von Benedikt Kaiser
Am heutigen 13. Februar 2025 jährt sich der Untergang Dresdens durch westalliierte Angriffswellen aus der Luft zum 80. Mal. Lothar Fritze, der führende ostdeutsche Forscher auf dem Gebiet des Bombenkrieges, nennt diese Angriffe auf die sächsische Hauptstadt eine „Einäscherung“. In seinem erweiterten und aktualisierten Standardwerk Die Moral des Bombenterrors (2025), passenderweise soeben in einem Dresdener Verlag – Jungeuropa – erschienen, schreibt der Chemnitzer Politikwissenschaftler, daß der seit Jahren bereits mißachtete Grundsatz, „unschuldiges Leben möglichst zu schonen“, im Februar 1945 nicht nur „ignoriert“ wurde. Mehr noch: „Man hat große Mengen unschuldiger Menschen ohne Not getötet.“
Dabei hatte man nicht nur den Kampf gegen die Deutschen im Sinn: In den Instruktionen, die die angloamerikanischen Bomberpiloten vor ihrem mörderischen Tun erhielten, hieß es, man müsse auch „den Russen zeigen, wenn sie die Stadt erreichen, was das Bomber Command anrichten kann“. Es ging also nicht nur um die Vernichtung Dresdens als Schritt zum Sieg über Deutschland, sondern auch um Abschreckung der Russen in einem potentiellen nächsten Waffengang nach der Niederwerfung des Reiches. Humanitäre Gründe für diesen Vernichtungsschritt spielten hingegen, entgegen der heute allerorts zirkulierenden Mainstreammythen, allenfalls eine untergeordnete Rolle für die Täter.
„Boches unter den Trümmern ihrer Häuser begraben, Boches umbringen und Boches terrorisieren“
Im Themenheft Dresden 1945. Die Zerstörung von Elbflorenz des sächsischen Magazins Aufgewacht, das kürzlich erschienen ist, schreibt Chefredakteur Arne Schimmer hinsichtlich jener Täter, daß mit Großbritannien und den USA ausgerechnet „zwei Nationen, die sich selbst als Lordsiegelwahrer der Humanität betrachteten“, verantwortlich waren. Schimmer zitiert den Ansatz des 2016 verstorbenen Luftkriegshistorikers Horst Boog. Ihm zufolge sei aus der Kolonialkriegserfahrung der Royal Air Force (RAF) heraus eine bestimmte Mentalität entstanden, die sich auf den Bombenkrieg gegen Deutschland übertragen habe. Wenn das so zutreffen sollte, konkludiert Schimmer, „dann hätte man den Luftkrieg gegen das Reich in London als eine Art Strafexpedition verstanden, um die unbotmäßigen Eingeborenen zur Räson zu bringen und sie durch gezielte Grausamkeit zu erziehen“. Dafür spricht, daß Äußerungen des Haupttäters Arthur Harris, der Chef des von Lothar Fritze zitierten Bomber Command gewesen ist, bekannt sind, wonach man „Boches unter den Trümmern ihrer Häuser begraben, Boches umbringen und Boches terrorisieren“ solle – „Boches“ war damals ein in Frankreich, dann auch in England gängiger abwertender Begriff für Deutsche.
Diese erwünschte Terrorisierung und Eliminierung von Deutschen gelang in unglaublicher Anzahl. Dresden, das aufgrund seiner heute wiederhergestellten barocken Pracht wieder als „Elbflorenz“ verehrt wird, hatte gemäß Zahlen aus dem Jahr 1944 ungefähr 700.000 Einwohner; im Februar 1945 kamen hunderttausende Flüchtlinge aus den bereits überrannten Ostgebieten sowie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter hinzu. Man geht für den Schicksalsmonat Februar 1945 von etwa einer Million Menschen in der sächsischen Metropole aus, deren Rolle als Knotenpunkt der Reichsbahn und als Stadt der Kriegswirtschaft zu diesem Zeitpunkt, weniger als drei Monate vor dem 8. Mai, längst ausgespielt war. Auch zu verteidigen war Dresden längst nicht mehr. Jedwede Luftabwehr war beizeiten für östlich gelegenere Rüstungsanlagen abgezogen worden, die wenig verbliebenen Wehrmachtsverbände an die bedrohlich näher rückende Ostfront geschickt worden.
Statt einer Festung glich Dresden einer vollkommen überfüllten Lazarettstadt.
Auch nur der kleinsten Gefahr einer Gegenwehr ledig, hatten es die ersten britischen Flieger am 13. Februar 1945 allzuleicht, in aller Ruhe und bei wolkenlosem Nachthimmel die Innenstadt zu markieren und auszuleuchten. Das war gegen 22 Uhr, und nur zehn Minuten später fielen mehr als 2.000 Bomben und Luftminen. Das stufenweise Flächenbombardement war eine ab 1942 sukzessive perfektionierte Technik, Schneisen in Häuserblocks und Siedlungen zu schlagen, um den später folgenden Brandbomben einen freien Weg in die Dachstühle und Wohnungen zu verschaffen. Die erste Angriffswelle dauerte zwar nur eine Viertelstunde, aber 75 Prozent der historischen Altstadt brannten bereits.
Bergungs- und Löscharbeiten dauerten vielerorts an, jedenfalls dort, wo Einsatzkräfte noch verfügbar waren, als nur drei Stunden später kanadische und britische Bomberpiloten 650.000 Stabbrandbomben abwarfen. Nun wurden auch bisher verschont gebliebene Stadtteile mit Bombenteppichen belegt. Die zahlreichen Einzelfeuer verbanden sich zu einem beispiellosen Feuersturm.
Die Flammen loderten am 14. Februar in der ganzen Stadt; nun hätte es von außen konzentrierter Hilfe bedurft. Allein: Nach Briten und Kanadiern griffen nun die US-Amerikaner in tödlicher Routinearbeit ins Geschehen ein. Geschätzte 1.800 Sprengbomben und 136.800 Stabbrandbomben gingen auf die schutzlosen Menschen nieder. Und was heute oft vergessen wird: In den Mittagsstunden des 15. Februars griffen US-Bomber erneut an, trotz der bereits erfolgten Zerstörung, trotz der unzähligen Schwerverletzten und Ermordeten in den Trümmern. Ihre Zahl ist bis heute Gegenstand bisweilen zynisch anmutender Geschichtsfälschung: Besonders in den letzten Jahren geht die Tendenz im Zeichen eines ideologisch verfälschten Geschichtsbildes zur massiven Verringerung der Opferzahlen; irgendwann wird man womöglich versuchen, die Zahl 15.000 als „belegt“ durchzusetzen.
Dabei gab das Internationale Rote Kreuz in seinem Report of the Joint Relief Committee aus dem Jahr 1948 noch ca. 275.000 Tote an. Der erste deutsche Bundeskanzler, Konrad Adenauer, nannte 1955 „etwa 250.000 Tote“. Der Neue Brockhaus, 1959, führt die Zahl 300.000 ein, Der Spiegel, 1963, 135.000. Die DDR-Geschichtsschreibung „einigte“ sich auf rund 35.000 tote Dresdener und Flüchtlinge. Die Stadtverwaltung Dresden gab nach der Wende (1992) 202.040 Tote an, wobei die Möglichkeit genannt wurde, über 250.000 würde zutreffen (Auflistung: 35.000 identifizierte Opfer, 50.000 nicht identifizierte, 168.000, bei denen es nichts mehr zu identifizieren gegeben habe). An dieser Aufstellung wurde die kritiklose Übernahme von Zahlen beanstandet, die im April 1945 durch NS-Stellen propagiert wurden.
Bewußte oder unbewußte Verhöhnung der Bombenopfer: die „Korrektur“ der Opferzahlen durch zeitgeistkonforme Geschichtswissenschaft, Politik und Medienlandschaft.
Wolfgang Schaarschmidt, mit seiner soliden Studie Dresden 1945 hervorgetreten (2005), die noch heute im Grazer Ares Verlag verfügbar ist, kommt in seiner Analyse der Geschehnisse auf mindestens 100.000 Tote. Schaarschmidt gegenüber steht in der Forschung beispielsweise Jörg Friedrich, der die Konsequenzen der Barbarei des Bombenkrieges mit zwei Werken überhaupt ins Bewußtsein zahlreicher Deutscher rückte. Friedrichs Standardwerk Der Brand (2002) nennt 40.000 Opfer. Erst danach setzt – zeitlich gesehen – die bewußte oder unbewußte Verhöhnung der Bombenopfer ein: die „Korrektur“ der Opferzahlen durch zeitgeistkonforme Geschichtswissenschaft, Politik und Medien. Mittlerweile redet man von 20.000 bis 25.000 Toten. Dabei liegen schon allein auf dem Dresdener Heidefriedhof mindestens 20.000 Menschen begraben. Dort stehen auf einem Gedenkstein für die Opfer der Luftschläge die Zeilen des jüdischen Dresdeners Max Zimmerings: „Wie viele starben? Wer kennt die Zahl? / An Deinen Wunden sieht man die Qual / Der Namenlosen, die hier verbrannt / Im Höllenfeuer aus Menschenhand“. Ein Höllenfeuer, das auch heute wieder genutzt wird, um politische Propaganda der Herrschenden an die Stelle eines anständigen Gedenkens zu setzen.
Von organisierter patriotischer Seite aus wird dagegen verschiedentlich der Opfer gedacht.
Die AfD tendiert klassisch zum würdevollen Gedenken an markanten Plätzen wie dem Altmarkt und den Friedhöfen; das friedensbewegte „Team Fuchs“ plant am 13. Februar eine Kundgebung auf dem Neumarkt mit Zeitzeugenberichten; die Freien Sachsen organisieren eine „stille Mahnwache“ vom 13. bis 15. Februar auf dem Altmarkt; und das „nationale Lager“ ruft zu einem „traditionellen Gedenkmarsch“ am 15. Februar auf. Mit linksextremen Angriffen ist bei all diesen – und weiteren – Gedenkaktionen zu rechnen; die staatlich geduldete, wo nicht geförderte Antifa-Szene zelebriert diese Attacken in der Regel unter dem Motto „Bomber Harris, do it again“. Gemeint ist der eingangs zitierte Arthur Harris, der nicht nur dazu aufrief, Deutsche zu begraben, umzubringen und zu terrorisieren, sondern dies auch umsetzen ließ.
Benedikt Kaiser
Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.