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	<title>Streifzüge &#8211; Der Eckart</title>
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	<title>Streifzüge &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Berchtesgaden</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 06:59:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Land zwischen Bayern und Österreich Wenn am Pfingstsonntagmorgen um vier Uhr früh die Böllerschüsse der Berchtesgadener Weihnachtsschützen die Bürgersleut’ höchst unsanft wecken, weiß kaum einer, warum. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war das noch anders. Man erhob sich, ging ums Haus und betete dann [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Land zwischen Bayern und Österreich</h2>



<p>Wenn am Pfingstsonntagmorgen um vier Uhr früh die Böllerschüsse der Berchtesgadener Weihnachtsschützen die Bürgersleut’ höchst unsanft wecken, weiß kaum einer, warum. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war das noch anders. Man erhob sich, ging ums Haus und betete dann kniend sieben Vaterunser um die Gaben des Heiligen Geistes. Den braucht’s heute nicht mehr, haben wir nun doch den Geist des Konziles, und der Brauch ist abgekommen. &nbsp;Sein Ursprung war schon lange in Vergessenheit geraten. Als nämlich einst noch ein Fürstpropst Berchtesgaden regierte, durften seine Untertanen am Pfingstsonntag das päpstliche Privileg eines vollkommenen Ablasses zum Pfingstfest genießen, gespendet mit dem Segen des Souveränes höchstselbst, nach dem Chorgebet der Matutin, und die war eben um vier Uhr früh zu Ende.</p>



<p>Seit dem 12. Jh. war die Landschaft zwischen Untersberg, Watzmann und den Loferer Steinbergen unter geistlicher Herrschaft. 1156 hatte der Propst des Kollegialstiftes Berchtesgaden die Forsthoheit erlangt, die mit dem Schürf- und Salzrecht verbunden war, dem weißen Gold der Alpen. Ab 1380 Reichsprälatur erhob sie Kaiser Ferdinand I. 1559 zur Fürstpropstei mit einer Virilstimme auf der Prälatenbank im Reichstag – und das war viel!</p>



<p>Neben Berchtesgaden gab es bloß zwei Fürstpropsteien im Reich, Ellwangen und Weißenburg, die waren aber dem nächsten Bistum inkorporiert, während der Fürstpropst von Berchtesgaden seine rund 10.000 Untertanen vor Ort und unabhängig regierte. Nur 132 Jahre lang geriet die Fürstpropstei unter die Fuchtel der Wittelsbacher von Kurköln, um den Begehrlichkeiten des fürsterzbischöflichen Salzburger Nachbarn zu entgehen. 1723 hat es den Chorherren dann gereicht, und Julius Heinrich von Rehlingen-Radau machte sich als neuer Fürstpropst frei vom bayerischen Einfluß. Man folge nun dem Heiligen Geist und nicht mehr dem Geist des bayerischen Hofes, ließ er verlauten. Tatsächlich setzte sogleich – gewiß mit gewaltiger Verspätung – das segensreiche Wirken der Gegenreformation ein. Kirchliche Zucht und Ordnung werden im Stift wie in der Landschaft wiederhergestellt, drei neue Wallfahrtskirchen werden gebaut, und die vielleicht schönste von ihnen, Maria Himmelfahrt oberhalb von Ramsau, feiert in ihrem Deckenfresko von Innozenz Anton Warathy den Auszug der Protestanten. „Auf Fürbitte der unbefleckten Jungfrau und Mutter ist der verderbende Irrglaube hier von dieser Kirche ausgetrieben worden“, steht in lateinischer Schrift auf einer Kartusche darunter zu lesen. 1732, ein Jahr nach Salzburg, hatte der Fürstpropst das „Emigrationspatent“ erlassen und rund 1.100 Lutherische verabschiedet. Planmäßig hätten sie nach Ungarn gehen sollen, jedenfalls nicht nach Nürnberg, letzteres hatten sie auch formell zu beschwören.</p>



<p>Eidbrechern verdankt Nürnberg also den Aufschwung seiner Spielwarenindustrie! Denn neben dem Salzbergbau, der Holz- und Viehwirtschaft und dem ob des Klimas und der Topographie kargen Feldbau waren es vor allem die Kunsthandwerker, deren liebliche Holzprodukte bis weit hinaus ins Reich verkauft wurden. Zeitweilig lebte jeder vierte Berchtesgadener vom Schnitzen, Leimen und Färbeln. 150 Meister nebst Gesellen und Lehrlingen waren in verschiedene Zünfte aufgeteilt. Da gab es die Kleinschachtelmacher für Pillen- und Gewürzbehälter, Gadlmacher für Butterdosen, Großschachtelmacher für Hutschachteln, Filigrandrechsler, Flötenmacher und natürlich Herrgottsschnitzer, die neben Andachtsfiguren auch allerlei Spielsachen herstellten, und die fanden seit je in Nürnberg reißenden Absatz. Was auf der „Kraxen“ über die Berge ins Reich getragen wurde, war zollfrei, und die Berchtesgadener Hausierer zogen bis weit nach Preußen und Ungarn.</p>



<p>Der berühmteste von ihnen war wohl Anton Adner. Mit 113 Jahren marschierte er noch nach München, um sich als „Apostel“ vom bayerischen König bei der Gründonnerstagszeremonie die Füße waschen zu lassen. Von nun an kümmerte sich König Maximilian persönlich um ihn und setzte ihm eine Rente aus. 117jährig ist er dann 1822 gestorben, die unabhängige Fürstpropstei schon 19 Jahre zuvor. 1803 war sie gemeinsam mit Salzburg dem Reichsdeputationshauptbeschiß – pardon, dem Reichsdeputationshauptschluß – zum Opfer gefallen und zeitweilig mit dem neuen Kurfürstentum Salzburg vereinigt. Das ging als Entschädigung an den kürzlich abgesetzten Großherzog der Toskana, Ferdinand III., 1805 dann als Herzogtum an Österreich, und so gehörte Berchtesgaden auch eine Zeit lang zu Habsburgs Landen. 1809 war es dann für ein Jahr französisch, bis es Bayern endgültig schluckte. So ganz verdaut hat es Berchtesgaden bis heute nicht, sagte doch einst Franz Josef Strauß: „So wie Bayern in Deutschland liegt, liegt Berchtesgaden in Bayern.“ Man hat sich hier den Stolz auf das Eigene bewahrt. Auch im Dialekt zeigt sich die besondere Identität der Berchtesgadener. Wärend man draußen, in Bad Reichenhall, „Muich“ zur Milch sagt, heißt es hier „Mili“, „spuin“ ist „spien“, und das bayerische „vui“ nennt man hier „vie“. Salzburg ist halt doch viel näher als München, und mit der dortigen Schwabinger Schickeria kann man hier rein gar nichts anfangen.</p>



<p>Wie ein skandinavischer Fjord zwängt sich der Königssee langgestreckt zwischen das Watzmannmassiv und das Hagengebirge. Mit dem bayerischen König von Napoleons Gnaden hat sein Name nichts zu tun. Die Gelehrten sind sich nicht einig, ob die Bezeichnung vom keltischen Ausdruck „Kunisa“ für klares Gewässer oder von Kuno von Horburg stammt, auf den die „Basilica Chunigesse“ zurückgeht, das Bartholomäuskirchlein, geweiht am Bartholomäustag, dem 24. August 1134. Das heutige Gotteshaus aus dem Barock ist eine Miniaturausgabe des Salzburger Doms und gewiß das beliebteste Photomotiv des Berchtesgadener Landes. Bequem gelangt man an den Felswänden vorbei nur mit dem Schiff nach St.&nbsp; Bartholomä, und das fährt schon seit 1909 elektrisch. Da wußte man noch nichts von der Klimakatastrophe – das Wild sollte nicht verscheucht werden. Schon die Fürstpröpste liebten dieses Jagdrevier und errichteten gleich neben der Kirche ein Jagdschloß, so abgelegen, daß es auch für&nbsp; kurze Zeit zum Rückzugsort des letzten bayerischen Königs wurde.</p>



<p>Am 7. November 1918 war Ludwig III. noch seelenruhig im Englischen Garten in München spazierengegangen, als eine von den Kommunisten gekaperte Friedensdemonstration auszuarten drohte. Ein Arbeiter war es schließlich, charakteristischerweise kein Minister oder vertrauter Berater, der ihn warnte: „Majestät, gengan S’ hoam und bleiben S’ in der Residenz, sonst passiert Ihnen was, d’Revolution is ausbrocha!“. Noch in der Nacht auf den 8. November begab sich die königliche Familie mit unbeleuchteten Kutschen in halsbrecherischer Fahrt zum Chiemsee, am 12. November entband der Monarch, kurz beim Grafen Moy in Schloß Anif in Österreich untergekommen, Beamte und Militär von ihrer Eidespflicht, weigerte sich aber standhaft zurückzutreten. Am 13. November erreichte er endlich das Jagdschloß bei St. Bartholomä und blieb zwei Wochen.</p>



<p>Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand nicht am 27. August 1913 auf die Pirsch gegangen. Der Hohe Göll, gerade hier zwischen Berchtesgaden und Golling im Salzburgischen gelegen, war sein bevorzugtes Gamsrevier. Einen Felsen hatte er wegsprengen lassen, um freie Schußbahn zu haben und einmal erlegte der vielleicht beste Schütze seiner Zeit in einer Stunde hier 54 Gemsen. An jenem vermaledeiten Tag im August stieg der Erzherzog fröhlich vom Blunautal auf, und dann stand sie da, die weiße Gams. Der Waidmann konnte nicht widerstehen, und über Kimme und Korn nahm er sie ins Visier. Den gläubigen Katholiken focht jagdlicher Aberglaube nicht an. Dabei, vielleicht ist doch was dran an den Tabus der Ahnen? Die weiße Gams steht heute ausgestopft im Salzburger Haus der Natur. Der Thronfolger liegt begraben zu Artstetten – und mit ihm die ganze schöne Welt von gestern.</p>



<p></p>
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		<title>Laibach – Melancholie in der Krain</title>
		<link>https://dereckart.at/laibach-melancholie-in-der-krain/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jan 2026 14:46:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
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					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<p></p>



<p>Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die Ausbildung zum k.u.k. Forstbeamten und brachte es zum Oberaufseher eines Drittels der unterkrainischen Wälder. Mechanik hat ihn aber mehr interessiert, und er hätte – oder hat – die Schiffsschraube erfunden. Doch das ist eine andere Geschichte. Als später Triumph schaffte es sein Konterfei immerhin auf die gute alte 500-Schilling- Note, dort hat ihn jeder gerne gesehen, und das hat ihn bekannt gemacht – Josef Ressel. Im Leben blieb ihm der Erfolg versagt, doch nach seinem Tode gab sein Name dem Hauptumschlagplatz für den Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit in Wien den Namen. Der Resselpark zeigt heute noch sein Denkmal.</p>



<p>Im Laibach jenes Josef Ressels wurden vier Sprachen gesprochen: Deutsch, Slowenisch, Italienisch und Ungarisch. Zwischen den Pensionistenmetropolen Graz und Görz fand sich die Stadt in der Mitte, geeignet den Rentnern der k.u.k. Verwaltung ein angenehmes Ausgedinge zu bieten, da schmale Börse und abendländische Kultur in der pulsierenden Reichs-, Haupt- und Residenzstadt nicht zusammengingen. Angenehm ist Laibach, schön gelegen am Fluß, mit brauchbarem Theater, gebaut vom Qualitätsbetrieb Fellner &amp; Helmer, gut essen kann man da, die Weine der Region und das geschätzte Kozelbier befriedigen den Leib, und allzu viel war niemals los, damit die Seele nicht in Aufregung geriete. Das Klima agreabel, die Landschaft amön, das Stadtbild elegant mit einem Zug zum Großen: So zitiert der Dreiflüssebrunnen von Francesco Robba aus 1751 Roms Bernini-Brunnen, gleichsam eine Piazza Navona für Arme. Kaiser Franz Joseph schenkte einem Pensionisten, der keiner werden wollte, dort gar das Schloß Tivoli. Doch Feldmarschall Radetzky, der sich die letzten sechs Jahre seines Lebens daran hätte erfreuen können, zog doch den Dienst in Mailand vor. Bald nach seinem Tode aber war er vor Schloß Tivoli präsent: in einem Bronzedenkmal, das es heute nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern.</h3>



<p></p>



<p>Nie scheint es uns in dieser Welt gegeben, daß Ruhe, Harmonie und Ausgleich dem Menschen für lange Zeit beschieden wären. Schon Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern. Der Laibacher Dichter und politische Agitator Anton Graf Auersperg, besser bekannt unter seinem Pseudonym Anastasius Grün, erfaßte die Entwicklung der Zukunft der Krain: „Die deutsche Sprache wird hier noch eine gewisse vorübergehende Zeit Bedeutung haben. Dann wird sie diese Funktion verlieren. Und es wird nicht tragischer sein als der Tod eines Greises“.</p>



<p>So sanft sollte es dann doch nicht abgehen. Mit den AVNOJ-Beschlüssen im Zuge des Exzesses des Zweiten Weltkrieges verloren alle im kommunistischen Jugoslawien lebenden Personen deutscher Volkszugehörigkeit alle bürgerlichen Rechte, ihre gesamte bewegliche und unbewegliche Habe wurde beschlagnahmt, und jedwedes Recht, Gerichte zu ihrem Schutze anzurufen, wurde ihnen abgesprochen.</p>



<p>Vorangegangen war dem eine Entwicklung, die gleich einer griechischen Tragödie nicht mehr aufzuhalten war. Als nach dem Erdbeben am Ostersonntag 1895 Künstler und Gelehrte gleich welcher Zunge der gesamten Monarchie sich für den Wiederaufbau der schrecklich zerstörten Stadt Laibach einsetzten, war dieses schon vergebliche Liebesmüh. Sie suchten mit einem Prachtband Geld für den Wiederaufbau aufzutreiben und der bei den Slowenen wegen seiner Unterstützung des deutschen Schulvereines unbeliebte Peter Rosegger rief in einer Reportage über das Erdbeben die beiden Volksgruppen auf, ihren Streit zu begraben: „Deutsche und Slowenen, was soll das kindische Streiten. Ich glaube, das Erdbeben hat die Herzen aufgerüttelt, und die Menschen wissen nun wieder einmal, daß sie zusammengehören. Was die Sprache trennt, soll der Gedanke wieder einen.“ Er wurde nicht gehört.</p>



<p>Es war ein schöner Tag, den ich in Laibach verbrachte, und doch hat der Besuch mich unendlich traurig gemacht. Von k.u.k. Nostalgie, wie sie einem heute in ganz Oberitalien und drüben in Kroatien begegnet, war nichts zu merken. Kaum einer kann hier noch Deutsch, in der Sprache Albions muß ich beim Wirten bestellen, und gerade einmal einen Doppeladler habe ich im Dom gefunden. Sie haben ihn wohl vergessen. </p>



<p></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Eine Reise in die Maramuresch</title>
		<link>https://dereckart.at/eine-reise-in-die-maramuresch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Dec 2025 15:46:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
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					<description><![CDATA[von Sven Schiszler „Die ungeschminkte Schöne“ Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Sven Schiszler</em></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">„Die ungeschminkte Schöne“</h2>



<p>Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum bezeichnet hat: die Maramuresch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das einfache Leben, ist es hier zu finden?</h3>



<p></p>



<p>Gewiß, vom allgemeinen Wandel der Zeiten blieb auch dieser Landstrich Nordrumäniens an der Grenze zur Ukraine nicht verschont. Wie jede Entwicklung hatte auch die Modernisierung ihre Licht- und Schattenseiten. Zu schätzen weiß man als Autofahrer die mittlerweile recht gut ausgebauten und in Stand gehaltenen Straßen. Vor zwanzig Jahren bewegte man sich mit einer Reisegeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern auf Hauptstraßen, hochkonzentriert, immer den Blick auf die zehn Meter vor dem Auto geheftet: Schlaglöcher, in Durchmesser und Tiefe dazu angetan, Reifen und Achse gleichermaßen zu zerstören, waren keine Seltenheit. Heute fährt man die eintausend Kilometer von Reichersberg im Innviertel nach Wischau (Viseu de Sus) in zwölf Stunden, Achsbruch und Reifenplatzer muß man nicht mehr fürchten.</p>



<p>Die andere Seite der Medaille liegt auf der Hand: Man kann diese Wege nutzen, um bequem ins Land zu reisen, man kann sie aber auch nutzen, um das Land zügig zu verlassen. Rumänien profitiert als Mitglied der Europäischen Union zwar von vielen Förderungen, die neben dem Verkehrswegebau auch in andere Infrastrukturmaßnahmen fließen, doch eine nachhaltige Entwicklung braucht neben Geld auch motivierte Menschen und Arbeitskräfte, und die scheinen dem Land zu fehlen. Die Rumänen, die wir vor und während unserer Reise kennenlernten – allesamt überdurchschnittlich gut ausgebildet – waren bzw. sind Auslandsrumänen aus Österreich, Deutschland, USA und Irland, die während eines Urlaubs ihre alte Heimat besuchten. Sie alle verließen das Land vor Jahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Holzbaukunst in höchster Vollendung</h3>



<p></p>



<p>Wenn es etwas gibt, daß die Maramuresch neben ihrem landschaftlichen Liebreiz auszeichnet, dann ist es die hohe Kunstfertigkeit des Holzhandwerks. Typisch für die Gegend sind insbesondere die Hoftore, die einerseits durch Massivität, andererseits durch detailreiche Schnitzerei beeindrucken. Zwei flankierende Säulen, oft aus ganzen Baumstämmen, eine schindelgedeckte Querverbindung zwischen den beiden Stehern und zwei Torflügel, wobei in einen der beiden oft noch eine Tür eingelassen ist, bilden die Grundstruktur. Kein Zentimeter bleibt dabei unbearbeitet: Von filigranen Zopfmustern über christlich inspirierte Ornamente bis hin zu feinziselierten abstrakten Mustern zeigen die Schnitzer, was sie können. Ein Augenschmaus. Und nicht zuletzt auch Ausdruck kleinbäuerlichen Selbstbewußtseins und nach außen dokumentierter bescheidener Wohlstand, der sich an der Größe des Tores und der Aufwendigkeit der Schnitzarbeiten ablesen läßt. Gerieten wir bei den Hoftoren schon regelmäßig in freudige Erregung ob des handwerklichen Könnens, so verschlug es uns beim Betreten der Klosteranlage Bârsana geradezu die Sprache. Man betritt das auf einer Anhöhe im Iza-Tal gelegene Kloster durch einen monumentalen Torturm, und es eröffnet sich ein Blick auf ein gepflegtes, einige Hektar großes Areal: ein malerischer Teich, mit Weidenflechtwerk eingefriedete Blumenrabatte, dazwischen großzügige Rasenflächen und darin einige große, mehrstöckige aber niemals unbescheiden wirkende Gebäude: allesamt überwiegend aus Holz aufgeführt, manche kombiniert mit Gemäuer aus Feldsteinen. Eine aus Eichenbalken gezimmerte Kirche erreicht mit ihrem filigranen Turm eine Gesamthöhe von 57 Metern. Wir stehen, den Kopf im Nacken, unter einem Vordach und bestaunen die Exaktheit, mit der das Bundwerk ineinander verzinkt und durch Holznägel zusätzlich verbunden ist. Holzbaukunst in höchster Vollendung!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Deutschen werden hier Zipser genannt und leben in der „Zipserei“.</h3>



<p></p>



<p>In Wischau (Viseu de Sus) machten wir uns auf die Spurensuche nach den Zipsern, jenen deutschen Siedlern, die aus der Zips (Slowakei) und aus dem oberösterreichischen Salzkammergut zu Zeiten der Donaumonarchie als Holz- und Bergarbeiter gerufen wurden und eine bedeutende Siedlung gründeten. Noch heute spricht man in dem Städtchen Wischau ganz selbstverständlich von der Zipserei, wenn man jenen Stadtteil meint, der einst überwiegend von Deutschen bewohnt war – die Bezeichnung Zipser hatte sich auf alle Deutschen übertragen, unabhängig von ihrer ursprünglichen Herkunft. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges war auch an diesen Menschen in der Maramuresch nicht spurlos vorübergegangen, ebensowenig die der Nachwendejahre, in der viele der verbliebenen jüngeren Zipser in der Hoffnung auf Arbeit, guten Verdienst und eine bessere Zukunft das von sozialistischer Diktatur gebeutelte Rumänien Richtung Bundesrepublik Deutschland verließen, womit die deutsche Minderheit mit den gleichen demographischen Problemen zu kämpfen hat wie die rumänische Mehrheitsbevölkerung, mit der man im großen und ganzen im guten Einvernehmen steht; nicht zuletzt sind Mischehen zwischen Zipsern und Rumänen oder Ungarn keine Seltenheit mehr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gastfreundschaft im Wassertal</h3>



<p></p>



<p>Wir fahren ein Stück ins malerische Wassertal hinein, das von Wischau Richtung Norden abzweigt. Den Eisenbahnfreunden bekannt durch die Wassertalbahn, die „Mocanita“, eine Schmalspurbahn, die Holz aus dem Tal heraus- und Touristen in das wildromantische Tal hineintransportiert. Entlang der Straße, die sich dem Flußlauf anschmiegt, findet sich, gleichsam wie aufgefädelt, eine lange Reihe von kleinen Höfen. In einem solchen leben Stefan Schiesser und seine Frau Margret, Zipser Originale sozusagen. Wir werden von einem alten Freund der Familie zu den Schiessers „mitgebracht“, man empfängt uns so offenherzig und freundlich, als wären wir Bekannte, die nach langer Zeit wieder einmal den Weg ins Wassertal gefunden hätten. Das kleine Anwesen fällt durch seine Aufgeräumtheit und Sauberkeit auf. An einen kleinen Innenhof, der zur Straße hin durch einen hohen Holzzaun mit Tor abgetrennt ist, schließt sich zur einen Seite die sogenannte Sommerküche, zur anderen Seite das Wohnhaus an, stirnseitig befinden sich ein kleiner Stall und die Scheune. Dahinter die Wiesen und ein überaus großzügiger Gemüsegarten – Selbstversorgung mit Gemüse und Fleisch war insbesondere in sozialistischen Jahrzehnten schlichte Notwendigkeit. Blumenschmuck an den Fenstern, der Boden säuberlich gefegt, der Ziehbrunnen im Hof – noch in Verwendung – durch einen schmucken Holzverbau vor Schmutzeintrag von außen geschützt. Ein kleines Idyll, das eine authentische Wohnsituation – von Elektrifizierung und Wasserinstallation abgesehen – widerspiegelt, wie sie auch vor fünfzig, sechzig oder mehr Jahren bestanden hat. Wir sind begeistert! Bereitwillig zeigt uns der Hausherr, nachdem wir einen hochprozentigen Begrüßungsschluck aus eigener Fertigung zu uns genommen haben, Haus und Hof. Wir dürfen einen Blick in die Sommerküche werfen, besichtigen Kuh- und Schweinestall, die erst seit kurzem – das Ehepaar Schiesser hat bereits die achtzig hinter sich gelassen – als Fahrradgarage dienen, überzeugen uns von der Funktionalität des Ziehbrunnens und geben auf der Wiese unsere Sensenmähkünste zum Besten, die uns eine gewisse Anerkennung verschaffen. Schließlich lassen wir uns bei Gesprächen über Wohl und Ergehen der Zipser im allgemeinen und der Familie Schiesser im besonderen – mittlerweile waren auch Schwiegersohn Otto und Gattin Margret aus Nürnberg eingetroffen – bei der Gartenhütte nieder. Über dieser Unterhaltung ist einiges an Zeit vergangen, als Margret mit einem Topf heißer Mamaliga (Polenta) in der regionaltypischen Zubereitung erscheint und uns zu kräftigem Zulangen auffordert. In Schichten aufgebaut findet sich zwischen den Maisgrießlagen jeweils eine Schicht Käse, obendrauf eine Lage gerösteter weißer Speck, dazu ein kräftiger Schlag Joghurt. Der selbstgebrannte Zuika darf natürlich nicht fehlen. Derart großzügig bewirtet, bieten wir als kleine Gegenleistung unsere Mithilfe für die am nächsten Tag anstehenden Heuarbeiten an.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ostberliner Chronist der Maramuresch</h3>



<p></p>



<p>Als letzte Station unserer Reise besuchen wir noch einen Dokumentarfilmer und Schriftsteller im abgelegenen Valea Vinului (Weintal), das ebenfalls von Wischau Richtung Norden abzweigt. Björn Reinhardt, in Ostberlin aufgewachsen, fand hier seine große Liebe und blieb. In unzähligen Dokumentationen und einem Bildband hat er die Maramuresch und ihre Menschen porträtiert, insbesondere den Bewohnern des Weintales, die auch heute noch ein Leben in der kargen Abgeschiedenheit der Nordkarpaten führen, hat er ein Denkmal gesetzt: mit spürbarer Sympathie für die Menschen, doch völlig frei von romantisierender Verklärung. Als wir nach einer Woche Karpatenaufenthalt in den sehr frühen Morgenstunden die Heimreise antreten, sind wir erfüllt von zahlreichen interessanten Begegnungen mit Menschen, die uns offen und gastfreundlich empfangen haben, und angetan von einer Landschaft, die eine herbe Schönheit kennzeichnet. Und das einfache Leben? Ja, eine Ahnung davon haben wir wohl mitgenommen… </p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Heimkehr nach Görlitz</title>
		<link>https://dereckart.at/heimkehr-nach-goerlitz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 14:12:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Friedrich Helbig Es ist Ostern, die Kinder haben Ferien. Die Arbeitskollegen und einige Bekannte „posten“ Bilder vom Urlaub aus fernen Weltgegenden. Wir aber fahren nach Görlitz, in die schlesische Heimat. Die Stadt liegt auf dem 15. Längengrad, dem Bezugsmeridian der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ). Damit ist Görlitz vorgeblich die östlichste Stadt Deutschlands; sie soll in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Friedrich Helbig</em></p>



<p></p>



<p>Es ist Ostern, die Kinder haben Ferien. Die Arbeitskollegen und einige Bekannte „posten“ Bilder vom Urlaub aus fernen Weltgegenden. Wir aber fahren nach Görlitz, in die schlesische Heimat. Die Stadt liegt auf dem 15. Längengrad, dem Bezugsmeridian der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ). Damit ist Görlitz vorgeblich die östlichste Stadt Deutschlands; sie soll in Ostsachsen oder der Oberlausitz liegen. Doch Görlitz ist und bleibt eine schlesische Stadt, und sie ist allenfalls die östlichste Stadt der BRD. Denn es gibt einen letzten kleinen Zipfel Schlesien, der trotz Oder-Neiße-Linie in deutscher Staatlichkeit verblieb, erst in der DDR, jetzt in der BRD. „In Verantwortung für Schlesien“ lautete das Motto des Schlesiertreffens von 1995 – diesem Leitsatz bleibe nicht nur ich verpflichtet. Viele Autos haben einen Schlesienaufkleber am Heck. Es gibt das Niederschlesische Kammerorchester, den Niederschlesischen Athletenklub und den Niederschlesischen Fußballverein. Jährlich findet in der Altstadt der Schlesische Tippelmarkt statt. Ein Bäckermeister aus Horka verschickt seine authentischen schlesischen Backwaren per „Online-Shop“ in die weite Welt. Schlesien lebt also in der Bürgerschaft bzw. der Zivilgesellschaft weiter!</p>



<p>Der Weg über 600 Kilometer Autobahn ist weit und kostet Nerven. Doch nach den Reisestrapazen erwartet mich der süße Lohn des Heimatgefühls, welches mich schmunzeln läßt und diese wohlige innere Wärme hervorruft. Wir verlassen die Autobahn an der Abfahrt Görlitz und fahren auf der Bundesstraße die letzten Kilometer; vor uns rechts die Landeskrone, unser Hausberg. Meine Mundwinkel nähern sich den Ohren, die Anspannung weicht der Zufriedenheit. Der schnellste Weg zur Oma läßt uns links abbiegen, Richtung Königshufen – der obligaten DDR-Plattenbausiedlung. Inzwischen fehlen einige Blöcke ganz, andere wurden zurückgebaut, also mehrere Stockwerke abgetragen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man diese unschönen Bauten erhalten will. In der architektonisch wertvolleren und historisch gewachsenen Innenstadt gibt es noch etliche Straßenzüge, wo sich sanierte und verfallene Gründerzeithäuser abwechseln. Dort ist das DDR-Prinzip „Ruinen schaffen ohne Waffen“ leider noch gut sichtbar. Wir lassen Königshufen hinter uns und erreichen die Zeppelinstraße, an deren Anfang sich rechter Hand das Rot alter Backsteingebäude zeigt – das Görlitzer Krankenhaus. Am Ende der Zeppelinstraße rumpeln wir über die Kreuzung. Hier lagen mitten in der Stadt Eisenbahngleise, welche nur überteert wurden. Sie verbanden Werk 1 und Werk 2 von „Waggonbau Görlitz“. Ich denke daran, wie ich mit meinem Roller am Nachhauseweg vom Kindergarten anhalten mußte, um die Rangierlok samt Passagierwaggons durchzulassen – alles schön im Schritttempo. Heute braucht man die Gleise nicht mehr, Werk 1 ist geschlossen; wenigstens wird in Werk 2 des einstmals größten Arbeitgebers der Stadt noch gearbeitet.</p>



<p>Begleitet von der Oma gehen wir nach unserer Ankunft an diesem sonnigen Ostermontag auf den Spielplatz. Dieser wurde erst vor kurzem neu angelegt, auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, wo jetzt hinter der Backsteinfassade eine Waldorfschule zu Hause ist. Im ,,Fußballkäfig“ des Spielplatzes herrscht Hochbetrieb. Die „Spielenden“ sind allesamt nicht europäischen Typs. Auf jenem Teil des neu angelegten Areals, wo die kleineren Kinder spielen, verändert sich das Aussehen der herumtobenden und lärmenden Meute zwar, doch die Sprachen bleiben fremd – vermutlich polnisch und ukrainisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gegen die heutigen Veränderungen schützen die alten Stadtbefestigungen nicht mehr.</h3>



<p></p>



<p>Am nächsten Vormittag gehen wir mit Oma in die Stadt. Als erstes steuern wir den Kaisertrutz an, einen imposanten runden Koloß mit dicken Mauern, der als vorgelagerte Bastion der doppelzügigen Stadtmauer insbesondere der Verteidigung der Handelsstraße „Via Regia“ diente. Gleich dahinter erreichen wir am Eingang zum Obermarkt den Reichenbacher Turm. Er war Teil der Stadtmauer und beherbergte das westliche Stadttor. Gut erhalten steht er noch immer und hat so manches abgewehrt – doch gegen die heutigen Veränderungen kann er die Stadt nicht mehr schützen. Wir durchschreiten das ehemalige Stadttor, und vor uns erscheint der weite Obermarkt voller parkender Autos. Das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. hat den Krieg nicht überstanden, es wurde 1939 eingeschmolzen. Wir überqueren den 250 Meter langen Platz, vorbei an wunderschön restaurierten alten Gebäuden. Die Cafes haben geöffnet und ihre Tische und Stühle auf den Gehweg gestellt – leider findet man den Hinweis „Draußen nur Kännchen“ nicht mehr.</p>



<p>Unser Weg führt uns weiter über die Verrätergasse und die Brüderstraße zum Untermarkt. Wir passieren an dessen Eingang den Schönhof – eines der ältesten Renaissancegebäude Deutschlands. Heute beheimatet es das Schlesische Museum. Es ist ein für die alte Tuchmacher- und Handelsstadt Görlitz typisches Hallenhaus. Durch die Lage an der Via Regia florierte der Fernhandel, was dem Görlitzer Bürgertum Wohlstand verschaffte. So entstanden Handelshöfe mit künstlerischem Anspruch. Die Halle reichte über alle Stockwerke des Hauses und diente als Kontor – insbesondere konnten so Stoffe aufgehängt und präsentiert werden.&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Görlitz blieb vom Bombenkrieg verschont und bietet ein intaktes Stadtbild.</h3>



<p></p>



<p>Zur unverfälschten Altstadt gehört auch das Rathaus gegenüber vom Schönhof. Die geschwungene Rathaustreppe liefen schon unzählige Brautpaare hinunter. An deren Anfang steht Justitia auf dem Sockel&nbsp; – ein Unikum, denn der Steinmetz gab ihr keine Augenbinde bei. </p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="575" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1-1024x575.webp" alt="" class="wp-image-11643" style="width:485px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1-1024x575.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1-300x169.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1-768x431.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1-1536x863.webp 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1a-justitia-1.webp 1595w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large is-resized"><img decoding="async" width="1024" height="577" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1-1024x577.webp" alt="" class="wp-image-11642" style="width:489px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1-1024x577.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1-300x169.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1-768x433.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1-1536x866.webp 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/1b-justitia-1.webp 1597w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p>Wir wenden unseren Blick nach oben auf die Uhr des Rathausturmes, denn diese ist Teil einer weiteren Görlitzer Sage. Im Ziffernblatt ist der Kopf eines Stadtwächters zu sehen, der zu jeder vollen Minute seine Augen öffnet, die orange erscheinen; denn er wurde zur Strafe lebendig in den Rathausturm eingemauert, als er einen Stadtbrand verschlafen und die Bürger nicht gewarnt hatte. Das Orange seiner Augen symbolisiert das Feuer.&nbsp;</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img decoding="async" width="507" height="900" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1.webp" alt="" class="wp-image-11644" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1.webp 507w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1-169x300.webp 169w" sizes="(max-width: 507px) 100vw, 507px" /></figure>



<p>Am Ende des Untermarktes geht es die steile Neißestraße hinunter zum Fluß. Heute ist die Neiße ein Grenzfluß. Sie mündet in die Lebensader Schlesiens, die Oder. Daher kommt der furchtbare Begriff: „Oder-Neiße-Friedensgrenze“. Immer wenn ich am westlichen Ufer der Neiße stehe, kommt mir dieser schmerzliche Gedanke, und mein Blut gerät in Wallung. Die wiedererrichtete Altstadtbrücke benutze ich eigentlich nie. Mich zieht wenig in den östlichen Teil der Stadt. Er ist und bleibt mir fremd, auch wenn er inzwischen ebenfalls schön restaurierte alte Häuser aufweist. Aber man spricht dort nicht meine Sprache. Ich nutze lediglich die Stadtbrücke mit dem Auto, um drüben an der ersten Tankstelle Geld zu sparen sowie manchmal Zigaretten für Bekannte zu kaufen – aber dann geht es gleich wieder zurück.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="771" height="900" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2a-Blick-vom-Neisseufer-nach-Polen-1.webp" alt="" class="wp-image-11641" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2a-Blick-vom-Neisseufer-nach-Polen-1.webp 771w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2a-Blick-vom-Neisseufer-nach-Polen-1-257x300.webp 257w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2a-Blick-vom-Neisseufer-nach-Polen-1-768x896.webp 768w" sizes="(max-width: 771px) 100vw, 771px" /></figure>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="577" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1-1024x577.webp" alt="" class="wp-image-11640" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1-1024x577.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1-300x169.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1-768x433.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1-1536x866.webp 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/2b-Blick-vom-Neisseufer-auf-die-Peterskirche-1.webp 1597w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></figure>



<p>Doch heute wird auch im westlichen Teil der Stadt oft polnisch gesprochen, und die Klingelschilder der Wohnhäuser sind voller polnischer Namen. Im Gesundheitsbereich arbeiten viele polnische Ärzte und Pflegekräfte. Die Zufriedenheit der Patienten steigert das nicht unbedingt, aber welche Wahl hat man, wenn man auf sie angewiesen ist? Seit dem EU-Beitritt Polens und der damit verbundenen Öffnung der Grenze setzte im Gesundheitswesen diese Tendenz ein. Eine&nbsp; andere war in der Kriminalitätsstatistik zu beobachten – Autos und Fahrräder verschwanden, während die Droge Crystal Meth auf den Schulhöfen auftauchte. Früher, also zu DDR-Zeiten, gab es in den Betrieben polnische Arbeitsbrigaden, ansonsten war die Grenze zum sozialistischen Bruderstaat dicht. Ein visafreier Reiseverkehr war nur zwischen 1972 und 1980 möglich. Zum einen wollte die DDR die eigene Wirtschaft schützen, da das Passieren der Grenze häufig zum Erwerb von Konsumgütern in Polen genutzt wurde. Zum anderen wollte man ein Übergreifen der Solidarność -Bewegung verhindern. Mithin blieben sich die sogenannten Brudervölker eher fremd und damit auch die durch die Neiße getrennten Stadtteile.</p>



<p>Doch auch zu einem anderen sogenannten Brudervolk blieb man eher auf Distanz. Nur ungefähr zwanzig Kilometer neißeabwärts gab es einen wichtigen Militärflugplatz mit reichlich stationierten sowjetischen Soldaten, inklusive dem unübersehbaren T34-Panzerdenkmal an der Zufahrtsstraße. Der Fliegerhorst in Rothenburg wurde seit 1954 vom sowjetischen Militär genutzt, bis 1990 war dort auch das Fliegerausbildungsgeschwader der Offiziersschule für Militärflieger der NVA stationiert. Wie an den anderen Standorten waren die Sowjetsoldaten auch hier stark abgeschottet; sie kamen nur wenig mit DDR-Bürgern in Kontakt. Die Gründe hierfür waren unter anderem häufige Verkehrsunfälle und Kriminalität. Andererseits halfen die Rotarmisten im Fall von offiziellen Hilfsersuchen staatlicher Stellen beim Eintreten von Naturkatastrophen oder technischen Havarien.</p>



<p>Damals jedenfalls gab es nur zwei Möglichkeiten in Görlitz, die Neiße zu überqueren – über den alten Viadukt mit der Deutschen Reichsbahn oder über die Stadtbrücke. Der LKW-Transitverkehr staute sich durch die ganze Stadt. Das blieb noch viele Jahre nach der sogenannten Wende so. Erst mit dem Bau der Autobahn nach Görlitz und der entsprechenden Brücke über die Neiße nördlich der Stadt änderte sich das. Es gab wieder eine durchgehende Autobahn nach Breslau – die Grenze aber blieb.</p>
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		<title>Streifzüge zwischen Main, Rhein und Donau</title>
		<link>https://dereckart.at/streifzuege-zwischen-main-rhein-und-donau/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Jul 2025 13:22:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Arnulf Helperstorfer Die Gemeinde Aufseß in der Fränkischen Schweiz hält mit vier Brauereien bei rund 1.500 Einwohnern angeblich den Weltrekord für die höchste Brauereidichte pro Einwohner. Ein idealer Startpunkt für einen höchst abwechslungsreichen Streifzug zwischen Main, Rhein und Donau. Die Gegend zwischen Bayreuth, Nürnberg und Bamberg wird nicht umsonst „Bierfranken“ – im Unterschied zu [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Arnulf Helperstorfer</em></p>



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<p>Die Gemeinde Aufseß in der Fränkischen Schweiz hält mit vier Brauereien bei rund 1.500 Einwohnern angeblich den Weltrekord für die höchste Brauereidichte pro Einwohner. Ein idealer Startpunkt für einen höchst abwechslungsreichen Streifzug zwischen Main, Rhein und Donau.</p>



<p>Die Gegend zwischen Bayreuth, Nürnberg und Bamberg wird nicht umsonst „Bierfranken“ – im Unterschied zu „Weinfranken“ rund um Würzburg – genannt. Während in anderen Teilen Deutschlands Kleinbrauereien unter dem Titel „Craft Beer“ mit teilweise höchst fragwürdigen Ergebnissen und hauptsächlich für ein urbanes, hippes Publikum gebraut eine Renaissance erleben, hat sich in der beschaulichen Fränkischen Schweiz eine traditionelle Kultur an kleinen Dorfbrauereien erhalten. Deren Biere sind dementsprechend nicht mit diversen, möglichst exotischen Gewürzen angereichert, sondern halten das Versprechen eines mit ehrlicher Braukunst nach dem Reinheitsgebot hergestellten, höchst bekömmlichen Getränkes. Als kulinarische Beilage zu diesem Biergenuß eignen sich ebenso traditionelle Speisen wie das typisch fränkische Schäufele – im Ofen gebratene Schweinsschulter, die mit Kartoffelknödeln und Sauerkraut gereicht wird.</p>



<p>Doch auch abseits dieser althergebrachten leiblichen Genüsse fühlt man sich hier in eine andere Zeit versetzt. Schnelligkeit und Hast verbieten sich bei der Wanderung durch die hügelige, von Bächen durchzogene und von sanften Wäldern gesäumte Landschaft. Die kleinen Ortschaften mit ihren gepflegten Vorgärten wirken angenehm aus der Zeit gefallen und scheinen mit trotzigem Stolz den Gegenentwurf zu lauten und hektischen Metropolen zu konservieren. Das gilt auch für so manchen Landgasthof auf dem Weg, sodaß sich insgesamt ein Landstrich präsentiert, an dem die „Segnungen“ des neuen Jahrtausends weitgehend spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Den Ausklang findet der Tag in der fast zweihundert Jahre alten Brauerei Krug mit seinem noch älteren Braugasthof bei einem frisch gezapften dunklen Lagerbier.</p>



<p>Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen der malerisch verschlafenen Landschaft der Fränkischen Schweiz und der Metropole Frankfurt am Main, dem oft als „Mainhattan“ titulierten Finanzzentrum Deutschlands. Nur wenige ältere Gebäude haben sich zwischen den Wolkenkratzern der deutschen Banken und einem Sammelsurium von anderen Neubauten gehalten. Der Weg in die Innenstadt ist ein Wechselbad der Gefühle, vorbei an den Obdachlosen und Drogensüchtigen am Bahnhof und der Bahnhofstraße, vorbei an hektischen Bankern und Geschäftsleuten, vorbei an unzähligen Baustellen ist es überall laut und staubig. Unübersehbar ist auch die massive Polizeipräsenz in der Multikultihauptstadt der BRD.</p>



<p>Der Römer mit seinen historischen Bauten im Stadtzentrum wirkt in diesem Wirrwarr seltsam fehl am Platz. Immerhin blitzt mit der Paulskirche und dem Kaisersaal ein Funken jenes alten Frankfurts auf, das die Stadt einst zur heimlichen Hauptstadt des alten Heiligen Römischen Reiches gemacht hat. Durchaus eindrucksvoll ist die „Neue Frankfurt Altstadt“, ein zwischen 2012 und 2018 entstandener Stadtteil, der eine vollständige Rekonstruktion der im Zweiten Weltkrieg von alliierten Bombern zerstörten Gebäude ist. Den Höhepunkt dieses Ensembles bildet das „Haus zur Goldenen Waage“, ursprünglich ein prunkvolles Bürgerhaus mit Renaissancefassade aus dem frühen 17. Jahrhundert. Besonders empfehlenswert ist das 2021 eröffnete Deutsche Romantikmuseum direkt neben Goethes Geburtshaus, das einen breiten Streifzug durch Kultur, Politik und Wissenschaft der Romantik bietet.</p>



<p>Um auch dem kulinarischen Anspruch der Reise, an jeder Destination eine typische Spezialität zu verzehren, treu zu bleiben, wurde in Frankfurt Grüne Soße, eine Soße aus sieben Kräutern mit Pellkartoffeln und harten Eiern sowie als Nachspeise ein Frankfurter Kranz verzehrt.</p>



<p>Wer nicht unbedingt dem Trubel eines der Frankfurter Clubs frönen möchte, kann den Abend an einer Trinkhalle ausklingen lassen. Diese ursprünglich im 19. Jahrhundert als Wasserhäuschen errichteten Kioske sollten die Bevölkerung animieren, mehr Wasser als Bier und Schnaps zu trinken; heutzutage sind sie ein abendlicher Treffpunkt bei einem Bier oder Apfelwein. Den Freunden der Kneipen mit kuriosem Charme sei die „Gute Stute“ am Gallus empfohlen, in dem der Gast beim Betreten vom Wiehern einer ausgestopften Stute im Gastraum begrüßt wird.</p>



<p>Vom Main geht es an den Rhein nach Bonn. Am ehemaligen Regierungssitz der BRD ist wieder&nbsp; Ruhe eingekehrt. Unübersehbar geprägt ist Bonn von seiner Zugehörigkeit zum Kurbistum Köln im 17. und 18. Jahrhundert und danach zu den Preußischen Rheinprovinzen im 19. Jahrhundert. Die Kölner Erzbischöfe gestalteten die Stadt nach dem Spanischen Erbfolgekrieg mit ungeheuren Finanzmitteln zu einer prächtigen Barockstadt um. Die Preußen gründeten 1818 die Bonner Universität; die Stadt wurde damit sowohl zur Studienstadt ihrer Prinzen und vieler anderer Hochadeliger als auch im Vormärz zu einem Kristallisationspunkt für rebellische Studenten, die sich insbesondere in den verbotenen Burschenschaften sammelten. Aber auch für Freunde der Antike hat Bonn einiges zu bieten. Überall in der Stadt verstreut findet man Hinweise auf das alte Römerlager „Castra Bonnensis“, und auch das Rheinische Landesmuseum bietet interessante Ausstellungsstücke aus dieser Zeit.</p>



<p>Die ehemalige Zugehörigkeit zu Köln manifestiert sich auch im Ausschank von Kölsch, das sehr gut zu „Himmel un Ääd“ (Himmel und Erde) paßt. Dabei wird Blutwurst auf Kartoffelpüree (Erde) und Apfelstücken (Himmel) serviert.</p>



<p>Von Bonn ist es nur ein Katzensprung nach Düsseldorf. Wer sich für die Entstehung und Frühgeschichte des Menschen interessiert, kann dabei einen Abstecher ins Neandertal machen, um das gleichnamige Museum und die nahegelegene Fundstätte dieses Zweiges unserer Vorfahren in Augenschein zu nehmen.</p>



<p>Düsseldorf war wohl die größte Überraschung des Streifzuges im positiven Sinn. Der ehemalige „Schreibtisch des Ruhrgebietes“ – viele Kohle- und Stahlunternehmen hatten dort ihren Verwaltungssitz – ist mitnichten eine alte abgehalfterte ehemalige Industriestadt. „Jan Willem“, der Wittelsbacher Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, thront nicht zu Unrecht auf einem eindrucksvollen Denkmal in der Innenstadt, hat er Düsseldorf doch zu einer prächtigen Residenz ausgebaut. Wie auch in Bonn, hat man in Düsseldorf die meisten Spuren des Zweiten Weltkrieges aus dem Stadtbild getilgt, sodaß die Rheinmetropole in altem Glanz erstrahlt.</p>



<p>Düsseldorf ist aber auch die richtige Örtlichkeit für alle Freunde des Nachtlebens. Am Wochenende ist die gesamte Innenstadt bis zu den Ufern des Rheins eine einzige große Feierzone. Von traditionellen Altbierkneipen, einer eigenen Lokalität nur für den Düsseldorfer Kräuterschnaps „Killepitsch“ über Bars und Pubs bis hin zu Speiselokalen aller Art ist für jeden Nachtschwärmer etwas dabei.</p>



<p>Durch die Nähe zum Ruhrpott bietet sich der Besuch einer alten Industrieanlage geradezu an. Die ehemalige Zeche Zollverein war bis zu ihrer Schließung 1986 eine der größten Steinkohlegruben Europas und bildet mit der angeschlossenen Kokerei ein Industriedenkmal ersten Ranges. Das Areal ist frei begehbar; Kokerei und Förderturm können aber nur mit Führung besichtigt werden, was sehr empfohlen werden kann. Es ist ein Eintauchen in eine völlig fremde Welt, die aber über mehr als hundert Jahre für tausende Kumpel Zentrum ihres Lebens war. Inmitten der alten Kokerei kann man sich bei einer ortsüblichen Currywurst stärken – wohl einer der ungewöhnlichsten Plätze für ein Ausflugslokal.</p>



<p>Vom dicht besiedelten Rheinland mit seinen feierwütigen Einwohnern geht es zur letzten Station der Reise nach Passau an die Donau. Für Österreicher ist Passau eine besondere Stadt, war sie doch nach den Wirren der Völkerwanderung Ausgangspunkt der christlichen Remissionierung und der damit einhergehenden Inbesitznahme Ober- und Niederösterreichs durch die Baiern; es ist kein Zufall, daß die Dome Wiens und Budapests ebenso wie der Passauer Dom dem Heiligen Stephan geweiht sind. Am Zusammenfluß der Ströme Donau, Inn und Ill gelegen zählt Passau zu den schönsten Städten Bayerns. Wenn man von der kleinen Innenstadt Richtung Bahnhof schlendert, kommt man sehr bald zu einem steinernen Löwen, der die Grenze des alten unabhängigen Fürstbistums Passau hin zum Herzogtum Bayern markiert; das Fürstbistum selbst bestand damit nur aus der Altstadt auf der Landzunge zwischen den Flüssen und einem Stück des Gegenufers und ist damit ein interessantes Beispiel für die kleinen Herrschaften des Alten Reiches. Im Jahr 1683 erlangte Passau erneut große Bedeutung für die österreichischen Lande. Leopold I. war vor den anrückenden Osmanen nach Passau ausgewichen, sammelte dort den deutschen Teil des Entsatzheeres und nahm auch Prinz Eugen in Passau in seine Dienste, woran eine Gedenktafel erinnert. Und mit gutem bayrischen Bier und einer zünftigen Schweinshaxe wurde der Besuch in Passau und damit auch der Streifzug zwischen Main, Rhein und Donau beschlossen!</p>



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		<title>Auf den Spuren der Germanen in Italien</title>
		<link>https://dereckart.at/auf-den-spuren-der-germanen-in-italien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2025 05:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Vor einigen Jahren führte mich der Pilgerweg von Rom nach Bari durch die kleine Ortschaft&#160; Torella dei Lombardi, ein Nest auf fast 700 Metern Seehöhe, etwa 25 km südlich von Benevent. Eine kleine Osteria gab es dort, und eine hübsche blonde Kellnerin nahm meine Bestellung [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<p></p>



<p>Vor einigen Jahren führte mich der Pilgerweg von Rom nach Bari durch die kleine Ortschaft&nbsp; Torella dei Lombardi, ein Nest auf fast 700 Metern Seehöhe, etwa 25 km südlich von Benevent. Eine kleine Osteria gab es dort, und eine hübsche blonde Kellnerin nahm meine Bestellung auf. Bald servierte mir eine andere Blondine, und ich fragte erstaunt, ob das Blondieren Mode unter den Mädchen der Ortschaft sei. Völliges Unverständnis schlug mir entgegen: „Wieso denn das – wir sind doch alle blond!“ Ich sah mich um. Tatsächlich, da saßen Bauern, Bauarbeiter und Kleingewerbetreibende – alle blond und blauäugig! Die Langobarden hatten wohl ihre Spuren hinterlassen.</p>



<p>Wieviele Völkerschaften, Stämme und Wehrgemeinschaften hat es doch seit der Spätantike in das Land, wo die Zitronen blühen, gezogen! Während ein Teil der Germanen sich für sechs Monate Winter und sechs Monate schlechtes Wetter entschied, hatten die Klügeren den Drang nach Süden. Ihre Selbstbezeichnungen täuschen. Goten, Vandalen, Sueben, Burgunder, Alemannen und Franken waren keine geschlossenen Völker oder genetisch scharf umrissene Stämme. Zumeist Wirtschaftsmigranten auf der Flucht vor den Hunnen, denen sie sich freilich gelegentlich auch anschlossen, bildeten sie Verbände auf der Grundlage einer Leitkultur und gemeinsamen Religion. Germanophilen Freunden von Odin und Thor sei gesagt, daß kein zivilisierter Germane im 4. Jh. mit diesen etwas anfangen konnte. Sie waren arianische Christen, und das war das, was sie vielleicht am meisten einigte.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="768" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8-1024x768.jpg" alt="" class="wp-image-11325" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8-1024x768.jpg 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8-300x225.jpg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8-768x576.jpg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8-1536x1152.jpg 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_0d2b38a8.jpg 1600w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Der &#8222;falsche&#8220; Palast des Königs Theoderich</em></figcaption></figure>



<p></p>



<p>Bei der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern standen Westgoten auf der Seite Roms gegen Ostgoten im Heer der Hunnen. Nach der Niederlage mußten die Ostgoten sich gleichsam neu erfinden, und nach einigen Jahren fröhlichen Plünderns am Balkan nahm ihr junger König Theoderich das Angebot des oströmischen Kaisers freudig an, in dessen Namen die gleichfalls germanischen Heruler unter Odoaker aus Italien zu vertreiben. In der Rabenschlacht anno 493 feierte er einen glänzenden Sieg über den selbsternannten Rex Italiae und nahm seine Position ein. Raben – das ist Ravenna, und dort setzte sich dann der deutsche Sagenheld Dietrich von Bern fest; und Bern, das ist Verona, dort residierte er auch gelegentlich.</p>



<p>Theoderich verbrachte seine Jugend als Ehrengeisel am oströmischen Hof in Konstantinopel und war so gesehen bestens integriert und dreisprachig: Gotisch, Latein und Griechisch beherrschte er fließend. Roms kulturelle Kraft war damals noch so stark, daß Theoderich nicht einmal daran denken mochte, ihr etwas entgegenzusetzen. Bruchlos führte er die römische Mosaikkunst des Mausoleums der Galla Placidia in seinen Gotteshäusern fort. Die Ruine, die als Palast Theoderichs gezeigt wird, besuchen die Touristen gerne, allein sie stammt aus dem 8. Jh. Am tatsächlichen Palast bedienten sich geschichtsbewußte Potentaten seit mehr als 1.000 Jahren, Karl der Große sandte Säulen nach Aachen für seine Pfalzkapelle.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img loading="lazy" decoding="async" width="1024" height="623" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20-1024x623.jpg" alt="" class="wp-image-11326" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20-1024x623.jpg 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20-300x183.jpg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20-768x468.jpg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20-1536x935.jpg 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/06/WhatsApp-Bild-2025-06-09-um-16.34.50_d20d2f20.jpg 1600w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption"><em>Die gotischen Heiligen Drei Könige</em></figcaption></figure>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">Kurzlebig war die&nbsp; Herrschaft der Goten in Italien, und es mangelte auch an Willen und Substanz, Eigenes zu schaffen.</h3>



<p></p>



<p>So nimmt es nicht Wunder, daß Rom – also Konstantinopel – nachdem es sich vom fast 200jährigen Germanensturm erholt hatte, unter Kaiser Justinian in Italien wieder reinen Tisch machen wollte. Ravenna wurde zum Verwaltungssitz des Exarchats, und gereinigt wurde wirklich: Was arianisch war, wurde katholisch, und gotische Potentaten auf Mosaiken wurden ausgelöscht. Ein Porträt von Theoderich – das einzige, das wir besitzen – war dann doch zu schön, als daß man es hätte zerstören wollen. Man tauschte nur die Beschriftung aus und flugs wurde aus König Theoderich Kaiser Justinian.</p>



<p>Vielleicht hat der Gotenkönig die langfristige Unterlegenheit seines Volkes gegenüber Rom vorausgeahnt. Sein Regierungschef Boetius stammte aus feinstem altrömischen Senatorenadel, und zunächst war es des Königs Anliegen, auf diese Weise Goten und Römer zu versöhnen. Dann stürzte Boetius über eine Intrige, und Theoderich ließ ihn über die Klinge springen. Der König konnte sich diesen Unrechtsakt nimmermehr verzeihen und fiel in Schwermut. Um ihn zu erfreuen, bereitete man ihm sein Lieblingsgericht, einen prächtigen Karpfen. Kaum sah er den fetten Fisch, meinte er, Boetius starre ihn aus den kalten Fischaugen an und verschied an einem Herzinfarkt. Finis Goticae!</p>



<p></p>
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		<item>
		<title>Der Naschmarkt</title>
		<link>https://dereckart.at/der-naschmarkt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Jun 2025 13:36:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Der Naschmarkt meiner Kindheit war ein anderer. „Die eiserne Zeit“, die berühmte Gulaschhütte, gab es schon, wo man am Morgen sein Reparaturseidel einnehmen konnte. Speisekarte und moderne kulinarische Sperenzchen gab es nicht, ebensowenig eine Weinkarte. Im ersten Pavillonbogen war der Würstelstand, und das wären dann [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



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<p>Der Naschmarkt meiner Kindheit war ein anderer. „Die eiserne Zeit“, die berühmte Gulaschhütte, gab es schon, wo man am Morgen sein Reparaturseidel einnehmen konnte. Speisekarte und moderne kulinarische Sperenzchen gab es nicht, ebensowenig eine Weinkarte. Im ersten Pavillonbogen war der Würstelstand, und das wären dann schon alle Speisemöglichkeiten gewesen. Gemüsestände gab es, Bäcker und Fleischhauer. Die hatten sogar noch Schweinefleisch im Angebot! Mit dem Abgang der Firma Radatz vor ein paar Jahren war es dann für einige Zeit aus mit Produkten vom Borstenvieh, bis der rührige Gemüsehändler Himmelbach, einer der letzten Indigenen am Markt, mit einer kleinen „Fleischboutique“ diesen Mangel zu beheben suchte. Der obere und untere Teil des Naschmarktes waren sozial streng getrennt, und meine Mutter hätte niemals westlich der Schleifmühlgasse eingekauft. Dort waren nämlich „die ganz armen Leute“, und ich erinnere mich noch, als Kind die „Mistkübelstirler“ gesehen zu haben, die ihr Elend durch teilweise noch verwendbares faulendes Obst zu lindern suchten. Das hat mich damals als Bub sehr schockiert, denn solche Not sah man in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts sonst nirgendwo in Wien, aber hier am äußeren Teil des Naschmarkts gab es noch wirkliche Armut.</p>



<p>Heute ist der Naschmarkt <em>chic</em>. Auf der Seite der linken Wienzeile reihen sich angesagte Speiselokale, vom „Umar“, dem besten Fischrestaurant Wiens, über diverse asiatische und levantinische Gaststätten bis hin eben zur „Eisernen Zeit“, die wohl noch traditionelle österreichische Küche, nun freilich aber auf höherem Niveau bietet. Vom Italiener ist abzuraten, woselbst man eine groteske Fehlinterpretation der mediterranen Küche vorgesetzt bekommt. Der Wirt kennt Italien möglicherweise nur von flüchtigen Urlaubsreisen, den er stammt wohl wie viele der Markthändler aus dem Nahen oder Mittleren Osten. Dies führt bei den „Standeln“ zu einer gewissen Gleichförmigkeit des Angebotes, da dicht an dicht immer die gleichen Oliven, Trockenfrüchte und Nüsse angeboten werden. Echte Gemüsehändler gibt es nur noch wenige, dafür mehrere Halal-Fleischhauer und einen herausragenden irakischen Gewürzhändler. Drei exquisite Käseläden können es mit jedem derartigen in Paris aufnehmen, und bei „Gegenbauer“ kann man seit hundert Jahren die ausgefallensten Essigsorten erwerben. Sogar vom Spargel gibt es da Essig, der sich für die Frühlingshollandaise gar trefflich eignet.</p>



<p>Tag für Tag, besonders aber am Samstag, schieben sich die Touristenmassen durch den Markt, der im <em>Let´s go Europe</em>, dem schlichten Reisemanual für ebenso schlichte Reisende als „Top-2“- Sehenswürdigkeit von Wien nach Schloß Schönbrunn verzeichnet ist. Die Markthändler freut das wenig, denn die Touristen sind keine Käufer. Gerade einmal die Gastronomie hat von ihnen einen Nutzen – die erstürbe aber, gäbe es den echten Markt nicht mehr.</p>



<p>Einst waren in der heutigen Gastronomiezeile auch Blumenläden, von denen es keinen einzigen mehr gibt, und die ganze Ecke duftete wie eine Blumenwiese im Frühling. Gegenüber nämlich steht seit 1801 das Theater an der Wien, das Emanuel Schikaneder gemeinsam mit seinem Logenbruder Bartholomäus Zitterbarth von Freihaus hierher verlegt hat. Es war der Brauch, daß der Herr seiner Angebeteten – damals noch stets vom anderen Geschlecht – nach dem Theaterbesuch ein buntes Blumensträußerl verehrte. Heute trinken sie hinterher ein Glas Sekt, womit sich die dortigen Bars erklären.</p>



<p>Das Theater an der Wien hat gewiß noch immer den schönsten Zuseherraum der Reichs-, Haupt- und Residenzstadt. Als 1902 Fellner &amp; Helmer im vorderen Teil des Theaters ein Mietshaus errichteten, blendeten sie diesem ein prachtvolles Foyer vor, das nach dem letzten Kriege ohne Not von ignoranten Zeitgeistfreunden abgebrochen wurde. Immerhin blieb der historische Teil des Theaters unberührt, und in der Millöckergasse kann man noch das Papagenotor bewundern. Der dort dargestellte Vogelhändler ist freilich nicht jener der <em>Zauberflöte</em>, die der Herr Schikaneder um die Ecke im Freihaustheater uraufführen ließ, sondern jener aus der heute weitgehend unbekannten Oper <em>Das Labyrinth</em> eines Herrn von Winter, mit der der Direktor vergeblich an Mozarts Kassenschlager anzuschließen versuchte. <em>Fidelio </em>wurde hier 1805 uraufgeführt sowie Beethovens Violinkonzert, und der sozial unverträgliche Komponist logierte auch von 1803 bis 1804 in einer Wohnung im Theater, damit man ihn besser zur Arbeit anhalten konnte. Mit dem <em>Fidelio</em> hatte das Ensemble der ausgebombten Staatsoper auf seiner&nbsp; Ausweichbühne hier am 6. Oktober 1945 auch seinen ersten Auftritt nach dem Krieg.</p>



<p>Jeden Samstag pulsiert im unteren Teil des Naschmarkts das echte Marktleben, wenn die Bauern des Wiener Umlandes hier ihre Produkte feilbieten. Die sozialistische Stadtverwaltung möchte diesen Bauernmarkt nun gleichsam einhausen, und allerlei kostspielige Projekte werden ventiliert. Doch es gilt auch hier, was Josef Weinheber der NS-Schriftkammer zur Förderung der hiesigen Literatur empfahl: „In Ruh’ lassen“!<br><br><em>Pilgertagebuch auf</em><br>https://bachheimer.com/der-partisan-der-schoenheit-auf-pilgerreise-2025</p>
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		<title>Die Deutsche Kolonie im Heiligen Land</title>
		<link>https://dereckart.at/die-deutsche-kolonieim-heiligen-land/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[artikel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Dec 2023 18:05:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Daniel Führing Ein Pilger im Heiligen Land wird in Jerusalem die Präsenz zweier großer deutscher Kirchen wahrnehmen. Die größere evangelische Erlöserkirche mit einer Propstei unweit der Grabeskirche in der historischen Altstadt und ein wenig außerhalb der Stadtmauern, neben dem armenischen Teil der Altstadt auf dem Zionsberg, das katholische Kloster der Dormitio-Abtei. Beide Kirchen wurden [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Daniel Führing</em></p>



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<p>Ein Pilger im Heiligen Land wird in Jerusalem die Präsenz zweier großer deutscher Kirchen wahrnehmen. Die größere evangelische Erlöserkirche mit einer Propstei unweit der Grabeskirche in der historischen Altstadt und ein wenig außerhalb der Stadtmauern, neben dem armenischen Teil der Altstadt auf dem Zionsberg, das katholische Kloster der Dormitio-Abtei. Beide Kirchen wurden auf Veranlassung von Kaiser Wilhelm II. nach dessen „Orientfahrt“ 1889 errichtet.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kaiser Franz Joseph, der „König von Jerusalem“</h3>



<p></p>



<p>Neben diesen Kirchen gibt es noch weitere markante Bauwerke deutscher Architektur und Geschichte in Jerusalem: so etwa die Pilgerhäuser des katholischen Paulushauses des Vereins vom Heiligen Land beim Damaskustor und unweit davon im muslimischen Viertel der historischen Altstadt das österreichische Hospiz. Dort kann man einen Apfelstrudel verkosten und Kaiser Franz Joseph, der auch den Titel „König von Jerusalem“ trug, in Kreuzritterpose auf einem Gemälde in der Kapelle sehen. Auch der Wasserturm mit der Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg, neben dem u.a. das evangelische Krankenhaus steht, ragt auf den Hügeln Jerusalems imposant empor.<br>Wer sich in Jerusalem auf Wanderschaft Richtung Bethlehem begibt, wird mit Erstaunen mehrere deutsche Inschriften auf einigen schönen Villen im sogenannten ottomanischen Bauhausstil entdecken. Bei genauerer Orientierung wird deutlich, daß man sich in einem Stadtteil befindet, der auf Neuhebräisch HaMoshava HaGermanit heißt, zu Deutsch: Deutsche Kolonie. Die Deutsche Kolonie ist ein seit dem 19. Jh. bis heute bestehender südöstlich der historischen Altstadt gelegener Stadtteil Jerusalems.<br>Er wurde im 19. Jh.von einer protestantischen Splittergruppe, der Templergesellschaft, begründet. Diese christlichen Siedler, die nicht auf die Tempelritter zurückgehen, erwarteten das nahende Ende der Zeit und wollten einen geistigen Tempel im Heiligen Land errichten. In Anlehnung an neutestamentarische Bibelstellen sollte zum Ausdruck gebracht werden, daß sie sich selbst und ihre Gemeinschaft, wie die Gründungsurkunde vermerkt, durch „Beachtung des Gesetzes, des Evangeliums und der Weissagung“ als „lebendige Bausteine“ eines Gotteshauses verstanden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Deutsche Siedler: vom Wirtschaftsfaktor ins Internierungslager</h3>



<p></p>



<p>Als das Heilige Land unter osmanischer Herrschaft stand, gründete die Templergesellschaft mehrere Siedlungen im damaligen Palästina, etwa im später hauptsächlich von deutschen Juden besiedelten Haifa, bei Bethlehem die Siedlung Waldheim, die Kolonie Wilhelma bei Jaffa sowie auch Sorona, einen heutigen Stadtteil Tel Avivs. In Sorona befindet sich heute noch der zweite Amtssitz des israelischen Regierungschefs in einem der zahlreichen ehemaligen Templerhäuser. Es waren übrigens jene Siedler, die in dieser Gegend des heutigen Tel Avivs Eukalyptusbäume pflanzten sowie die Sümpfe der Umgebung trockenlegten und damit überhaupt erst bewohnbar machten. Auch stellten die Templer einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in den Siedlungsgebieten im damaligen Palästina im Bereich der Landwirtschaft, des Weinbaus und des Transportwesens dar – gründeten sie doch unter anderem den ersten Kutschendienst zwischen Haifa und Akkon.</p>



<p>Alle genannten Bauwerke sind steinerne Zeugen einer deutschen Missions- und Siedlungsgeschichte, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1871-1914 hatte. Das Selbstverständnis dieser Siedler brachte der damalige Architekt, Archäologe und Missionar Conrad Schick wie folgt zum Ausdruck: „Wer einigermaßen die Dinge kennt (…), wie diesem Lande wieder aufzuhelfen sein möchte, kommt bald dem Schlusse nahe, daß dies nur durch die Cultur, die das Chri­stentum mit sich bringt, geschehen kann.“ Nach Kriegsbeginn 1939 wandelte die britische Mandatsregierung die vier landwirtschaftlichen Kolonien der Templergesellschaft in Internierungslager für die im Lande verbliebene deutsche Bevölkerung um. 1950 forderten die israelischen Behörden die letzten noch in Palästina verbliebenen Templer zum Verlassen des Landes auf. Am 13. April 1950 verließ der letzte Tempelvorsteher Jerusalem Richtung Australien. 80 Jahre Wirken dieser Templer waren damit zu Ende. Die Erinnerung an diese Zeit halten Inschriften wach wie „Wünschet Jerusalem Glück! Es möge wohlgehen denen, die Dich lieben.“ Die Gottes- und Pilgerhäuser in Jerusalem haben ihren Betrieb nie eingestellt und markieren bis heute eine deutsche Präsenz im Heiligen Land. </p>
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		<title>Stille Nacht!</title>
		<link>https://dereckart.at/stille-nacht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[artikel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Dec 2023 11:24:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
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					<description><![CDATA[von Ronald Schwarzer, Impresario, Waldgänger &#38; Partisan der Schönheit Die Überlandpartie D ie zu dieser Stunde für gewöhnlich bereits leicht angetrunkene Festgemeinde schart sich um den Lichterbaum, dessen Kerzen einzig für diesen Moment entzündet werden, sofern nicht überhaupt eine elek­trische Lichterkette zum Einsatz kommt. Nun versuchen sie, DAS LIED zu singen. Durch die erste Strophe [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Ronald Schwarzer, Impresario, Waldgänger &amp; Partisan der Schönheit</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Überlandpartie</h2>



<p></p>



<p>D ie zu dieser Stunde für gewöhnlich bereits leicht angetrunkene Festgemeinde schart sich um den Lichterbaum, dessen Kerzen einzig für diesen Moment entzündet werden, sofern nicht überhaupt eine elek­trische Lichterkette zum Einsatz kommt. Nun versuchen sie, DAS LIED zu singen. Durch die erste Strophe stolpert man noch weitgehend textsicher, in der zweiten Strophe werden so viele unterschiedliche Texte gegeneinander gesungen, daß man schließlich aufgibt und sich dem Aufreißen von Geschenkverpackungen hingibt. Das ist in weiten Kreisen des Vaterlandes das einzige, das von der Feier der Heiligen Nacht, der Ankunft des Christkinds, geblieben ist. Besagtes ereignet sich freilich nur, wenn der exotische Migrationshintergrund der Landsleute nicht allzu dominant ist.<br>Stille Nacht ist eines der bekanntesten Lieder überhaupt und existiert in mehr als 350 Übersetzungen. Vielerlei Legenden ranken sich um seine Entstehung, und bis zur Mitte des 19. Jh. galt es als traditionelles Tiroler Volkslied. Der Zufall wollte es, daß es das Lieblingslied des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. war und ihm von der preußischen Hofkapelle immer wieder zu Gehör gebracht wurde. Eben diese preußische Hofkapelle bemühte sich nun im Auftrag des Königs, den Ursprung dieses Liedes herauszufinden. Über Umwege stieß man dann auf den Komponisten Franz Xaver Gruber, der daraufhin die Authentische Veranlassung zur Composition des Weihnachtsliedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ handschriftlich verfaßte. Der Textdichter, Pfarrer Josef Franz Mohr, war zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechs Jahren tot.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Alles begann im Salzburger Armenhaus.</h3>



<p></p>



<p>Mit diesem freilich hat alles begonnen. In der Steingasse in Salzburg, im Armenhaus, wurde Mohr als drittes uneheliches Kind der armen Strumpfstrickerin Anna Schoiber geboren. Einzig der Henker von Salzburg, Franz Josef Wohlmuth, fand sich bereit, die Kosten für die Taufe zu übernehmen. Aber der Knabe zeigte Begabung. Dies fiel dem Salzburger Domvikar Johann Nepomuk Hiernle auf, und ob dessen musikalischen Talentes brachte er Josef Franz in den Knabenchor von St. Peter. Dort lernte der Kleine auch Gitarre und Violine. Sein wacher Geist ermöglichte ihm später mit einem Stipendium der Kirche den Eintritt in das Stiftsgymnasium Kremsmünster und anschließend das Theologiestudium, die Weihe erhielt er am 21. August 1815.<br>Sogleich sollte er seine erste Stelle als Hilfspfarrer antreten, und man sandte ihn nach Maria Pfarr im Lungau, woher sein leiblicher Vater stammte und wo er erstmals seinen sechsundachzigjährigen Großvater kennenlernte, den Bader der Ortschaft. Und da hatte Josef Franz Mohr ihn zum ersten Mal bewußt vor Augen, den „holden Knaben im lockigen Haar“, und er brachte ein schlichtes Gedicht in neun Strophen zu Papier. Zwei Jahre später versetzte ihn der Erzbischof nach Oberndorf im Flachgau. Mit dem dortigen Dorfschullehrer, Hilfsorganisten und Gelegenheitskomponisten Franz Xaver Gruber verstand er sich gleich, und für die Krippenfeier der Heiligen Nacht 1818 bat er diesen, sein bescheidenes Gedicht in Töne zu setzen. Die ebenso schlichte Melodie im 6/8-Takt als Hirtenmusik in herzerwärmender D-Dur ging diesem leicht von der Hand.</p>



<p>Pfarrer Mohr spielte die Gitarre und sang die Tenorstimme, Lehrer Gruber den Bariton. Die Orgel der Schifferkirche in Oberndorf war nämlich in erbärmlichem Zustand. So rief man auch bald den Zillertaler Orgelbauer Karl Mauracher. Der fuhr vielleicht mit dem reichsten Lohn, den je ein Orgelmacher für seine Dienste erhalten hat, zurück nach Fügen, nämlich mit dem Lied Stille Nacht, Heilige Nacht. Schon im folgenden Jahr wurde es dort nach der Christmette gesungen. 1822 sangen im Kaiserzimmer von Schloß Fügen die Geschwister Rainer das Lied vor dem österreichischen Kaiser und dem russischen Zaren.<br>Gerade die Schlichtheit und das fromme Herz des Stückes berührt den Rest an Frömmigkeit in allen Herzen. In der Kriegsweihnacht 1914 sangen es deutsche und britische Soldaten über die Frontlinien hinweg, und selbst Roosevelt und Churchill versuchten sich in Washington gemeinsam daran. Bing Crosby schmierte das Lied mit Schmalz zu und erreichte mit 30 Millionen verkauften Schallplatten den größten Erfolg seiner Karriere. Seine Version ist es auch, die heute durch Rundfunkkanäle und Kaufhaustempel wabert. Die Kirche in Oberndorf, wo das Lied erstmals erklang, existiert schon lange nicht mehr. Die Krippe aber von der ersten Stillen Nacht – die gibt es noch in Ried in Innkreis. In unseren Herzen steht sie freilich immer – wenn wir der Heiligen Familie die Türe öffnen! </p>
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		<title>Prag, ein ominöses Fenster und ein besonderes Jesulein</title>
		<link>https://dereckart.at/prag-ein-ominoeses-fenster-und-ein-besonderes-jesulein/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 13 Jun 2023 22:01:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
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					<description><![CDATA[von Ronald Schwarzer, Impresario, Waldgänger &#38; Partisan der Schönheit Die Überlandpartie Vor vielen Jahren wollte ich im Laden des Strahov-Klosters ein paar Postkarten kaufen und wandte mich auf Deutsch an die ältere, sehr distinguierte Dame hinter dem Verkaufspult. Sie antwortete mir in lupenreinem Deutsch: „Bitte sprechen Sie Englisch, ich kann nicht Deutsch!“ Dies hat sich [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Ronald Schwarzer, Impresario, Waldgänger &amp; Partisan der Schönheit</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Die Überlandpartie</h2>



<p></p>



<p>Vor vielen Jahren wollte ich im Laden des Strahov-Klosters ein paar Postkarten kaufen und wandte mich auf Deutsch an die ältere, sehr distinguierte Dame hinter dem Verkaufspult. Sie antwortete mir in lupenreinem Deutsch: „Bitte sprechen Sie Englisch, ich kann nicht Deutsch!“ Dies hat sich nun geändert, denn jetzt können sie es in Prag wirklich nicht mehr und böhmakeln nun auf Englisch gerade so wie einst auf Deutsch. Ja, sie können die Hauptsprache des<br>einstigen großen Vaterlandes wirklich nicht mehr, und Österreich hat es nach der Wende sträflich verabsäumt, zum Beispiel durch ein „Grillparzer-Institut“ die Muttersprache unseres größten Dichters in böhmischen Landen nicht ganz vergessen zu machen. Überhaupt sind die Verbindungen zum alten Österreich abgeschnitten, obwohl – oder vielleicht gerade –, weil jeder Wiener eine böhmische Großmutter hat. Während man in Ungarn, Oberitalien oder Kroatien von milder Habsburgnostalgie umweht wird, pfeift einem in der einst deutschen Stadt Prag der scharfe Wind geldgeilen Massentourismus’ um die Ohren, angefacht von Angelsachsen jeder Sorte. Denn Österreicher besuchen die wahrscheinlich schönste Stadt nördlich der Alpen recht selten. Uns zieht es heute an die Strände der Adria oder die Partymeile von Budapest. So ist die einst lange gemeinsame Geschichte heute so vorbei, daß einem Deutsch-Österreicher nicht einmal das Ressentiment der Tschechen entgegenschlägt. Wohl regt sich in der böhmisch-mährischen Provinz gelegentlich das zarte Pflänzchen Hoffnung, und mancherorts werden Kaiser-Franz-Josef-Büsten enthüllt, wo nie welche waren. Das goldene Prag aber ist für das k.u.k-Gedenken noch immer Wüstenei.<br>Gerade weil hier über sieben Jahrhunderte Deutsche und Tschechen dicht an dicht miteinander lebten, haben die Umwälzungen des vergangenen Jahrhunderts im Taumel der neuen Mode des Nationalismus’ tiefe Gräben hinterlassen. Dabei erwuchsen viele feindselige Emotionen einem fundamentalen Mißverständnis, das sich ergibt, wenn man die Folie nationalen Denkens des 19. Jahrhunderts auf das Ancien Régime legt.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img loading="lazy" decoding="async" width="644" height="899" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/06/28-Wikimedia-Commons-jpg.webp" alt="" class="wp-image-10113" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/06/28-Wikimedia-Commons-jpg.webp 644w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/06/28-Wikimedia-Commons-215x300.webp 215w" sizes="(max-width: 644px) 100vw, 644px" /><figcaption class="wp-element-caption">Wikimedia Commons</figcaption></figure>



<p>Da liest man dann vom tschechisch inspirierten Aufstand der böhmischen protestantischen Stände gegen das Regime des deutschen katholischen Königs beim Prager Fen-stersturz 1618 und übersieht, daß die defenestrierten königlichen Stadthalter, die Grafen Slavata und Martinic, tschechischer Zunge waren. Ihr Sekretär Fabricius, der ihnen hinterhergeworfen wurde, war freilich Deutscher und Enkelsohn des prote-stantischen Dichters Georg Fabricius. Der kaiserliche Sekretär erhielt nach diesem unangenehmen Erlebnis aus mildtätiger Huld des Kaisers das neue Adelsprädikat „von Hohenfall“. Die „tschechischen“ Rebellen wiederum kommandierte der deutsche Graf Heinrich Matthias von Thurn. Das Terrorkommando stürmte die Ratsstube in eindeutiger Tötungsabsicht, da der freie Fall aus gut 15 Metern Höhe wohl kaum zu überleben wäre. Allein die drei Herren überstanden den Sturz relativ unbeschadet, was bis heute rätselhaft bleibt. Erst meinten protestantische Propagandisten den Umstand einem Misthaufen vor dem Fenster zuzuschreiben, der den Fall linderte. Noch heute freilich kann sich jeder davon überzeugen, daß die Hochverwaltung sich wohl kaum einen Misthaufen mit all den olfaktorischen Implikationen just vor dem Fenster gefallen ließe, noch dazu, da ein derartiger Misthaufen, um von so großer Höhe Stürzende im warmen Dung aufzunehmen, von beträchtlicher Höhe hätte gewesen sein müssen. So wird diese Theorie heute verworfen. Nun führt man ins Treffen, daß die Herren gemäß der Mode der Zeit in sehr weite wallende Mäntel gehüllt waren, die nun gleich einem Fallschirm den Sturz abfingen. Ich möchte niemandem raten, diese Möglichkeit im Selbstversuch zu ergründen; dieser Ansatz ist zudem schon deswegen Unsinn, weil gewiß niemand an einem 23. Mai im weiten Fallschirmmantel in seinem Bureau sitzt.</p>



<p>Graf Slavata hat in seinen Erinnerungen von jenem denkwürdigen Ereignis Zeugnis gegeben: Kollege Martinic kam unbeschadet am Boden auf, während er selbst sich den Kopf an einem vorkragenden Gesims stieß und dann doch etwas beschädigt aufschlug. Graf Slavata bekennt, daß sie unter dem beständigen Stoßgebet „Jesus, Maria“ den Schutz Gottes gefühlt und sich gleichsam vom Mantel der Jungfrau Maria in den Lüften gehalten gewußt hätten. Selbst einer der Aufrührer, der Ritter Ulrich Kinsky, der ihnen hohnvoll „Wir wollen sehen, ob ihm seine Maria helfen wird“ nachgerufen hatte, bekehrte sich, als er sie gesund auf der Erde sitzen sah und rief aus: „Ich schwöre zu Gott, daß ihm seine Maria geholfen hat!“</p>



<p>Alle drei jedenfalls vermochten vor den Kugeln der ihnen nachfeuernden Mordbuben in das Palais Lobkowicz zu flüchten. Dort empfing sie Fürstin Polyxena aus dem mährisch-böhmischen Geschlechte der Herren von Pernstein. Ihre Mutter war die einstige Hofdame der Kaiserin Maria, der ältesten Tochter von Kaiser Karl V. und Gemahlin von Kaiser Maximilian II. Jene María Maximiliana Manrique de Lara y Briceño hatte ihren Gemahl Vratislav von Pernstein gelegentlich der Hochzeit König Philipps II. mit Maria Tudor von England kennengelernt. Als Hochzeitsgeschenk nahm sie eine 47 cm hohe Wachsfigur des Jesuleins mit, die einst im Besitz der Heiligen Teresa von Ávila gewesen sein soll.</p>



<p>Eben diese spanische Figur ehrt heute die katholische Welt als das „Prager Jesulein“, das dieselbe Polyxena Lobkowicz, die den kaiserlichen Räten Zuflucht gewährt hatte, dem Kloster der Karmeliten auf der Prager Kleinseite übergab. Sehr bald schon verbreitete sich die allgemeine Verehrung des Gnadenbildes, in dem sich unser Herr Jesus Christus in der Unschuld des Kindes zeigt, und sehr bald wurden ihm viele Gebetserhörungen und Wunder zugeschrieben. Besonders die kaiserliche Familie pilgerte regelmäßig zum Prager Jesulein, und Kaiserin Maria Theresia schnitt aus ihrem Krönungsmantel den Stoff für ein Kleid des Prager Kindls, daß sie eigenhändig bestickte. An die 200 solcher Roben hat das Kindl heute, und im angeschlossenen Museum kann man diese bewundern. Seit einiger Zeit soll es in seinem roten Königsmantel in Sievernich nahe Aachen erscheinen und zu Buße und Bekehrung aufrufen.</p>



<p>Die Kirche des Karmelitenklosters ist Maria vom Siege geweiht, deren Fest am 8. November wiederum den Triumph der Himmelskönigin bei der Schlacht am Weißen Berg, gegen das Ketzerheer feiert. Die Kirche bewahrt auch die Kopie eines kleinen mittelalterlichen Bildes der Mutter Gottes, dessen Original sich heute in Santa Maria della Vittoria in Rom befindet. Einst war dieses in der Kirche des südböhmischen Städtchens Strakonitz, das sonst nur als Hauptproduktionsstätte der orientalischen Kopfbedek-kung, des Fes’, für das gesamte ottomanische Reich von Bedeutung war. Doch als die Reformierten in Böhmen wüteten, bemächtigten sie sich des kleinen Marienbildes und tobten ihre Wut gegen die Gottesmutter aus, indem sie dem Antlitz die Augen ausstachen. Das so geschändete Bild gelangte in die Hand des Ordensgenerals der Karmeliten Dominicus a Jesu Maria, dessen Portrait uns Peter Paul Rubens überliefert hat. Als machtvoller Prediger zog der große Gegenreformator mit den Truppen der katholischen Liga am 8. November 1620 in die Schlacht am Weißen Berg und in brennender Rede stachelte er die Kampfwut der Katholiken an und zeigte ihnen das schmählich verstümmelte Heiligenbild.</p>



<p>Mit so großer Aufwallung der Gefühle im Glaubenskampf ist es heute auch vorbei, nicht aber mit der Strahlkraft jener kleinen Wachsfigur, die als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches angesehen wurde. Mit einem Freund kniete ich kürzlich vor seinem Altar, und wir beteten zusammen den Rosenkranz vom Prager Kindl auf Latein. Als wir die Kirche verließen, sprach uns ein kerniger US-Amerikaner an, dieweilen auch er Latein als Sprache des Gebetes vorzieht. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er die USA verlassen, um zu den heiligen Stätten nach Rom zu pilgern und extra nur für einen Tag nach Prag zu kommen, um dem Prager Jesulein seine Verehrung zu erweisen.<br>Bis Kansas reicht sein Ruf! </p>
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