Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, Diego Delso, delso.photo, License CC BY-SAGoldrausch (und Bierrausch) im „deutschen“ Alaska

Goldrausch (und Bierrausch) im „deutschen“ Alaska

von Martin Hobek

Skagway ist eine Art „Western-Disneyland“. Das einzige, das die Einwohner dafür tun mußten, war, ihre Häuser zu bewahren. Und so kann man in einem ehemaligen Bordell mit unverändertem Interieur übernachten und tägliche Saloon-Shows besuchen. Skagway liegt in Alaska, dem größten und nördlichsten US-Bundesstaat – und dem deutschesten. Denn die offizielle Bevölkerungsstatistik zeigt, daß die Deutschen in Alaska mit 93.000 Einwohnern von 733.000 (12,7 %) die größte Gruppe stellen. Und sie spielten in der Geschichte Alaskas eine maßgebliche Rolle, anfangs allerdings unter russischer Flagge. Um die Herrschaft St. Petersburgs über Alaska zu festigen, richtete Zar Paul I., ursprünglich ein deutscher Herzog, das Amt des Gouverneurs ein. Unter den ersten Amtsträgern befanden sich zwei deutschbaltische Entdeckungsreisende, nämlich Ludwig Hagemeister und Baron Ferdinand von Wrangel. Beide hatten ihre familiären Wurzeln in Livland, Hagemeister im heutigen Lettland, Wrangel in Estland.

Rußland verkauft, Liechtenstein winkt ab, die USA greifen zu

1867 wurde Russisch-Amerika Teil der USA und zwar für 7,2 Millionen US-Dollar. Heutzutage hört man oft, daß die Russen Alaska damals „für ein Butterbrot“ verscherbelt hätten, worüber sie sich sicher noch heute ärgern würden. Aus der damaligen Sicht ergibt sich eine ganz andere Perspektive: Der Druck unorganisierter amerikanischer Siedler auf Alaska nahm stetig zu, und Washington zeigte sich ebenfalls expansiv – 1848 hatte man Mexiko mit Waffengewalt Texas abgeknöpft. In Rußland sagte man sich: Irgendwann werden die Amis einmarschieren. Wir müssen dann reagieren. Aufgrund der Distanz haben wir keine Chance, diesen Krieg zu gewinnen. Wir verlieren dann das Land, sehr viel Geld und eine Menge Prestige. So treten wir bei Zeiten die Flucht nach vorne an und kassieren sogar noch ein bißchen etwas. Zuerst bot man Alaska Liechtenstein an, aber der Fürst hatte an der Verelftausendfachung seines Staatsgebietes durch eine ferne Exklave kein Interesse. Das lukrativere Angebot Großbritanniens, das quasi seine Kolonie Kanada erweitern wollte, schlug man aus. So drängte man die vermeintlich unbedeutenderen USA zum Kauf. Dort gab es aber Parlamentarier, die an Alaska nur die Pelztierbestände interessant fanden, welche allerdings von den russischen Jägern bereits weitgehend dezimiert worden waren. Schließlich setzten sich die Befürworter doch durch. Für Rußland unterzeichnete den Kaufvertrag Botschafter Eduard von Stoeckl, ein in Konstantinopel geborener Sohn eines österreichischen Diplomaten. Das einzige Bild zu diesem Handel stammt vom US-Historienmaler Emanuel Leutze, der in Schwäbisch Gmünd geboren worden war. Das einzige sichtbare Relikt der russischen Herrschaft über Alaska sind heute kurioserweise die russisch-orthodoxen Friedhöfe der indianischen Ureinwohner. 

Goldener Schuß am Bonanza Creek

Skagway wurde drei Jahrzehnte später schlagartig wichtig, und der Grund dafür lag hinter den Bergen nördlich davon: Eine kleine Gruppe von Weißen und Indigenen traute am 16. August 1896, also vor ziemlich genau 130 Jahren, am Rabbit bzw. heute Bonanza Creek ihren Augen nicht. Hier lagen Goldnuggets in verschiedenen Größen frei umher! Die einheimischen Indianer verarbeiteten die Massenware zu Gewehrkugeln. Die Nachricht sprach sich in Windeseile entlang der US-Westküste herum und löste den „Klondike-Goldrausch“ aus. Die Goldgräber gingen in Skagway an Land. Aus San Francisco brach auch ein Deutscher namens Hermann Barthel auf, der dort eine Brauerei gegründet hatte. Das tat er nun auch in Skagway und wirkte gemeinsam mit anderen Deutschen am Auf- und Ausbau der Stadt mit, wie heute noch vermerkt wird. Bereits 1898 fand in Skagway das erste Oktoberfest statt, das bis heute eine Tradition geblieben ist.

Der Traum vom schnellen Reichtum durch Gold erwies sich für viele als Himmelfahrtskommando, zuallererst für deren Pferde. Beim Benützen der schmalen Bergpfade stürzten nachweislich mehr als 3.000 Rösser samt Ausrüstung in die heute noch so heißende Dead Horse Gulch. Abhilfe schaffte erst die rasant erbaute Eisenbahn über den White Pass. Sie verfügt über eine der spektakulärsten Trassen der Welt. Heute verbindet sie Skagway und Dawson auf der anderen Seite primär zu touristischen Zwecken. Dawson ist das andere Western-Disneyland. Dort wohnt man in einem ehemaligen Saloon. Man kann sogar ein Zertifikat erwerben. Man muß dafür nur Whisky aus einer Flasche trinken, in der eine amputierte Zehe schwimmt.

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