Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Deutschfeindlichkeit und Prohibition in den USA

von Arnulf Helperstorfer

„We are fighting three enemies – Germany, Austria and Drink“

John Harvey Kellog, Arzt, Lebensreformer und Erfinder der Cornflakes

Der erste Versuch eines unionsweiten Alkoholverbotes in den USA im Jahr 1914 schlägt noch fehl. Doch drei Jahre später erreicht ein erneuter Gesetzesantrag die notwendige Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Möglich wird dies durch den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und eine damit einsetzende Welle der Deutschfeindlichkeit.

„The infidel foreign population of our country“

Frances Willard, Lehrerin, Sozialreformerin und Suffragette

Mit diesen Worten bezeichnete Francis Willard, Präsidentin der Woman’s Christian Temperance Union (WCTU), einer der einflußreichsten Gruppen der Prohibitionsbefürworter, die aus ihrer Sicht Hauptverantwortlichen für das Laster des Trinkens in „God’s own Country“. Mit der Welle der Einwanderer in der zweiten Hälfte des 19. Jh. sei auch der Alkoholismus in die USA gekommen. Iren, Italiener, Skandinavier, Osteuropäer und vor allem Deutsche waren in große Scharen in das nach dem Bürgerkrieg expandierende Land gekommen und hatten ihre Trinkgewohnheiten mitgebracht.

Die USA waren seit ihrer Gründung keineswegs eine besonders enthaltsame Nation. „It commonly entered into the first draught of an infant and the last thought of the dying man“, charakterisierte der junge Abraham Lincoln seine Landsleute 1842. Um das zu ändern, bildeten sich ab den 1830er-Jahren die ersten Temperenzvereine. Aus dem ursprünglichen Gedanken der Mäßigung wurde sehr schnell völlige Enthaltsamkeit. Aus Aufrufen zur individuellen Enthaltsamkeit entwickelte sich der Gedanke eines völligen Alkoholverbotes. Den ideologischen Hintergrund bildeten die großen religiösen Erweckungsbewegungen im 19. Jh. Diese pietistischen und puritanischen Bewegungen verbanden eine christliche Erneuerung mit sozialen Forderungen wie die Alkoholprohibition oder den Kampf gegen Prostitution und Verbrechen. Insbesondere Frauen engagierten sich in den Temperenz-Vereinen und verbanden dabei Prohibition mit dem Frauenwahlrecht und sozialem Engagement. Die 1874 von „Crusaders“ gegründete WCTU mit mehreren hunderttausend Mitgliedern zu Beginn der 1920er-Jahre verdeutlichte diesen Anspruch.

„And the worst of all our German enemies, the most treacherous, the most menacing, are Pabst, Schlitz, Blatz and Miller“

John Strange, Vizegouverneur von Wisconsin (Republikaner)

Die mächtigsten und einflußreichsten Kontrahenten dieser „drys“, wie die Prohibitionsbefürworter im Gegensatz zu den „wets“ genannt wurden, waren die deutschen Brauer, vereinigt in der United States Brewers Association; unter ihnen stach insbesondere der Brauereimagnat Adolphus Busch hervor. Die Brauer waren eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Macht. Rund 80% der Saloons gehörten Brauereien, wurden von ihnen finanziert oder waren in anderer Weise wirtschaftlich von ihnen abhängig. Sie waren durchaus bereit, ihre beachtlichen finanziellen Mittel in die Waagschale zu werfen, um den Prohibitionsbefürwortern entgegenzutreten. So wurden Kampagnen finanziert oder politische Kandidaten unterstützt, die die Prohibition ablehnten.

Ein weiteres wichtiges Element der Prohibitionsgegner waren die unzähligen deutschen Vereine und Zeitungen in den USA.

Angeführt wurden diese von der National German-American Alliance NGAA mit über zwei Millionen Mitgliedern im Jahr 1914. Gemäß dem Zensus von 1910 waren rund zwölf Prozent der US-Amerikaner im Deutschen Reich, der Schweiz oder Ö­sterreich-Ungarn geboren, oder ihre Eltern waren von dort eingewandert; organisiert waren die Deutsch-Amerikaner in rund 4.400 Vereinen. Konzentriert waren die Deutsch-Amerikaner im Mittleren Westen, in New York und Zentraltexas. Bier wurde von der Überzahl als wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur betrachtet. Prohibitionsbefürworter waren damit in deutsch dominierten Distrikten de facto chancenlos; in Distrikten mit entsprechend deutsch-amerikanischem Bevölkerungsanteil konnte der hohe Organisationsgrad auschlaggebend sein. Im Verbund mit anderen Prohibitionsgegnern konnten die „drys“ damit zwar einzelne Countys und schließlich auch Bundesstaaten trockenlegen; die Prohibition auf Bundesebene schien aber außer Reichweite.

„Patriotism spells Prohibition“

William Faunce, Präsident der Brown University, Providence/Rhode Island

Der große Durchbruch für die Prohibitionsbefürworter kam mit dem Kriegseintritt der USA. Die Anti-Saloon League (ASL) als wichtigste Organisation der Prohibitionsbefürworter thematisierte die angebliche Rohstoffverschwendung von Getreide und Kohle für Brauereien und Destillen und trug so maßgeblich zum „Lever Food and Fuel Control Act“ bei, mit dem der Getreideverbrauch von Brauereien durch den Präsidenten gedrosselt werden konnte. In ihren Flugblättern diffamierte sie den Alkoholhandel als „unamerikanisch“, „prodeutsch“, um zu dem Schluß zu kommen: „Alles Prodeutsche muß weg“. Sie waren damit Teil einer antideutschen Welle, die die USA überrollte und binnen kürzester Zeit das bis dahin blühende deutsche Leben zum Erliegen brachte.

Das deutsche Vereinswesen wurde fast ausgelöscht, die Verwendung der deutschen Sprache galt plötzlich als Hochverrat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Zuwanderergruppen, die sich teilweise erst während der und vor allem durch die Prohibition politisierten, waren die Deutsch-Amerikaner eifrige Teilnehmer am politischen Diskurs. Erst als ihre Stimmen zum Verstummen gebracht wurde, konnten sich die Prohibitionsbefürworter bundesweit durchsetzen; der 18. Verfassungszusatz wurde im Dezember 1917 beschlossen. Der letzte Triumph der „drys“ war der rigorose Volstead Act, das Durchführungsgesetz der Prohibition. Mit dem Verbot aller alkoholischen Getränke zerschlugen sich die letzten Hoffnungen der Brauer, zumindest Leichtbier könne weiter legal bleiben. Am 16. Jänner 1920 hieß es „Last Call“.

„I knew it was as fragile as tissue paper“

George Remus, Rechtsanwalt und Alkoholschmuggler zum Volstead Act

Mit dem Ende der legalen Alkoholindustrie übernahmen Kriminelle die Versorgung der weiterhin durstigen Kehlen. Im Gegensatz zu den italienischen, irischen und jüdischen Gangstern ist einer der erfolgreichsten Bootlegger der frühen Prohibitionszeit heute weitgehend vergessen – der 1882 aus Bayern eingewanderte George Remus. Remus kam nicht aus dem Milieu der Straßenbanden, sondern absolvierte eine Lehre als Pharmazeut und studierte danach Rechtswissenschaften. Als erfolgreicher Strafverteidiger erkannte Remus schnell die enormen Gewinne des illegalen Alkoholgeschäftes. Seine juristischen Kenntnisse halfen ihm, die Gesetzeslücken zu finden, mit denen er in die oberste Liga der Schmuggler aufstieg. In unzähligen De­stillen schlummerten große Mengen an Hochprozentigem, die jedoch de facto wertlos waren. Remus erwarb günstig vierzehn Brennereien, unter anderem Jack Daniels, und gründete gleichzeitig eine landesweite Apothekenkette. Mit entsprechenden Bezugsscheinen konnte zu medizinischen Zwecken weiterhin Alkohol verkauft werden. Die Apotheken waren jedoch nur Scheinfirmen. Remus ließ seine eigenen Alkohollieferungen überfallen und versorgte weite Teile des Mittleren Westens bis hin zu den Großstädten im Osten mit hochwertigem Alkohol. Seine Alkoholbezugsscheine erhielt er für ein paar Dollar pro Stück von Jess Smith, Assistent des Justizministers Henry Daugherty. Um Kontrolleure zu täuschen, ersetze er den „Schwund“ in seinen Fässern durch Wasser mit Alkoholgeruch und baute eine eigene Pipeline von einer seiner Destillen zu einer Verladestation. Mit seinen legendären und extravaganten Festen – bei einem erhielt jede anwesende Dame ein Automobil als Gastgeschenk – wurde er zu einem der Vorbilder von F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby.

1925 neigte sich seine Glückssträhne dem Ende zu. Zwei Jahre in einem Bundesgefängnis unter Umständen, die eher einem Luxusurlaub glichen, konnte er eher ertragen als den Verrat seiner Ehefrau Imogene. Sie betrog ihn mit einem Prohibitionsagenten, der ihn in der Haft aushorchen sollte und so um seine finanziellen Geheimnisse wußte; gemeinsam brachten sie Remus um seine Millionen. Auf dem Weg zum Scheidungstermin erschoß George Remus seine Frau. Vor Gericht gelang ihm sein letzter Streich. Er plädierte wegen des Ehebetruges und des damit verbundenen Stresses auf zeitweise Unzurechnungsfähigkeit. Nach kurzer Beratung sprachen ihn die Geschworenen frei und sicherten ihm damit einen Platz in der amerikanischen Rechtsgeschichte.

„What America needs now, is a drink“

Franklin D. Roosevelt, 32. Präsident der Vereinigten Staaten

Der Erfolg der „drys“ war nur von kurzer Dauer. Die Wahlen von 1932 gerieten zur Abstimmung über die Prohibition und wurden für den strikten Prohibitionisten Herbert Hoover zum Desaster. Gerade in den Gebieten mit hohem Anteil an Deutsch-Amerikanern, früher großteils Parteigänger der Republikaner, votierten die Wähler für seinen demokratischen Gegner Franklin D. Roosevelt. Die Prohibition fiel, aber von den Verheerungen des Jahres 1917 haben sich die Deutsch-Amerikaner nie wieder erholt.

Beitrag teilen

Facebook
X
Email
Telegram
Print
WhatsApp