von Ronald Friedrich Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit
Der Naschmarkt meiner Kindheit war ein anderer. „Die eiserne Zeit“, die berühmte Gulaschhütte, gab es schon, wo man am Morgen sein Reparaturseidel einnehmen konnte. Speisekarte und moderne kulinarische Sperenzchen gab es nicht, ebensowenig eine Weinkarte. Im ersten Pavillonbogen war der Würstelstand, und das wären dann schon alle Speisemöglichkeiten gewesen. Gemüsestände gab es, Bäcker und Fleischhauer. Die hatten sogar noch Schweinefleisch im Angebot! Mit dem Abgang der Firma Radatz vor ein paar Jahren war es dann für einige Zeit aus mit Produkten vom Borstenvieh, bis der rührige Gemüsehändler Himmelbach, einer der letzten Indigenen am Markt, mit einer kleinen „Fleischboutique“ diesen Mangel zu beheben suchte. Der obere und untere Teil des Naschmarktes waren sozial streng getrennt, und meine Mutter hätte niemals westlich der Schleifmühlgasse eingekauft. Dort waren nämlich „die ganz armen Leute“, und ich erinnere mich noch, als Kind die „Mistkübelstirler“ gesehen zu haben, die ihr Elend durch teilweise noch verwendbares faulendes Obst zu lindern suchten. Das hat mich damals als Bub sehr schockiert, denn solche Not sah man in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts sonst nirgendwo in Wien, aber hier am äußeren Teil des Naschmarkts gab es noch wirkliche Armut.
Heute ist der Naschmarkt chic. Auf der Seite der linken Wienzeile reihen sich angesagte Speiselokale, vom „Umar“, dem besten Fischrestaurant Wiens, über diverse asiatische und levantinische Gaststätten bis hin eben zur „Eisernen Zeit“, die wohl noch traditionelle österreichische Küche, nun freilich aber auf höherem Niveau bietet. Vom Italiener ist abzuraten, woselbst man eine groteske Fehlinterpretation der mediterranen Küche vorgesetzt bekommt. Der Wirt kennt Italien möglicherweise nur von flüchtigen Urlaubsreisen, den er stammt wohl wie viele der Markthändler aus dem Nahen oder Mittleren Osten. Dies führt bei den „Standeln“ zu einer gewissen Gleichförmigkeit des Angebotes, da dicht an dicht immer die gleichen Oliven, Trockenfrüchte und Nüsse angeboten werden. Echte Gemüsehändler gibt es nur noch wenige, dafür mehrere Halal-Fleischhauer und einen herausragenden irakischen Gewürzhändler. Drei exquisite Käseläden können es mit jedem derartigen in Paris aufnehmen, und bei „Gegenbauer“ kann man seit hundert Jahren die ausgefallensten Essigsorten erwerben. Sogar vom Spargel gibt es da Essig, der sich für die Frühlingshollandaise gar trefflich eignet.
Tag für Tag, besonders aber am Samstag, schieben sich die Touristenmassen durch den Markt, der im Let´s go Europe, dem schlichten Reisemanual für ebenso schlichte Reisende als „Top-2“- Sehenswürdigkeit von Wien nach Schloß Schönbrunn verzeichnet ist. Die Markthändler freut das wenig, denn die Touristen sind keine Käufer. Gerade einmal die Gastronomie hat von ihnen einen Nutzen – die erstürbe aber, gäbe es den echten Markt nicht mehr.
Einst waren in der heutigen Gastronomiezeile auch Blumenläden, von denen es keinen einzigen mehr gibt, und die ganze Ecke duftete wie eine Blumenwiese im Frühling. Gegenüber nämlich steht seit 1801 das Theater an der Wien, das Emanuel Schikaneder gemeinsam mit seinem Logenbruder Bartholomäus Zitterbarth von Freihaus hierher verlegt hat. Es war der Brauch, daß der Herr seiner Angebeteten – damals noch stets vom anderen Geschlecht – nach dem Theaterbesuch ein buntes Blumensträußerl verehrte. Heute trinken sie hinterher ein Glas Sekt, womit sich die dortigen Bars erklären.
Das Theater an der Wien hat gewiß noch immer den schönsten Zuseherraum der Reichs-, Haupt- und Residenzstadt. Als 1902 Fellner & Helmer im vorderen Teil des Theaters ein Mietshaus errichteten, blendeten sie diesem ein prachtvolles Foyer vor, das nach dem letzten Kriege ohne Not von ignoranten Zeitgeistfreunden abgebrochen wurde. Immerhin blieb der historische Teil des Theaters unberührt, und in der Millöckergasse kann man noch das Papagenotor bewundern. Der dort dargestellte Vogelhändler ist freilich nicht jener der Zauberflöte, die der Herr Schikaneder um die Ecke im Freihaustheater uraufführen ließ, sondern jener aus der heute weitgehend unbekannten Oper Das Labyrinth eines Herrn von Winter, mit der der Direktor vergeblich an Mozarts Kassenschlager anzuschließen versuchte. Fidelio wurde hier 1805 uraufgeführt sowie Beethovens Violinkonzert, und der sozial unverträgliche Komponist logierte auch von 1803 bis 1804 in einer Wohnung im Theater, damit man ihn besser zur Arbeit anhalten konnte. Mit dem Fidelio hatte das Ensemble der ausgebombten Staatsoper auf seiner Ausweichbühne hier am 6. Oktober 1945 auch seinen ersten Auftritt nach dem Krieg.
Jeden Samstag pulsiert im unteren Teil des Naschmarkts das echte Marktleben, wenn die Bauern des Wiener Umlandes hier ihre Produkte feilbieten. Die sozialistische Stadtverwaltung möchte diesen Bauernmarkt nun gleichsam einhausen, und allerlei kostspielige Projekte werden ventiliert. Doch es gilt auch hier, was Josef Weinheber der NS-Schriftkammer zur Förderung der hiesigen Literatur empfahl: „In Ruh’ lassen“!
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