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	<title>Der Eckart</title>
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	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
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	<title>Der Eckart</title>
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		<title>Kommunaler Rechtsruck?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 May 2026 22:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kaisers Zone]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Benedikt Kaiser Es ist bekannt, daß sich die freiheitlichen und patriotischen Kräfte zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen um so schwerer mit Wahlerfolgen tun, desto niedriger die jeweilige Ebene der Wahl ist. Das heißt heruntergebrochen: Wo in vielen Regionen des Ostens der Republik bei der EU- und der Bundestagswahl 40 bis knapp über 50 % Stimmen [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Benedikt Kaiser</em></p>



<p>Es ist bekannt, daß sich die freiheitlichen und patriotischen Kräfte zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen um so schwerer mit Wahlerfolgen tun, desto niedriger die jeweilige Ebene der Wahl ist.</p>



<p>Das heißt heruntergebrochen: Wo in vielen Regionen des Ostens der Republik bei der EU- und der Bundestagswahl 40 bis knapp über 50 % Stimmen für die AfD abgegeben werden, sind es bei Landtagswahlen noch 30 bis 40, bei den unterschiedlichen Kommunalwahlen teils gar unter 30 Prozent. Dort, wo viele Bürger ihre Gemeinde-, Stadt- und Kreisräte sowie ihre Bürger- und Oberbürgermeister wählen, tun sich widerständige Kandidaten auch 2026 noch schwer, was an einer volatilen Mischung aus fehlendem qualifiziertem Personal, etablierten Vor-Ort-Konkurrenten und schließlich in allfälligen Stichwahlen einem Alle-gegen-einen-Bündnis liegt, in dem dann freie Wählervereinigungen und Altparteien die Kräfte bündeln, um den AfD-Kandidaten zu verhindern. Konstellationen von 55 Prozent (Einheitsblock) versus 45 Prozent (AfD) sind keine Seltenheit im Osten, sondern bis dato ein erfolgreiches Schema.</p>



<p>Doch es kommen Dinge in Bewegung. Die Abstände werden geringer und mancherorts durch die fortgesetzte und unbewältigte Krisenkonvergenz in der BRD aufgehoben. Das sorgt für mediale Empörung und altparteiliches Entsetzen. Und das war der Fall am 10. Mai in Zehdenick, einer Kleinstadt in Brandenburg einige Kilometer nördlich von Berlin. René Stadtkewitz, einst CDU-Rebell und dann Parteichef der AfD-Vorgänger-Kleinstpartei „Die Freiheit“, gewann dort die Bürgermeisterwahl mit 58,4 Prozent bereits im ersten Wahlgang. Eine absolute Mehrheit, die ins Auge sticht, weil vielerorts von derartigen Ergebnissen weiterhin nur geträumt werden kann – andere Orte in Brandenburg wählten ihre altbekannten Vertreter ins Amt oder gehen, bisweilen mit einem drastischen Vorsprung vor den AfD-Herausforderern, in die Stichwahl.</p>



<p>Eine Stichwahl steht auch in einer der schönsten und geschichtsträchtigsten Städte des Landes an: In Görlitz, der 55.000-Einwohnerstadt in jenem letzten nach 1945 deutsch gebliebenen Winkel Niederschlesiens, gewann der Amtsinhaber, ein CDU-Mann, die erste Runde vor seinem Herausforderer der AfD, wobei das eingangs skizzierte 55-45-Prozent-Szenario wieder einmal das naheliegende sein dürfte. Weil das, was passierte und passieren wird, zum gängigen Prozedere der letzten Jahre zählt, ist der mediale Fokus kaum auf die deutsch-polnische Grenzstadt gerichtet, sondern gut 200 Kilometer weiter westlich auf die größte Stadt des Erzgebirgskreises. Aue-Bad Schlema, deutschlandweit bekannt für Wismut-Bergbau und Sportbegeisterung, zählt weniger als die Hälfte der Einwohner von Görlitz, wird aber gerade durch die bundesweite Presse von der <em>FAZ</em> bis zum <em>Spiegel</em> gereicht.</p>



<p>Der Hintergrund ist, daß auch dort die Oberbürgermeisterwahl vom 10. Mai im ersten Wahlgang keinen direkten Sieger (mit 50-Prozent-plus) hervorbrachte, sondern einen zweiten Wahlgang Anfang Juni erforderlich macht. Dort lautet das Szenario nun nicht CDU versus AfD wie in Görlitz und wie so häufig, sondern Freie Sachsen (FS) versus CDU/Freie Wähler (FW). Stefan Hartung, regionaler Kopf der 2021 in Schwarzenberg im Erzgebirge gegründeten FS (siehe dazu den September-<em>ECKART </em>2022), gewann mit 29 Prozent den ersten Wahlgang. Das heterogene, graswurzelartig verankerte und erstaunlich resiliente FS-Milieu um den 37jährigen IT-Unternehmer&nbsp; speist sich insbesondere aus der in Sachsen weiterhin lebendigen Coronaprotestbewegung, Rechts-Regionalisten, Resten der früheren NPD (jetzt: DIE HEIMAT), neupolitisierten Bürgern und verschiedenen langjährigen Kadern nationaler Gruppen.</p>



<p>Bei der Landtagswahl 2024 erzielte diese teils schrill-populistische, teils ideologisch widersprüchliche, stets medienwirksame und verfassungsschutzbeobachtete Rechtspartei mit dynamischer PR-Arbeit trotz des großen Fokus auf die CDU-AfD-Polarisierung sachsenweit einen Achtungserfolg von 2,2 Prozent. In Aue-Bad Schlema, wo man als „Bürgerbewegung“ zwei Gaststätten mit dichtem Veranstaltungskalender etablieren konnte, hat man bereits bei vergangenen Wahlen für Furore gesorgt. So gelang es 2024, mit zwölf Prozent in den Stadtrat der Großen Kreisstadt einzuziehen (AfD: 21,8 Prozent), wobei Frontmann Stefan Hartung mit 2.700 die meisten Stimmen aller Kandidaten auf sich vereinte. Und ein Jahr später geriet Aue-Bad Schlema schon einmal in den bundesweiten Fokus, weil im April 2025 der Stadtrat einen „Asylnotstand“ angesichts außereuropäischer Konfliktgruppen im Stadtzentrum ausriefen ließ. Die geschichtsträchtige Stadt zwischen Zwickau, dem Fichtelberg (dem höchste Berg der ehemaligen „Zone“) und Chemnitz wurde medial auch deshalb massiv „angezählt“, weil kein einziger Stadtrat gegen die Initiative Hartungs votierte – selbst der Mandatar der Linkspartei nicht.</p>



<p>Der Anlauf der Freien Sachsen zur OB-Wahl im Mai 2026 dauerte demnach einige Jahre lang, und der Triumph war hausgemacht: Die Kandidaten von CDU, Freien Wählern und AfD erreichten dagegen jeweils nur 18 bis 23, der Vertreter der Linkspartei sogar nur knapp 6 %. Da es keine Stichwahl im klassischen Sinne – Platz 1 kandidiert gegen 2 – gibt, war nach dem Wahlabend offen, wer am 7. Juni gegeneinander antreten würde. CDU und Freie Wähler dürften sich zum zweiten Wahlgang, bei dem bereits eine relative (!) Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen für den Sieg ausreicht, auf einen Kandidaten einigen; der Linkspartei-Kommunalpolitiker hat zurückgezogen. Es hing also von der AfD ab, die unter die 20-Prozent-Marke fiel (18,5), ob ein „rechter“ Block gegen einen Block der (linken) „Mitte“ antreten würde. In der sächsischen AfD wurden Stimmen laut, „keine Experimente“ zu wagen, sprich: CDU oder FW zu unterstützen. Andere Blaue forderten, nicht mehr anzutreten. Diese, darunter der OB-Kandidat Lars Bochmann, setzten sich schließlich am Abend des 12. Mais durch: Damit ist nun für den zweiten Wahlgang alles offen. Ausgerechnet den Freien Sachsen kann Anfang Juni das gelingen, was der AfD noch nirgendwo in der BRD gelang: einen Oberbürgermeister – und nicht nur Bürgermeister – zu stellen.</p>



<p>Abseits regionaler Spezifika – traditionell starkes nationales Lager, Hartung als verankerter Lokalpolitiker usw. – sind es zwei Aspekte, die diese aktuelle Besonderheit für die Allgemeinheit brisant machen:</p>



<p>Erstens zeigt Aue-Bad Schlema auf, daß die AfD in den zugespitzten und emotionalisierten Krisenzeiten selbst in einem ihrer Stammländer nicht länger den als selbstverständlich erachteten Alleinvertretungsanspruch auf oppositionell-widerständige Stimmen geltend machen kann. Wird die AfD mancherorts als zu wenig präsent im Alltag oder gar als eine Art CDU 2.0 wahrgenommen – ob berechtigt oder nicht –, wandern Rechtswähler fortan weiter zu einem anderen, präsenteren oder aktiveren Alternativangebot. Das Erzgebirge scheint hier ein avantgardistisches Erstbeispiel des mancherorts Kommenden darzustellen. Die sächsische Landtagswahl 2024 war eine sehr kleine Warnung für die Blauen, die Auer Oberbürgermeisterwahl 2026 eine immer noch kleine. Daß indes auf sehr kleine und kleine Warnungen große oder sehr große Warnungen folgen könnten, ist angesichts der Aufbruchs- und Wendestimmung in markanten Teilen der mitteldeutschen Bevölkerung künftig nicht mehr auszuschließen. Derlei zu ignorieren, kann sich die AfD im Freistaat, auch im Hinblick auf das Ziel, 2029 den Ministerpräsidenten in Dresden zu stellen, nicht leisten. Die FS als „rechtsextremistisch“ zu verwerfen, wie es Teile der AfD-Mandatsträger praktizieren, baut Frust ab, aber wird nicht ausreichen: Diffamierungen helfen mitunter der diffamierten Kraft, was in den letzten Jahren die AfD selbst unter Beweis gestellt hat.</p>



<p>Zweitens zeigt das Beispiel Aue-Bad Schlema, daß sich in Sachsen und perspektivisch auch in den anderen ostdeutschen Bundesländern für die AfD eine unbekannte Konstellation – zumindest als Gedankenexperiment – anbieten könnte. Getreu dem Motto „Koalitionspartner? Machen wir uns selbst!“ wäre eine wachsende Stimmung rechts von ihr die Voraussetzung dafür, aus der tradierten CDU-Falle („Wann sind die Schwarzen endlich gesprächsbereit?“) auszubrechen. Würden durch die Krisenlage ähnliche Formationen wie die FS entstehen und in einem relativen Rahmen auf landesweit 5,6 oder 7 % gedeihen, könnte eine „radikale Flanke“ die seit Jahrzehnten nach Mitte-Links driftenden politisch-parlamentarischen Verhältnisse wieder stärker nach „rechts“ ziehen. Als „radikale Flanke“ bezeichnet man Gruppen, die inhaltlich grundsätzlicher und offensiver in den Aktionen wirken und dadurch eine spezielle Aufmerksamkeit auf sich lenken. Strategen der Linken sehen eine eigene Dialektik am Werk: Denn die Flanke setzt sich ins Verhältnis zu den maßvolleren Gruppen der eigenen Milieus. Entscheidend ist: Überdehnt man bei der „Flanke“ zu stark die Radikalitätsspanne, so verliert man die Bindung ans eigene „Norm“-Lager, das heißt: an die „Mitte“ des eigenen Kosmos. Das hat auch mit dem „Overton-Fenster“ zu tun, das nach dem Forscher Joseph P. Overton benannt wurde. Es stellt den Rahmen des Sag- und Tragbaren dar und erlaubt derzeit noch linken Formationen mehr Freiheiten als rechten.</p>



<p>Loel Zwecker hat dies in seiner Studie <em>Die Macht der Machtlosen</em> (Stuttgart 2024) so auf den Punkt gebracht: „Außerhalb des Fensterrahmens dessen, was im Mainstream sichtbar und akzeptiert ist, liegen zunächst Ideen, die der Mehrheit zu einem Zeitpunkt als ‚undenkbar‘ gelten, die sich aber immerhin langsam ins Sichtfeld der Allgemeinheit schieben. Dabei bewegen sie sich hin zu einer breiteren Akzeptanz: Hält die Mehrheit sie anfangs für verrückt, gelten sie irgendwann nur noch als ‚radikal‘, dann als ‚vernünftig, aber schwer umsetzbar‘, bis sie schließlich ‚allgemein akzeptiert‘ und ‚gar nicht anders denkbar‘ sind. Um diesen Prozess zu beschleunigen (…) müssen mutige Menschen Ideen, die anfangs unpopulär sind, beherzt gegen Widerstände oder die Unterstellung, verrückt zu sein, vertreten.“</p>



<p>Nähme man dieses Schema ernst, wäre die Aufgabe der Zukunft für die AfD – jedenfalls im Osten der BRD – womöglich die: als starkes Zentrum einer in sich vielfältigeren patriotischen Welt zu wirken, rechte Flanken nicht zu bekämpfen, sondern durch situative Kooperationen einzubinden wo möglich und einzuhegen wo nötig. Gewiß scheint das derzeit utopisch. Aber wer aus der langjährigen CDU-Sackgasse hinaustreten will, um vom Bittsteller zum Gestalter zu werden, muß prüfen, wo etwaige neue Konstellationen denkbar wären, die nicht mehr überwiegend in der Hand der Schwarzen, sondern eben auch in der Hand der Blauen lägen. Man würde selbstbewußter, weil man neben der angestrebten CDU-AfD-Allianz weitere Optionen hätte. Irrealer als eine nahende Selbstkorrektur der Christdemokratie ist eine wachsende Stimmung rechts der AfD mit eigener „Flanke“ ja längst nicht mehr: 2026 ist nicht 2016. „Am Ende muss dieses Land“, so formuliert es Simon Strauss in seinem Großessay <em>In der Nähe</em> (Stuttgart 2025), „vielleicht wirklich ein Praktikum in seinen ostdeutschen Kleinstädten machen, um seinen Mannschaftsgeist zu finden.“ Na: Wo denn auch sonst?</p>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading"></h3>



<p>Benedikt Kaiser</p>



<div class="inherit-container-width wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained"><div class="wp-block-group__inner-container">
<p><em>Über den Autor:<br>Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent. </em></p>
</div></div>



<p></p>
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		<title>Berufsinformation und Deutschkompetenz</title>
		<link>https://dereckart.at/berufsinformation-und-deutschkompetenz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2026 07:19:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Im Osten viel Neues]]></category>
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					<description><![CDATA[von Georg Fritsche Im Osten viel Neues Mit dem eigenen Broterwerb werden die Unabhängigkeit und das Gestalten eines eigenen Lebensweges realistisch. Viele Netzseiten geben kluge Ratschläge dafür, aber ist das wirklich das, was umfassend informiert? Wie sieht die Realität eines Berufes dann im Büro oder in der Werkhalle aus? Diese und zahlreiche weitere Fragen haben [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Georg Fritsche</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Im Osten viel Neues</h2>



<p></p>



<p>Mit dem eigenen Broterwerb werden die Unabhängigkeit und das Gestalten eines eigenen Lebensweges realistisch. Viele Netzseiten geben kluge Ratschläge dafür, aber ist das wirklich das, was umfassend informiert? Wie sieht die Realität eines Berufes dann im Büro oder in der Werkhalle aus? Diese und zahlreiche weitere Fragen haben sich auch den Jugendlichen in Niederschlesien gestellt. Aber Angebote von Firmen verschiedener Branchen dazu gab es bisher nur punktuell. Es ist das hier bisher praktizierte Ausbildungsschema, das eine umfassende Angebotspalette verhindert hat. Denn es wird nach dem Besuch der Volksschule bis zur 8. Klasse nach Notendurchschnitt entschieden, ob der Jugendliche eine gymnasiale oder eine gewerbliche Ausbildung erhält. Die gewerbliche Ausbildung ist eine fachtheoretische Ausbildung mit einer Ausbildungsdauer von drei Jahren. Dann erst wählt der Jugendliche einen Betrieb aus, wo er seine praktischen Fähigkeiten erwirbt. Das ist ein Problem. Denn vieles müßte so erst während der regulären Berufsausübung praktisch gelernt werden. Bisher gab es von der Warschauer Regierung nur Bekenntnisse, dies im Sinne einer dualen Ausbildung ändern zu wollen – außer Einzelangeboten von Firmen tat sich bisher konkret aber wenig.</p>



<p>Deshalb gründen sich in den Regionen immer häufiger Privatinitiativen, die Kontakte zwischen Berufsschulen und Firmen in die eigene Regie nehmen. So auch in Niederschlesien: Die Stiftung „Entdecke deine Talente“ wurde zu diesem Zweck gegründet. Neben dem Hauptzweck, die Praxisnähe zu fördern, haben sich die Initiatoren zum Ziel gesetzt, den Schülern besonders die Vermittlung der deutschen Sprache nahe zu bringen. Mit dem Nachbarmarkt Sachsen und Brandenburg/Berlin ist das ein gewichtiger Teil zukünftiger Berufsfähigkeiten. Aber auch Partner aus anderen deutschsprachigen Regionen in Europa sollen Kooperation anbieten. Die Stiftung ist dankbar für die Unterstützung durch Projekte, aber auch für Praktikumsplätze.</p>



<p>Eine Möglichkeit ist, daß Firmen und Verbände durch diese Zusammenarbeit einen neuen Markt erschließen und so z.B. einen Technologieaustausch durch einen Mitarbeiteraustausch bewerkstelligen könnten. Die Förderprogramme für Berufspraktika der EU unterstützen dies. Das Sprachangebot Deutsch sollte nach Maßgabe der Förderrichtlinie der ÖLM zugänglich werden – also besonders dann, wenn Schüler aus Oberschlesien, die der deutschen Volksgruppe angehören, in den Genuß der Förderung kommen.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Von Sachsen nach Sizilien „tornistern“</title>
		<link>https://dereckart.at/von-sachsen-nach-sizilien-tornistern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 11 May 2026 10:12:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Erik Lommatzsch Johann Gottfried Seume Durch seinen Reisebericht Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802 wurde Johann Gottfried Seume weithin bekannt. Zurückgelegt hat er die etwa 7.000 Kilometer, die ihn mit Umwegen von seiner sächsischen Heimat in den Süden Siziliens und zurück führten, tatsächlich zum allergrößten Teil zu Fuß. Für diese von ihm bevorzugte Art [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Erik Lommatzsch</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Johann Gottfried Seume</h2>



<p></p>



<p>Durch seinen Reisebericht <em>Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802</em> wurde Johann Gottfried Seume weithin bekannt. Zurückgelegt hat er die etwa 7.000 Kilometer, die ihn mit Umwegen von seiner sächsischen Heimat in den Süden Siziliens und zurück führten, tatsächlich zum allergrößten Teil zu Fuß. Für diese von ihm bevorzugte Art des Reisens gebrauchte er gern den Ausdruck „tornistern“. Stolz vermerkte er am Ende, „daß ich in den nämlichen Stiefeln ausgegangen und zurückgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen.“ Seume war strikt der Auffassung, „wer geht, der sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt“. Er halte „den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne“. Fahren zeige Ohnmacht, Gehen Kraft.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fahren ist Ohnmacht, Gehen ist Kraft.</h3>



<p></p>



<p>Den am 29. Januar 1763 im kursächsischen Poserna geborenen Seume lediglich als Schriftsteller zu bezeichnen, greift zu kurz. Der Spätaufklärer war ebenso Reisender, Abenteurer und politischer Kommentator. Unstet und von Unrast getrieben war Seumes Leben, der Stil asketisch: „Ich trinke keinen Wein, keinen Kaffee, keinen Liqueur, rauche keinen Tabak und schnupfe keinen, esse die einfachsten Speisen (…)“. Gefördert von einem adeligen Gönner nahm Seume ein Theologiestudium in Leipzig auf. Nicht zuletzt geplagt von Glaubenszweifeln brach er dieses 1781 ab und wollte nach Frankreich gehen. Bereits in Thüringen fiel er in die Hände hessischer Werber und stand schließlich in den Reihen der britischen Truppen in Neuschottland. Zurück in Bremen desertierte er, wurde nun aber von den Preußen aufgegriffen, bei denen er vier Jahre lang Militärdienst tat. Nach mehreren Fluchtversuchen kehrte er schließlich von einem Urlaub in Leipzig nicht zur Armee zurück. Seit Dezember 1789 studierte er wieder – Jura, Philologie, Philosophie und Geschichte. Er war kurzzeitig Hofmeister und trat in die Dienste des russischen Generals Otto Heinrich von Igelström. Dieser wurde 1794 Gesandter in Warschau. Seume erlebte den Warschauer Aufstand und geriet in polnische Gefangenschaft. Vom Sommer 1797 an widmete er sich als Verlagsmitarbeiter unter anderem den Werken von Wieland und Klopstock.</p>



<p>Dem Verleger Göschen gegenüber hatte Seume bereits zu Beginn seiner Tätigkeit angekündigt, er werde zwei Jahre bei ihm „sitzen“, müsse sich dann aber „ein wenig auslaufen“. Aus zwei Jahren wurden vier. Am 6. Dezember 1801 brach er zu seiner berühmtesten Reise auf: nach Syrakus. Als Zweck wußte er lediglich noch anzugeben, er wolle den griechischen Dichter Theokrit in dessen Heimat in der Originalsprache lesen. Bis Wien – hier vermerkte er ausdrücklich die Freundlichkeit, mit der er aufgenommen wurde – hatte er einen Begleiter, die weitere Reise bestritt er allein. Über Venedig, Rom und Neapel gelangte er schließlich bis nach Syrakus. Dort kehrte er um, über die Schweiz und Paris erreichte er am 24. August 1802 Leipzig, wo seine Reise endete und wo er fortan als Schriftsteller und Sprachlehrer wirkte. Sein im Folgejahr veröffentlichter Bericht, der <em>Spaziergang</em>, ist weniger von der Bewunderung der Altertümer geprägt. Diese tat Seume, obwohl begeisterter Leser der antiken Historiker, mitunter lapidar ab. So etwa: „Ich lief eine Stunde in Pompeji herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten.“ Er ließ wissen: „Städte und Gegenden und Menschen und ihre Pracht anzustaunen, ist eben nicht meine Sache“. Dagegen zeigte sich der Spaziergang – modern gesprochen – ausgesprochen sozialkritisch. „Armut und Bettelei“ seien das „Traurigste in Venedig“.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="449" height="540" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/16-rechts.jpg" alt="" class="wp-image-11959" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/16-rechts.jpg 449w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/16-rechts-249x300.jpg 249w" sizes="(max-width: 449px) 100vw, 449px" /><figcaption class="wp-element-caption">Wikimedia Commons, Hans Veit Schnorr von Carolsfeld</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">„Wo man singet, laß dich ruhig nieder, Bösewichter haben keine Lieder.“</h3>



<p></p>



<p>Noch stärker politisch gab sich Seume in seinen 1806/07 verfaßten <em>Apokryphen</em>, vollständig erst 1869 veröffentlicht, und im Bericht <em>Mein Sommer 1805</em> über eine weitere große Reise, die ihn bis nach Moskau führte. Das nicht regierungsopportune Werk wurde verboten. Schwer enttäuscht war Seume von Napoleon, den er als Verräter der revolutionären Ideale betrachtete. Seume selbst war kein Revolutionär, die Zuschreibung „Linkspatriot“ dürfte es eher treffen. Vor allem war er Moralist, hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn sowie „eine kleine Liebschaft gegen Republiken, wenn sie nur leidlich vernünftig sind“. In Bad Teplitz, wo der schon länger gesundheitlich schwer angeschlagene Seume Heilung suchte, ist er am 13. Juni 1810 gestorben. Verbunden wird Seume bis heute vor allem mit dem <em>Spaziergang.</em> Allerdings gehen auch sprichwörtlich gewordene Redensarten auf ihn zurück. So finden sich in einem seiner Gedichte die Verse: „Wo man singet, laß dich ruhig nieder, (&#8230;) Bösewichter haben keine Lieder.“</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wenn Marschieren zum Zwang wird</title>
		<link>https://dereckart.at/wenn-marschieren-zum-zwang-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 09:00:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Hannes Zingerle Südtirol und der Faschismus Musikkapellen gehören fest zur Tradition in Österreich und insbesondere in Südtirol, wo sie tief in der Volkskultur, dem Brauchtum und der regionalen Identität verwurzelt sind, bei kirchlichen und weltlichen Festen, Prozessionen und Feiern auftreten und mit ihrer traditionellen Tracht das Dorfbild prägen. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Hannes Zingerle</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Südtirol und der Faschismus</h2>



<p></p>



<p>Musikkapellen gehören fest zur Tradition in Österreich und insbesondere in Südtirol, wo sie tief in der Volkskultur, dem Brauchtum und der regionalen Identität verwurzelt sind, bei kirchlichen und weltlichen Festen, Prozessionen und Feiern auftreten und mit ihrer traditionellen Tracht das Dorfbild prägen. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, pflegen das Erbe und verbinden Generationen, indem sie lokale Bräuche lebendig halten.<br>Zur umfangreichen Tätigkeit der Musikanten, welche ihren wertvollen Dienst ehrenamtlich ausüben, gehört auch das Marschieren. Auch wenn es für den ein und anderen nicht zu den Lieblingstätigkeiten innerhalb des Vereines gehört, so hinterläßt das Erscheinungsbild während des Marschierens beim Publikum eine prägende Erinnerung. Jene Bewohner des Ortes, welche nicht bei den verschiedenen Konzerten anwesend sind, registrieren die Musikkapelle spätestens dann, wenn bei einem geistlichen Fest aufmarschiert oder eine Prozession durchs Dorf durchgeführt wird. Für die meisten ist es wohl nicht vorstellbar oder gar undenkbar, daß bei der Fronleichnamsprozession keine Musikkapelle mitwirkte.</p>



<p>Ein alter Zeitungsausschnitt, der mir im abgelaufenen Jahr 2025 in die Hände kam, machte mich regelrecht sprachlos. Meist verbindet man die Musik im Zusammenhang mit einem Verein mit positiven Gedanken, doch dieser Artikel zeigte auf, daß es im Laufe der Geschichte auch Schattenseiten gab. Eine sehr dunkle Zeit war dabei jene des Faschismus’, wo Musikkapellen in Südtirol harte Zeiten durchleben mußten. So hielt dieser Artikel eine Episode aus dem Jahre 1925 fest, als die Musikkapelle Vintl – deren Mitglied ich bin – zum Marschieren gezwungen und so politisch mißbraucht wurde. An dieses Ereignis sollte genau 100 Jahre später mit einer kleinen Veranstaltung erinnert werden, um die schwere Zeit des Faschismus’ ins Gedächtnis zu rufen und die Menschen aufzurütteln.</p>



<p>1925 – wir befinden uns in der Zeit des Faschismus’ in Südtirol und blicken auf die Auswirkungen im kulturellen Bereich, speziell in jenem der Blasmusik mit ihren Musikkapellen. Der Verband Südtiroler Musikkapellen (VSM) hat dazu im Jahr 2021, gemeinsam mit dem Südtiroler Landesarchiv, einen Band herausgegeben mit dem Titel <em>In Treue fest durch die Systeme – Geschichte der Südtiroler Blasmusik 1918-1948</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Faschismus in Südtirol</h3>



<p></p>



<p>Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Südtirol ein Teil Italiens. Im Vertrag von St. Germain wurden am 10. September 1919 neue politische Grenzen fixiert. Dieser Vertrag trat ein Jahr später am 10. September 1920 inkraft, und somit wurden das ehemalige Welschtirol – das heutige Trentino – und Südtirol durch Italien annektiert. Mit der Machtergreifung Mussolinis Ende Oktober 1922 bestimmten Nationalismus und Zentralismus Südtirol, Faschisten besetzten fortan den Süden Tirols mit dem Ziel, das Land vollständig zu italianisieren. In den Schulen war Italienisch die einzige Unterrichtssprache, und auch die Familien- und Ortsnamen wurden ins Italienische übersetzt – um nur wenige Maßnahmen von vielen aufzuzählen. Die deutsche Sprache und Kultur sollten verbannt werden. Erst 1943 endete der Faschismus in Südtirol.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Italianisiertes Repertoire der Musikkapellen</h3>



<p></p>



<p>Mock schreibt im vorhin erwähnten Band: „Eines der ersten Begehren, mit dem sich Blasmusikvereine nun konfrontiert sahen, betraf das Spielen der Marcia Reale und der faschistischen Hymne Giovinezza. [&#8230;] In aller Regel waren es gewiß wohl lokale Faschisten oder Behördenvertreter, die ihre musikalischen Wünsche mit Nachdruck bei den Vereinen deponierten.“<br>Außerdem mußten die Konzertprogramme an staatliche Bearbeitungen angepaßt werden sollten. Grundsätzlich sollte das Kulturempfinden durch die Musikkapellen verändert werden, indem Werke aus italienischen Opern ins Programm aufgenommen würden. Im tirolerisch-österreichischen Repertoire mußten die Titel geändert und italianisiert werden. Beispielsweise wurde aus dem Marsch „Alte Kameraden“ die „Marcia Vecchi Compagni“ und aus dem Marsch „Hoch Heidecksburg“ die „Viva Castel Aidecchio“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein 100 Jahre alter Zeitungsartikel schockiert.</h3>



<p></p>



<p>Wie in vielen Gemeinden existiert auch in meiner Gemeinde Vintl ein Blatt, welches die Gemeindeverwaltung in unregelmäßigen Abständen herausgibt. Inhalt sind Berichte aus der Gemeinde, Artikel der verschiedenen Vereine und Nachrichten aus dem Bezirk sowie vom Land Südtirol. Im <em>Vintila Boten</em> vom August 2024 (Nr. 106) ist ein sehr interessanter Artikel veröffentlicht worden. Der Titel lautet „Beitrag zur Geschichte der Musikkapelle Vintl (1884-1947)“. Es wurden besondere Ereignisse zusammengefaßt, welche damals in den lokalen Zeitungen ihren Niederschlag gefunden haben. Ein Ereignis ist mir dabei besonders aufgefallen, nämlich ein Umzug am 4. Dezember im Jahre 1925, bei welchem die Musikkapelle Vintl gezwungen wurde mitzumarschieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mit Knüppeln auf die Straße getrieben</h3>



<p></p>



<p>Nachfolgend der vollständige Wortlaut in der Zeitung <em>Südtiroler Heimat</em> vom 1. Jänner 1926:<br><br><em>Umzug in Vintl.</em></p>



<p><em>Vintl, eine Ortschaft im Pustertal mit zirka 600-700 Seelen, dessen Häuser links und rechts der Reichsstraße liegen, hatte folgendes Erlebnis. Die wenigen Bahnfaschisten, Karabinieri und Finanzer von Vintl veranstalteten am 4. Dezember abends einen Umzug, zu welchem die Vintler Musikkapelle spielen mußte. Das Dorf, das nur eine Straße (Hauptstraße) hat, war mit Triumphbögen geziert usw. Als sich der Zug in Bewegung setzte, waren als Durchläufer nur obgenannte Herren zu verzeichnen. Da sich nun von der Bevölkerung, die dem Geschreie ruhig zusah, niemand anschloß, warfen sich die Faschisten mit Knüppeln bewaffnet auf die vor den Häusern stehenden Leute (Männer, Frauen und Kinder) und zwangen sie, am Umzug teilzunehmen. Sie drangen sogar in die Privathäuser bzw. Wohnungen und holten die Leute heraus. So stürzten sie sich zum Beispiel ins Gasthof „Stampfl“, 1. Stock, wo im Gastzimmer zwei Bauernknechte und ein Holzhändler aus Meran saßen, die sie zwangen mitzugehen. Als sie sich weigerten, wurden die zwei Knechte mit Gewalt von mehreren Faschisten hinter dem Tisch hervorgeholt, wobei einem das Hemd vom Leibe gerissen wurde. Die beiden Knechte entkamen ihnen aber. Wutentbrannt stürzten sie sich nun auf den Holzhändler, der sich ebenfalls weigerte mitzugehen, umsomehr er nicht von Vintl war, sondern nur als Gast dort weilte. Nun wurde er von den Faschisten bei den Ohren gepackt und so bis zur Haustür gezogen. Dorten protestierte der Holzhändler nochmals energisch gegen dieses Vorgehen, sodaß sie ihn schließlich freiließen. – Um 10 Uhr nach dem Umzug veranstalteten die „Herren“ im Gasthof „Rieper“ ein Mahl, zu welchem auch die Gemeindevorstehung eingeladen wurde, um so eine Rückendeckung zu haben. Das ganze Essen kostete 960 Lire, welcher Betrag von der Bevölkerung von Vintl, Pfunders, Terenten usw. gesammelt bzw. herausgepreßt wurde. Alle straßenseitigen Fenster mußten Lampions tragen, und hernach fand eine grandiose Illumination statt.</em></p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large is-resized"><img decoding="async" width="678" height="1024" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts-678x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-11955" style="width:278px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts-678x1024.jpeg 678w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts-199x300.jpeg 199w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts-768x1160.jpeg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts-1017x1536.jpeg 1017w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/05/21-rechts.jpeg 1059w" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" /><figcaption class="wp-element-caption">Hannes Zingerle</figcaption></figure>



<p><br><br>Dieses besondere Ereignis ließ mich nicht mehr los. Im Gedanken bei den damaligen Musikanten der Musikkapelle Vintl, war mir schwer vorstellbar, wie ihnen dieser damalige Umzug wohl zugesetzt haben mochte. Aus Freude zur Musik Mitglied in einem Verein und dann für politische Zwecke mißbraucht zu werden – und diese Episode ist gerade einmal erst hundert Jahre her. Meist sind es erfreuliche Ereignisse, welche mit Jubiläumsveranstaltungen gefeiert werden, doch mir wurde bald klar, daß nach 100 Jahren an dieses dunkle Kapitel der Musikkapelle Vintl auch mit einer Veranstaltung erinnert werden müsse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Erinnerungsveranstaltung 100 Jahre danach</h3>



<p></p>



<p>Am 4. Dezember 2025 – an jenem Tag jährte sich der Umzug der Faschisten in Vintl zum hundertsten Mal – lud die Musikkapelle Vintl zu einem besonderen Abend ein. Die Musikanten zogen zunächst mit einer „stillen Prozession“ durch das Dorf. Sie führten ihre Instrumente zwar mit, doch sie ließen sie nicht erklingen. Dabei wurde die Musikkapelle von Mitgliedern der örtlichen Schützenkompanie begleitet, welche mit brennenden Fackeln den Marschblock flankierten. Das Marschieren ohne Musik sollte als Zeichen des Gedenkens an das Ereignis von 1925 verstanden werden; ein Gedenkmarsch, bei dem die Stille die Ernsthaftigkeit des Anlasses unterstrich.<br>Im Anschluß daran gab es einen Informationsabend im Gemeindesaal. Dabei blickte die Historikerin Frau Dr. Margareth Lun in die Zeit des Faschismus’ zurück und erzählte von vielen bitteren Ereignissen, welche speziell die kulturellen Vereine Südtirols in dieser Zeit&nbsp; durchleben mußten. Dieser Informationsabend sollte die Geschichte kritisch reflektieren und die Bewahrung der kulturellen Identität festigen, ohne die dunklen Kapitel der Vergangenheit zu ignorieren.</p>



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		<title>Barfußgehen als Herausforderung und Schule</title>
		<link>https://dereckart.at/barfussgehen-als-herausforderung-und-schule/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 May 2026 10:44:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Michael Scharfmüller Bloßfüßige“ war lange Zeit ein Schimpfwort für Leute, die man nicht für ganz voll nahm. Schließlich gehen im Regelfall nur äußerst arme Menschen und „unterentwickelte“ Völker ohne Schuhwerk. Gesellschaftlich ist es bei uns nur Kindern gestattet, außerhalb von Badewiesen barfuß herumzulaufen – wobei auch das mittlerweile nicht mehr gerne gesehen wird. Schließlich [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Michael Scharfmüller</em></p>



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<p>Bloßfüßige“ war lange Zeit ein Schimpfwort für Leute, die man nicht für ganz voll nahm. Schließlich gehen im Regelfall nur äußerst arme Menschen und „unterentwickelte“ Völker ohne Schuhwerk. Gesellschaftlich ist es bei uns nur Kindern gestattet, außerhalb von Badewiesen barfuß herumzulaufen – wobei auch das mittlerweile nicht mehr gerne gesehen wird. Schließlich könnte man ja auf eine Biene, eine Distel, eine Glasscherbe oder Ähnliches treten, was Schmerzen verursacht. Ich bin weder arm noch ein Kind, trotzdem bin ich in den halbwegs warmen Monaten relativ viel „blohappert“ unterwegs, wie man bei uns in Oberösterreich sagt. Bloßfüßig gehe ich im Ort einkaufen, außerdem spazieren, wandern und ab und zu sogar auf einen Berggipfel.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Es braucht eine gewisse Leidensfähigkeit, um auch auf schwierigem Terrain bestehen zu können.</h3>



<p></p>



<p>Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile der schuhlosen Fortbewegung ganz klar. Zum einen entschleunigt man dadurch, da man viel vorsichtiger und bedachter unterwegs sein muß, wenn Zehen und Fußsohlen der Umwelt schutzlos ausgeliefert sind. Dabei schärft sich die Wahrnehmung für den Untergrund: Man fühlt, was rauh oder glatt ist, was schnell kalt wird und was die Wärme des Tages noch lange hält. Zudem werden durch das Barfußgehen Muskeln im ganzen Körper gestärkt, da man anders geht als mit Schuhen. Was mir am Barfußgehen auch gut gefällt, ist, daß man dadurch mit vielen Leuten ins Gespräch kommt. Besonders kleine Kinder sind davon fasziniert, daß es Erwachsene gibt, die keine Schuhe tragen. Bei den Gesprächen, die dabei manchmal entstehen, wird mir immer wieder gesagt, daß man eine ordentliche Hornhaut brauche, um das auszuhalten. Das stimmt aber nicht, denn selbst die dickste Hornhaut ist wahrscheinlich nicht stärker als zwei Millimeter. In Wahrheit ist es keine dicke Haut, die das Barfußgehen leichter macht, sondern die Fähigkeit, mit leichten Schmerzen umgehen zu können. Es braucht eben eine gewisse Leidensfähigkeit, um auch auf schwierigem Terrain bestehen zu können. Aus meiner Sicht ist der bewußte Umgang mit Schmerzen in unserer verweichlichten Gesellschaft fast völlig verloren gegangen. Egal ob bei körperlichen oder seelischen Problemen – viele Ärzte verschreiben viel zu rasch Schmerzmittel und schwere Psychopharmaka. Und auch sonst wird versucht, den Anstrengungen des Lebens aus dem Weg zu gehen. Ich sehe den Menschen aber wie einen Muskel, der mental und körperlich trainiert werden muß. Nicht die größtmögliche Schonung macht uns zu starken und gesunden Menschen, sondern die Annahme von Herausforderungen.</p>



<p>Mit Barfußgehen kann man sich selbst herausfordern, übertreiben sollte man es freilich nicht: Wenn ich beispielsweise am Berg länger ohne Schuhe unterwegs bin, merke ich richtig, wie das an meinen körperlichen und mentalen Kräften zerrt. Zumindest für den Notfall sollte man deshalb immer ein paar Schuhe mithaben. Auf Schuhe sollte man auch nicht verzichten, wenn man Termine wahrzunehmen hat, bei denen man ernst genommen werden will. Auch zu feierlichen Anlässen sollte man – aus meiner Sicht – in passendem Schuhwerk erscheinen. Es mag zwar angenehm sein, auf einer sommerlichen Hochzeit barfuß herumzuspazieren, aus Respekt vor dem Anlaß und dem Brautpaar sollte man es aber trotzdem nicht tun. Ich persönlich verzichte aufs Barfußgehen auch immer dann, wenn es finster ist – die Gefahr, auf einen gefährlichen Gegenstand zu treten, ist einfach zu hoch. Besondere Vorsicht ist auch auf blühenden Wiesen geboten: Bienenstiche können nämlich richtig schmerzhaft sein. Im Wald hingegen habe ich bisher – abgesehen von einer stacheligen Schlingpflanze – noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.</p>



<p>Das Barfußgehen habe ich übrigens bei einem Alpenvereinskurs für mich entdeckt. Dort meinte der Kursleiter auf einem Gipfel in den Alpen plötzlich, wir sollten unsere Schuhe ausziehen und barfuß weitergehen. Als nach ein paar hundert Metern alle wieder ihre schweren Wanderschuhe anzogen, hatte ich mir längst in den Kopf gesetzt, den ganzen Berg barfuß hinunterzugehen – was angesichts vieler spitzer Steine und einiger Schneefelder eine besondere Herausforderung war. Vielleicht hat Goethe ja recht, wenn er schreibt: „Wer sich nicht selbst befiehlt, bleibt immer Knecht!“ Barfußgehen ist eine schöne Methode, um den eigenen Willen auf halbwegs sanfte Art und Weise zu trainieren. Viel Freude beim Ausprobieren! </p>



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		<title>Steinerne Zeugen: Arbeit am Schloß Oderbeltsch</title>
		<link>https://dereckart.at/steinerne-zeugen-arbeit-am-schloss-oderbeltsch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 May 2026 11:30:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Im Osten viel Neues]]></category>
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					<description><![CDATA[von Georg Fritsche Im Osten viel Neues Im Ort Oderbeltsch (Belcz Wielkie) im Landkreis Guhrau in Niederschlesien steht das imposante Schloß der Familie von Gilka-Bötzow. Die Familie war um die Jahrhundertwende durch ihre Sprit-, Rum- und Destillationsfabrik in Berlin zu ihrem Vermögen gekommen. Der „Kaiser-Kümmel“ wurde sogar am Wiener Hofe konsumiert, die Familie zu Hoflieferanten [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Georg Fritsche</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Im Osten viel Neues</h2>



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<p>Im Ort Oderbeltsch (Belcz Wielkie) im Landkreis Guhrau in Niederschlesien steht das imposante Schloß der Familie von Gilka-Bötzow. Die Familie war um die Jahrhundertwende durch ihre Sprit-, Rum- und Destillationsfabrik in Berlin zu ihrem Vermögen gekommen. Der „Kaiser-Kümmel“ wurde sogar am Wiener Hofe konsumiert, die Familie zu Hoflieferanten der Habsburger ernannt. In Theodor Fontanes Roman <em>Frau Jenny Treibel</em> wird der Schnaps allerdings eher als Getränk für eine kleine Hausschneiderin erwähnt. Auch in Joachim Ringelnatz’ „Lied aus einem Berliner Droschkenfenster“ wird der Genuß von Gilka eher den unteren Volksschichten zugeschrieben. Die Inhaber der Likörfabrik, Theodor und Hermann Gilka, hatten im Laufe der Zeit zahlreiche Rittergüter in der Region Guhrau erworben und wurden schließlich durch Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben. Im Schloß in Oderbeltsch waren später durch Brandstiftung die Ausstattung und das Dachgeschoß zerstört worden. Die Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindern; nicht aber die Plünderung, die dem Schloß danach noch zusetzte.</p>



<p>Vor zwei Jahren ging es von der Landwirtschaftsagentur in Liegnitz an eine junge ortsansässige Familie, die historisch auch verwandtschaftliche Verbindungen zur deutschen Bevölkerung des Posener Landes&nbsp; hat. Für ein&nbsp; Wochenende hatten die neuen Besitzer einen Aufruf für ehrenamtliche Hilfe beim Beräumen gestartet. Zur großen allgemeinen Überraschung kamen etwa fünfzig Personen aus der Region. Besondere Aufmerksamkeit verdient, daß auch der Gemeindebürgermeister persönlich erschien.</p>



<p>Nach dem Zusammenstellen von Arbeitsgruppen ging es ans Werk. Die Vertreter der Landsmannschaft Schlesien im Freistaat Sachsen bekamen die verantwortungsvolle Aufgabe, die Dachreste der Orangerie abzureißen. Am Ende des Tages waren die Helfer der Landsmannschaft ziemlich erschöpft, doch auch glücklich, wieder etwas Gutes in der Heimat Schlesien getan zu haben. Die Verständigung mit den Ortsansässigen und anderen Helfern machte allen Spaß und war auch gar nicht kompliziert, denn die meisten Beteiligten konnten durch ihre Berufstätigkeit in Bayern oder Österreich Deutsch – und die Deutschschüler aus der Gemeinde hatten die Gelegenheit, ihre Kenntnisse praktisch anzuwenden.</p>



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		<title>Vom Marschieren im Krieg</title>
		<link>https://dereckart.at/vom-marschieren-im-krieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 12:18:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Alain Felkel Bittere „Königsdisziplin“ Der Sieg einer Armee liegt in ihren Beinen“, das war die feste Überzeugung Napoleon Bonapartes. Nur wenige Feldherren verlangten ihren Truppen derartige Marschleistungen ab wie der große Korse. Tagesstrecken von 40 bis 50 Kilometern Entfernung waren für die französische Infanterie unter ihrem Kaiser die Regel, nicht die Ausnahme. Einzigartig ist [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Alain Felkel</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bittere „Königsdisziplin“</h2>



<p></p>



<p>Der Sieg einer Armee liegt in ihren Beinen“, das war die feste Überzeugung Napoleon Bonapartes. Nur wenige Feldherren verlangten ihren Truppen derartige Marschleistungen ab wie der große Korse. Tagesstrecken von 40 bis 50 Kilometern Entfernung waren für die französische Infanterie unter ihrem Kaiser die Regel, nicht die Ausnahme. Einzigartig ist selbst für napoleonische Verhältnisse der Marschrekord der Division Friant des III. Korps von Marschall Davout. Diese bewältigte im tiefstem Winter 1805 die etwa 115 Kilometer lange Strecke von ihrem Standort bei Wien nach Austerlitz in nur zwei Tagen und rettete so dem französischen Kaiser den Sieg in der gleichnamigen Schlacht. Hervorragende Marschleistungen wie diese waren Garanten für die größten Triumphe Napoleons, doch mit der Zeit lernten die einst bezwungenen Feinde Frankreichs dazu.</p>



<p>Als Bonaparte am Abend seines Sieges bei Ligny am 16. Juni 1815 die Preußen des alten Feldherrn Blücher bereits vollends geschlagen wähnte, scharte dieser am nächsten Tag die geschlagenen Reste seiner Armee noch einmal um sich. In Eilmärschen zogen die Preußen dann am 18. Juni trotz widrigster Wetter- und Bodenverhältnisse nach Waterloo, wo sie im alles entscheidenden Augenblick die Franzosen in die Flanke faßten und sie zusammen mit Wellingtons Heerscharen in die Flucht schlugen. Wie so oft in der Kriegsgeschichte hatte ein klassischer Eilmarsch zur Entscheidung nicht nur einer Schlacht, sondern eines Krieges beigetragen.</p>



<p>Gewaltmärsche gehörten seit jeher zum Repertoire großer Feldherren und waren Ausdruck der Qualität und Disziplin eines Heeres. Den grandiosen Sieg des Prinzen Eugen über die Türken 1697 bei Zenta hatte ein kühner Flankenmarsch eingeleitet. Ebenso war dem Abwehrsieg, den Friedrich der Große bei Zorndorf 1758 über die russischen Truppen erstritt, ein zehntägiger Eilmarsch von der schlesischen Stadt Landeshut nach Küstrin an die Oder vorausgegangen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Schnallenschuh zum Knobelbecher mit Fußlappen</h3>



<p></p>



<p>Märsche wie diese setzten gutes Schuhwerk voraus, das damals nur bedingt in der preußischen Armee vorhanden war. Der preußische Infanterist trug in der friderizianischen Epoche lederne Schnallenschuhe mit Absatz und stumpfer Spitze, dazu an den Waden Ledergamaschen. Erst 1866 wurden in der preußischen Armee erstmals 31 Zentimeter hohe und genagelte Schaftstiefel eingeführt, welche sich in der Folgezeit robuster als die von den Österreichern genutzten Schnürschuhe erwiesen. Erstere hatten den Vorteil, daß sie fast gänzlich vor Nässe schützten und haltbarer waren. Letztere erwiesen sich im Gegensatz zu den klobigen preußischen Armeestiefeln als leichter und dadurch angenehmer zu tragen, jedoch auch feuchtigkeitsdurchlässiger. Zudem rissen die Schnürsenkel oft und gerieten beim Marsch Insekten oder Steinchen ins Schuhinnere. Scheinbare Lappalien wie diese konnten erheblichen Einfluß auf die Marschleistungen einer Armee haben. Beiden Schuharten gemein war, daß sie lange Zeit nur mit Fußlappen getragen wurden. Diese waren etwa 70 cm große, quadratische Lappen, die in einem bestimmten Verfahren um die Füße gewickelt wurden. Fußlappen waren billiger als Strümpfe und robuster. Sie scheuerten weniger durch und trockneten schneller. Außerdem konnten sie im Falle von Schadhaftigkeit leichter ersetzt werden und Paßungenauigkeiten der Stiefel besser ausgleichen.</p>



<p>Die Bewährungsprobe der Schaftstiefel oder „Knobelbecher“ ließ nicht lange auf sich warten. Als 1866 der Deutsche Krieg ausbrach, marschierte die Preußische Hauptarmee nach den präzisen Plänen ihres Generalstabschefs Helmuth von Moltke in Nordböhmen und Mähren ein, wo sie dank besserer Gefechtsführung und des neuen Zündnadelgewehrs fast jedes Gefecht gewann. Doch trotz ihrer gefechtstaktischen Überlegenheit war es vor allem eine bedeutende Marschleistung, die am 3. Juli 1866 die Schlacht von Königgrätz – und damit den Krieg – für Preußen entschied. Gemäß Moltkes Devise „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ hatte die 1. Preußische Armee die Österreichische Nordarmee unter Feldzeugmeister Ludwig von Benedek bei Sadowa so lange gefesselt, bis die 2. Preußische Armee nach einem kräftezehrenden Eilmarsch im Norden auftauchte und das österreichische Zentrum bei Chlum warf, was die Schlacht entschied.</p>



<p>Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte die Oberste Heeresleitung des Deutschen Heeres alles auf Geschwindigkeit. In atemberaubendem Tempo durchbrachen die deutschen Heeressäulen zwecks Erfüllung des Schlieffen-Plans in blutigen, aber siegreichen Grenzschlachten erst den belgischen, dann den nordfranzösischen Festungsgürtel. Scheinbar unaufhaltsam wälzten sie sich auf Paris zu, was auch an der Zuverlässigkeit des deutschen Schuhwerkes lag. Doch dieses hatte auch eine Achillesferse. Die genagelten Sohlen machten die Fußbekleidung zwar robust, aber auch schwer. Je länger der Marsch auf Paris dauerte, desto erschöpfter war die Truppe, zumal sie bis dato keine Marschpausen gemacht hatte. Der Sommer 1914 war heiß und trocken. Die deutschen Marschsäulen erstickten in Staub, die Verpflegungskolonnen konnten mit der vorstürmenden Truppe kaum Schritt halten. Als die Franzosen an der Marne endlich mit frischen Kräften zum Gegenangriff schritten und den deutschen Angriffsschwung brachen, waren viele Landser bereits entkräftet von den Strapazen des Anmarsches und nur noch bedingt kampfbereit.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img decoding="async" width="800" height="565" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu.jpg" alt="" class="wp-image-11943" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu.jpg 800w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu-300x212.jpg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu-768x542.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Rußland, 17.11.1941<br>Mit Schneehemden getarnte Infanteristen im Anmarsch auf die befohlene Ausgangsstellung.<br>Heeresfilmstelle-Bildarchiv/Neg.-Nr.: P.K.167/32<br>Bildberichter Vorphal. P.B.Z.</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Die unendlichen Mühen der unendlichen russischen Ebene</h3>



<p></p>



<p>Daß schnelle Vormärsche tatsächlich nicht immer den Sieg bringen, mußte die Deutsche Wehrmacht auch 1941 beim Angriff auf die Sowjetunion erfahren. Noch heute hält sich in vielen Köpfen die irrige Vorstellung, daß die Streitmacht Hitlers eine hochmoderne, mobile Armee gewesen sei, was an der geschickten Inszenierung der deutschen Panzerwaffe durch die NS-Propaganda liegt. Das Gegenteil war der Fall. Von den 1941 für den Angriff bereitgestellten 120 Heeresdivisionen waren nur etwa 30 bis 35 Divisionen Panzer- oder motorisierte Infanteriedivisionen – der Rest bestand aus klassischen Infanteriedivisionen. Das verhieß der deutschen Infanterie nichts Gutes. Während Hitlers Panzerdivisionen und die motorisierte Infanterie im Rekordtempo eine Sowjetfront nach der anderen durchbrachen, „hinkte“ ihnen bereits ab dem ersten Angriffstag der Großteil der deutschen Infanteriedivisionen hinterher. Dabei war ihr Marschtempo beachtlich. Sofern es die Kämpfe mit den Sowjets zuließen, legten die meisten Divisionen tagtäglich im Minimum vierzig bis fünfzig Kilometer unter größten Entbehrungen zurück, wie sich der Landser Wilhelm Lübbecke erinnert: „Bei brütender Hitze und dichten Staubwolken schufteten wir unzählige Kilometer. Es gab nur wenige Marschpausen (…). Nach einiger Zeit stellte sich eine Art Hypnose ein, wenn man den gleichmäßigen Rhythmus der Stiefel des Mannes vor einem beobachtete. Völlig erschöpft fiel ich manchmal in einen Quasi-Schlafwandel. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Irgendwie schaffte ich es, Schritt zu halten und wachte nur kurz auf, wenn ich in den Körper vor mir stolperte.“</p>



<p>Es war ein Tempo, daß selbst hervorragend ausgebildete Truppen nur begrenzte Zeit aushielten. Die Landser litten unter Durst und den schlechten Anmarschwegen, die keine Straßen, sondern bestenfalls staubige Sandpisten waren. Außerdem zermürbten sie die unerträgliche Sommerhitze, Mücken- und Stechfliegenschwärme, die schlechten hygienischen Verhältnisse in den weißrussischen und ukrainischen Dörfern sowie der Mangel an genießbarem Trinkwasser. Die unerträgliche Weite der eintönigen Landschaft, die scheinbare Ziellosigkeit der Vorstöße sowie der zähe Widerstand der Sowjets, die sich trotz schwerster Niederlagen und Verluste immer wieder zum Kampf stellten, demoralisierten die deutsche Infanterie. Schweigend und schicksalsergeben stapfte sie dessen ungeachtet einem vermeintlichen Endsieg irgendwo hinter dem Horizont entgegen.</p>



<p>Aus dem Brief eines Zugführers der 7. Infanteriedivision geht bereits im Juli 1941 hervor, daß der Kampfgeist der Truppe in Relation zu den abgeleisteten Kilometern Meter für Meter abgenommen habe: „Marschieren, marschieren, 14 Tage lang (&#8230;) das gibt mir den Rest“. Die kräftezehrenden Märsche verschlissen auch das Schuhwerk. Im August wurden in Ermangelung von Socken 10.000 Beutefußlappen an die Division verteilt. Nahrung und Munition erreichten die Division nur in unzureichender Menge, die Pferde von Troß und Artillerie krepierten zu Hunderten. Immer öfter stockte der Nachschub. Es kam gegen den ausdrücklichen Befehl von Divisionskommandeur Gablenz zu ersten „wilden Beschaffungen“ und illegalen Viehschlachtungen durch die Truppe. Die Disziplin begann zu bröckeln. Die Division benötigte dringend eine Rast und bekam sie auch, allerdings nur, um wenige Wochen später in die Schlacht um Moskau getrieben zu werden.</p>



<p>Zu diesem Zeitpunkt war der innere Zusammenhalt der 7. Infanteriedivision fast verlorengegangen. Hunderte von Nachzüglern irrten ziellos hinter den Marschkolonnen umher und schlugen sich blindlings zu ihren Einheiten durch, die bereits Richtung Moskau weitermarschiert waren. Der folgende Zeitzeugenbericht eines Angehörigen der 7. Infanteriedivision verdeutlicht das Dilemma: „Niemand wußte, wo die Front sich befand. Wir marschierten ins Ungewisse hinein (&#8230;)“. Die Kraftanstrengung war vergebens. Die Wehrmacht wurde vor Moskau geschlagen, die 7. Infanteriedivision beinahe aufgerieben. Ihr desaströses Abschneiden in der Schlacht von Moskau erwies sich als pars pro toto jenes der Infanteriedivisionen des Ostheeres. Nichts offenbarte deutlicher, daß das „Unternehmen Barbarossa“ trotz anfänglich hervorragender Marschleistungen der deutschen Infanterie katastrophal gescheitert war.</p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ludwig Wittgenstein zum 75. Todestag</title>
		<link>https://dereckart.at/ludwig-wittgenstein-zum-75-todestag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2026 12:19:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kalendarium Kandili]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Mario Kandil Kalendarium Kandili (73) Abgesehen von Kennern der Philosophie dürfte der Kreis jener arg geschrumpft sein, die noch etwas mit dem österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein verbinden, der gleichwohl einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts war. Sein Tod jährt sich nun zum 75. Mal. Der am 26. April 1889 in Wien geborene Ludwig [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p></p>



<p><em>von Mario Kandil</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Kalendarium Kandili (73)</h2>



<p>Abgesehen von Kennern der Philosophie dürfte der Kreis jener arg geschrumpft sein, die noch etwas mit dem österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein verbinden, der gleichwohl einer der großen Denker des 20. Jahrhunderts war. Sein Tod jährt sich nun zum 75. Mal.</p>



<p>Der am 26. April 1889 in Wien geborene Ludwig Wittgenstein kam aus einer wohlhabenden Familie; sein Vater betätigte sich als Unternehmer in der Stahlindustrie. Zunächst ab 1906 Ingenieurwissenschaften in Berlin-Charlottenburg und danach in Cambridge studierend traf Ludwig Wittgenstein mit Bertrand Russell zusammen. Aus dem Ersten Weltkrieg zurück in Wien verzichtete Wittgenstein auf sein Erbe, wurde Lehrer, reüssierte dabei aber nicht. Nach einer Depression kehrte er in den 1930er-Jahren ins Universitätsleben zurück.</p>



<p>Auf die Frage, ob die menschliche Sprache alles sagen könne, gibt Wittgenstein zwei quasi entgegengesetzte Antworten. Die erste, im <em>Tractatus logico-philosophicus</em> (1921) enthalten, sagt, daß sie es nicht könne. Die gewöhnliche Sprache sei unvollkommen und könne die volle Komplexität der Realität nicht erfassen. Die zweite, die aus Wittgensteins <em>Philosophischen Untersuchungen</em> (1953 posthum publiziert) stammt, formuliert das Problem auf andere Art neu: Indem man Sprache in ihren relativen und bewegenden Aspekten analysiere, lasse sich ihr ganzes Potential erkennen. Daher ist es Usus, von einem „ersten“ und „zweiten“ Wittgenstein zu reden.</p>



<p>Für den „ersten“ Wittgenstein ist die logische Form von Sprache unzugänglich. Er urteilt, nur eine perfekte Sprache würde es ermöglichen, die für sie geltenden Regeln offenzulegen. Dieses Modell einer perfekten Sprache verläßt der „zweite“ Wittgenstein und interessiert sich für die Sprache, wie sie konkret praktiziert wird: Die logische Analyse sei die Analyse der Sätze so, wie sie seien. Denn es wäre ja seltsam, wenn die menschliche Gesellschaft bisher gesprochen hätte, ohne einen richtigen Satz konstruieren zu können. Eine Idee verbindet die „zwei Wittgensteins“ dennoch: Philosophie sei eine von innen heraus voranschreitende, von der Sprache ausgehende Tätigkeit begrifflicher Klärung – und keine abstrakte Begriffsspekulation.</p>



<p>Der am 29. April 1951 in Cambridge verstorbene Ludwig Wittgenstein besitzt nicht nur als Philosoph der Sprache und des Bewußtseins, sondern auch der Logik große Bedeutung. Sein philosophischer Nachlaß umfaßt ca. 20.000 Seiten Geschriebenes.</p>



<p></p>



<p><strong><em>Über den Autor:</em></strong></p>



<p><em>Dr. phil. Mario Kandil M.A., geb. 1965, studierte in Aachen Mittlere und Neuere Geschichte, Alte Geschichte und Politische Wissenschaft und promovierte in Hagen. Nach langjähriger Tätigkeit im universitären Bereich und in der Erwachsenenbildung heute freier Historiker und Publizist. Forschungsschwerpunkte: Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons I. sowie der Nationalstaaten, Weltkriege und Kalter Krieg.</em></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zu Fuß gehen</title>
		<link>https://dereckart.at/zu-fuss-gehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Apr 2026 09:33:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=11935</guid>

					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Eine kleine Philosophie des Minderen Wer zu Fuß geht, fährt nicht. Wer barfuß geht, trägt keine Schuhe. Diese Feststellungen klingen zunächst banal. Es steckt im Begriff des Fußgängers, daß er nicht fährt, andernfalls er eben kein Fußgänger wäre, sondern ein Autofahrer, Bahnfahrer, Radfahrer oder sonst ein mit fahrbarem Untersatz Bestückter. Das Wort [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine kleine Philosophie des Minderen </h2>



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<p>Wer zu Fuß geht, fährt nicht. Wer barfuß geht, trägt keine Schuhe. Diese Feststellungen klingen zunächst banal. Es steckt im Begriff des Fußgängers, daß er nicht fährt, andernfalls er eben kein Fußgänger wäre, sondern ein Autofahrer, Bahnfahrer, Radfahrer oder sonst ein mit fahrbarem Untersatz Bestückter. Das Wort „barfuß“ ist definiert als das Fehlen von Fußbekleidung, egal ob es sich um ordentliches Schuhwerk, Socken oder bloße Lumpen handelt. Offensichtlich fehlt dem Fußgänger etwas, dem Barfüßigen, Bloßfüßigen, Unbeschuhten ebenfalls. Die „Unbeschuhten Karmeliten“, ein Mönchsorden, heißen tatsächlich so, weil sie als Zeichen ihrer strengeren Askese und Armut keine geschlossenen Lederschuhe mehr trugen, sondern einfache Sandalen.</p>



<p>Die längste Zeit der menschlichen Kulturentwicklung hindurch sind die allermeisten Menschen zu Fuß gegangen, obwohl das Rad schon erfunden war, ebenso wie die allermeisten Menschen barfuß gegangen sind, obwohl der Schuh schon erfunden war. Die wenigen, die reiten konnten, in einem Wagen mit Ochsen- oder Pferdegespann oder einer Rikscha fuhren oder auf einer Sänfte getragen wurden, unterschieden sich im Rang durch ihre Fortbewegungsweise von den einfachen Leuten. Militärisches Fußvolk trug keineswegs von Anfang an Stiefel: Die Sandalen der römischen Legionäre ermöglichten als ein Element erst die Eroberung eines Riesenreiches durch Märsche mit Gepäck. Zu Fuß gehen zu müssen war also Selbstverständlichkeit und Not zugleich. Denn der Fuß des „Mängelwesens Mensch“ (Arnold Gehlen) verfügt weder über Hufe, Klauen oder Krallen wie mancher Tierfuß, noch daß der Mensch sich anderer Körperteile zur Fortbewegung bedienen könnte, etwa Flügel, Flossen oder Ringmuskeln wie die Schlange. Ein nackter Fuß ist kälte- und druckempfindlich, ohne Fell, hat beim Säugling überhaupt keine und beim vielgewanderten Greis eines Ur- oder Naturvolkes zwar durchaus hornige Schwielen, macht aber dennoch das Zurücklegen weiter Strecken oft zur Qual.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Mindere absichtlich zu wählen, bedeutet Selbsterziehung des Menschen.</h3>



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<p>Heutzutage und seit dem Mittelalter ist das Zufußgehen, wenn dasselbe Individuum die Möglichkeit der fahrenden Fortbewegung hätte, eine bewußte Entscheidung. Daß in derselben Gesellschaft Gefährte in Gebrauch sind, während andere aus Armut kein solches Hilfsmittel haben, ist dementsprechend keine bewußte Entscheidung dieser Leute, sondern geschieht zwangsläufig. Diesen Unterschied gilt es festzuhalten, denn oft wird gegen die „Verhausschweinung des Menschen“ (Konrad Lorenz) die frühere Härte des Lebens als gesund und natürlich hingestellt. Das Mindere absichtlich zu wählen, also auf etwas zu verzichten, worauf man nicht zu verzichten gezwungen ist – das bedeutet Askese, und Askese ist Selbsterziehung des Menschen.</p>



<p>Barfuß zu gehen auf Wanderungen und im Schnee dient der Abhärtung. Pfarrer Kneipps Kaltwassertreten befördert die körperliche und geistige Gesundheit gleichermaßen. Alpenüberquerungen auf Schusters Rappen, Wallfahrten, Wanderungen auf den Spuren berühmter Männer oder Marathonläufe werden seit jeher mit der Absicht angetreten, das Unbequemere zu wählen. Im Kontrast zur Postkutsche oder zur noch viel bequemeren Autofahrt <em>per pedes apostolorum</em> unterwegs zu sein, ist ein asketischer Akt, wozu im allerweitesten Sinne auch sportliches Training gehört. Der Fußgänger wählt das Mindere. Er tut, was er nicht muß. Er gleicht sich in einem Aspekt den Minderbemittelten an. Das tut er allerdings in aller Regel nicht lebenslang, sondern nur für einen ebenfalls ausgewählten Orts- und Zeitraum: den Spaziergang, die Wanderung, die Pilgerreise, die Laufstrecke.</p>



<p>Auf diese Weise kann ein Stückchen Askese selbst dem Verhausschweintesten entweder aufhelfen, weil er mal sieht, wie es ist, oder aber ihn in seiner dekadenten Lebensweise nur bestätigen: Man denke an <em>boot camps</em> für Manager oder das Lastenfahrrad der Klimabewegten. Der Mensch als Mängelwesen schafft sich technische Entlastung, selbstverständlich auch auch für seine empfindlichen Füße. Der Anthropologe Arnold Gehlen sieht darin allerdings keineswegs nur Bequemlichkeit, sondern ganz im Gegenteil überhaupt erst die Möglichkeit der bewußten Wahl des Minderen zur Höherentwicklung. In seinem Hauptwerk <em>Der Mensch</em> (1940) schreibt er, und damit will ich meinen Spaziergang beenden: „Wesen der Zucht: Selbstzucht, Erziehung, Züchtung als In-Form-Kommen und In-Form-Bleiben gehören zu den Existenzbedingungen eines nicht festgestellten Wesens.“ </p>



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		<title>Oststolz – jetzt auch von links?</title>
		<link>https://dereckart.at/oststolz-jetzt-auch-von-links/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 22 Apr 2026 15:28:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kaisers Zone]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Benedikt Kaiser Alexander Prinz ist ein Nachwendekind. 1994 in Sachsen-Anhalt geboren wurde er über die Jahre hinweg zum erfolgreichsten „Content Creator“ der Metal-Szene und gefragten Experten. Als Buchautor hat er vor wenigen Wochen mit Oststolz (München 2025) einen Bestseller in einem Westverlag vorgelegt. Es geht ihm dabei nicht um die DDR, der er nicht [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Benedikt Kaiser</em></p>



<p>Alexander Prinz ist ein Nachwendekind. 1994 in Sachsen-Anhalt geboren wurde er über die Jahre hinweg zum erfolgreichsten „Content Creator“ der Metal-Szene und gefragten Experten. Als Buchautor hat er vor wenigen Wochen mit <em>Oststolz</em> (München 2025) einen Bestseller in einem Westverlag vorgelegt. Es geht ihm dabei nicht um die DDR, der er nicht hinterhertrauert. Als „Oststolz“ definiert er vielmehr das „Gefühl, das uns erfüllen sollte, wenn wir erkennen, was wir hier seit der Wende geschaffen haben, trotz widrigster Bedingungen und schlechter Startchancen“. Dieser Oststolz erfülle ihn und die Jugend des Ostens (der BRD) – und dieser Oststolz solle überhaupt erst zukunftsfähig machen, weil aus einem erneuerten Selbstvertrauen heraus das Bild des „Jammer-Ossis“ überwunden werden könne.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das trotzig-selbstbewußte Credo „Ostdeutschland!“ hat längst eine relative Mehrheit der Nachwendegenerationen erreicht.</h3>



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<p>Soweit die Theorie. In der Praxis ist der Stolz auf das heutige Ostdeutschland insbesondere unter jungen Menschen, die die DDR nie erlebten, längst massenkompatibel und muß nicht erst gestiftet werden. Ob in den Fußballstadien zwischen Dresden und Rostock oder bei Konzerten unterschiedlicher Interpreten: Leser dieser Kolumne wissen, daß das trotzig-selbstbewußte Credo „Ostdeutschland!“ längst eine relative Mehrheit der Nachwendegenerationen erreicht hat. Aber ist diese identitäre Standortbestimmung, wie Journalisten der Mainstreampresse nicht müde werden zu betonen, ausschließend, d.h. „exkludierend“, geradezu „rechts“? Oder ist es nicht vielmehr so, daß der Oststolz in den Kurven der Stadien und auf den Musikbühnen als metapolitisches Gefühl, das im Vogtland wie an der Ostseeküste vernehmbar ist, anschlußfähig in unterschiedliche Richtungen bleibt?</p>



<p>Gewiß: Politisch zahlt dieses Gefühl – derzeit – stark in Richtung volksverbundener Kräfte rechts der „Mitte“ ein. Die Generationenforscher Rüdiger Maas und Hartwin Maas behandeln das Thema in ihrer <em>Jugendwahlstudie Ostdeutschland</em> (Wiesbaden 2025). Dort ist zu lesen, daß der „sogenannte ‚Oststolz‘ und die Identifikation mit einer spezifischen ostdeutschen Kultur“, die als „ursprünglich“ und „authentisch“ dargestellt werde, die „politische Sozialisation“ nach rechts begünstige: „Dieser Stolz auf die ostdeutsche Herkunft wird von rechtspopulistischen Parteien wie der AfD bewußt verstärkt, indem sie sich als Vertreter der ‚echten Ostdeutschen‘ positionieren und gegen den (aus dem Westen kommenden) ‚Mainstream‘ auftreten.“ Diese Erklärung ist stichhaltig – aber sie verkennt in ihrer Pauschalität, daß sowohl realpolitisch (Linkspartei-Zuwächse) als auch metapolitisch viele Ostjugendliche eine andere Richtung einschlagen.</p>



<p>Das hat, wie bei kulturellen Identitätsbildungsprozessen obligatorisch, neben nicht zu unterschätzenden Trotzreaktionen (vereinfacht dargestelltes Motiv: Wenn „die“ Ostjugend „rechts“ erscheint, werde ich „links“) auch mit musikalischen Polarisierungsträgern zu tun. Konkret: Immer mehr erfolgreiche Ostbands zwischen Rockmusik, Rap und Elektro schlagen einen linken Kurs ein, ohne dabei den Oststolz zu untergraben. Im Gegenteil: Erfolgsbands wie Kraftklub, die Hinterlandgang oder Feine Sahne Fischfilet (FSF) kokettieren mehr als nur ein bißchen mit ihrer Ostidentität, aber laden diese antifaschistisch auf und inszenieren sich als linke Inseln in einem rechten Meer. Daraus leiten sie dann ihre Rolle als Vertreter eines widerständigen und selbstbewußten Ostens ab.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wer in die ostdeutsche Breite wirken möchte, muß über seinen Antifa-Stamm hinaus anschlußfähig bleiben.</h3>



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<p>„Provinz“ und ostdeutsche Peripherie werden nicht – wie von westdeutschen Platzhirschen – abschätzig begutachtet, sondern durchaus offen als „Heimat“ begriffen, womit sie in ein schwieriges Terrain geraten. Denn Akteure wie Feine Sahne Fischfilet, die seit 2004 hunderttausende Platten verkauften, bewegen sich einerseits im Antifa-Milieu, aber wissen andererseits realistisch, daß „die“ Jugend des Ostens auf ideologielastige „antideutsche“ Agitation abseits radikaler Blasen wie in den Universitätsstädten Jena und Leipzig wenig Wert zu legen scheint. Wer in die ostdeutsche Breite wirken möchte, muß über seinen Antifa-Stamm hinaus anschlußfähig bleiben. So versuchen FSF wie andere Bands auch den Ritt auf der Rasierklinge: einerseits antifaschistischer Ideologietransfer in den Liedtexten, andererseits die Selbstverortung als oststolze Widerständler, die „ihre Provinz“ lieben – wodurch man in anderen linken Kreisen schon der „Heimattümelei“ geziehen wird).</p>



<p>Feine Sahne Fischfilet, um beim erfolgreichsten Beispiel einer linken Ostband im Jugendsegment zu bleiben, verbreitet tatsächlich ein positives Heimatgefühl. Den linken „Spin“ bekommen sie dadurch hin, daß sie – etwa im Lied „Zuhause“ – die ostdeutsche Heimat für alle zu öffnen bereit sind. Zwar werden die Vorzüge einer gesunden Heimatumgebung affirmiert (Vertrautheit, Gemeinschaft), sich inständig versichert wird aber: „Doch ich bleib dabei, für eine grenzenlose Welt“. Das geht über die obligatorische Ambivalenz, die das Leben für jeden einzelnen bereithält, weit hinaus. Wer einerseits Vertrauensräume und Gemeinschaftsbildung im ostdeutschen Raum als positiv empfindet und andererseits dieses tendenziell „exklusive“ Gefühl für alle (!) öffnet, wird in der Realität feststellen, daß dies bereits jetzt in der Praxis nicht funktioniert. Auch die ostdeutsche Provinz – von Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub, der Hinterlandgang und vielen anderen linken Bands unter Beifall der Presse und maximaler Reichweite durch entsprechend inszenierte Bühnenbereitung bespielt –, wird derzeit multikulturell umgepflügt. Erste Kleinstädte der ostdeutschen Provinz haben bereits über Parteigrenzen hinweg den „Asylnotstand“ ausgerufen. Diesen erleben Ostjugendliche im Alltag am Bahnhof, am Marktplatz oder im Supermarkt live – gefällige Musikempfindungen hin oder her.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wer Heimat verallgemeinert, hebt sie auf.</h3>



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<p>Das inhaltliche Problem für die klügeren unter den entwicklungsfähigen linken Bands wie Feine Sahne Fischfilet wird dementsprechend mittel- und langfristig darin liegen, daß ihre Form des heimatverbundenen Oststolzes durch ihre Refugees-Welcome- und Offene-Grenzen-Agenda (in einem Lied heißt es: „Reiß ihre Zäune ein, reiß <em>alle</em> Zäune ein“) unterlaufen wird. Heimat ist kein abstrakter Raum, sondern ein dichtes Geflecht aus gemeinsamen Erfahrungen, gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Vertrauensverhältnissen. Intuitiv, nicht reflexiv-rational, folgt daraus eine „landsmännische Parteilichkeit“ (David Miller). Zugehörigkeit und Verwurzelung bestehen nun mal insbesondere im Organisch-Konkreten, nicht im Universellen. Heimat lebt von Vertrautheit und Vertrautheit setzt die Fähigkeit zur Unterscheidung, zum Prinzip der Differenz, voraus: Ohne das Fremde gibt es auch kein Eigenes, Identität ist immer „dialogisch“ (Henning Eichberg).</p>



<p>Würde man also, wie es die erfolgreichen linken Musikgruppen derzeit versuchen, die ostdeutsche Heimat universalisieren, verlöre sie ihre Spezifika und würde zur austauschbaren Kulisse. Anders gesagt: Wer Heimat verallgemeinert, hebt sie auf. Und wer ausgerechnet aus dem derzeit höchst virulenten Oststolz ein linkes Weltbürgertum ableiten möchte, wird wohl früher oder später beim Versuch scheitern. „Oststolz von links“ bleibt ein Widerspruch in sich – wenngleich ein solcher, der sich einstweilen komfortabel vermarkten und monetarisieren läßt.</p>



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<h3 class="wp-block-heading"></h3>



<p>Benedikt Kaiser</p>



<div class="inherit-container-width wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained"><div class="wp-block-group__inner-container">
<p><em>Über den Autor:<br>Benedikt Kaiser, Jg. 1987, studierte an der Technischen Universität Chemnitz im Hauptfach Politikwissenschaft. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lektor und Publizist. Kaiser schreibt u.a. für Sezession (BRD), Kommentár (Ungarn) und Tekos (Belgien); für éléments und Nouvelle École (Frankreich) ist er deutscher Korrespondent. </em></p>
</div></div>



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