Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Wikimedia Commons, H.-P.Haack

Von Sachsen nach Sizilien „tornistern“

von Erik Lommatzsch

Johann Gottfried Seume

Durch seinen Reisebericht Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 wurde Johann Gottfried Seume weithin bekannt. Zurückgelegt hat er die etwa 7.000 Kilometer, die ihn mit Umwegen von seiner sächsischen Heimat in den Süden Siziliens und zurück führten, tatsächlich zum allergrößten Teil zu Fuß. Für diese von ihm bevorzugte Art des Reisens gebrauchte er gern den Ausdruck „tornistern“. Stolz vermerkte er am Ende, „daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen.“ Seume war strikt der Auffassung, „wer geht, der sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt“. Er halte „den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne“. Fahren zeige Ohnmacht, Gehen Kraft.

Fahren ist Ohnmacht, Gehen ist Kraft.

Den am 29. Januar 1763 im kursächsischen Poserna geborenen Seume lediglich als Schriftsteller zu bezeichnen, greift zu kurz. Der Spätaufklärer war ebenso Reisender, Abenteurer und politischer Kommentator. Unstet und von Unrast getrieben war Seumes Leben, der Stil asketisch: „Ich trinke keinen Wein, keinen Kaffee, keinen Liqueur, rauche keinen Tabak und schnupfe keinen, esse die einfachsten Speisen (…)“. Gefördert von einem adeligen Gönner nahm Seume ein Theologiestudium in Leipzig auf. Nicht zuletzt geplagt von Glaubenszweifeln brach er dieses 1781 ab und wollte nach Frankreich gehen. Bereits in Thüringen fiel er in die Hände hessischer Werber und stand schließlich in den Reihen der britischen Truppen in Neuschottland. Zurück in Bremen desertierte er, wurde nun aber von den Preußen aufgegriffen, bei denen er vier Jahre lang Militärdienst tat. Nach mehreren Fluchtversuchen kehrte er schließlich von einem Urlaub in Leipzig nicht zur Armee zurück. Seit Dezember 1789 studierte er wieder – Jura, Philologie, Philosophie und Geschichte. Er war kurzzeitig Hofmeister und trat in die Dienste des russischen Generals Otto Heinrich von Igelström. Dieser wurde 1794 Gesandter in Warschau. Seume erlebte den Warschauer Aufstand und geriet in polnische Gefangenschaft. Vom Sommer 1797 an widmete er sich als Verlagsmitarbeiter unter anderem den Werken von Wieland und Klopstock.

Dem Verleger Göschen gegenüber hatte Seume bereits zu Beginn seiner Tätigkeit angekündigt, er werde zwei Jahre bei ihm „sitzen“, müsse sich dann aber „ein wenig auslaufen“. Aus zwei Jahren wurden vier. Am 6. Dezember 1801 brach er zu seiner berühmtesten Reise auf: nach Syrakus. Als Zweck wußte er lediglich noch anzugeben, er wolle den griechischen Dichter Theokrit in dessen Heimat in der Originalsprache lesen. Bis Wien – hier vermerkte er ausdrücklich die Freundlichkeit, mit der er aufgenommen wurde – hatte er einen Begleiter, die weitere Reise bestritt er allein. Über Venedig, Rom und Neapel gelangte er schließlich bis nach Syrakus. Dort kehrte er um, über die Schweiz und Paris erreichte er am 24. August 1802 Leipzig, wo seine Reise endete und wo er fortan als Schriftsteller und Sprachlehrer wirkte. Sein im Folgejahr veröffentlichter Bericht, der Spaziergang, ist weniger von der Bewunderung der Altertümer geprägt. Diese tat Seume, obwohl begeisterter Leser der antiken Historiker, mitunter lapidar ab. So etwa: „Ich lief eine Stunde in Pompeji herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten.“ Er ließ wissen: „Städte und Gegenden und Menschen und ihre Pracht anzustaunen, ist eben nicht meine Sache“. Dagegen zeigte sich der Spaziergang – modern gesprochen – ausgesprochen sozialkritisch. „Armut und Bettelei“ seien das „Traurigste in Venedig“.

Wikimedia Commons, Hans Veit Schnorr von Carolsfeld

„Wo man singet, laß dich ruhig nieder, Bösewichter haben keine Lieder.“

Noch stärker politisch gab sich Seume in seinen 1806/07 verfaßten Apokryphen, vollständig erst 1869 veröffentlicht, und im Bericht Mein Sommer 1805 über eine weitere große Reise, die ihn bis nach Moskau führte. Das nicht regierungsopportune Werk wurde verboten. Schwer enttäuscht war Seume von Napoleon, den er als Verräter der revolutionären Ideale betrachtete. Seume selbst war kein Revolutionär, die Zuschreibung „Linkspatriot“ dürfte es eher treffen. Vor allem war er Moralist, hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn sowie „eine kleine Liebschaft gegen Republiken, wenn sie nur leidlich vernünftig sind“. In Bad Teplitz, wo der schon länger gesundheitlich schwer angeschlagene Seume Heilung suchte, ist er am 13. Juni 1810 gestorben. Verbunden wird Seume bis heute vor allem mit dem Spaziergang. Allerdings gehen auch sprichwörtlich gewordene Redensarten auf ihn zurück. So finden sich in einem seiner Gedichte die Verse: „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, (…) Bösewichter haben keine Lieder.“

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