Monatszeitschrift für Politik, Volkstum und Kultur.

Von Almosen, Gebern und Nehmern

von Caroline Sommerfeld

„Almosen, das von Herzen kommt, dem Geber wie dem Nehmer frommt“, führt Karl Simrock in seiner Sammlung Deutscher Sprichwörter 1846 an – vom russischen Dichter Fjodor Dostojewski ist gerade das Gegenteil überliefert: „Almosen verderben die Seele des Gebers wie des Nehmers und verfehlen zu alledem ihren Zweck, denn sie verschlimmern die Armut.“ Wie kommt es, daß das bereitwillige Geben kleiner Spenden an Bedürftige gleichermaßen gepriesen wie verachtet werden kann? Denn in beiden zitierten Worten steckt ja etwas Wahres …

Der Arme, der sein Dasein als Bettler fristen muß, lebt von den kargen Spenden der Wohlhabenden. Er geht davon aus, daß der nächste Tag ihm wieder die nötigen Groschen bereithalten werde, um von der Hand in den Mund zu leben. Aufgrund ihrer gewohnten Lebensweise könnten die meisten Bettler nicht von heute auf morgen Arbeit bekommen und Geld verdienen. Die Bettelei macht sie abhängig. Daraus könnte man schlußfolgern, daß der Almosengeber tatsächlich das unterstütze, dem er doch abhelfen will. Dostojewski hat in diesem rein materiellen Sinne recht: Almosen verschlimmern die Armut. Es gibt indes noch mehr als diesen materiellen Sinn.

Die Almosen des Armen, Matthäus Schiestl, 1903

In allen Kulturen der Menschheitsgeschichte drückte das Almosengeben nie bloß das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer aus.

Hinzu kommt nämlich dasjenige zwischen dem Almosengeber und einer höheren Macht. „Um Gotteslohn“ etwas zu tun oder zu geben, spiegelt diesen Gedanken im Deutschen wider. Neulich hatte ich folgendes Erlebnis: Ich wartete auf einem Platz in der Wiener Leopoldstadt und sah einen älteren Blinden mit seinem Stock die Hausmauer entlangfahren. Da ich vermutete, der Mann suche den Eingang zur dortigen Bäckerei, sprach ich ihn an, ob ich ihm helfen könne. Der Mann sagte, er sei blind und er warte auf jemanden, der nicht komme. Ich antwortete ihm, dieser andere werde ihn ja sehen, er brauche nur zu warten. Als der Blinde mich dann anbettelte, er wolle sich etwas zu essen kaufen, gab ich ihm zwei Euro – worauf er zehn verlangte! Im selben Augenblick verwandelte sich meine Hilfsbereitschaft in Ärger und Beschämung, denn gewiß war ich auf einen Zigeunertrick hereingefallen.

Betteln verdirbt, zumal wenn in Familienclans geradezu professionell ausgeübt, eindeutig die Seele des Almosennehmers. Wie aber kann es auch derjenigen des Gebers schaden? Hierauf weist die Bibel unmißverständlich hin: „Wenn du Almosen gibst, laß es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Mt 6,2) Wer seine Spendenbereitschaft kundtut, ist auf das Lob der Leute aus. Sie sollen in ihm den Wohltäter und Gutmenschen sehen. Heutzutage ist die Zurschaustellung im Netz das wichtigste Motiv bei der Spendenakquise sogenannter NGOs. Die Seele des Almosengebers wird verdorben, wenn er sich innerlich selbst auf die Schulter klopft – er muß es gar nicht einmal vor sich herposaunen. Es gibt solche Mäzene, die einem Virtuosen dessen Stradivari-Geige oder Steinway-Konzertflügel zur Verfügung stellen, von denen niemals jemand erfährt, wer sie sind, nicht einmal der Künstler selbst. Die unbekannt bleibenden Gönner erhalten ihren äußeren Lohn nicht bereits auf Erden; trotzdem sind natürlich auch sie keineswegs gefeit davor, eingebildete Leute zu sein.

Almosen können also jeweils sowohl nach innen – auf die Seele – als auch nach außen – auf die Lage der Bedürftigen – ebenso hilfreich wie verderblich wirken. Daß die hilfreiche Funktion überwiegt, bezeugt die in aller Welt und zu allen Zeiten herrschende moralische Pflicht zum freiwilligen Spenden. Die soziale Zähmungsfunktion von ganz unfreiwilligem Almosengeben schildert der Prager Schulrat und Katechet Franz Spirago in seiner Beispielsammlung für das christliche Volk von 1909:

„In einem Marktflecken in Niederösterreich hatte ein wohlhabender Wirt folgende Sitte in seinem Gasthause eingeführt: Sobald jemand ein unsittliches Gespräch anfing, wurde sogleich vom Gastwirt geläutet und dem betreffenden Gaste eine Almosenbüchse hingestellt, damit er seine unanständige Rede mit einem Geldstück büße. Diese Eintreibung des Sühnengeldes vom Zungensünder diente oft zur großen Erheiterung der Gäste.“

Die freigiebigen Leser des ECKARTSs hingegen müssen wohl kaum auf diese Weise gezwungen werden – und auch die psychologischen Finten der linken NGOs greifen bei ihnen nicht; einen Beitrag in angemessener Höhe für das Wirken der Österreichischen Landsmannschaft zu spenden, frommt ihnen ebenso wie den Landsleuten deutscher Muttersprache im Ausland.

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