Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Alter deutscher Friedhof in Klein Borowitz/Borovnicka

Vom Geist der Sudetendeutschen

von Rüdiger Stix

Zwischen uraltem Brauchtum, Geopolitik und Hochkultur

Wohin blickten die deutschen Altösterreicher aus den Sudetenländern? Wovon träumten sie? Die Kronländer orientierten sich natürlich zur Reichshaupt- und Residenzstadt nach Wien und weiter entlang der Donau. Gleichzeitig verbanden die Moldau und die Elbe nach Sachsen und bis in die Nordsee die alten Bernsteinrouten vom Baltikum bis in die Adria. Die schlesische k.u.k.-Industrie war direkt verknüpft mit Berlin, Polen und der Ukraine, und von Prag aus ging es entlang der Königsstraße stets direkt nach Nürnberg und in die Zentren Bayerns.

Der Geist der Sudetendeutschen spiegelt sich daher nicht nur in Bräuchen wider, die den Jahreslauf umrahmten, in Sagengestalten, die die Wildnis bezähmten, und in Denkern, welche die Welt neu erdachten. Man erkennt die Seele der Sudetenländer auch heute noch im Nachklang der Familien mit sudetendeutschen Wurzeln rund um die Welt, geprägt aus dem Alltag und aus den Geschichten der Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien im alten Österreich. Sie haben die alten Königreiche und Fürstentümer des Mittelalters weitergetragen, in denen slawische Könige zu herausragenden Markgrafen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation geworden sind und deutsche Siedler ins Land geholt haben.

Mongoleneinfälle, der grausame Mord an Jan Hus und die Hussitenkriege, Reformation und Gegenreformation, die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, der Siebenjährige Krieg, der Völkerfrühling in den Revolutionen 1848/49 bis zur europäischen Mutterkatastrophe, dem Großen Krieg ab 1914. Es waren aber all diese blutigen Ereignisse niemals ein Krieg entlang der Volksgruppen, ein Krieg zwischen Tschechen, Slowaken, Deutschen, Ungarn und den kleineren Minderheiten. Sie alle haben sich schicksalhaft immer auf beiden Seiten der Fronten wiedergefunden, zwischen Religionen und Herrschaftsansprüchen.

Die Bräuche der Sudetendeutschen waren geprägt durch ihr Leben am Land, in den Städten und in den Fabriken. Im ländlichen Böhmen feierten die Menschen den Mai mit Kränzen und Tänzen, wo der Frühling als Erlöser aus dem Winterdunkel galt. In Mähren, dem fruchtbaren Herzen, dominierten Erntedankfeste wie das Olmahtriegl, bei dem Brotlaibe gesegnet und Rübenkelche gefüllt wurden. Schlesische Weberfamilien brachten im Advent mit Schwibbögen und illuminierten Laternenbögen Licht in die dunkle Manufakturwelt der großen Werkhallen. Fronleichnam mit dem „Prachtherrichten“ verband Katholiken und Protestanten in Prozessionen, die durch Dörfer zogen und soziale Schichten durchdrangen – auch wenn Mischehen lange verboten waren. Dennoch gab es Austausch immer auch zwischen Volksgruppen und Religionen, die ebenfalls durch alle Volksgruppen gingen. Fast alle Juden sprachen jiddisch, sie bekannten sich aber noch in der Volkszählung der ersten tschechischen Republik mit großer Mehrheit als deutsch. In den Gasthäusern, wo Gänsebraten und Knödel gereicht wurden, floß das Bier in Lobliedern auf die Heimat – in der böhmischen Küche, die natürlich die Grenzen der Sprachen überspannte.

Sagengestalten verkörpern diesen Geist mythisch. Rübezahl thront als launischer Berggeist über dem Riesengebirge. In sudetendeutschen Erzählungen ist er nicht nur ein Riese, sondern ein Wächter der Natur: Mal gütig spendet er den Armen, mal zornig läßt er Lawinen toben und mahnt die Reichen zu Demut. Seine Gestalt – bärtig, mantelumhüllt, mit Zauberstab – symbolisiert die wilde Seele des Gebirges, das die Sudetendeutschen, durch den Bergbau zähmten. Und der US-Dollar stammt aus dem Joachimsthal, als „Thaler“, also „Dollar“ in angelsächsischer Schreibweise… Der Golem aus dem goldenen Prag von Kaiser Rudolph, erschaffen von Rabbi Löw aus dem Lehm der Moldau, durchdringt wiederum die städtische Seele Böhmens. In sudetendeutschen Adaptionen wird er zum schützenden Riesen, der gegen Pogrome antritt und doch manchmal zu entgleisen droht – eine Allegorie für die Macht des Geistes und ihre Gefahren. Diese Sagen webten sich tief ins sudetendeutsche Folklore ein und lehren: Die Seele des Landes ist ambivalent, sehr kreativ, aber auch überaus fleißig.

Berühmte Persönlichkeiten vertiefen diesen Charakter: Bertha von Suttner, geborene Kinsky aus Prag, ist die erste Friedensnobelpreisträgerin. Ihr Roman Die Waffen nieder! ist ein Schrei unserer Seele gegen Krieg, geprägt vom hart erarbeiteten Frieden der Kronländer, die sie als Ideal sah – vor dem heraufdämmernden Untergang Europas im Weltkrieg, der uns in die Massengräber getrieben und die Tore aufgerissen hat für Bolschewismus und Leninismus, danach für Mussolini und Hitler und dann für Stalin. Gregor Mendel, Augustinerpater in Brünn, legte im Klostergarten die Grundlagen der Genetik – seine Erbsenexperimente spiegeln die ordnende, geduldige Seele eines Volkes, das in der Naturwissenschaft Wurzeln schlug, genauso wie Ernst Mach und Ferdinand Porsche. Kurt Gödel, geboren in Brünn, revolutionierte die Mathematik und die Logik mit seinen Unvollständigkeitssätzen. Seine sudetendeutsche Präzision mißt die Grenzen des Denkbaren – ein Mozart der Mathematik, der die Computerwissenschaften und die Künstliche Intelligenz entfesselte.

Die Familien von Sigmund Freud und Franz Kafka verkörpern die sudetendeutsche Moderne genauso, wie schon die zweite Schule der Wiener Medizin eine sudetendeutsche war und Joseph Schumpeter der Pate der aktuellen Wirtschaftsnobelpreisträger ist. Freud, in Freiberg (Příbor, Mähren) geboren, entstammt der analytischen Seele dieser Grenzregion, wo Unterdrücktes – wie das Es – hochkocht. Seine Söhne dienten selbstverständlich als Freiwillige in der österreichischen Armee, und sein letztes Werk war eine bittere Analyse des US-Präsidenten Woodrow Wilson. Es ist ebenfalls herausragend, daß Oskar Schindler sein humanitäres Heldenwerk inmitten des Holocausts in seiner Fabrik nahe Brünn leisten konnte, und es ist eine Schande für unser heutiges Österreich, daß wir seine Gedenkausstellung nicht in Österreich ausrichten konnten – und daher die Witwe Schindlers ihren letzten Wunsch an die Bayern richten mußte, um am Ende ihres Lebens doch noch einmal die Staatsbürgerschaft wiederzubekommen…

Aber nicht alle haben zu Mord und Vertreibung geschwiegen. Theodor Kardinal Innitzer hat als Erzbischof – und wohl weltweit erstmals – die Hungermorde des Holodomors in der Ukraine öffentlich als Völkermord angeprangert, und nach dem Krieg kam er zu den Landsmannschaften ausdrücklich „nicht als Kardinal, sondern als Landsmann“. Franz Kafka, Prager Deutscher und gestorben in Klosterneuburg, webte in Der Prozeß und Das Schloß die Entfremdung des Menschen; Adalbert Stifter aus dem Böhmerwald malte in Der Nachsommer die Idylle sudetendeutscher Landschaft; und Marie von Ebner-Eschenbach, böhmische Gräfin aus sudetendeutscher Linie, kritisierte soziale Ungerechtigkeiten mit scharfer Humanität.

All diese Bräuche, Sagen, Musik, Genies und Literatur formen die sudetendeutsche Seele. Nach 1945, in Vertreibung und Neuanfang, blieb sie lebendig; nicht nur in der Heimatpflege und den Museen, vom Südmährerhof in Niederösterreich bis nach München, und sehr fleißig in der Integration und beim Wiederaufbau ihrer neuen Heimatländer nach dem letzten Krieg. Sie mahnt Europa und die Welt: Kultur ist ein Erbe, das erarbeitet und erhalten – und das geteilt werden muß. Die Traumata tragen die Menschen, die verletzten Seelen der Überlebenden und die Generationen ihrer Nachkommen. Frieden werden die Seelen der Menschen erst finden, wenn wir uns gemeinsam und offen den Abgründen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ehrlich stellen und wenn wir unsere Erfahrungen und unsere Kultur mit allen Menschen teilen können, die guten Willens sind.

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