Der Münchner Autor Michael Klonovsky arbeitete 24 Jahre lang in verschiedenen leitenden Funktionen beim Focus, bevor er 2016 in die Dienste der AfD trat. Dort schrieb er die Reden für drei Vorsitzende und kandidierte selbst, obwohl parteilos, in Chemnitz für ein Bundestags-Direktmandat. Klonovsky ist bekannt für sein online-Tagebuch Acta diurna, außerdem schreibt er Romane, Erzählungen, Essays – und nach wie vor Bundestagsreden.
Wie fühlt sich ein Schriftsteller als Mitarbeiter der AfD?
Ein bißchen fehl am Platz. Aber nicht halb so fehl am Platz, wie er sich inzwischen in diesem Land generell fühlt. Also letztlich am richtigen Platz.
Alexander Gauland, dessen Reden als Oppositionsführer Sie geschrieben haben, hat die AfD einen „gärigen Haufen“ genannt. Nervt Sie das Basisdemokratische in der Partei?
Gärprozesse können sich lange hinziehen, sind aber endlich oder zumindest tendenziell abnehmend. Nach den ständigen Wechseln an der Spitze ist eine gewisse Beruhigung eingetreten. Die Partei professionalisiert sich. Die Zahl der schillernden, bizarren, auch närrischen Charaktere nimmt ab, beziehungsweise eine gewisse Disziplinierung oder Selbstdisziplinierung tritt ein.
Stoff für eine große Gesellschaftskomödie
Bedauern Sie das?
Das ist eine Frage der Perspektive. Aus politischer Sicht ist das natürlich ein Fortschritt. Aber der Unterhaltungswert nimmt ab. Die AfD böte den Stoff für eine große Gesellschaftskomödie. Ich schreibe sie nur deshalb nicht, weil diese Leute alle den Schritt über den Rubikon gewagt – der deutsche Rubikon ist tiefblau – und teilweise ihre soziale Existenz aufs Spiel gesetzt haben. Ich käme mir etwas böhmermannesk vor, wenn ich darüber komödiantisch schriebe. Sollte die AfD einmal regieren, sähe die Sache schon anders aus.
Können Sie den komödiantischen Aspekt näher erklären?
Eine als Fundamentalopposition neugegründete Partei zieht neben enttäuschten Fachleuten, wirklichen Enthusiasten und von der Sache Überzeugten auch Glücksritter, Spinner und verhaltensoriginelle Personen an, außerdem jenen Typus, der es im Leben nicht wirklich weit gebracht hat beziehungsweise nicht so weit, wie er es nach seiner Meinung hätte bringen müssen, und der es noch einmal allen zeigen will. Mit denen sitzt man dann gewissermaßen in einer Wagenburg, das heißt, der Druck von außen schweißt drinnen viele Leute nolens volens zusammen, die charakterlich und intellektuell eigentlich unvereinbar sind. Man möchte manche gern auf den Mond schießen, muß sich aber im Zweifelsfalle mit ihnen arrangieren oder solidarisieren. Diese Konstellation erzeugt eine ganz eigene Komik. Als ich noch Sprecher der von Jörg Meuthen geführten Stuttgarter Landtagsfraktion war, die von skurrilen Typen wimmelte, bekam ich ständig Anrufe von Journalisten, aber nie fragte mich einer nach politischen Dingen; es ging immer nur darum, was der eine wieder gesagt und der andere wieder angestellt hatte oder welchen fragwürdigen Mitarbeiter jener beschäftigte. Irgendwann sagte ich einer Journalistin – ich glaube, sie war vom Schwäbischen Tagblatt –, daß ich hiermit ein Statement abgebe, welches sie fürderhin als Antwort auf sämtliche Anfragen verwenden könne: „We love to entertain you – AfD.“
Robin Hood ohne Waffen, aber mit Büro
Gibt es so etwas wie ein spezielles AfD-Gefühl, und wie würden Sie es beschreiben?
Die „Merry Men“ des Robin Hood ohne Waffen, aber mit Büros.
Robin Hood war ein Geächteter. Geht es Ihnen ähnlich?
Vor nunmehr dreißig Jahren führte ich für Focus ein Interview mit Ernst Nolte unter der Überschrift „Wie lebt es sich als Geächteter?“ In gewissem Sinne ist es amüsant, daß mir nun eine ähnliche Frage gestellt wird. Es gab damals schon Widerstände dagegen, eine solch „umstrittene“ Personim Focus überhaupt zu Wort kommen zu lassen, bei der Gesinnungspresse galt Nolte längst als erledigt. Das geistige Klima in Deutschland war schon in den 1990ern hinreichend stickig, um davon angeödet zu sein, und regelmäßige politische Hexenjagden durchtosten die Öffentlichkeit. Weiland richteten sie sich gegen Einzelpersonen, heute gegen eine Partei und ihr intellektuelles Vorfeld. Nichts Neues unter der deutschen Sonne.
Und wie lebt es sich nun als Geächteter?
Für eine wirklich spürbare Ächtung sind die AfD-Fraktionen in den Parlamenten längst zu groß. Es gibt ja noch den ganzen Pfauenschwanz von Mitarbeitern. Also die Isolationsgefühle dürften sich sogar bei denen in Grenzen halten, die geselliger sind als ein sozialer Troglodyt wie ich. Die Gegenseite, die man nicht Kartellparteien nennen darf, hat Schwierigkeiten, die Bösen im Bundestag korrekt zuzuordnen, zumindest jenseits der Abgeordneten. Es gab eine Ausnahmesituation zu Beginn der Corona-Zeit. Damals hatte Wolfgang Schäuble als Bundestagspräsident allen Parlamentsmitarbeitern empfohlen, fortan im Hause eine Maske aufzusetzen. Tags darauf waren die AfD-Mitarbeiter eindeutig zu identifizieren: Sie trugen alle keine Maske.
Grüß mich nicht unter den Linden…
Es wird immer darüber geredet, daß die Angehörigen der anderen Parteien die AfD-Mitglieder schneiden, nicht grüßen, den Lift verlassen würde, wenn ein AfDler einstiege; Markus Söder hat erklärt, man dürfe mit AfDlern nicht einmal einen Kaffee trinken. Die FDP wollte im Plenum nicht neben der AfD sitzen…
Der FDP ist dieser Wunsch ja erfüllt worden, und mein Bedürfnis, mit Opportunisten und Langweilern Kaffee zu trinken, geht gegen null. Ansonsten verhält es sich so, wie Sie es beschreiben, was unter dem Aspekt der Manieren und des guten Benehmens ein recht deutliches Urteil über die Etablierten spricht. Bei vielen Unionern verhält es sich so, daß sie informell schon mit Schwefelparteilern verkehren, aber wenn Zeugen anwesend sind, tun sie so, als würden sie den anderen nicht kennen. Einerseits ist dieses Verhalten unglaublich infantil, andererseits haben die Leute wirklich Angst vor den Folgen. Mich würde interessieren, was passieren würde, wenn ich Wolfram Weimer im Bundestag träfe; immerhin sind wir seit unserer Focus-Zeit per du. Mir sagte einmal eine Maid von der FDP, sie könne unmöglich mit mir in ein Parlamentsrestaurant gehen, wenn ihre Parteifreunde das sähen, würden sie ihr das nicht verzeihen.
Läßt Sie so etwas kalt?
Vollkommen.
Das heißt, man grüßt Sie im Bundestag ebenfalls nicht?
So bekannt bin ich ja nicht, vor allem nicht bei diesem mehrheitlich illiteraten Personal. Ansonsten genügt es mir, wenn mich die Kellner der Parlamentsrestaurants grüßen.
Robin Hood und seine Mannen genossen große Sympathien im Volk. Wie ist das bei jener Partei, die Sie „Schwefelpartei“ nennen?
Ich habe schon den Eindruck, daß große Teile des Personals mit der AfD sympathisieren, von den Pförtnern über die Saaldiener bis zum Fahrdienst. Die sogenannten einfachen Leute spüren die Malaise des Landes ja deutlicher als all die steueralimentierten Drohnen beiderlei Geschlechts in ihrer parlamentarischen Parallelgesellschaft. Und sie wissen, wer ihre Interessen vertritt und wer nicht.
Sie leben praktisch auf einer blauen Insel im roten Berlin. Befinden Sie sich dort sozusagen in Feindesland?
Nein. Berlin ist zwar eine ziemlich verkommene Stadt mit einer großen linken Szene und zahllosen kaputten Typen, aber viel zu groß, um von irgendeiner Gruppe dominiert zu werden. Berlin nimmt jedes Milieu auf. Die Parteiprominenz hat allerdings in der Hauptstadt wie überall ähnliche Probleme, in ein Restaurant zu gehen oder ein Hotel zu buchen. Das ist so im Land der Spitzel, Blockwarte und Meldebeflissenen. Ein guter Geselle von mir ist mit einer Frau in höherer Funktion im Kulturbetrieb liiert, der führt natürlich ein Leben im Incognito – wenn er sie auf eine Veranstaltung oder Party begleitet, darf niemand erfahren, wo er beschäftigt ist. Ich selbst habe einmal Lokalverbot in einem italienischen Restaurant bekommen, wo ich zuvor Habitué war und im Laufe der Zeit viel Geld gelassen hatte, nachdem ich dort mit Jörg Meuthen aufgekreuzt war. Das Trinkgeld hatten sie aber vorher noch abgewartet. Nachdem ich den Fall öffentlich machte, bekam ich unter anderem eine Mail von einem Italiener in Charlottenburg, ich sei jederzeit bei ihnen willkommen, ihr Ristorante wähle geschlossen die Lega.
Eine Handvoll Leute ins kalte Herz geschlossen
Wie darf man sich Ihren Alltag im Bundestag vorstellen?
So fröhlich, wie es sich für einen aus dem Kreise der „Merry Men“ gehört. Da ich ja nicht in Berlin lebe und immer nur zu den Parlamentswochen anreise, hat es für mich ein bißchen was von Klassenfahrt. Ich habe bei der AfD eine Handvoll Leute kennengelernt und in mein kaltes Herz geschlossen, die ich anderswo nie getroffen hätte, in Sonderheit bei den Altparteien nicht: intelligente, gebildete, amüsante, den Künsten und dem Weine zugeneigte Kerle, mit denen ich eine gute Zeit habe, wenn ich dort bin. Wir trinken, hören Musik, plaudern über dies und das – am wenigsten über Politik – und schwärmen in die umliegenden Lokale aus.
Und die Arbeit?
Wird zuvor oder währenddessen erledigt. Ich habe das Privileg, daß mir das Schreiben leicht von der Hand geht. Und schnell. Fünundzwanzig Jahre in einem Nachrichtenmagazin mit zahlreichen Titelgeschichten schaffen eine gewisse Routine. Würde ich Ihnen verraten, wie viel Zeit ich für eine Bundestagsrede brauche, geriete ich in den – insgesamt wohl nicht ganz unverdienten – Ruch der Prahlerei.
Über welche parteiinternen Dinge haben Sie sich in letzter Zeit besonders geärgert?
Vor allem über Formfragen. Ich kann andere politische Meinungen gut ertragen, aber ich mag es nicht, wenn der Ton ausfällig oder dumm wird.
Bereuen Sie es, daß Sie sich bei dieser Partei verdingt haben?
Jeden Tag. Und keine Sekunde.