von Arnulf Helperstorfer
Deutsche Mönche des Mittelalters wollten vom Papst wissen, ob ihr Starkbier in der Fastenzeit erlaubt sei. Sie schickten ein Fäßchen ihres Gebräus den beschwerlichen Weg über die Alpen bis nach Rom. Selbstverständlich war das Bier nach der langen Reise bereits verdorben – erst seit dem 19. Jh. wurden Verfahren zur Lagerfähigkeit von Bier entwickelt. Der Papst sah in dem sauren Getränk keine große Versuchung, sondern eher eine Buße und genehmigte den Verzehr. Seither gilt Starkbier als erlaubtes Fastengetränk. Mit der Realität hat diese nette Mär wenig zu tun. Dennoch ist Starkbier, meist als Bockbier bezeichnet, inzwischen längst Teil der Fastenkultur. Als Weihnachts- oder Osterbock versüßt es die kargen Tage des Fastens.
Ab 16 Grad Plato Stammwürze spricht man von Starkbier. Da die Hefebakterien bei höherer Stammwürze mehr Nahrung vorfinden, entsteht entsprechend mehr Alkohol. Das Bier wird dadurch stärker, Bockbier hat ungefähr 6,5 Prozent Alkohol, Doppelbock noch deutlich mehr, bei entsprechend höherer Stammwürze. Eine weitere Besonderheit stellt der Eisbock dar. Dazu wird Bockbier gefroren. Im Kern des Eisblocks sammelt sich auf Grund des tieferen Gefrierpunktes des Alkohols ein besonders starkes und gehaltvolles Bier mit teilweise über 14 Prozent Alkoholgehalt.
Der Name Bockbier soll auf die norddeutsche Stadt Einbeck zurückgehen, die im Hochmittelalter für ihr Starkbier bekannt war.
Klöster – die Labore und Hochtechnologiezentren des Mittelalters
Die Geschichte des Bieres insgesamt beginnt mit dem Ackerbau; Bier wurde aus den gleichen Grundstoffen hergestellt wie Brot. Dementsprechend waren die frühen, auf dem Ackerbau fußenden Hochkulturen des Orients wie Sumerer, Babylonier und Ägypter große Meister des Bierbrauens, auch Starkbiere waren ihnen bereits bekannt. Die Griechen berauschten sich eher an Wein, doch bei den Römern nahm Bier wieder einen gewissen Stellenwert ein, war aber ein Alltagsgetränk. Daß das Bierbrauen im frühen Mittelalter vor allem in Klöstern praktiziert und weiterentwickelt wurde, ist kein Zufall. Nach den Verwerfungen der Völkerwanderung waren Klöster die Labore und Hochtechnologiezentren des Mittelalters. Dort wurde Wissen bewahrt und weiterentwickelt, auch was das Brauen angeht. So waren es wohl Mönche, die dem Bier die Heilpflanze Hopfen beifügten. Im Mittelalter war es üblich, dem Bier verschiedene Gewürzmischungen zuzugeben, die teilweise sehr problematische Zutaten wie Bilsenkraut, Schlafmohn oder Porst enthielten, wohl um gewisse zusätzliche psychoaktive Wirkungen zu erzielen. Das Reinheitsgebot sollte dem einen Riegel vorschieben.
Bier spielte in der Alltagskultur der Klöster eine große Rolle und war ein Grundnahrungsmittel. Die Mönche tranken mehrere Liter davon am Tag, wobei der Alkoholgehalt deutlich niedriger war als heute. Dazu versorgten sie ihr Umland mit Bier, was für viele Klöster eine wichtige Einnahmequelle darstellte.
In der Fastenzeit nahm die Bedeutung des Bieres als Nahrungsmittel noch deutlich zu; es wurde zu einem unverzichtbaren Energielieferanten. Starkbier mit höherem Kaloriengehalt förderte diesen Effekt noch; der höhere Alkoholgehalt ließ Mönche und Bürger die karge Zeit leichter ertragen. Bier liefert zudem viele andere wichtige Stoffe wie Eiweiße, Spurenelemente oder Vitamine, auf die die Menschen in der Fastenzeit verzichten mußten. Nebenbei sei kurz erwähnt, daß so manche Mönche auch abseits des Biergenusses sehr kreative Wege fanden, um das Fasten zu umgehen. Lebewesen aus dem Wasser z.B. waren vom Fasten ausgenommen, sodaß Schweine ertränkt und als Wassertiere deklariert wurden.
Die vor allem in Bayern üblichen Starkbieranstiche gehen auf eine klösterliche Fastentradition zurück. 1651 wurde im Paulanerkloster erstmals ein Starkbier mit dem Namen Salvator als Bezugnahme auf Christus gebraut. Der eigentliche Name der Paulaner lautet „Mindeste Brüder“ (Ordo Minimorum – OM); sie sind ein asketischer Orden nach der Regel des Heiligen Franziskus’, jeglicher Fleischkonsum ist ihnen grundsätzlich untersagt. Ob vielleicht sie gerade deswegen eifrige Bierbrauer waren, ist nicht überliefert. Die Brauerei hat die Aufhebung des Klosters erfreulicherweise überlebt und führt die Tradition des Fastenstarkbieres fort.
Die Fastenzeit hat in unserer stark säkularisierten Gesellschaft den großen Stellenwert von einst verloren, das Fastenbier ist aber geblieben. Vielleicht denkt der eine oder andere während des Genusses eines Osterbocks doch daran, bei anderen Genüssen ein wenig zu sparen. Abschließend seien die Worte der deutschen Heiligen Hildegard von Bingen aus ihrem Werk Causae et Curae (Ursprung und Behandlung der Krankheiten) zitiert: „Cervisiam bibat“ bzw. „Man trinke Bier“.