nach dem Frühstück, das am Wochenende immer auf
Meissner Zwiebelmuster serviert wurde, begann sich meine Großmutter mit mir zu beschäftigen. Wir haben herrliche Stunden mit dem Betrachten von Familien-Photoalben, Vorlesen und dem Lauschen der Jugenderzählungen meiner Großmutter verbracht – Schlesien, Böhmen, Berlin, Prag, Dresden – all die Lebensstationen ließen Bilder in mir entstehen von Vergangenem, Unwiederbringlichem. Manchmal seufzte die Großmutter tief, und in den Augen dieser energischen Frau glänzte es. Das alte Dresden von Fritz Löffler, Richard Peters Eine Kamera klagt an – Bücher, die in jedem Haushalt vorhanden waren, sind für mich erste bildhafte Erfahrungen des zerstörten Dresdens und begleiteten mich bis tief in meine Träume hinein.

Ich verbrachte die Wochenenden meiner Kindheit vor allem in dieser Drei-Zimmer-Neubauwohnung im 5. Stock. Meine Großeltern waren „Erstbezug“, also gleich nach der Fertigstellung 1971 eingezogen, hatten fast alle Möbel aus der zurückgelassenen Fünf-Zimmer-Wohnung mit hohen Stuckdecken (soviel heizen!), den großen Kastenfenstern (soviel putzen!) und mit geschmückten Kachelöfen (soviel Kohlengeschleppe!) verschenkt oder für wenig Geld verkauft. Es gab hier einen Fahrstuhl, in dem Kinder nicht alleine fahren durften, und auf jeder Etage einen Müllschlucker, der, wenn er nicht richtig verschlossen war, den ganzen Flur mit den sechs symmetrisch abgehenden, nur nummerierten Wohnungstüren mit furchtbarem Gestank erfüllte. Wie oft bin ich, mir die Nase zuhaltend, japsend und mit hochrotem Gesicht in die großelterliche Wohnung gestolpert.
Das einzige große Möbelstück, das unbedingt mit umziehen mußte, war der Flügel meiner Großmutter. Er stand im Herrenzimmer, wo mein strenger Großvater seine Gäste empfing, gleich neben dem Aquarium, das ebenfalls ein Erbstück war. Während meine Großmutter ihre sonntäglichen Etüden spielte (es war immer Bach), beobachtete ich die Fische im erleuchteten, mit geschnitztem Holz eingerahmten Wasserbecken. Panzerwelse und Skalare waren das, so erfuhr ich auf Nachfrage, und schon saß ich inmitten von Büchern über Fische, großen Bildbänden aus tschechischen, russischen und ungarischen Verlagen, ergattert im „Internationalen Buch“ im Stadtzentrum. Da saß ich nun als kleines Mädchen in einem kratzigen Frotteebademantel mit Bach im Ohr und glänzenden Bildern von Südseefischen vor der Nase – und genau an diesem Ort begann meine Biographie als Leserin.

Tausche Schuhe gegen Mann!

Im Osten, so sagt man, wurde überhaupt sehr viel gelesen. Die DDR war ein „Leseland“! Es gab viele Buchhandlungen in den Städten; für die Arbeiter in den größeren Betrieben oft einen Werksladen, wo man auch Bücher kaufen konnte. Die Schlange vor dem innerstädtischen „Haus des Buches“ war lang und kringelte sich nicht selten bis zum nächsten Platz, wenn die Listen der Neuerscheinungen einzusehen waren, die man sich notierte und, mit Bestellwünschen versehen, bei der Buchhändlerin am Ausgang wieder abgab – „Wer wartet, hat Hoffnung.“ Und einen Funken Hoffnung hatten all jene, die Freundschaften zu Verkäuferinnen pflegten und etwas zum Tauschen hatten: Winterschuhe gegen Thomas Manns Zauberberg oder Gebrauchskeramik gegen den neuen Grass. Und so waren die Wohnungen voll von Schätzen mit eigenen Besorgungsgeschichten, die nur verliehen wurden an gute Freunde mit strengem Blick und einem Eintrag in ein eigens angelegtes Büchlein, „daß man sie auch ja zurückbringe!“.
Auch die mütterliche Wohnung im fußkalten Erdgeschoß der Dresdner Südvorstadt war eine Schatzkiste mit Büchern, Bildern, Porzellan, Jugendstilmöbeln und Schallplatten. Modern war hier nur ein kleiner Fernsehapparat mit Zimmerantenne, der die Programme DDR 1 und DDR 2 empfing und bei gutem Wetter noch ein tschechisches Radioprogramm. Ansonsten waren hier Muße und Stille. Rückzug.

Rückzug aus einem sozialistisch, ideologisch geprägten Alltag bedeutete, sich möglichst herauszuhalten; bedeutete weniger offenen Widerstand, als schützende Refugien zu finden. Das Lesen und Musizieren, das Familienleben, der Kreis von Freunden, mit denen man über Zweifel diskutieren konnte, waren solche Überlebensorte. Sie sind es zu allen Zeiten, nur braucht man sie mal mehr, mal weniger.

Der Entschluß, das Musikstudium aufzugeben, reifte bei mir zu Gunsten einer Buchhändlerlehre. Damit durchbrach ich nicht nur die familiäre Linie, die die Männer zu Medizinern und die Frauen zu Musikerinnen werden ließ, sondern auch die Erwartungshaltung meines Freundeskreises, der meinen Studienabbruch im Sommer 1989 kopfschüttelnd begleitete. Rückzug ja, aber doch nicht so offen, meinten viele. Daß am 9. November 1989 die Mauer fiel, konnte im Sommer noch niemand ahnen. Daß der ungeliebte Staat fast klanglos zusammenbrach – welch ein Glück!

Dresden veränderte sich. Wurde zur Landeshauptstadt, installierte Ministerien und siedelte eine große Anzahl westdeutscher Beamter an. Ein Teil der Dresdner, die im Dezember Helmut Kohl zugejubelt hatten, sahen dem nun mit ungläubigen Augen zu. Bis vor kurzem hatten sie noch geglaubt, die Freiheit herbeidemonstriert, die alten Kader aus den Ämtern gejagt zu haben und nun selbst regieren zu können … die Enttäuschung bei jenen, die gehofft hatten, war so schnell da wie die harte Währung im Sommer 1991.

In meiner Branche zum Beispiel wurde aus einem flächendeckenden Netz des Volksbuchhandels ein privater Filialkonzern für den Bezirk Dresden namens „Buch&Kunst“. Ein wettbewerbsrechtlich geschickter juristischer Schachzug erlaubte ein solches kartellähnliches Gebilde; ziemlich schnell sind die meisten Filialen aber wieder geschlossen oder anderweitig vergeben worden.
Und dennoch: Alles war plötzlich verfügbar. All das, was bis dahin nur in mehrfach kopierten Blättern bündelweise weitergereicht worden war, lag nun in den Buchhandlungen aus: Alexander Solschenizyn, Wolfgang Leonhard, Arno Schmidt, Uwe Johnson. Ich las und las und las. Und war erschüttert über das, was uns da vorenthalten worden war – und begann zu verstehen, warum.
Das einstmalige Leseland las weiter. Wurde Mitglied im Bertelsmannclub und in der Büchergilde Gutenberg, in Lesekreisen, bildete eigene Lesezirkel, las alles von der bunten Zeitung bis zum Diskursband bei Suhrkamp – die 90er Jahre schienen Jahre der Freiheit zu sein… ein tiefer Schlaf hatte uns wohlig umfangen.

Wir spürten das und wollten dem etwas Eigenes, etwas Neues und zugleich tradiert Dresdnerisches entgegensetzen. Wollten der unüberschaubaren Fülle unsere Auswahl entgegensetzen.
Der Rückblick zeigt die Folgerichtigkeit unseres buchhändlerischen und verlegerischen Tuns: die Eröffnung der eigenen Buchhandlung – von Anbeginn mit Autorenlesungen und Diskussionsabenden – im Jahr 1995, der Beginn unserer Verlagstätigkeit 2002, der Bau eines eigenen Veranstaltungshauses und dessen Eröffnung 2005, die Etablierung des privaten Lyrikstipendiums „poet in residence“ in Dresden 2013.

Die Verteidigung des Eigenen

Die Zweifel aber mehrten sich. Und spätestens seit der Migrationskrise im Sommer 2015 wurde Dresden wieder munter. Sehr munter, möchte ich meinen – dominierte es doch seit den Montagsspaziergängen der schon 2014 gegründeten PEGIDA („Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) ab Januar 2016, wo fast 25.000 Leute auf den Dresdner Straßen gegen die Migrationspolitik demonstrierten, die bundesdeutsche Medienlandschaft. Dresden galt nun endgültig als tief braun, der Dresdner als Nazi. Gejuckt hat das die wenigsten; wer eine Diktatur überlebt hat, weiß, daß alles seine Zeit hat. „Manchmal wern’s aber eben ooch vierzsch Jahre!“, tröstet man sich gegenseitig.
Der Name dieser Bürgerprotestbewegung ist zugegebenermaßen etwas sperrig; dennoch zeigt sich für mich hier sehr gut auch die Selbstwahrnehmung des Dresdners – denn Dresden ist Europa!
Gerade die tiefe Liebe und Verbundenheit des Dresdners zu seiner Stadt, die spätestens seit der Herrschaft Augusts des Starken zu einer europäischen Kulturmetropole wurde, die italienisches Flair mit gelebter Volkstradition verbindet und Sachsen mit Böhmen und Schlesien als eine große Kulturlandschaft betrachtet, ist es, was uns um unsere schützens- und erhaltenswerte Heimat kämpfen läßt. Und bei vielen der Demonstranten ist da ja noch die positive Erfahrung im Hinterkopf, schon einmal ein System gestürzt zu haben. Das treibt und trägt gleichermaßen.

„Außer Raum Dresden“ steht heute nicht mehr für fehlende Information aus dem Westfernsehen, sondern eher für den unbedingten Willen, den eigenen Raum nicht aufzugeben. Nicht schon wieder. Denn Jahre später sehen nicht wenige die Wiedervereinigung mit anderen Augen als damals – als versprochen wurde, aus den sterbenden Wäldern im Osten blühende Landschaften werden zu lassen und ein Land aufzubauen, in dem alle Wohlstand erlangen könnten.
Die Erkenntnis, auch beschrieben in Büchern, ist meistens retrospektiv. Dies nicht zum Prinzip werden zu lassen, hat uns bewogen, innerhalb unseres Verlages die neue Reihe „EXIL“ zu etablieren, die zeitpolitische und kritische Essays versammelt – an einem Ort, der für eine bestimmte Zeit den notwendigen Platz dafür bietet. Wir werden sehen, wie lange diese Zeit noch andauert. Als Dresdnerin bin ich gewappnet – mit einem gehörigen Maß an Heimatliebe, mit Büchern, Bildern und der Erfahrung aus zwei gesellschaftlichen Systemen.
PS: Der Spruch „Der Sozialismus siegt“ ist noch immer am Hochhaus zu sehen – mittlerweile steht er unter Denkmalschutz.

Über die Autorin:
Susanne Dagen, geb. 1972 in Dresden, lebt und arbeitet gemeinsam mit ihrem Mann in ihrer Heimatstadt als Buchhändlerin und Verlegerin. Zudem gehört sie für den Freie Wähler e.V. dem Dresdner Stadtrat an.

www.buchhaus-loschwitz.de