Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

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Quaternionenadler – Das hailig römisch reich mit sampt seinen gelidern, Jost de Negker, 1510

Der deutsche Adler

von Daniel Fabian

Vom Legionsadler zur „Fetten Henne“

Der Adler ist nicht nur das deutsche Wappentier, sondern steht auch für eine ganze Reihe einzelner deutscher Länder von Brandenburg-Preußen über Schlesien bis Tirol. Als mythologisches Symbol ist er sehr alt, weit vorchristlich, und überdies weltweit verbreitet. Wie erfolgte der Aufstieg des majestätischen Vogels zum unangefochtenen Nationalsymbol gerade der Deutschen und ihres Reiches?

Der „angesehenste Vogel der alten Welt“

Seit Urzeiten den Menschen im eurasischen Raum bekannt war der Adler der „angesehenste Vogel der alten Welt“, so Will Richter, und damit auch eines der ältesten Herrschaftszeichen. Der größte und stärkste Raubvogel der damals bekannten Welt diente als Symbol für Kraft und Macht generell, wurde darüber zum Königssymbol und Herrschernamen schon im alten Persien und in Mesopotamien. Als hoheitliches Symbol einer Macht, die von Gott bzw. den Göttern kommt, steht der Greifvogel, dem seine Opfer außer Flucht und Versteck nichts entgegenzusetzen haben, seit jeher für Unüberwindlichkeit und Allmacht. Das sehr hoch fliegende Tier schien den Menschen des Altertums direkt aus dem „Äther“ zu kommen, die Assoziation mit übernatürlichen Höhen liegt nahe. Um den Adler entwickelten sich verschiedene abergläubische Vorstellungen, u.a. glaubte man, Adler könnten direkt in die Sonne sehen, ohne zu blinzeln, sie könnten sich durch Aufstieg zur Sonne oder durch Eintauchen in Wasser verjüngen bzw. wiedergeboren werden, sie tränken nicht und seien gegen Blitzschlag immun.

Bei den Germanen wurde dieses Wundertier zum Begleiter des in der Edda auch „adlerhäuptig“ genannten Wodans/Odins. Im Mittelmeerraum galt es als heiliges Tier und Waffenträger des Zeus’/Jupiters und dessen Attribut, dementsprechend wurde es auch zum Symboltier der römischen Kaiser und deren Legionen – der Legionsadler, die „Aquila“, entsteht als alleiniges Feldzeichen schon in der späten Republik. Dieser „römische Adler“ war jedoch nie persönliches Herrschaftszeichen einer Person oder Dynastie, sondern des Amtes, seiner Gewalt und des Imperiums. Im römischen Militär wurden die Legionsadler kultisch verehrt, waren deshalb für die frühen Christen inakzeptabel und wurden unter Kaiser Konstantin als Standartenzeichen abgeschafft; ihre Aura war aber so groß, daß der Adler als Herrschaftszeichen nie ganz verschwand. Trotz der römisch-heidnischen Assoziationen blieb der Adler in der Christenheit überwiegend positiv besetzt, hatte er doch vom Judentum her eine gewisse Tradition geerbt. Schon im Alten Testament wird der Adler nicht nur in seiner Majestät, Kraft und Schnelligkeit beschrieben, sondern auch als Bild für Schutz und Fürsorge des väterlichen Gottes verwendet (2.Mo.19.4; 5.Mo.32,11). Juden- wie Christenheit diente und dient der Raubvogel außerdem als Symbol für Verjüngung und Wiedergeburt; auch dieses Bild findet sich mehrfach in der Bibel. Für die spätere Entwicklung zum Reichssymbol dürfte die Verbindung aus Stärke und Schutz entscheidend gewesen sein. In der Ikonographie biblischer Figuren taucht der Adler als Symboltier derjenigen auf, die zum Himmel aufgefahren sind bzw. ihn geschaut haben: Elias, Jesus Christus und der Evangelist Johannes aufgrund von dessen Offenbarung. Als Attributtier verschiedener Heiliger und Kirchenväter ist das Tier immer Bild für die Stärke und Macht Gottes.

Zeichen aller Reiche, die sich in Kontinuität zum „alten“ römischen Reich stellten

Seine Bedeutung als Zeichen der Kaiserherrschaft und des Reiches hat Kontinuität seit Christi Zeiten bis zum Ende der deutschen König- und Kaiserreiche und ist damit das älteste nationale Tiersymbol zumindest Europas – schon allein, weil es weitaus älter ist als die Sitte, Wappen zu führen. Auch wenn das Adlerwappen als feststehendes, konkurrenzloses Reichs- bzw. Hoheitswappen erst im Mittelalter entstand, ist die Verwendung des Adlers noch im späten Rom und dessen Übernahme spätestens durch die Franken gesichert. Durch die Verwendung im oströmischen Reich von Byzanz/Konstantinopel besteht sogar eine bruchlose Kontinuität bis zu dessen Untergang im 15. Jahrhundert.

Die Bindung des Adlerzeichens an Kaiserwürde und den Reichsgedanken war so groß, das alle Reiche, die sich historisch in Kontinuität zum „alten“ römischen Reich stellten – ob Franken, staufische und habsburgische Deutsche, Byzantiner oder Russen – den ein- oder zweiköpfigen Adler als ihr Zeichen annahmen, wo er die dynastischen Wappen mehr oder weniger stark in der Bedeutung verdrängte oder ersetzte. Über diese Beziehung zum Herrscher wanderte der Adler auch in die Wappen verschiedener Reichsfürsten und deren Territorien ein, die dadurch wohl ihre Königs- bzw. Kaisertreue ausdrücken wollten. Nicht zuletzt wurde der Adler als König der Vögel betrachtet, ähnlich dem Löwen als König der (Land)Tiere, und – auch sprachlich – mit „Adel“ in Verbindung gebracht. Außerhalb des Reichsgebietes hat der Aar sich in Europa als Wappentier dagegen nie durchgesetzt.

Ein Kopf oder zwei Köpfe?

Schon im alten Orient war als Sonderform des Adlersymbols der zweiköpfige Adler bekannt, eine „Überbietung“, so Karlheinz Weißmann, des einköpfigen Adlers. Er steht für die Potenzierung von Macht, für eine Kraftballung. Dieser Doppeladler setzte sich im Verlaufe des Mittelalters immer mehr durch, wurde im Spätmittelalter schließlich zum alleinigen Kaiser- und Reichssymbol, der einköpfige Adler wurde als Zeichen nur des deutschen Königtums vergleichsweise unwichtig. Über die gut drei Jahrhunderte zwischen dem Ausgang des Mittelalters und dem Ende des Heiligen Reiches stellte das Wappentier mit Doppelkopf das Römisch-deutsche Reich den Kaiserreichen im Osten gleich (zunächst vor allem das „oströmische“ Konstantinopel, später das russische Zarentum), wo der Doppeladler schon früher in Gebrauch gewesen war. Im Gleichzug erhält der doppelköpfige Wappenvogel des „Heiligen Reiches“ auch einen doppelten Heiligenschein. Auch eine Deutung als Doppelhaupt für das römisch-deutsche Kaisertum einerseits und das deutsche Königtum andererseits, die ja beide offiziell nicht identisch waren und nicht immer völlig zusammenfielen, wird behauptet.

Jugendbewegte Wanderung mit Reichsfahne im Odenwald
Daniel Fabian

Vereinnahmung des „konkurrenzlosen“ Adlers durch alle politischen Systeme außer der DDR

Der Doppeladler war somit noch jahrhundertelang das Traditionszeichen des immer schwächer und scheinbar überflüssiger werdenden Reichsverbundes. Nach dessen Untergang machte sich das kurz zuvor gegründete „Kaisertum Österreich“ die Symbolkraft, das Ansehen und die Tradition des Doppeladlers zunutze und übernahm ihn als nationales und dynastisches Wappentier in die eigene Bildwelt, während der einköpfige Adler aus seiner Rand­existenz wieder hervortrat – nach dem Zusammenbruch des alten Reiches kehrt das Wappentier erst als Symbol des Deutschen Bundes, dann als kleindeutsch-wilhelminisches Reichssymbol zurück. Selbst nach dem Zusammenbruch der Reichsnachfolgereiche in Folge des verlorenen Ersten Weltkrieges gaben sich die deutschen Republiken wie selbstverständlich Adlerwappen, wobei die Republik von Weimar sogar zum mittelalterlichen einköpfigen schwarzen Adler auf goldenem Grund mit roter Wehr zurückfand. Der „deutsche Adler“ war als Wappentier längst konkurrenzlos geworden. Auch der imperial auftretende Parteistaat der Nationalsozialisten konnte nicht auf das historisch aufgeladene Symboltier verzichten, wenn auch oft in einer zeitgeistigen Gestalt, die mit der historischen Form wenig zu tun hatte und haben wollte. Lediglich der sozialistische Marionettenstaat „DDR“ verzichtete konsequent auf jede Identifikation mit dem deutschen Adler.

Die heute verwendete „Fette Henne“ sagt viel über Traditionsbewußtsein und Stil der Bundesrepublik.

Und noch in der Bundesrepublik, dem restdeutschen Reststaat, hängt seit den 50er-Jahren ein Symboltier über dem Bundestagsplenum, das zwar einen scharfen Schnabel und Krallen aufweist, dazwischen aber einen Körper, der eher an ein wohlgenährtes Huhn erinnert und deshalb zu Recht als „Fette Henne“ bezeichnet wird. Dieser Un-Adler scheint das Äußerste an Erinnerung an den Reichsadler zu sein, das man heutigen Volksvertretern zumuten kann: Als beim Umzug nach Berlin eine Neugestaltung diskutiert wurde, scheiterte diese unter anderem am Widerstand der Abgeordneten. Interessant ist auch die Entwicklung der für deutsche Umlaufmünzen verwendeten Darstellungen: von einem geradezu mittelalterlich und naturalistisch aussehenden Greifvogel auf der Eine-Mark-Münze zu ebenjener „Fetten Henne“ auf den Ein-Euro-Münzen. Die Verwendung des deutschen Wappenvogels sagt einiges aus über die Traditionsfähigkeit und den Stil der jeweils herrschenden politischen Kräfte.

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