von Erich Körner Lakatos
Kinderbriefe aus den Winterferien
Aus dem Nachlaß meines seligen Großvaters Lajos Lakatos Gambsjäger.
Die Zeiten mögen so schlecht sein, wie sie wollen, aber eines ist ganz gewiß: daß es noch nie so gute Eltern gegeben hat wie jetzt. Natürlich: Auch die früheren Eltern waren gut, denn das sind Eltern, bis auf Ausnahmsfälle, immer gewesen, seitdem es Kinder gibt. Aber ihre Güte trat damals gewöhnlich in der Maske der Strenge auf, betätigte sich hauptsächlich im Erziehen, Ermahnen, Belehren, im Anhalten zum Überlieferten, Nützlichen und Notwendigen.
Die heutige Elterngüte sieht ganz anders aus: kameradschaftlich, freundschaftlich, nachsichtig und aufopfernd. Man tut jetzt für die Kinder viel mehr, als man eigentlich kann und als man sich selbst gönnt. Studieren, Nachhilfe, Fremdsprachen, Tanzkurse, Kinderfeste und vor allem jede Art von Sport. Soviel Aufwand trotz der schlechten Zeiten? Nein, nicht trotz, sondern eben deshalb. Weil man sich dadurch bei den Kindern irgendwie entschuldigen will, daß man sie in die heutige Welt und in die heutigen Zeiten gesetzt hat.
Das ist alles menschlich sehr schön und begreiflich, und besonders die Mütter verteidigen den Standpunkt, daß man für die Kinder nicht genug tun könne, mit der heiligen Überzeugung gutgelaunter Löwinnen. Wogegen mancher Vater, wenn er ab und zu aus dem Haushaltsbuch aufblickt und seine fesch gekleideten und glänzend gelaunten Kinder zum Vergnügen und zum Sport eilen sieht, sich heimlich denkt: Einmal sollte es mir auch so gut gehen, so wie meinen Kindern.
Ein Vater dieser Art hat auch die nachfolgenden Briefe gesammelt, die ihre Entstehung eigentlich dem Unterrichtsministerium verdanken, das in seinem unerforschlichen Ratschluß heuer über alle österreichischen Eltern eine Freiheitsstrafe von fünfzehn Weihnachtsferialtagen verhängt hat. Nicht leicht, so etwas abzubüßen. Denn gesunde und muntere Kinder, die keine Schule und gar keine Aufgaben haben, können aus Langeweile mehr Lebenslust entfalten, als einem geordneten Haushalt zuträglich ist. Dagegen müssen unbedingt Schutzmaßnahmen ergriffen werden!
– „Nichts einfacher, als das“, sagt die Mutter der Kinder, „wozu haben sie Skifahren gelernt? Wenn wir auf acht Tage ins Mariazeller Land gehen…“ – Der Vater: „Von ‚wir‘ kann gar keine Rede sein. Ich bin froh, wenn ich das Geld zum Hierbleiben habe.“ – „Dann werden wir eben das tun, was jetzt so viele Leute machen: die Kinder allein auf Weihnachtsurlaub schicken.“ Gegen diesen sportlich-rauhen Vorschlag sträubt sich der Mann, der, wie die meisten Väter heutzutage, mütterlich ängstlich ist. – „Lächerlich“, erwidert die Gattin, „ein Mädel von zwölf und ein Bub von elf. Wird ihnen gar nichts schaden, wenn sie einmal auf eigenen Füßen und Schuhen stehen und sich diese selber zuschnüren müssen. So lernen sie einmal auch mit Geld umgehen und sparen. Außerdem ist es doch ein ganzer Kindertransport, der unter dem Kommando meiner besten Freundin steht, einer sehr kinderliebenden Dame“. Dem Vater grauset’s, denn er sieht Gefahren und Verletzungen voraus, er ist also unbedingt dagegen. Infolgedessen ist die Reise der Kinder in die Winterfrische beschlossene Sache. Bewegter Abschied auf dem Bahnhof. Aber auf Seiten der Kinder ausschließlich freudig bewegt. Acht Tage ohne Eltern, ohne Ermahnung, ohne Erziehung – einfach herrlich. Letzte Zurufe: Seid vorsichtig! Nicht den Magen verderben. Keine Skisprünge! Und schreibt oft, wie es euch geht!
Darüber geben die im Laufe der Woche eingelangten Karten und Briefe Auskunft, an denen, bis auf die ärgsten grammatikalischen und orthographischen Fehler, im Interesse der historischen Wahrheit nichts geändert wurde.
Im Waggon geschriebene Karte der Tochter: „Liebe Eltern! Wie geht es Euch? Wir haben es im Waggon sehr fein gehabt. Muttis Freundin konnte sich um uns nicht kümmern, weil sie alle Bekannten im Zug geschwind begrüßen mußte, womit sie nach zwei Stunden noch nicht fertig war. Wir neun Kinder, meistens Mädeln, haben uns gut unterhalten, auch gesungen. Ein Ehepaar ist stumm in der Ecke gesessen und hat fortwährend nur geschaut. Mit den Schinkensemmeln waren wir bald fertig und haben die Salami hergenommen. Euer Sohn hat sich mit seinem Pfadfindermesser wichtig gemacht und gesagt, er könne damit Salami schneiden. Er hat sich aber nur den Finger geschnitten. Viele Küsse Euer Mädi“.
Zweiter Brief der Tochter: „Wir haben dasselbe Zimmer wie letztes Jahr. Der Papa würde recht schimpfen, weil soviel herumliegt. Der Ofen heizt sehr gut. Ein Paar Strümpfe sind leider verbrannt, obwohl sie naß waren. Heute haben wir gemeinsam ein Bad genommen. Fünf Mädeln. Um zu sparen, denn jedes Bad kostet zehn Groschen. Mein Bruder war auch im Badezimmer, aber er mußte die Augen schließen.“ Lakonischer Nachsatz des Sohnes: „Die Mädchen sind so blöd und wollen sich nur interessant machen. Ich hätte auch so nicht hingeschaut.“
Aus einem zur Weiterbeförderung eingelegten und von der Elternzensur geöffneten Brief der Tochter an eine Schulfreundin: „(…) Was ich Dir jetzt schreibe, dürfen meine Eltern nicht wissen, sonst sind sie gleich besorgt. Mein Bruder hat sich den Fuß verstaucht, deshalb habe ich ihn auf dem Buckel ins Hotel geschleppt. Auf der Stiege konnte ich nicht mehr und warf mich nieder. Mein Bruder flog durch das Küchenfenster, das Glas ist hin und mein Bruder hat jetzt einen großen blauen Fleck, Du weißt schon wo. Gerauft haben wir erst einmal.“
Aus dem Expreßbrief der Freundin an die Mutter: „Mit Deinen Kindern ist es wirklich nicht auszuhalten. Das ganze Hotel stellen sie auf den Kopf. Immer gibt es Beleidigungen, weil Deine Tochter fortwährend Tratschereien macht. Von Deinem Mann hat sie das bestimmt nicht. Der Bub springt immer wieder von der Sprungschanze, obwohl ich es ihm verboten habe. Wenn er sieht, daß ich mich zu Tode erschrecke, lacht er wie ein Blödsinniger. Und eine Verletzung nach der anderen. Der Apotheker mußte schon Jod und Verbandpflaster nachbestellen. Wenn Du Deine Kinder nicht bald abholst, schicke ich sie Dir mit wem. An diese Woche werde ich noch lange denken!“