von Benedikt Kaiser
Kaisers Zone (37)
Chemnitz ist anders. Als „sächsisches Manchester“ wurde die Arbeiterstadt deutschlandweit berühmt: Für die einen war sie vor dem Zweiten Weltkrieg die aufstrebende „Reichsindustriestadt“ (1930: über 350.000 Einwohner), für die anderen galt sie im lokalen Idiom aufgrund ihrer unzähligen Fabriken und Schornsteine als „Rußchamtz“. Im März 1945 vernichteten angloamerikanische Bomberstaffeln das dicht bebaute Zentrum – mit städtebaulichen Folgen bis heute. Als Chemnitz dann von den SED-Herrschern 1953 in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde, hatte das keinen werkbiographischen Grund: Marx selbst war nie in Westsachsen, hatte keinerlei Bezüge zur damals ca. 300.000 Einwohner beherbergenden Stadt, aber man wollte als Arbeiterpartei in einem Arbeiterstaat auch eine Arbeiterstadt nach dem ideologischen Vorbild getauft wissen: ein jahrzehntelanger Chemnitzer Sonderweg (denn andere Städte wie Guben und Eisenhüttenstadt erhielten nur vorübergehend die Namen Wilhelm-Pieck-Stadt und Stalin-Stadt).
Erst im April 1990 wurden die Chemnitzer befragt: zurück zu den Wurzeln? Ja, sagten 76 %, und im Juni vollzog das kommunale Parlament die Rückkehr zum alten Stadtnamen; von Marxens Erbe blieb der markante „Nischel“ (chemnitzerisch für „Kopf“) übrig. Dieses Marx-Monument ist eine sieben Meter hohe und fast vierzig Tonnen schwere Plastik, die 1971 eingeweiht wurde. Exakt dort fanden im August und September 2018 große und zornige Demonstrationen mit tausenden Teilnehmern statt, zu denen vor allem lokale und regionale patriotische Zusammenhänge und einige AfD-Prominenz wie die mitteldeutsche Hoffnungsfigur Björn Höcke mobilisierten. Anlaß war ein tödlicher Messerangriff auf den 35jährigen Daniel H. durch Nahostflüchtlinge auf dem bis dato traditionsreichen Stadtfest – der Spiegel diagnostizierte danach den „Ausnahmezustand in Chemnitz“ und resümierte in einem der zahllosen Skandalbeiträge wie folgt: „In der Stadt ist seitdem nichts mehr wie es war.“
Das galt auch für Hans-Georg Maaßen, damals Präsident des bundesdeutschen Inlandsgeheimdienstes. Nachdem Antifa-Journalisten und in weiterer Folge die Massenmedien über „Hetzjagden“ auf Migranten durch Rechtsradikale berichtet hatten, stellte der gut informierte Verfassungsschutzpräsident klar: Nein, dergleichen habe es offenkundig nicht gegeben. Es war das Ende seiner BRD-Karriere und der Auftakt zum aufgeheizten Wahlkampf in der Stadt. Im Mai 2019 schritten die Chemnitzer zur Urne und verschafften den beiden antretenden patriotischen Kräften ein sattes Plus. Für die AfD gab es 17,9 % (2014: 5,6 %), für die Bürgerbewegung Pro Chemnitz 7,7 % (2014: 5,7 %) – ein „rechter“ Sonderweg für Großstädte, selbst für sächsische Verhältnisse.
Seitdem ist in Chemnitz weiter viel passiert: Die im ganzen Freistaat massiven Proteste gegen die Coronamaßnahmen fanden in der heute 250.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt eine ihrer Hochburgen: Pro Chemnitz wurde zur örtlichen Filiale der 2021 gegründeten Freien Sachsen (FS) und mobilisiert bis heute (!) jeden Montag hunderte Demonstranten in die Innenstadt. Dort ist auch das Hauptquartier der FS – ein Büro- und Begegnungshaus für die aktivistische Sammlungsbewegung, die auf eine eigenwillige und knallige Art und Weise nationalistische, monarchistische und regionalistische Gruppen zusammenbringt. Wenige Straßenbahnminuten entfernt befindet sich zudem das „Zentrum Chemnitz“, das identitäre Jugendliche betreiben; weitere „nationale“ Hausprojekte sind auf das Stadtgebiet verteilt, in dem sich in den wilden 1990er-Jahren die „rechte Szene“ gegen die „linke Szene“ eher durchsetzen konnte – anders als beispielsweise in der Messestadt Leipzig, in der Antifa-Gewalttäter die Hegemonie erkämpften. Das war ein weiterer Chemnitzer Sonderweg, der eine vielköpfige wie vielgestaltige patriotische und nationale Landschaft erzeugte – mit radikalen Ausläufern, mit Hoch- und Tiefpunkten.
Zu den letzteren wird man auch aktuelle Entwicklungen rund um die Chemnitzer AfD zählen müssen, die im Wahlkampf – am 9. Juni ist Stadtrats- und Europawahl – wenig in Erscheinung tritt, während die FS bis in den kleinsten Ortsteil flächendeckende Präsenz zeigen. Stößt das bereits auf Mißfallen bei Sympathisanten, sorgt aktuell ein lokaler „Wahl-O-Mat“ (https://app.voto.vote/app/12569189) für Diskussionen – weit über Chemnitz und weit über das volksverbundene Lager hinaus. In einem solchen Umfrageportal wird anhand eines auf die konkrete Wahl zugeschnittenen Fragenkataloges mit mehreren Dutzend Themen das Gelände vermessen: Welche Partei tickt wie? Welche Partei bezieht welchen Standpunkt? Die AfD Chemnitz, die betont „liberale“ und „bürgerliche“ Mandatsträger als Lautsprecher nutzt, gibt darin Antworten, die nun so manchen Wähler von einem Kreuz für die AfD auf städtischer Ebene abbringen dürften: Man votiert grundsätzlich für mehr Migranten, zeigt sich offen für ein Ausländerwahlrecht, möchte die Einstellung linker Sozialarbeiter für den „Kampf gegen rechts“ nicht stoppen, zeigt sich für mehr „Unisextoiletten“ aufgeschlossen, verlangt keine – ohnehin erstmalige – Förderung von Projekten gegen Linksextremismus und lehnt die existierende Förderung von Projekten gegen Rechtsextremismus nicht ab, sondern verweist lediglich darauf, man müsse etwas gegen alle Extremismen haben.
Ist derlei „nur“ naiv, wie so manches Mitglied verteidigend einwendet, oder gar „Sabotage“, wie parteiinterne Kritiker meinen? So oder so: Man kann für die AfD nur hoffen, daß dies ein peinlicher Ausrutscher bleibe – und kein weiterer Chemnitzer Sonderweg entstehe…
Benedikt Kaiser
Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent.