Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Franz Spunda und Der Herr vom Hradschin

von Christoph Fackelmann

Sudetendeutsche Literatur

Auch für die Literaturgeschichtsschreibung erlangt der Begriff des Sudetendeutschen erst spät Bedeutung, und seine Verwendung ist sich dann meist des durchaus heterogenen Charakters jener Landschaften bewußt, die er auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht. Nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Reiche folgt dies dem Antrieb, den politisch nunmehr ins Hintertreffen geratenen deutschen Volksgruppen in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien durch die Stärkung ihrer nationalkulturellen Identität ein einigendes Fundament zu geben.

Das machen die nun sich häufenden Darstellungen einer „sudetendeutschen Literatur“ mit unterschiedlichem Nachdruck, aber doch einhellig deutlich. Einschlägige Studien und Monographien legen u. a. Rudolf Wolkan (1925), Josef Mühlberger (1929) und Adalbert Schmidt (1938) vor, und auch für Josef Nadlers ebenso beeindruckende wie fragwürdige Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (ab Bd. II der 2. Auflage, 1923) sowie für den abschließenden Band der repräsentativen Deutsch-österreichischen Literaturgeschichte von Nagl, Zeidler und Castle (1937) spielt der Begriff eine wichtige Rolle. Wenn er mitunter sogar rückwirkend auf weiter zurückliegende Epochen angewandt wird, so behält er doch seine vorrangige Stoßkraft in Richtung auf die Verhältnisse der Zwischenkriegszeit.

Schmidts Buch Die sudetendeutsche Dichtung der Gegenwart bietet rund ein halbes Jahr vor der Annexion der sudetendeutschen Gebiete durch Hitler-Deutschland eine Definition an, die schon stark von kollektivistischer Engführung geprägt ist: „Die sudetendeutsche Dichtung ist erst durch die weltgeschichtliche Wende des großen Krieges zu dem geworden, was sie heute ist: eine schicksalhaft bestimmte Schaffensgemeinschaft, die im Gral des Volkstums die ewigen Werte der Menschheit hütet.“ Den völkischen Kausalismus, der in einer solchen Formel zum Ausdruck gelangt, versuchen die späteren sozial- und systemgeschichtlich orientierten Ansätze zu entkräften. Nach der durch die Nachkriegsvertreibung erzeugten gewaltsamen Umformung der Region wollen sie das Sudetendeutschtum nur noch als Erfindung des nationalistischen Zeitalters gelten lassen und die Phänomene selbst in einen vielbezüglichen mitteleuropäischen Kosmos mit multi- und transnationalen Verstrebungen gliedern.

Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist.

Wahrscheinlich wird erst dann ein Schuh aus der Auseinandersetzung um den Begriff in der Literaturwissenschaft, wenn man Sprache, Literatur und Dichtung grundsätzlich nicht nur als sublimierten Ausfluß, sondern als einen wesentlichen Träger, als genuinen Schöpfer geschichtlicher und somit auch ethnokultureller Wirklichkeit versteht und würdigt. Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist und darin sein Bild erhält und bewahrt; umgekehrt verflüchtigt es sich im geistlosen Reich der Bio- und Soziologie.

Geschichte und Geheimnis

So kommt man auch näher an die Geheimnisse heran, die bestimmte sprachkünstlerische Äußerungsformen in bestimmten Sprach- und Literaturlandschaften zu bestimmten Zeiten auffällig an Gewicht und Gestalt gewinnen lassen. Für die deutschböhmische und die deutschmährische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jh., also der sudetendeutschen Ära im engeren Sinn, betrifft das zum Beispiel besonders fruchtbare Traditionen des historischen und des phantastischen Erzählens. Ursachen für den Aufschwung dieser Genres, die oft auch in höchst bemerkenswerten Vermischungen auftreten, wird man in dem leicht begreiflichen Verlangen erblicken können, dem Woher und Wohin der unsicher und unklar gewordene Lage entlang von historischen Stoffen nachzusinnen. Die starke Präsenz des Grotesk-Phantastischen, des Spukhaften, des Mystischen und Mythischen führt man gern auf die Aura der Grenze zurück, an der sich die Einflußsphären einander eigentlich fremder Zugänge zum Übernatürlichen und Dämonischen schöpferisch berühren und durchdringen. Solche im weitesten Sinne völkerpsychologischen Motivationen tragen vor allem dann, wenn man sie als Teil der Arbeit an der geistigen Gestalt der sudetendeutschen Kulturregion begreift, mit der diese uns heute noch, gleichsam post mortem, vor Augen tritt.

Franz Spunda – von Olmütz nach Athos

Die Dichtung sudetendeutscher Schriftsteller scheint also zu manchen Vorlieben prädestiniert, die sich zumindest teilweise aus dem landschaftlichen Gefüge, spezifischen Kollektiverfahrungen und Überlieferungen und wohl auch aus dem vieldeutigen Fluidum der Grenze erklären. Einer der namhaftesten Autoren solchen Zuschnitts war der Deutschmährer Franz Spunda (1890–1963). In seinem erzählerischen Schaffen verschmolzen das Historische und das Phantastische, Mythopoesie und Geschichtsdeutung zu einer eigentümlichen Legierung. Das vollzog sich bei ihm mit vielen Brüchen, Wendungen und Widersprüchen, was ihn mit älteren Landsleuten wie Robert Michel (1876–1957), Karl Hans Strobl (1877–1946), Hans Watzlik (1879–1948) oder Walter von Molo (1880–1959) verband. Auch E. G. Kolbenheyer (1878–1962), der in Karlsbad aufwuchs, zeigt solche Züge, wenn er auch mit seinem Erzählwerk gleich einen ganzen weltanschaulichen Systembau verknüpft. Wie bei den meisten dieser vielschreibenden Schriftsteller gehorcht auch in Spundas Schaffen bei weitem nicht alles höchsten ästhetischen Ansprüchen.

Spundas Romane der 1920er-Jahre stehen im Zeichen von Magie, Alchemie und Nekromantik. Sie werden von programmatischen Schriften begleitet, die dem Dichter die Rolle eines Mystagogen zuweisen, der maßgeblich an der Überwindung des Transzendenzverlustes in der modernen Welt mitzuwirken habe (Der magische Dichter, 1923). Die späteren historischen Erzählungen und Romane geben den expressionistischen Erlösungsfuror auf, bleiben aber dem von allerlei theosophischen und gnostischen Lichtern umspielten Grundimpuls treu: Sie verfolgen die Träger hermetischer Überlieferung durch unterschiedliche Epochen und zu unterschiedlichen Kulturen und Völkern des Abendlands. In der Mitte der 30er-Jahre kann das religiöse Geheimnis bei Spunda nicht nur von außergewöhnlichen, gottsucherisch veranlagten Individuen, sondern auch von einem ganzen Volk durch die Wirren der Geschichte getragen werden (v. a. in der sog. Westgotentrilogie, 1936–38). In dieser Zeit steht der Autor bis zu einem gewissen Grad im Bann des Nationalsozialismus, wenngleich er diesen auf bezeichnende Weise undogmatisch auslegt und mißversteht.

Ein wichtiges Bindeglied zwischen dem frühen und dem späteren Erzählschaffen bilden kulturphilosophische Schriften, insbesondere eine spannende Studie über Paracelsus (1925, Neufassung 1941), und vor allem literarische Reiseschilderungen aus Griechenland, Kleinasien und Ägypten (u. a. Griechische Reise, 1926, Neufassung 1938). Das Griechenlanderlebnis, konsequent als „Fahrt zu den alten Göttern“ mystifiziert, wird dem Autor zum entscheidenden Durchbruch zu sich selbst. Auch Lyrik, Dramatik und Übersetzungen, darunter eine staunenswerte Ossian-Ausgabe (1924), gehören zum umfangreichen und verzweigten Gesamtwerk. Insgesamt läßt sich erkennen, daß dieses trotz allem von einer ideellen Klammer zusammengehalten wird, die sich mit symbolischen Orten der Lebensgeschichte markieren läßt: Sie ist aufspannt zwischen Heiligenberg, der Marienwallfahrtsstätte in der mährischen Heimat, und dem heiligen Berg Athos, dessen mönchischem Reich Spunda mehrere autobiographisch fundierte Bücher widmet.

Der Schriftsteller ist der Sohn eines Schneidermeisters am fürsterzbischöflichen Seminar von Olmütz. Dieser war wohl als Waise germanisiert worden, also ursprünglich hannakisch aufgewachsen. Die Mutter stammte aus einer deutschen Tuchmacherdynastie in Odrau. Die Familie blieb bis zum Heimatverlust 1945 in Olmütz ansässig, während der Autor selbst nach der Teilnahme am Krieg im Osten und einer Supplentenzeit in Mährisch-Ostrau seit Herbst 1918 als Gymnasialprofessor in Wien wirkte. Während längerer Aufenthalte in Berlin, München und Paris hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits Eingang in okkultistische Kreise gefunden und mit dem systematischen Studium der Geheimwissenschaften begonnen. Geprägt von der katholischen Frömmigkeitskultur seiner Jugend verband sich damit bei ihm jedoch gerade keine Absage an das Christentum.

Karl IV. als Romangestalt

Es verwundert bei dem weitausgreifenden Gestus von Spundas Schaffen nicht, daß Stoffe aus der Geschichte seiner Heimat darin nicht vorherrschen. Sie kehren aber doch immer wieder. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Hinsicht das 1942 erschienene Buch Der Herr vom Hradschin, das im Untertitel als „Roman Kaiser Karls IV.“ ausgewiesen wird. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Es handelt sich um eine Biographie des großen Luxemburgers mit fiktionalen Mitteln, die zugleich deutliche Züge einer wirklichen biographischen Fiktion trägt.

Wichtig ist dieser Roman vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil das differenzierte Fürstenporträt, das er entwirft, die Gestalt eines Herrschers entwickelt, der nicht kraft kriegerischer Unternehmungen und mit autokratischen Mitteln seine Ziele verfolgt. Vielmehr wirkt er durch geduldige Diplomatie, durch den Ausgleich zwischen nationalen, religiösen und machtpolitischen Interessen und durch eine entschiedene Förderung der Wissenschaften und Künste zum Wohl seines Hauses, zum Segen seiner geliebten böhmisch-mährischen Heimat und zum Vorteil des politischen Ganzen.

Damit zusammenhängend kann der Roman zweitens als Beispiel für ein dissidentes Schreiben über Geschichte aufgefaßt werden, wie es sich auf dem Höhepunkt der Hitler-Diktatur über Mitteleuropa innerhalb des nationalsozialistischen Machtbereiches wohl nur in sehr wenigen deutschsprachigen literarischen Texten in ähnlich offener Art und Weise manifestierte. Gemeinsam mit einigen kleineren Erzählungen und Erinnerungsskizzen, etwa der ebenfalls 1942 veröffentlichten und bis heute lesenswerten Geschichte Der Sang aus der Tiefe, die im besetzten Olmütz während des Schwedenkrieges spielt, repräsentiert er die zu jener Zeit markant unter Beweis gestellte Sympathie Spundas für die tschechisch-slawische Geschichte, Sprache und Volkskultur, ein Naheverhältnis, das ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt worden war.

Anders als für die tschechische Nationalliteratur zählt Karl IV. (1316–1378) in der deutschen Literaturgeschichte keineswegs zu den besonders beliebten Gestalten des historischen Romans. Aus dem Epochenumfeld Spundas dürfte nicht leicht ein zweites Erzählwerk zu nennen sein, in dessen Mittelpunkt er steht. Dabei erlebten die Gattung selbst und auch die spätmittelalterliche Übergangszeit, der die Gestalt des Kaisers angehört, gerade in diesen Jahrzehnten eine Konjunktur. Sie waren diesseits und jenseits der „Inneren Emigration“ ein bevorzugtes Feld, um in der Verkleidung einer künstlerischen Halbfiktion gegenwartsrelevant in brisante weltanschauliche, geschichtsphilosophische und politisch-gesellschaftliche Diskurse einzugreifen.

Der maßvolle Herrscher

Spundas Karl IV. ist keine der zeittypischen unfehlbaren Führerfiguren mit charismatischer Aura. Das gelassene, episodisch ausleuchtende, hier und da mit chronikalen Einsprengseln aufwartende Erzählverfahren arbeitet nicht nur die großen Verdienste des Sprößlings aus der folgenreichen dynastischen Verbindung der letzten Přemysliden-Tochter Elisabeth und des Luxemburgers Johann von Böhmen heraus. Der Roman lebt u. a. von dem relativ unvermittelten Wechsel widersprüchlicher Wertungsperspektiven. Er skizziert daher auch Karls Schwächen, die Brüche in seiner von mancherlei ungünstigen Vorzeichen und schwelenden Konflikten geprägten Entwicklung, die Folgen der Verpflanzung des Kindes Wenzel nach Frankreich, wo es, symbolisiert in der Firmung auf den Namen Karl, seine Identität einzubüßen droht, das Leiden an der frühen, gewaltsamen Trennung von der unglücklichen Mutter, die Auseinandersetzung mit dem unduldsamen, manipulativen Vater, kurz: die „innere Zerrissenheit“, die ein bleibendes Charaktermerkmal des Fürsten darstellt.

Sie wird, typisch für Spunda, auch als Ergebnis eines lebenslangen religiösen Suchens und Fragens sowie mythischer Einflüsse (die rätselhafte Anwesenheit der „Libuscha“) und mystischer Erlebnisse gedeutet. Karl offenbart schon früh eine „träumerische“ Ader; er sieht sich innerlich zum „Gärtner“, nicht zum Kriegsherrn und Herrscher berufen. Er lebt in der Welt slawischer Märchen und Legenden, interessiert sich für Wissenschaft und Kunst und sucht nach Denkmälern und Zeugnissen des Altertums. Doch erwächst aus dem Umgang mit den Selbstzweifeln und der inneren Unruhe seine eigentliche Größe: Er verschreibt sich der Stiftung von Frieden und Wohlfahrt in Böhmen wie im Reich, setzt auf Ordnung, Gerechtigkeit, Demut und Maß, entfaltet ein besonnenes Verwaltungs- und Wirtschaftsregime und verleiht seinen intuitiven, musischen Anlagen Ausdruck in der unvergleichlichen Bautätigkeit, die er vor allem seiner Hauptstadt Prag, dem „neuen Rom des Nordens“, zuteil werden läßt.

Die Klarheit und Deutlichkeit, mit der der Roman der Friedensliebe, Aufgeschlossenheit und Völkerverständigung das Wort redet und insbesondere – immer wieder auch mit tschechischer Begrifflichkeit – das untrennbare Mit- und Ineinander der deutschen und slawischen Böhmen statuiert, mutet vor dem Entstehungshintergrund kühn an. Folgt man dem Selbstzeugnis des Autors, so war es in der Tat sein erklärtes Ziel, „die Versöhnungspolitik Kaiser Karls IV. als Gegenbeispiel zur Vernichtungspolitik Hitlers den Tschechen gegenüber“ aufzurichten. Nicht zu übersehen ist das utopische Potential der Geschichtserzählung, das um eine christliche Idee vom „Reich“ kreist, welche die Klammer für das Zusammenleben der Slawen und der Deutschen bildet und letztlich als metaphysische Aufgabe und als Wunder begriffen wird: „(…) im Osten konnte Böhmen allein mit allen Reichsfeinden fertig werden. Doch nur unter einer Bedingung: Der Deutsche muß den Slawen verstehen und umgekehrt. Solange der Deutsche für diesen stumm war, ein němec, war ein Aufgehen der slawischen Völker im Reichsgedanken unmöglich. Er durfte ihm nicht als hoffärtiger Herr entgegentreten, sondern sollte sich wie ein verständnisvoller Hausvater in dessen Seele einleben. Nur so ist der Osten zu halten.“

Der Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen Herrschers entgegengestellt.

Der Wechsel vom Präteritum zum Präsens im zitierten Passus bildet, auch im Kontext der keineswegs historisierenden, sondern immer wieder betont heutigen Sprache des Erzählens, eine deutliche Botschaft an die Gegenwart. Der gewaltsamen Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen, dabei aber hellsichtigen und zielstrebigen Herrschers entgegengestellt. In dessen Brust erscheint gleichsam stellvertretend das „Ringen“ zwischen slawischem und deutschem „Blut“ ausgetragen – und produktiv gemacht. Nicht als „Wüterich“, Vernichter und Unterwerfer möchte Karl auftreten, sondern als behutsamer Neuerer, aus den alten Überlieferungen schöpfend, neue, dauerhafte Ordnungen schaffend. Oft sieht er sich – wie in dem Bestreben, das Tschechische neben dem Deutschen zur verpflichtenden Sprache des Reichsadels zu erheben – auf Rückschläge und Kompromisse verwiesen.

Der Roman trägt vielerlei Spuren der chaotischen, unausgegorenen Ära seines Hervortretens an sich. Er ist kein schlackenloses Werk der „Höhenkammliteratur“. Aber durch seine außergewöhnliche Stellung in der Situation des Weltkrieges und der Protektoratsjahre fasziniert er als Entwurf eines aus der gemeinsamen Geschichte der Tschechen und Deutschen bezogenen modernen „Fürstenspiegels“. Was er als politischen Ordnungsgedanken für Mitteleuropa offeriert, folgt natürlich keinem heute geläufigen demokratischen Fortschrittsmodell, sondern reagiert auf den damals intensiv schwelenden Kampf um den Reichsbegriff. Er deutet diesen, antivölkisch, aber dezidiert nicht westlich-diesseitig, als einen im Christlich-Transzendenten gesicherten und in dieses einmündenden Faktor aus dem Zentrum der geistigen Wirklichkeit.

Alles in allem: Wer den vergessenen Autor kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch als Eintritt in die Spunda-Welt empfohlen!

Der Herr vom Hradschin. Roman Kaiser Karls IV. (1942)

(Aus den Kapiteln über die Krönung zum König von Böhmen in Prag, 1347, und über die Kaiserkrönung in Rom, 1355)

Der Krönung unter den Gerüsten des Veitsdomes fehlte die feierliche Weihe des geschlossenen Raums. Sie glich eher einem Fest im Angesicht des ganzen Volkes, das auf dem Abhang des Hradschins zu Tausenden versammelt war.

Um von überall gesehen zu werden, fand die heilige Handlung auf einer erhöhten Estrade statt. Erzbischof Ernest sang das Amt oben auf einem mit herbstlichen Blumen geschmückten Altar, während der Chor ihm von unten antwortete. Die Königin und ihre Kinder knieten seitlich auf Teppichen. Da eine Orgel fehlte, besorgten die städtischen Pfeifer die Musik. Die Enge des Raumes gestattete keine Entfaltung der geistlichen Assistenz. Die hohen Würdenträger, Bischöfe, Äbte und Prälaten, mußten sich damit begnügen, unterhalb des Aufbaus dem Erzbischof zu respondieren.

Dadurch hatte die Feierlichkeit den Eindruck des Unfertigen, was aber nicht im mindesten die Wirkung auf das Volk verringerte. Unter den Pragern herrschte nur eine Meinung: Jetzt haben wir wieder einen eigenen König, einen der Unsrigen, keinen Fremden. Jetzt werden die goldenen Zeiten des großen Ottokar wiederkehren. Einer hatte das Schlagwort aufgebracht: Auf den bernik folgt jetzt ein zahradnik. Bernik bedeutete „Nehmer“ und war eine Anspielung an die vielen Sondersteuern (berna), die der geldgierige König Johann den Pragern auferlegt hatte. Zahradnik heißt Gärtner.

Als Karl beim Krönungsmahl von dem Beinamen erfuhr, den ihm das Volk gegeben hatte, sprach er lächelnd: „Ein Gärtner. Warum nicht? Aber mein Garten soll größer als Böhmen sein.“

* * *

Nun schritten sie zur Porphyrplatte, wo sich der Kaiser auf einem Thron niederließ. Bertrandi legte ihm den Krönungsmantel um und gab ihm Zepter und Reichsapfel in seine Hände.

Karl war starr und leblos wie ein Götterbild. Die Heiligkeit des Augenblicks hatte in ihm alles Irdische ausgelöscht. Was da geschah, war nicht sein Werk, nicht die Frucht von hundert Ränken seines Vaters, sondern Gottes eigener Wille, der ihn erkoren hatte, um der Welt den Frieden zu bringen. Alles, was er bisher getan, war wohl sein Werk, aber in allem, was er künftighin tun mußte, war Gottes Auftrag. Wo blieb da der kleine Wenzel, was war da sein geliebtes Prag, was waren seine kleinen Nöte?

Nur etwas war da, was der Größe seines Auftrags entsprach: das Reich. Nicht die Summe aller Länder und Städte, aller Ritter und Bürger, sondern etwas, was über ihnen war, ein höheres Ziel, eine göttliche Ordnung, die dem Leben jedes einzelnen erst seinen Sinn und seine Weihe gaben. Seine Böhmen verstanden ihn nicht immer, wenn er davon sprach; sie hielten das Reich nur für ein größeres Böhmen. Daß es vor allem eine geistige Aufgabe war, ahnten die wenigsten unter ihnen.

Und nun saß er da, der vierte Kaiser Karl, im starren Ornat, mit dem Heiligsten geschmückt, was es auf dieser Erde gibt. Karl von Luxemburg, ein Mensch wie jeder andere, und doch der einzige auf der ganzen Erde, der von Gott auserwählt wurde, die Welt nach einem göttlichen Plan zu ordnen.

* * *

Mährische Heimat

(Aus der Festgabe Daheim in Europa zum 65. Geburtstag des Dichters, 1955)

Zur stillen Heimat an des Gesenkes Rand

Kehrt wieder gern und freundlich mein Herz zurück,

Ein Meer von Ähren, golden im Wiegenwind

Flüstert die Sage des Ostens in Träumen.

O Vätererbe, emsig aus Schweiß und Harm

Erbaut und zähem Kampf um das bloße Brot,

Huldreich und ernst verhangen vom Schwermutsblick

Frommer Legenden und heimlicher Alben!

Urdunkel aus Gräbern der ersten Zeit

Hinüberragend in das Ahnen des Morgenrots,

Das heiß ergreifend die Herzen zusammenschmilzt,

Steht deine Mark zwischen Völkern und Zeiten.

Dein Lied ertönt im lieblichen Mädchenmund,

Ein Lobgesang, der hell wie ein Vogellied

Erklingt und sanft erzitternd in Duft vergeht,

Lied der Geburt, doch auch Lied meines Sterbens.

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