Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Beneš-Dekrete Nr. 5

von Mario Kandil

Kalendarium Kandili (72)

Am 28. März 1946 billigte die provisorische tschechoslowakische Nationalversammlung die 1940-45 erlassenen 143 Beneš-Dekrete – und damit auch das fünfte Dekret dieser unsäglichen Reihe: das vom 19. Juni 1945. Auf ihm basierte scheinjuristisch die vor nunmehr achtzig Jahren begonnene Heimatvertreibung der Sudetendeutschen, von denen viele im damals in der US-Besatzungszone liegenden Bayern eine neue Bleibe fanden.

Edvard Beneš, Präsident der Tschechoslowakischen Republik, hatte in jenem Dekret „über die Ungültigkeit einiger vermögensrechtlicher Handlungen aus der Zeit der Unfreiheit […]“ massive vermögensrechtliche Einschränkungen für Deutsche und Ungarn, angeblich „staatlich unzuverlässige Personen“, verfügt. Eine Folge dessen war die organisierte Deportation von über drei Millionen Sudetendeutschen aus ihren jahrhundertealten Siedlungsgebieten, die jetzt von der Tschechoslowakei beansprucht wurden.

Am 25. Januar 1946 traf im bayerischen Grenzbahnhof Furth im Wald der erste der Züge mit Sudetendeutschen ein, die diese beklagenswerten Menschen abschoben. Die erste „Fuhre“ brachte 1.205 Sudetendeutsche aus Budweis fort, wobei der Zug 40 Waggons umfaßte. Nur 40 Kilogramm Gepäck durften die oft schlechter als Vieh traktierten Vertriebenen aus ihren Häusern mit auf die Reise ins Ungewisse nehmen – und hatten dafür nicht einmal 60 Minuten Zeit. In aller Regel verkündete ihnen ein Tscheche ihr Los, und dann mußten sie von jetzt auf gleich ihr altes Daheim aufgeben. Bei Beginn dieser Austreibung waren aber bereits 800.000 Deutsche Opfer der „wilden Vertreibungen“ geworden.

„Das Recht auf Heimat kann man nicht für ein Linsengericht verhökern.“…

Um den von der Tschechoslowakei per Zug aus der Heimat geschafften Sudetendeutschen einen Namen zu geben und so das dahinter stehende grausame Schicksal persönlich zu machen, bereitet das Sudetendeutsche Museum in der ersten Hälfte dieses Jahres die Möglichkeit vor, in den Digitalisaten der in Tschechien überlieferten ca. 1.000 Transportlisten der Vertreibung von 1946 zu recherchieren. Diese Listen beziehen sich auf 55 Prozent aller Transporte. Ab August 2026 sollen die Digitalisate im Sudetendeutschen Museum in München in einer Medienstation einzusehen sein.

Erinnern wir die heutige SPD angesichts dessen an ihren auch von Willy Brandt – ehe er die Oder-Neiße-Linie anerkannte – getragenen Aufruf von 1963, in dem es heißt: „Das Recht auf Heimat kann man nicht für ein Linsengericht verhökern.“ Noch bekannt?

Über den Autor:

Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.

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