von Alain Felkel
1964 rettete der deutsche Baukonzern „Hochtief“ im Auftrag der UNESCO die Tempel von Abu Simbel für die Nachwelt und baute sie an anderer Stelle Zentimeter für Zentimeter neu auf. Der Kraftakt war die Geburtsstunde des UNESCO-Welterbes.
Über dreitausend Jahre lang thronte der in den Felsen gehauene Tempel des Pharaos Ramses II. neben dem nur wenige hundert Meter entfernten Hathor-Tempel der Nefertari unbehelligt in einer sechzig Meter hohen Felswand direkt am Nilufer, nur vierzig Kilometer von der Staatsgrenze des Sudans entfernt. Jahrhundertelang trotzten die vier 20 Meter hohen Steinkolosse am Tempeleingang Wind und Wetter. Erst ein Erdbeben zerstörte das Antlitz der gigantischen Götterstatue gleich links neben dem Tempeleingang, den im Laufe der Epochen riesige Sanddünen unter sich begruben. Jahrelang führte der Ramsestempel von Abu Simbel ein Schattendasein, bis ihn der Schweizer Reisende Jacob Burkhard 1813 entdeckte. Einmal aus seinem Dornröschenschlaf erweckt rückte der Prachtbau sofort ins Bewußtsein der Weltöffentlichkeit, bis Archäologen die verschüttete Anlage 1909 ganz freilegten.
Gefahr durch die Moderne
Der idyllische Zustand hielt nicht lange an. Im Jahr 1959 drohte beiden Tempelbauten durch den Bau des Assuan-Staudammes große Gefahr. Das mit sowjetischer Hilfe konzipierte Stauseeprojekt des ägyptischen Präsidenten Gamad Abd el Nasser versprach Ägypten den Aufbruch in die Moderne. Die Aufstauung des Nils bei Assuan sollte dem Schwellenland neue landwirtschaftliche Flächen beiderseits des Nilufers erschließen und seine Energieversorgung sichern. Der Plan hatte einen Wermutstropfen: Im dreihundert Kilometer langen Überflutungsgebiet zwischen Assuan, Wadi es Sebua und Abu Simbel standen 23 altägyptische Bauwerke, die zu Opfern der Fluten zu werden drohten. Zudem sollten alle Anrainer umgesiedelt werden und ihre Dörfer in den Tiefen des zukünftigen Stausees verschwinden.
Die Geburt der Idee des Weltkulturerbes
Nassers Pläne riefen weltweit Protest hervor, die UNESCO lief Sturm gegen das Bauprojekt. Einmal geflutet, wären die Kulturgüter für immer verloren. Dies mußte unter allen Umständen verhindert werden. Mithilfe einer Spendenaktion, die 1959 begann, gelang es, achtzig Millionen Dollar zu sammeln. Unter höchstem Zeitdruck wurde daher folgende Lösung ins Auge gefaßt: Die beiden Tempel von Abu Simbel sollten mit sämtlichen Skulpturen auseinandergenommen, abgebaut und an sicherer Stelle wieder aufgebaut werden. Die Idee war kühn und baulich wie finanziell eine riesige Herausforderung. Denn wer sollte das Vorhaben finanzieren? Weder Ägypten noch der Sudan waren dazu in der Lage, die notwendigen Arbeiten ohne finanzielle Hilfe zu bewältigen. Die UNESCO wußte Abhilfe und rief ihre Mitgliedstaaten um Unterstützung an, die in großzügiger Weise gewährt wurde. Der Rettungsplan sah vor, die Heiligtümer in möglichst große Einzelblöcke zu zerlegen und anschließend 65 Meter über dem Nilufer und 200 Meter vom Fluß entfernt wieder zusammenzusetzen. Die Ausführung des Bauvorhabens wurde einem internationalen Firmenkonsortium unter der Federführung der Firma „Hochtief“ aus Essen anvertraut und vom österreichischen Bauingenieur Walter Jurecka geleitet.
Abtragung des Tempels und Wiederaufbau
Nach Vermessung des Bauwerkes und seiner Figuren durch photogrammetrische Aufnahmen bestand die erste Arbeitsphase in der Errichtung eines Kofferdammes vor den Tempeln, um die aufsteigenden Fluten des Stausees aufzuhalten. Anschließend wurden die Fassaden zum Schutz eingesandet, wodurch das Innere nur noch über eingebrachte Stahlröhren betreten werden konnte. Dann erfolgte die Abtragung des Felsgesteines, das die Heiligtümer umgab. Anschließend wurden die Wandflächen wie die Fassadenteile mit der Handsäge in Blöcke von maximal 20 bis 30 Tonnen zersägt. Nun begann der Abtransport. Spezialkräne hoben nacheinander insgesamt 807 Blöcke vom großen Tempel und 235 vom Sakralbau der Nefertari auf Tieflader, welche die gigantischen Puzzlestücke nach Zwischenlagerung auf einer Bergkuppe bis zum 16. April 1966 zu ihrem neuen Standort auf einer Insel im Nassersee verfrachteten. Letztlich begann der Wiederaufbau des Tempels unter Aufsicht des polnischen Archäologen Kazimierz Michałowski an seinem neuen Standort auf einer Insel im Nassersee mithilfe einer Eisenbetonkonstruktion hoch über dem Nilufer, die die deutsche Firma Hünnebeck, herstellte. 1971 wurde die neue Tempelanlage von Nassers Nachfolger Anwar-el-Sadat feierlich eingeweiht. Seitdem ist sie der Öffentlichkeit zugänglich und die Idee des Weltkulturerbes fester Bestandteil internationaler Kulturpolitik.