<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kultur &#8211; Der Eckart</title>
	<atom:link href="https://dereckart.at/category/kultur/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://dereckart.at</link>
	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
	<lastBuildDate>Fri, 25 Sep 2026 15:47:43 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9.9</generator>

<image>
	<url>https://dereckart.at/wp-content/uploads/2021/11/cropped-favicon-32x32.png</url>
	<title>Kultur &#8211; Der Eckart</title>
	<link>https://dereckart.at</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Buch des Monats</title>
		<link>https://dereckart.at/buch-des-monats-4/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 25 Sep 2026 15:47:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12333</guid>

					<description><![CDATA[Martin HobekDer Humor stirbt zu allerletztEckartschrift Selten wird am Beginn eines Buches der Autor hingerichtet – was sich als durchaus diskussionswürdig für den heutigen Literaturbetrieb erweist. Die Exekutionsszenerie ist der Botschaft Hobeks geschuldet, daß „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ nicht zutreffe und der Humor – wenn überhaupt –, dann auf jeden Fall nach der Hoffnung sterbe. [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Martin Hobek</strong><br><strong><em>Der Humor stirbt zu allerletzt</em></strong><br>Eckartschrift</p>



<p>Selten wird am Beginn eines Buches der Autor hingerichtet – was sich als durchaus diskussionswürdig für den heutigen Literaturbetrieb erweist. Die Exekutionsszenerie ist der Botschaft Hobeks geschuldet, daß „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ nicht zutreffe und der Humor – wenn überhaupt –, dann auf jeden Fall nach der Hoffnung sterbe. Auch das Titelbild lehnt sich daran an. Man sieht die drei Grabsteine des Hütchenspielers Tino, und hinter jedem steht ein großer Humorist deutscher Zunge, prostet dem Betrachter zu und hält einen Hund in seiner Linken: Loriot mit Sektflöte und Mops („Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“), der mittelalterliche norddeutsche Volksschalk Till Eulenspiegel mit Bierhumpen und jenem Vierbeiner, der einem seiner Scherze zum Opfer fiel, sowie der Wiener Karl Farkas mit Weinglas und dem „Simpl“-Symbol, einem Pitbull namens Bulli. Auf den zweiten Blick hat also alles Hand und Fuß.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Weder kommentarlose Witzesammlung noch trockenes wissenschaftliches Elaborat</h3>



<p></p>



<p>Das zieht sich durch die ganze Eckartschrift, die weder eine kommentarlose Witzesammlung noch ein trockenes wissenschaftliches Elaborat ist. Hobek behandelt unterschiedlichste Aspekte; er stellt die Gelotologie vor, die die Auswirkungen des Lachens auf den Menschen untersucht, geht aber auch der Frage nach, wie sehr Deutschtum und Humor zueinander passen würden. Er läßt prominente selbstkritische Stimmen zu Wort kommen, um letztlich nachzuweisen, daß es auch nördlich des Weißwurstäquators, östlich von Oder und Neiße sowie zwischen Bodensee und Genfer See Humor gibt und gab. Eine Stärke dieser Humorschrift ist das Zeitgemäße, das sie in Antiquariaten künftiger Generationen zur Fundgrube machen könnte. Da sind einerseits die Migrantenwitze, aber auch, wenn Hobek einarbeitet, was die Künstliche Intelligenz beim Googeln des Begriffes „Antek-und-Franzek-Witze“ aus Oberschlesien beisteuert: Sie leugnet deren Existenz vehement&#8230;</p>



<p>Der Verfasser geht auch der Frage nach, mit welchen Witzen man im Dritten Reich buchstäblich seinen Kopf riskiert habe und wie wahrscheinlich das gewesen sei. Die Nationalsozialisten sorgten auch für die eigentümliche Sparte des „lachenden Frontsoldaten“. Hobek zieht bei solchen Themen eine breite Palette von Fachliteratur heran, ohne sich zu sehr in ihr zu verlieren. Er scheut sich auch nicht, ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Für einen „Schnellsiedekurs“ zu jüdischem Humor zieht er Friedrich Torberg heran, aber keines seiner Bücher, sondern dessen vernichtende Rezension zu Salcia Landmanns Buch über jüdische Witze, das als Standardwerk gilt. Generell darf der Leser in Sachen Neuigkeitswert hohe Erwartungen haben. Das liegt daran, daß sich Hobek nicht nur kaum bekannter Literatur bedient, sondern auch für Eigenkreationen sorgt. Im Kapitel über die Kraft des gereimten Humors „schüttelt“ er die bayrische Stadt Rosenheim und läßt die „Hosenreim-Cops“ einen Fall in Gedichtform lösen. Für Freunde der meistgesehenen Fernsehserie im deutschen Sprachraum ist dieser Cartoon ein Leckerbissen zwischendurch.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;</p>



<p>Ansonsten sorgt Heinrich Zille für einige Illustrationen, auch außerhalb des Kapitels zu ihm, das man sich länger gewünscht hätte. Wie der Autor richtigerweise anmerkt verlangt der visuelle Sinn nicht nur nach Geschriebenem. Das „Gezeichnete Berlin“ entführt den Betrachter voller Esprit in die Zeit des wilhelminischen Deutschlands. Historische Reminiszenzen gibt es auch für Friederike Kempner, die durch ihre lyrischen Stilblüten zur Legende wurde. Man findet sie im Kapitel über unfreiwilligen Humor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Humor ist unsterblich, Witze sind vergänglich.</h3>



<p></p>



<p>Eine besonders interessante Facette stellt die Tatsache dar, daß der Humor zwar unsterblich ist, jedoch Witze – auch gute Witze – durchaus vergänglich sein können. Bei den untergehenden Witzesparten hätte man hinsichtlich eines Deutschtumbezuges zwar eher die DDR-Witze erwartet und nicht „Radio Eriwan“, aber Hobek gibt auch abseits davon ein konkretes Beispiel für einen Witz, den in wenigen Jahrzehnten keiner mehr erzählen wird und den auch niemand mehr verstehen würde. Er ersucht daher die Leserschaft bei Kenntnis solcher vom Vergessen bedrohter Witze um Zuschriften. Und er spricht sogar jene an, die Deutschbewußten mit Antipathie gegenüberstehen, und schickt ihnen in Form einer Zeichnung einen „Gruß aus der Küche“ – die perfekte Pointe zum Schluß, die hier natürlich nicht verraten wird.</p>



<p><em>Gerulf Grüner</em></p>



<p>Hier bestellen: <a href="https://marktplatz.oelm.at/produkt/eckartschrift-265-martin-hobek-der-humor-stirbt-zu-allerletzt/">https://marktplatz.oelm.at/produkt/eckartschrift-265-martin-hobek-der-humor-stirbt-zu-allerletzt/</a></p>



<p></p>



<p></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Berchtesgaden</title>
		<link>https://dereckart.at/berchtesgaden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Sep 2026 06:59:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12312</guid>

					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Land zwischen Bayern und Österreich Wenn am Pfingstsonntagmorgen um vier Uhr früh die Böllerschüsse der Berchtesgadener Weihnachtsschützen die Bürgersleut’ höchst unsanft wecken, weiß kaum einer, warum. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war das noch anders. Man erhob sich, ging ums Haus und betete dann [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Land zwischen Bayern und Österreich</h2>



<p>Wenn am Pfingstsonntagmorgen um vier Uhr früh die Böllerschüsse der Berchtesgadener Weihnachtsschützen die Bürgersleut’ höchst unsanft wecken, weiß kaum einer, warum. In den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war das noch anders. Man erhob sich, ging ums Haus und betete dann kniend sieben Vaterunser um die Gaben des Heiligen Geistes. Den braucht’s heute nicht mehr, haben wir nun doch den Geist des Konziles, und der Brauch ist abgekommen. &nbsp;Sein Ursprung war schon lange in Vergessenheit geraten. Als nämlich einst noch ein Fürstpropst Berchtesgaden regierte, durften seine Untertanen am Pfingstsonntag das päpstliche Privileg eines vollkommenen Ablasses zum Pfingstfest genießen, gespendet mit dem Segen des Souveränes höchstselbst, nach dem Chorgebet der Matutin, und die war eben um vier Uhr früh zu Ende.</p>



<p>Seit dem 12. Jh. war die Landschaft zwischen Untersberg, Watzmann und den Loferer Steinbergen unter geistlicher Herrschaft. 1156 hatte der Propst des Kollegialstiftes Berchtesgaden die Forsthoheit erlangt, die mit dem Schürf- und Salzrecht verbunden war, dem weißen Gold der Alpen. Ab 1380 Reichsprälatur erhob sie Kaiser Ferdinand I. 1559 zur Fürstpropstei mit einer Virilstimme auf der Prälatenbank im Reichstag – und das war viel!</p>



<p>Neben Berchtesgaden gab es bloß zwei Fürstpropsteien im Reich, Ellwangen und Weißenburg, die waren aber dem nächsten Bistum inkorporiert, während der Fürstpropst von Berchtesgaden seine rund 10.000 Untertanen vor Ort und unabhängig regierte. Nur 132 Jahre lang geriet die Fürstpropstei unter die Fuchtel der Wittelsbacher von Kurköln, um den Begehrlichkeiten des fürsterzbischöflichen Salzburger Nachbarn zu entgehen. 1723 hat es den Chorherren dann gereicht, und Julius Heinrich von Rehlingen-Radau machte sich als neuer Fürstpropst frei vom bayerischen Einfluß. Man folge nun dem Heiligen Geist und nicht mehr dem Geist des bayerischen Hofes, ließ er verlauten. Tatsächlich setzte sogleich – gewiß mit gewaltiger Verspätung – das segensreiche Wirken der Gegenreformation ein. Kirchliche Zucht und Ordnung werden im Stift wie in der Landschaft wiederhergestellt, drei neue Wallfahrtskirchen werden gebaut, und die vielleicht schönste von ihnen, Maria Himmelfahrt oberhalb von Ramsau, feiert in ihrem Deckenfresko von Innozenz Anton Warathy den Auszug der Protestanten. „Auf Fürbitte der unbefleckten Jungfrau und Mutter ist der verderbende Irrglaube hier von dieser Kirche ausgetrieben worden“, steht in lateinischer Schrift auf einer Kartusche darunter zu lesen. 1732, ein Jahr nach Salzburg, hatte der Fürstpropst das „Emigrationspatent“ erlassen und rund 1.100 Lutherische verabschiedet. Planmäßig hätten sie nach Ungarn gehen sollen, jedenfalls nicht nach Nürnberg, letzteres hatten sie auch formell zu beschwören.</p>



<p>Eidbrechern verdankt Nürnberg also den Aufschwung seiner Spielwarenindustrie! Denn neben dem Salzbergbau, der Holz- und Viehwirtschaft und dem ob des Klimas und der Topographie kargen Feldbau waren es vor allem die Kunsthandwerker, deren liebliche Holzprodukte bis weit hinaus ins Reich verkauft wurden. Zeitweilig lebte jeder vierte Berchtesgadener vom Schnitzen, Leimen und Färbeln. 150 Meister nebst Gesellen und Lehrlingen waren in verschiedene Zünfte aufgeteilt. Da gab es die Kleinschachtelmacher für Pillen- und Gewürzbehälter, Gadlmacher für Butterdosen, Großschachtelmacher für Hutschachteln, Filigrandrechsler, Flötenmacher und natürlich Herrgottsschnitzer, die neben Andachtsfiguren auch allerlei Spielsachen herstellten, und die fanden seit je in Nürnberg reißenden Absatz. Was auf der „Kraxen“ über die Berge ins Reich getragen wurde, war zollfrei, und die Berchtesgadener Hausierer zogen bis weit nach Preußen und Ungarn.</p>



<p>Der berühmteste von ihnen war wohl Anton Adner. Mit 113 Jahren marschierte er noch nach München, um sich als „Apostel“ vom bayerischen König bei der Gründonnerstagszeremonie die Füße waschen zu lassen. Von nun an kümmerte sich König Maximilian persönlich um ihn und setzte ihm eine Rente aus. 117jährig ist er dann 1822 gestorben, die unabhängige Fürstpropstei schon 19 Jahre zuvor. 1803 war sie gemeinsam mit Salzburg dem Reichsdeputationshauptbeschiß – pardon, dem Reichsdeputationshauptschluß – zum Opfer gefallen und zeitweilig mit dem neuen Kurfürstentum Salzburg vereinigt. Das ging als Entschädigung an den kürzlich abgesetzten Großherzog der Toskana, Ferdinand III., 1805 dann als Herzogtum an Österreich, und so gehörte Berchtesgaden auch eine Zeit lang zu Habsburgs Landen. 1809 war es dann für ein Jahr französisch, bis es Bayern endgültig schluckte. So ganz verdaut hat es Berchtesgaden bis heute nicht, sagte doch einst Franz Josef Strauß: „So wie Bayern in Deutschland liegt, liegt Berchtesgaden in Bayern.“ Man hat sich hier den Stolz auf das Eigene bewahrt. Auch im Dialekt zeigt sich die besondere Identität der Berchtesgadener. Wärend man draußen, in Bad Reichenhall, „Muich“ zur Milch sagt, heißt es hier „Mili“, „spuin“ ist „spien“, und das bayerische „vui“ nennt man hier „vie“. Salzburg ist halt doch viel näher als München, und mit der dortigen Schwabinger Schickeria kann man hier rein gar nichts anfangen.</p>



<p>Wie ein skandinavischer Fjord zwängt sich der Königssee langgestreckt zwischen das Watzmannmassiv und das Hagengebirge. Mit dem bayerischen König von Napoleons Gnaden hat sein Name nichts zu tun. Die Gelehrten sind sich nicht einig, ob die Bezeichnung vom keltischen Ausdruck „Kunisa“ für klares Gewässer oder von Kuno von Horburg stammt, auf den die „Basilica Chunigesse“ zurückgeht, das Bartholomäuskirchlein, geweiht am Bartholomäustag, dem 24. August 1134. Das heutige Gotteshaus aus dem Barock ist eine Miniaturausgabe des Salzburger Doms und gewiß das beliebteste Photomotiv des Berchtesgadener Landes. Bequem gelangt man an den Felswänden vorbei nur mit dem Schiff nach St.&nbsp; Bartholomä, und das fährt schon seit 1909 elektrisch. Da wußte man noch nichts von der Klimakatastrophe – das Wild sollte nicht verscheucht werden. Schon die Fürstpröpste liebten dieses Jagdrevier und errichteten gleich neben der Kirche ein Jagdschloß, so abgelegen, daß es auch für&nbsp; kurze Zeit zum Rückzugsort des letzten bayerischen Königs wurde.</p>



<p>Am 7. November 1918 war Ludwig III. noch seelenruhig im Englischen Garten in München spazierengegangen, als eine von den Kommunisten gekaperte Friedensdemonstration auszuarten drohte. Ein Arbeiter war es schließlich, charakteristischerweise kein Minister oder vertrauter Berater, der ihn warnte: „Majestät, gengan S’ hoam und bleiben S’ in der Residenz, sonst passiert Ihnen was, d’Revolution is ausbrocha!“. Noch in der Nacht auf den 8. November begab sich die königliche Familie mit unbeleuchteten Kutschen in halsbrecherischer Fahrt zum Chiemsee, am 12. November entband der Monarch, kurz beim Grafen Moy in Schloß Anif in Österreich untergekommen, Beamte und Militär von ihrer Eidespflicht, weigerte sich aber standhaft zurückzutreten. Am 13. November erreichte er endlich das Jagdschloß bei St. Bartholomä und blieb zwei Wochen.</p>



<p>Vielleicht wäre alles anders gekommen, wäre Erzherzog Thronfolger Franz Ferdinand nicht am 27. August 1913 auf die Pirsch gegangen. Der Hohe Göll, gerade hier zwischen Berchtesgaden und Golling im Salzburgischen gelegen, war sein bevorzugtes Gamsrevier. Einen Felsen hatte er wegsprengen lassen, um freie Schußbahn zu haben und einmal erlegte der vielleicht beste Schütze seiner Zeit in einer Stunde hier 54 Gemsen. An jenem vermaledeiten Tag im August stieg der Erzherzog fröhlich vom Blunautal auf, und dann stand sie da, die weiße Gams. Der Waidmann konnte nicht widerstehen, und über Kimme und Korn nahm er sie ins Visier. Den gläubigen Katholiken focht jagdlicher Aberglaube nicht an. Dabei, vielleicht ist doch was dran an den Tabus der Ahnen? Die weiße Gams steht heute ausgestopft im Salzburger Haus der Natur. Der Thronfolger liegt begraben zu Artstetten – und mit ihm die ganze schöne Welt von gestern.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Buch des Monats</title>
		<link>https://dereckart.at/buch-des-monats-3/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Jun 2026 12:37:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12023</guid>

					<description><![CDATA[Die Chronik Südtirol, herausgegeben vom renommierten Journalisten Reinhard Olt, hat das Potential, ein Standardwerk zu werden. Der ehemalige FAZ-Korrespondent hat hier auf die bereits 1996 erstmals erschienene, gleichnamige Chronik Südtirol zurückgegriffen, die damals vom ehemaligen NR-Abg. Otto Scrinzi herausgegeben worden war und in kaum einem Bücherschrank eines Südtirolfreundes fehlen dürfte. Darin enthalten war eine chronologische [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p>Die <em>Chronik Südtirol</em>, herausgegeben vom renommierten Journalisten Reinhard Olt, hat das Potential, ein Standardwerk zu werden. Der ehemalige FAZ-Korrespondent hat hier auf die bereits 1996 erstmals erschienene, gleichnamige <em>Chronik Südtirol</em> zurückgegriffen, die damals vom ehemaligen NR-Abg. Otto Scrinzi herausgegeben worden war und in kaum einem Bücherschrank eines Südtirolfreundes fehlen dürfte. Darin enthalten war eine chronologische Dokumentation der „heißen Jahre“ 1959-1969, die im Freiheitskampf ab 1961 gipfelten. Diese Dokumentation wurde von zwei herausragenden Vertretern der Freiheitskämpfer, Peter Kienesberger und Univ.-Prof. Dr. med. Erhard Hartung von Hartungen, verfaßt und findet sich, im Wesentlichen unverändert, auch in der neuen <em>Chronik</em>. Es ist ein bewegendes Zeitdokument, das den Leser auch nach Jahrzehnten noch in seinen Bann schlägt und das langsame, unaufhaltsame Aufschaukeln der Ereignisse bis zur „Feuernacht“ von 1961 und den nachfolgenden Aktionen der Freiheitskämpfer zeigt, die, auch dies zeigt diese Dokumentation, angesichts eines unterdrückenden Staates wahrlich „alternativlos“ waren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Stilistisch brillant führt Olt von den Anfängen des Südtirolproblems bis zur Gegenwart.</h3>



<p></p>



<p>Reinhard Olt bettet diese teilweise Tag für Tag schildernde Chronologie in einen Rahmen ein, der die ganze profunde Sachkenntnis des Herausgebers zeigt. Stilistisch brillant führt Olt den Leser von den Anfängen des Südtirolproblems bis zur Gegenwart, räumt dabei fundiert und quellengesättigt einige Mythen ab, die den Südtiroler Freiheitskampf beschmutzen sollten und weist am Ende auf Gefahren hin, die sich für die Deutschen in Südtirol aus der heutigen Situation ergeben könnten. Eine Fülle von teilweise unveröffentlichten Quellen, Sitzungsprotokollen, Zeitungsartikeln, Berichten aus Geheimdienstquellen, Zeitzeugenaussagen und persönlichen Erinnerungen zeigt die komplexe Gemengelage auf, in der sich die Südtiroler zu behaupten hatten. Ost-West-Konflikt, „Strategie der Spannung“, Geheimdienste: Stellenweise wird das gewichtige Werk zum Krimi, bleibt dabei aber stets, wie der Herausgeber in seinem Vorwort betont, „dem Ringen um Wahrheitsliebe (…), der Wahrheit verpflichtet“.</p>



<p>Reinhard Olt geht zudem über die rein Südtiroler Perspektive hinaus und beleuchtet profund die Situation im Vaterland Österreich und die Brüche, die es dort in der österreichischen Südtirolpolitik gegeben hat. Einzelne Episoden aus der Vergangenheit, wie etwa die Verhaftung der Südtiroler Demonstranten anläßlich der KSZE-Folgekonferenz 1987 in der Wiener Hofburg, die der Verfasser dieser Zeilen, damals noch nahezu im Kindesalter, als großen Aufreger bei der Elterngeneration wahrnahm, werden spannend und anschaulich geschildert. Die oben angesprochene „Entmythologisierung“ gewisser Anschläge, wie etwa jenen auf der Porzescharte, der in der von italienischer Seite behaupteten Art und Weise gar nicht stattfinden konnte, wird unter Rückgriff auf technische Gutachten und Dokumente wissenschaftlich einwandfrei vollzogen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Autonomie-„Gründungsmythos“ Freiheitskampf als Herzstück</h3>



<p></p>



<p>Es sei abschließend noch ein Wort zum grundsätzlichen Ansatz des Herausgebers gesagt: Die Tatsache, daß nach profunder Schilderung der Vorgeschichte des Südtirolkonfliktes ab 1919 bis 1959 die von den Freiheitskämpfern Kienesberger und Hartung verfaßte chronologische Dokumentation sozusagen das „Herzstück“ des Werkes bildet, ist mit Sicherheit kein Zufall. Es ist Programm. Und zwar ein Programm, das wiederum „der Wahrheit verpflichtet“ ist: An der Wiege zum „Zweiten Autonomiestatut“, das die Grundlage der heutigen Südtirolautonomie bildet, stand nun einmal der Freiheitskampf. Ohne die Aktionen der Freiheitskämpfer hätte Italien niemals eingelenkt. Dieser Freiheitskampf kann somit als ein Gründungsmythos für die Südtirolautonomie aufgefaßt werden. Das Bemerkenswerte daran: Wo sonst haben Deutsche nach 1945 auch mit der Waffe in der Hand sich ihre Rechte gegen einen übermächtigen Unterdrückerstaat erstritten? Daß dieser Südtiroler Freiheitskampf bis heute seine Strahlkraft nicht verloren hat, bezeugen die jährlich stattfindenden Sepp-Kerschbaumer-Feiern in St. Pauls, wo Tausende, meist Jugendliche, der Freiheitskämpfer gedenken.</p>



<p>Insgesamt ein reich bebildertes, quellengesättigtes Kompendium der Entwicklung Südtirols seit der erzwungenen Annexion durch den italienischen Fremdstaat nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Eine Empfehlung für alle Freunde Südtirols und solche, die es noch werden wollen! </p>



<p><em>Florian von Ach</em></p>



<p></p>



<p><strong>Reinhard Olt </strong>(Hrsg.)</p>



<p><strong><em>Chronik Südtirol</em></strong></p>



<p><em>Wegmarken, Weichenstellungen und Wendepunkte im Ringen um die Selbstbehauptung des Tiroler Landesteils an Eisack und Etsch</em></p>



<p>Stocker 2025, geb., 928 S., € 30</p>



<p></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Franz Spunda und Der Herr vom Hradschin</title>
		<link>https://dereckart.at/franz-spunda-und-der-herr-vom-hradschin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 11:49:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Autorenporträt]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=11922</guid>

					<description><![CDATA[von Christoph Fackelmann Sudetendeutsche Literatur Auch für die Literaturgeschichtsschreibung erlangt der Begriff des Sudetendeutschen erst spät Bedeutung, und seine Verwendung ist sich dann meist des durchaus heterogenen Charakters jener Landschaften bewußt, die er auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht. Nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Reiche folgt dies dem Antrieb, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Christoph Fackelmann</em></p>



<p></p>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">Sudetendeutsche Literatur</h3>



<p></p>



<p>Auch für die Literaturgeschichtsschreibung erlangt der Begriff des Sudetendeutschen erst spät Bedeutung, und seine Verwendung ist sich dann meist des durchaus heterogenen Charakters jener Landschaften bewußt, die er auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht. Nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Reiche folgt dies dem Antrieb, den politisch nunmehr ins Hintertreffen geratenen deutschen Volksgruppen in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien durch die Stärkung ihrer nationalkulturellen Identität ein einigendes Fundament zu geben.</p>



<p>Das machen die nun sich häufenden Darstellungen einer „sudetendeutschen Literatur“ mit unterschiedlichem Nachdruck, aber doch einhellig deutlich. Einschlägige Studien und Monographien legen u. a. Rudolf Wolkan (1925), Josef Mühlberger (1929) und Adalbert Schmidt (1938) vor, und auch für Josef Nadlers ebenso beeindruckende wie fragwürdige <em>Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften </em>(ab Bd. II der 2. Auflage, 1923) sowie für den abschließenden Band der repräsentativen <em>Deutsch-österreichischen Literaturgeschichte</em> von Nagl, Zeidler und Castle (1937) spielt der Begriff eine wichtige Rolle. Wenn er mitunter sogar rückwirkend auf weiter zurückliegende Epochen angewandt wird, so behält er doch seine vorrangige Stoßkraft in Richtung auf die Verhältnisse der Zwischenkriegszeit.</p>



<p>Schmidts Buch <em>Die sudetendeutsche Dichtung der Gegenwart</em> bietet rund ein halbes Jahr vor der Annexion der sudetendeutschen Gebiete durch Hitler-Deutschland eine Definition an, die schon stark von kollektivistischer Engführung geprägt ist: „Die sudetendeutsche Dichtung ist erst durch die weltgeschichtliche Wende des großen Krieges zu dem geworden, was sie heute ist: eine schicksalhaft bestimmte Schaffensgemeinschaft, die im Gral des Volkstums die ewigen Werte der Menschheit hütet.“ Den völkischen Kausalismus, der in einer solchen Formel zum Ausdruck gelangt, versuchen die späteren sozial- und systemgeschichtlich orientierten Ansätze zu entkräften. Nach der durch die Nachkriegsvertreibung erzeugten gewaltsamen Umformung der Region wollen sie das Sudetendeutschtum nur noch als Erfindung des nationalistischen Zeitalters gelten lassen und die Phänomene selbst in einen vielbezüglichen mitteleuropäischen Kosmos mit multi- und transnationalen Verstrebungen gliedern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist.</h3>



<p></p>



<p>Wahrscheinlich wird erst dann ein Schuh aus der Auseinandersetzung um den Begriff in der Literaturwissenschaft, wenn man Sprache, Literatur und Dichtung grundsätzlich nicht nur als sublimierten Ausfluß, sondern als einen wesentlichen Träger, als genuinen Schöpfer geschichtlicher und somit auch ethnokultureller Wirklichkeit versteht und würdigt. Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist und darin sein Bild erhält und bewahrt; umgekehrt verflüchtigt es sich im geistlosen Reich der Bio- und Soziologie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Geschichte und Geheimnis</h3>



<p></p>



<p>So kommt man auch näher an die Geheimnisse heran, die bestimmte sprachkünstlerische Äußerungsformen in bestimmten Sprach- und Literaturlandschaften zu bestimmten Zeiten auffällig an Gewicht und Gestalt gewinnen lassen. Für die deutschböhmische und die deutschmährische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jh., also der sudetendeutschen Ära im engeren Sinn, betrifft das zum Beispiel besonders fruchtbare Traditionen des historischen und des phantastischen Erzählens. Ursachen für den Aufschwung dieser Genres, die oft auch in höchst bemerkenswerten Vermischungen auftreten, wird man in dem leicht begreiflichen Verlangen erblicken können, dem Woher und Wohin der unsicher und unklar gewordene Lage entlang von historischen Stoffen nachzusinnen. Die starke Präsenz des Grotesk-Phantastischen, des Spukhaften, des Mystischen und Mythischen führt man gern auf die Aura der Grenze zurück, an der sich die Einflußsphären einander eigentlich fremder Zugänge zum Übernatürlichen und Dämonischen schöpferisch berühren und durchdringen. Solche im weitesten Sinne völkerpsychologischen Motivationen tragen vor allem dann, wenn man sie als Teil der Arbeit an der geistigen Gestalt der sudetendeutschen Kulturregion begreift, mit der diese uns heute noch, gleichsam post mortem, vor Augen tritt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Franz Spunda – von Olmütz nach Athos</h3>



<p></p>



<p>Die Dichtung sudetendeutscher Schriftsteller scheint also zu manchen Vorlieben prädestiniert, die sich zumindest teilweise aus dem landschaftlichen Gefüge, spezifischen Kollektiverfahrungen und Überlieferungen und wohl auch aus dem vieldeutigen Fluidum der Grenze erklären. Einer der namhaftesten Autoren solchen Zuschnitts war der Deutschmährer Franz Spunda (1890–1963). In seinem erzählerischen Schaffen verschmolzen das Historische und das Phantastische, Mythopoesie und Geschichtsdeutung zu einer eigentümlichen Legierung. Das vollzog sich bei ihm mit vielen Brüchen, Wendungen und Widersprüchen, was ihn mit älteren Landsleuten wie Robert Michel (1876–1957), Karl Hans Strobl (1877–1946), Hans Watzlik (1879–1948) oder Walter von Molo (1880–1959) verband. Auch E. G. Kolbenheyer (1878–1962), der in Karlsbad aufwuchs, zeigt solche Züge, wenn er auch mit seinem Erzählwerk gleich einen ganzen weltanschaulichen Systembau verknüpft. Wie bei den meisten dieser vielschreibenden Schriftsteller gehorcht auch in Spundas Schaffen bei weitem nicht alles höchsten ästhetischen Ansprüchen.</p>



<p>Spundas Romane der 1920er-Jahre stehen im Zeichen von Magie, Alchemie und Nekromantik. Sie werden von programmatischen Schriften begleitet, die dem Dichter die Rolle eines Mystagogen zuweisen, der maßgeblich an der Überwindung des Transzendenzverlustes in der modernen Welt mitzuwirken habe (<em>Der magische Dichter</em>, 1923). Die späteren historischen Erzählungen und Romane geben den expressionistischen Erlösungsfuror auf, bleiben aber dem von allerlei theosophischen und gnostischen Lichtern umspielten Grundimpuls treu: Sie verfolgen die Träger hermetischer Überlieferung durch unterschiedliche Epochen und zu unterschiedlichen Kulturen und Völkern des Abendlands. In der Mitte der 30er-Jahre kann das religiöse Geheimnis bei Spunda nicht nur von außergewöhnlichen, gottsucherisch veranlagten Individuen, sondern auch von einem ganzen Volk durch die Wirren der Geschichte getragen werden (v. a. in der sog. Westgotentrilogie, 1936–38). In dieser Zeit steht der Autor bis zu einem gewissen Grad im Bann des Nationalsozialismus, wenngleich er diesen auf bezeichnende Weise undogmatisch auslegt und mißversteht.</p>



<p>Ein wichtiges Bindeglied zwischen dem frühen und dem späteren Erzählschaffen bilden kulturphilosophische Schriften, insbesondere eine spannende Studie über Paracelsus (1925, Neufassung 1941), und vor allem literarische Reiseschilderungen aus Griechenland, Kleinasien und Ägypten (u. a. <em>Griechische Reise</em>, 1926, Neufassung 1938). Das Griechenlanderlebnis, konsequent als „Fahrt zu den alten Göttern“ mystifiziert, wird dem Autor zum entscheidenden Durchbruch zu sich selbst. Auch Lyrik, Dramatik und Übersetzungen, darunter eine staunenswerte Ossian-Ausgabe (1924), gehören zum umfangreichen und verzweigten Gesamtwerk. Insgesamt läßt sich erkennen, daß dieses trotz allem von einer ideellen Klammer zusammengehalten wird, die sich mit symbolischen Orten der Lebensgeschichte markieren läßt: Sie ist aufspannt zwischen Heiligenberg, der Marienwallfahrtsstätte in der mährischen Heimat, und dem heiligen Berg Athos, dessen mönchischem Reich Spunda mehrere autobiographisch fundierte Bücher widmet.</p>



<p>Der Schriftsteller ist der Sohn eines Schneidermeisters am fürsterzbischöflichen Seminar von Olmütz. Dieser war wohl als Waise germanisiert worden, also ursprünglich hannakisch aufgewachsen. Die Mutter stammte aus einer deutschen Tuchmacherdynastie in Odrau. Die Familie blieb bis zum Heimatverlust 1945 in Olmütz ansässig, während der Autor selbst nach der Teilnahme am Krieg im Osten und einer Supplentenzeit in Mährisch-Ostrau seit Herbst 1918 als Gymnasialprofessor in Wien wirkte. Während längerer Aufenthalte in Berlin, München und Paris hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits Eingang in okkultistische Kreise gefunden und mit dem systematischen Studium der Geheimwissenschaften begonnen. Geprägt von der katholischen Frömmigkeitskultur seiner Jugend verband sich damit bei ihm jedoch gerade keine Absage an das Christentum.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Karl IV. als Romangestalt</h3>



<p></p>



<p>Es verwundert bei dem weitausgreifenden Gestus von Spundas Schaffen nicht, daß Stoffe aus der Geschichte seiner Heimat darin nicht vorherrschen. Sie kehren aber doch immer wieder. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Hinsicht das 1942 erschienene Buch <em>Der Herr vom Hradschin</em>, das im Untertitel als „Roman Kaiser Karls IV.“ ausgewiesen wird. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Es handelt sich um eine Biographie des großen Luxemburgers mit fiktionalen Mitteln, die zugleich deutliche Züge einer wirklichen biographischen Fiktion trägt.</p>



<p>Wichtig ist dieser Roman vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil das differenzierte Fürstenporträt, das er entwirft, die Gestalt eines Herrschers entwickelt, der nicht kraft kriegerischer Unternehmungen und mit autokratischen Mitteln seine Ziele verfolgt. Vielmehr wirkt er durch geduldige Diplomatie, durch den Ausgleich zwischen nationalen, religiösen und machtpolitischen Interessen und durch eine entschiedene Förderung der Wissenschaften und Künste zum Wohl seines Hauses, zum Segen seiner geliebten böhmisch-mährischen Heimat und zum Vorteil des politischen Ganzen.</p>



<p>Damit zusammenhängend kann der Roman zweitens als Beispiel für ein dissidentes Schreiben über Geschichte aufgefaßt werden, wie es sich auf dem Höhepunkt der Hitler-Diktatur über Mitteleuropa innerhalb des nationalsozialistischen Machtbereiches wohl nur in sehr wenigen deutschsprachigen literarischen Texten in ähnlich offener Art und Weise manifestierte. Gemeinsam mit einigen kleineren Erzählungen und Erinnerungsskizzen, etwa der ebenfalls 1942 veröffentlichten und bis heute lesenswerten Geschichte <em>Der Sang aus der Tiefe</em>, die im besetzten Olmütz während des Schwedenkrieges spielt, repräsentiert er die zu jener Zeit markant unter Beweis gestellte Sympathie Spundas für die tschechisch-slawische Geschichte, Sprache und Volkskultur, ein Naheverhältnis, das ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt worden war.</p>



<p>Anders als für die tschechische Nationalliteratur zählt Karl IV. (1316–1378) in der deutschen Literaturgeschichte keineswegs zu den besonders beliebten Gestalten des historischen Romans. Aus dem Epochenumfeld Spundas dürfte nicht leicht ein zweites Erzählwerk zu nennen sein, in dessen Mittelpunkt er steht. Dabei erlebten die Gattung selbst und auch die spätmittelalterliche Übergangszeit, der die Gestalt des Kaisers angehört, gerade in diesen Jahrzehnten eine Konjunktur. Sie waren diesseits und jenseits der „Inneren Emigration“ ein bevorzugtes Feld, um in der Verkleidung einer künstlerischen Halbfiktion gegenwartsrelevant in brisante weltanschauliche, geschichtsphilosophische und politisch-gesellschaftliche Diskurse einzugreifen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der maßvolle Herrscher</h3>



<p></p>



<p>Spundas Karl IV. ist keine der zeittypischen unfehlbaren Führerfiguren mit charismatischer Aura. Das gelassene, episodisch ausleuchtende, hier und da mit chronikalen Einsprengseln aufwartende Erzählverfahren arbeitet nicht nur die großen Verdienste des Sprößlings aus der folgenreichen dynastischen Verbindung der letzten Přemysliden-Tochter Elisabeth und des Luxemburgers Johann von Böhmen heraus. Der Roman lebt u. a. von dem relativ unvermittelten Wechsel widersprüchlicher Wertungsperspektiven. Er skizziert daher auch Karls Schwächen, die Brüche in seiner von mancherlei ungünstigen Vorzeichen und schwelenden Konflikten geprägten Entwicklung, die Folgen der Verpflanzung des Kindes Wenzel nach Frankreich, wo es, symbolisiert in der Firmung auf den Namen Karl, seine Identität einzubüßen droht, das Leiden an der frühen, gewaltsamen Trennung von der unglücklichen Mutter, die Auseinandersetzung mit dem unduldsamen, manipulativen Vater, kurz: die „innere Zerrissenheit“, die ein bleibendes Charaktermerkmal des Fürsten darstellt.</p>



<p>Sie wird, typisch für Spunda, auch als Ergebnis eines lebenslangen religiösen Suchens und Fragens sowie mythischer Einflüsse (die rätselhafte Anwesenheit der „Libuscha“) und mystischer Erlebnisse gedeutet. Karl offenbart schon früh eine „träumerische“ Ader; er sieht sich innerlich zum „Gärtner“, nicht zum Kriegsherrn und Herrscher berufen. Er lebt in der Welt slawischer Märchen und Legenden, interessiert sich für Wissenschaft und Kunst und sucht nach Denkmälern und Zeugnissen des Altertums. Doch erwächst aus dem Umgang mit den Selbstzweifeln und der inneren Unruhe seine eigentliche Größe: Er verschreibt sich der Stiftung von Frieden und Wohlfahrt in Böhmen wie im Reich, setzt auf Ordnung, Gerechtigkeit, Demut und Maß, entfaltet ein besonnenes Verwaltungs- und Wirtschaftsregime und verleiht seinen intuitiven, musischen Anlagen Ausdruck in der unvergleichlichen Bautätigkeit, die er vor allem seiner Hauptstadt Prag, dem „neuen Rom des Nordens“, zuteil werden läßt.</p>



<p>Die Klarheit und Deutlichkeit, mit der der Roman der Friedensliebe, Aufgeschlossenheit und Völkerverständigung das Wort redet und insbesondere – immer wieder auch mit tschechischer Begrifflichkeit – das untrennbare Mit- und Ineinander der deutschen und slawischen Böhmen statuiert, mutet vor dem Entstehungshintergrund kühn an. Folgt man dem Selbstzeugnis des Autors, so war es in der Tat sein erklärtes Ziel, „die Versöhnungspolitik Kaiser Karls IV. als Gegenbeispiel zur Vernichtungspolitik Hitlers den Tschechen gegenüber“ aufzurichten. Nicht zu übersehen ist das utopische Potential der Geschichtserzählung, das um eine christliche Idee vom „Reich“ kreist, welche die Klammer für das Zusammenleben der Slawen und der Deutschen bildet und letztlich als metaphysische Aufgabe und als Wunder begriffen wird: „(…) im Osten konnte Böhmen allein mit allen Reichsfeinden fertig werden. Doch nur unter einer Bedingung: Der Deutsche muß den Slawen verstehen und umgekehrt. Solange der Deutsche für diesen stumm war, ein němec, war ein Aufgehen der slawischen Völker im Reichsgedanken unmöglich. Er durfte ihm nicht als hoffärtiger Herr entgegentreten, sondern sollte sich wie ein verständnisvoller Hausvater in dessen Seele einleben. Nur so ist der Osten zu halten.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen Herrschers entgegengestellt.</h3>



<p></p>



<p>Der Wechsel vom Präteritum zum Präsens im zitierten Passus bildet, auch im Kontext der keineswegs historisierenden, sondern immer wieder betont heutigen Sprache des Erzählens, eine deutliche Botschaft an die Gegenwart. Der gewaltsamen Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen, dabei aber hellsichtigen und zielstrebigen Herrschers entgegengestellt. In dessen Brust erscheint gleichsam stellvertretend das „Ringen“ zwischen slawischem und deutschem „Blut“ ausgetragen – und produktiv gemacht. Nicht als „Wüterich“, Vernichter und Unterwerfer möchte Karl auftreten, sondern als behutsamer Neuerer, aus den alten Überlieferungen schöpfend, neue, dauerhafte Ordnungen schaffend. Oft sieht er sich – wie in dem Bestreben, das Tschechische neben dem Deutschen zur verpflichtenden Sprache des Reichsadels zu erheben – auf Rückschläge und Kompromisse verwiesen.</p>



<p>Der Roman trägt vielerlei Spuren der chaotischen, unausgegorenen Ära seines Hervortretens an sich. Er ist kein schlackenloses Werk der „Höhenkammliteratur“. Aber durch seine außergewöhnliche Stellung in der Situation des Weltkrieges und der Protektoratsjahre fasziniert er als Entwurf eines aus der gemeinsamen Geschichte der Tschechen und Deutschen bezogenen modernen „Fürstenspiegels“. Was er als politischen Ordnungsgedanken für Mitteleuropa offeriert, folgt natürlich keinem heute geläufigen demokratischen Fortschrittsmodell, sondern reagiert auf den damals intensiv schwelenden Kampf um den Reichsbegriff. Er deutet diesen, antivölkisch, aber dezidiert nicht westlich-diesseitig, als einen im Christlich-Transzendenten gesicherten und in dieses einmündenden Faktor aus dem Zentrum der geistigen Wirklichkeit.</p>



<p>Alles in allem: Wer den vergessenen Autor kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch als Eintritt in die Spunda-Welt empfohlen!</p>



<p><strong><em>Der Herr vom Hradschin. Roman Kaiser Karls IV.</em></strong> <strong>(1942)</strong></p>



<p>(Aus den Kapiteln über die Krönung zum König von Böhmen in Prag, 1347, und über die Kaiserkrönung in Rom, 1355)</p>



<p><em>Der Krönung unter den Gerüsten des Veitsdomes fehlte die feierliche Weihe des geschlossenen Raums. Sie glich eher einem Fest im Angesicht des ganzen Volkes, das auf dem Abhang des Hradschins zu Tausenden versammelt war.</em></p>



<div class="wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained"><div class="wp-block-group__inner-container">
<div class="wp-block-group is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained"><div class="wp-block-group__inner-container">
<p>Um von überall gesehen zu werden, fand die heilige Handlung auf einer erhöhten Estrade statt. Erzbischof Ernest sang das Amt oben auf einem mit herbstlichen Blumen geschmückten Altar, während der Chor ihm von unten antwortete. Die Königin und ihre Kinder knieten seitlich auf Teppichen. Da eine Orgel fehlte, besorgten die städtischen Pfeifer die Musik. Die Enge des Raumes gestattete keine Entfaltung der geistlichen Assistenz. Die hohen Würdenträger, Bischöfe, Äbte und Prälaten, mußten sich damit begnügen, unterhalb des Aufbaus dem Erzbischof zu respondieren.</p>



<p>Dadurch hatte die Feierlichkeit den Eindruck des Unfertigen, was aber nicht im mindesten die Wirkung auf das Volk verringerte. Unter den Pragern herrschte nur eine Meinung: Jetzt haben wir wieder einen eigenen König, einen der Unsrigen, keinen Fremden. Jetzt werden die goldenen Zeiten des großen Ottokar wiederkehren. Einer hatte das Schlagwort aufgebracht: Auf den bernik folgt jetzt ein zahradnik. Bernik bedeutete „Nehmer“ und war eine Anspielung an die vielen Sondersteuern (berna), die der geldgierige König Johann den Pragern auferlegt hatte. Zahradnik heißt Gärtner.</p>
</div></div>



<p>Als Karl beim Krönungsmahl von dem Beinamen erfuhr, den ihm das Volk gegeben hatte, sprach er lächelnd: „Ein Gärtner. Warum nicht? Aber mein Garten soll größer als Böhmen sein.“</p>



<p>* * *</p>



<p>Nun schritten sie zur Porphyrplatte, wo sich der Kaiser auf einem Thron niederließ. Bertrandi legte ihm den Krönungsmantel um und gab ihm Zepter und Reichsapfel in seine Hände.</p>



<p>Karl war starr und leblos wie ein Götterbild. Die Heiligkeit des Augenblicks hatte in ihm alles Irdische ausgelöscht. Was da geschah, war nicht sein Werk, nicht die Frucht von hundert Ränken seines Vaters, sondern Gottes eigener Wille, der ihn erkoren hatte, um der Welt den Frieden zu bringen. Alles, was er bisher getan, war wohl sein Werk, aber in allem, was er künftighin tun mußte, war Gottes Auftrag. Wo blieb da der kleine Wenzel, was war da sein geliebtes Prag, was waren seine kleinen Nöte?</p>



<p>Nur etwas war da, was der Größe seines Auftrags entsprach: das Reich. Nicht die Summe aller Länder und Städte, aller Ritter und Bürger, sondern etwas, was über ihnen war, ein höheres Ziel, eine göttliche Ordnung, die dem Leben jedes einzelnen erst seinen Sinn und seine Weihe gaben. Seine Böhmen verstanden ihn nicht immer, wenn er davon sprach; sie hielten das Reich nur für ein größeres Böhmen. Daß es vor allem eine geistige Aufgabe war, ahnten die wenigsten unter ihnen.</p>



<p>Und nun saß er da, der vierte Kaiser Karl, im starren Ornat, mit dem Heiligsten geschmückt, was es auf dieser Erde gibt. Karl von Luxemburg, ein Mensch wie jeder andere, und doch der einzige auf der ganzen Erde, der von Gott auserwählt wurde, die Welt nach einem göttlichen Plan zu ordnen.</p>



<p>* * *</p>



<p><strong><em>Mährische Heimat</em></strong></p>



<p>(Aus der Festgabe <em>Daheim in Europa</em> zum 65. Geburtstag des Dichters, 1955)</p>



<p>Zur stillen Heimat an des Gesenkes Rand</p>



<p>Kehrt wieder gern und freundlich mein Herz zurück,</p>



<p>Ein Meer von Ähren, golden im Wiegenwind</p>



<p>Flüstert die Sage des Ostens in Träumen.</p>



<p>O Vätererbe, emsig aus Schweiß und Harm</p>



<p>Erbaut und zähem Kampf um das bloße Brot,</p>



<p>Huldreich und ernst verhangen vom Schwermutsblick</p>



<p>Frommer Legenden und heimlicher Alben!</p>



<p>Urdunkel aus Gräbern der ersten Zeit</p>



<p>Hinüberragend in das Ahnen des Morgenrots,</p>



<p>Das heiß ergreifend die Herzen zusammenschmilzt,</p>



<p>Steht deine Mark zwischen Völkern und Zeiten.</p>



<p>Dein Lied ertönt im lieblichen Mädchenmund,</p>



<p>Ein Lobgesang, der hell wie ein Vogellied</p>



<p>Erklingt und sanft erzitternd in Duft vergeht,</p>



<p>Lied der Geburt, doch auch Lied meines Sterbens.</p>
</div></div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Am Berg und im Berg</title>
		<link>https://dereckart.at/am-berg-und-im-berg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 18:01:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Buch des Monats]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=11777</guid>

					<description><![CDATA[Herzhafter Hauskalender 2026 Was haben sich die beiden Herausgeber ausgesucht? So fragt man sich als langjähriger Leser des Herzhaften Hauskalenders alljährlich. Längst schon ist es ein Doppeltitel (Böhmen und Mähren, Engel und Teufel usw.) – zuletzt Aussaat und Ernte und heuer: Am Berg und im Berg. Im Berg, das heißt: unter Tage, im Bergwerk, in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">Herzhafter Hauskalender 2026</h3>



<p></p>



<p>Was haben sich die beiden Herausgeber ausgesucht? So fragt man sich als langjähriger Leser des <em>Herzhaften Hauskalenders</em> alljährlich. Längst schon ist es ein Doppeltitel (<em>Böhmen und Mähren</em>, <em>Engel und Teufel </em>usw.) – zuletzt <em>Aussaat und Ernte</em> und heuer: <em>Am Berg und im Berg</em>. <em>Im </em>Berg, das heißt: unter Tage, im Bergwerk, in der Grube, schuftend, verschüttet, fieberhaft schürfend, in sagenhaften unterirdischen Höhlen und Reichen. <em>Am</em> Berg: Gipfel, Grate, Gletscher, schwindelerregende Einsamkeit, Lebensgefahr und Höhenrausch. Das Reizvollste an dieser Ausgabe, dies vorweg, ist, daß beide Extreme, Gipfel und Höhle, dem Menschen sowohl größtes Glück als auch größtes Unglück bereithalten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Hannibal zu Georg Klotz, vom Steigerlied zu Friedrich Nietzsche</h3>



<p></p>



<p>Verschüttete Bergarbeiter in einem expressionistischen Drama des österreichischen Schriftstellers Hans Kaltneker, die Arbeitsbedingungen von Kindern als Bergwerksknappen, die verzweifelte Flucht des schwer verletzten Südtiroler Freiheitskämpfers Georg Klotz über’s Gebirge – dagegen das <em>Steigerlied,</em> das die Zunft der Grubenarbeiter zusammenschweißt, Schatzsucherabenteuer, vor allem die schier unerschöpflichen Volksdichtungen und Märchen von den Venedigermännlein, von Rübezahl, von Bergentrückten und sagenhaften Gold- und Edelsteinschätzen finden sich im Berg. Hoch oben ruft Nietzsches „Zarathustra“ aus: „Mit seligen Nüstern atme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens! Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, niest meine Seele – niest und jubelt sich zu: Gesundheit!“. Hölderlin und Novalis können von einer Erhabenheit dichten, die nahe an das Göttliche heranreicht. Die Nähe des Hochgebirges mit dem Allerhöchsten hat übrigens – ein interessanter Fund – auch Karl May beschrieben. Daß Erich Kästner es sich nicht hat nehmen lassen, eine Reisegruppe früher Alpintouristen auf die Schippe zu nehmen, versteht sich von selbst.</p>



<p>Historisch hat dieser Hauskalender weit ausgegriffen: Der Griff reicht von den Spuren der Alpenüberquerung Hannibals über eine Erfindung Athanasius Kirchners bis zu dem spektakulären damaligen Erfolgs- und heute vergessenen Zukunftsroman <em>Der Tunnel </em>von Bernhard Kellermann.</p>



<p>Im mittleren Teil der Anthologie findet sich gewissermaßen eine kurze Geschichte des Bergbaus: Rudi Pallas leider vergriffenes <em>Lexikon der untergegangenen Berufe</em> schildert fast primitive Gerätschaften und körperliche Schinderei, P.C. Ettighoffers <em>Kohle. Tatsachenbericht über Rohstoff Eins von der Ruhr </em>beschreibt den Bergbau am Anfang des 20. Jh. und wie ein gewaltiger Bohrer sich unter dem Atlantik durchfräst der bereits erwähnte Zukunftsroman.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Spannweite reicht von der Ruhr über das Riesengebirge und die Karpaten bis nach Tibet.</h3>



<p></p>



<p>Konrad Markward Weiß und Caroline Sommerfeld haben aber, wie wir sie kennen, nicht nur Gebirgsschilderungen von den Karpaten bis nach Tibet sowie dem geschichtlichen Wandel des menschlichen Lebens im und am Berg in der Literatur breiten Raum gegeben, sondern ihr Schwerpunkt liegt auf der Sprache. Das <em>Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens</em> von 1927 und Röhrichs <em>Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten</em> aus den 1970er-Jahren bilden nur den Einstieg, denn die Sprachwelt des Berges ist immens reichhaltig. Wagners Stabreime („Wo neuer Schimmer in Schachten sich birgt: Da müssen wir spähen, spüren und graben, die Beute schmelzen und schmieden den Guß, ohne Ruh’ und Rast dem Herrn zu häufen den Hort“) sind grundverschieden von C. F. Meyers realistisch-gläubiger Dichtung („Bald nahe tost, bald fern, der Wasserfall, / Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht, / Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, / Ein Wind, ein Strom, ein Athem, ein Gebet!“) und beide unvergleichbar mit Kafkas absurder Szenerie: „Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen!“</p>



<p>Der Rezensent empfiehlt den <em>Herzhaften Hauskalender 2026 – Am Berg und im Berg</em> der treuen Leserschaft und allen neugierig Gewordenen: Aufstieg und Abstieg beim Lesen lohnen die Mühe. Und die liebevolle graphische Aufmachung und reichhaltige Bebilderung ist auch diesmal wieder in hohem Maße gelungen. </p>



<p><strong>Konrad Markward Weiß und</strong> <strong>Caroline Sommerfeld (Hg.)</strong><br><strong><em>Am Berg und im Berg</em></strong><br><em>Herzhafter Hauskalender 2026</em><br>Soziales Friedenswerk 2025, geb., 192 S., € 23<br><a href="https://marktplatz.oelm.at/produkt/herzhafter-hauskalender-2026-am-berg-und-im-berg/">Hier Bestellen</a></p>



<p></p>



<p><em>Pius Flusenbruder</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Laibach – Melancholie in der Krain</title>
		<link>https://dereckart.at/laibach-melancholie-in-der-krain/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jan 2026 14:46:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=11765</guid>

					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<p></p>



<p>Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die Ausbildung zum k.u.k. Forstbeamten und brachte es zum Oberaufseher eines Drittels der unterkrainischen Wälder. Mechanik hat ihn aber mehr interessiert, und er hätte – oder hat – die Schiffsschraube erfunden. Doch das ist eine andere Geschichte. Als später Triumph schaffte es sein Konterfei immerhin auf die gute alte 500-Schilling- Note, dort hat ihn jeder gerne gesehen, und das hat ihn bekannt gemacht – Josef Ressel. Im Leben blieb ihm der Erfolg versagt, doch nach seinem Tode gab sein Name dem Hauptumschlagplatz für den Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit in Wien den Namen. Der Resselpark zeigt heute noch sein Denkmal.</p>



<p>Im Laibach jenes Josef Ressels wurden vier Sprachen gesprochen: Deutsch, Slowenisch, Italienisch und Ungarisch. Zwischen den Pensionistenmetropolen Graz und Görz fand sich die Stadt in der Mitte, geeignet den Rentnern der k.u.k. Verwaltung ein angenehmes Ausgedinge zu bieten, da schmale Börse und abendländische Kultur in der pulsierenden Reichs-, Haupt- und Residenzstadt nicht zusammengingen. Angenehm ist Laibach, schön gelegen am Fluß, mit brauchbarem Theater, gebaut vom Qualitätsbetrieb Fellner &amp; Helmer, gut essen kann man da, die Weine der Region und das geschätzte Kozelbier befriedigen den Leib, und allzu viel war niemals los, damit die Seele nicht in Aufregung geriete. Das Klima agreabel, die Landschaft amön, das Stadtbild elegant mit einem Zug zum Großen: So zitiert der Dreiflüssebrunnen von Francesco Robba aus 1751 Roms Bernini-Brunnen, gleichsam eine Piazza Navona für Arme. Kaiser Franz Joseph schenkte einem Pensionisten, der keiner werden wollte, dort gar das Schloß Tivoli. Doch Feldmarschall Radetzky, der sich die letzten sechs Jahre seines Lebens daran hätte erfreuen können, zog doch den Dienst in Mailand vor. Bald nach seinem Tode aber war er vor Schloß Tivoli präsent: in einem Bronzedenkmal, das es heute nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern.</h3>



<p></p>



<p>Nie scheint es uns in dieser Welt gegeben, daß Ruhe, Harmonie und Ausgleich dem Menschen für lange Zeit beschieden wären. Schon Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern. Der Laibacher Dichter und politische Agitator Anton Graf Auersperg, besser bekannt unter seinem Pseudonym Anastasius Grün, erfaßte die Entwicklung der Zukunft der Krain: „Die deutsche Sprache wird hier noch eine gewisse vorübergehende Zeit Bedeutung haben. Dann wird sie diese Funktion verlieren. Und es wird nicht tragischer sein als der Tod eines Greises“.</p>



<p>So sanft sollte es dann doch nicht abgehen. Mit den AVNOJ-Beschlüssen im Zuge des Exzesses des Zweiten Weltkrieges verloren alle im kommunistischen Jugoslawien lebenden Personen deutscher Volkszugehörigkeit alle bürgerlichen Rechte, ihre gesamte bewegliche und unbewegliche Habe wurde beschlagnahmt, und jedwedes Recht, Gerichte zu ihrem Schutze anzurufen, wurde ihnen abgesprochen.</p>



<p>Vorangegangen war dem eine Entwicklung, die gleich einer griechischen Tragödie nicht mehr aufzuhalten war. Als nach dem Erdbeben am Ostersonntag 1895 Künstler und Gelehrte gleich welcher Zunge der gesamten Monarchie sich für den Wiederaufbau der schrecklich zerstörten Stadt Laibach einsetzten, war dieses schon vergebliche Liebesmüh. Sie suchten mit einem Prachtband Geld für den Wiederaufbau aufzutreiben und der bei den Slowenen wegen seiner Unterstützung des deutschen Schulvereines unbeliebte Peter Rosegger rief in einer Reportage über das Erdbeben die beiden Volksgruppen auf, ihren Streit zu begraben: „Deutsche und Slowenen, was soll das kindische Streiten. Ich glaube, das Erdbeben hat die Herzen aufgerüttelt, und die Menschen wissen nun wieder einmal, daß sie zusammengehören. Was die Sprache trennt, soll der Gedanke wieder einen.“ Er wurde nicht gehört.</p>



<p>Es war ein schöner Tag, den ich in Laibach verbrachte, und doch hat der Besuch mich unendlich traurig gemacht. Von k.u.k. Nostalgie, wie sie einem heute in ganz Oberitalien und drüben in Kroatien begegnet, war nichts zu merken. Kaum einer kann hier noch Deutsch, in der Sprache Albions muß ich beim Wirten bestellen, und gerade einmal einen Doppeladler habe ich im Dom gefunden. Sie haben ihn wohl vergessen. </p>



<p></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>(Einschlägige) Kleider machen Leute</title>
		<link>https://dereckart.at/einschlaegige-kleider-machen-leute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Dec 2025 11:10:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.49-12-166-91.plesk.page/?p=11729</guid>

					<description><![CDATA[von Hagen Eichberger Was macht die rechte Szene aus? Klar: Metapolitik, Vorträge, Kongresse, Verlage, Bücher und neuerdings Buchmessen – Vorfeldarbeit eben; oder: Demos und Konzerte, also Subkultur und Lifestyle. Oder doch: Burschen, Scheitel und Völkis? Wahrscheinlich von allem etwas. Und so verschieden die „Mosaik-Rechte“ inhaltlich daherkommt, so unterschiedlich ist auch ihre Optik. Abgesehen vom Typus [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Hagen Eichberger</em></p>



<p></p>



<p>Was macht die rechte Szene aus? Klar: Metapolitik, Vorträge, Kongresse, Verlage, Bücher und neuerdings Buchmessen – Vorfeldarbeit eben; oder: Demos und Konzerte, also Subkultur und Lifestyle. Oder doch: Burschen, Scheitel und Völkis? Wahrscheinlich von allem etwas. Und so verschieden die „Mosaik-Rechte“ inhaltlich daherkommt, so unterschiedlich ist auch ihre Optik. Abgesehen vom Typus „Parteisoldat“ und „Berufspolitiker“, der sich seit der Nachkriegszeit nur unwesentlich verändert hat, bietet das rechte Milieu eine erstaunliche Bandbreite an Kleidungsstilen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kleidung der Straße</h3>



<p></p>



<p>„Die Glatzen waren nie weg“, erfuhr der geneigte Leser in der <em>taz</em> vom 20. Juni 2024. Der unvermeidliche Andreas Speit durfte dort von „Neonazi-Strukturen um Grevesmühlen“ fabulieren. Einleitend heißt es da: „In Grevesmühlen ist der Oldschool-Look der Rechtsextremen wieder en vogue. Bomberjacke, Army-Hose, Glatze und Springerstiefel.“ Der Artikel ist eine Reminiszenz an die rechte Skinheadszene der 80er- und 90er-Jahre. Genau genommen war die „Army-Hose“ aber meist eine sogenannte „Domestos“-Hose oder Blue-Jeans, hinzu traten zu Bomberjacke, Glatze und Springerstiefeln – wer es sich leisten konnte von Dr. Martens – aber noch die Hosenträger. Und fertig war der Oldschool-Skin. In Deutschland entwickelte sich diese Szene um das Rechtsrockmilieu herum, zeitlich war hier der Höhepunkt in den 90er-Jahren. Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre wichen die Springerstiefel schon öfter einmal Sportschuhen (Sneakers) der Marke New Balance, die Bomberjacke wurde von Harrington-Jacken abgelöst, die Hosenträger verschwanden. Die „Autonomen Nationalisten“ setzten auf ein moderneres Image, die Übergänge zum „Casual-Look“ der rechtsoffenen Fußball- und Hooliganszene waren fließend. Seit der Jahrtausendwende nahm auch die Bedeutung von szenetypischen Tätowierungen zu, damit einhergehend auch Berührungspunkte zur Rockerszene, die sich auch in der (Kleidungs-)Optik – Stichwort: „Kutten“ – niederschlugen. Bis heute ist die nationalistische Szene im Kleidungsstil variabel und demgemäß auch nicht vor Modetrends zurückschreckend, sondern diese für ihre Zwecke aufgreifend. Gerade in der Mischszene von Kampfsport, Rockern, Hooligans und Kameradschaften ist optisch oft nur schwer zu unterscheiden, wer nun welchem politischen Flügel angehört.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Korporierten</h3>



<p></p>



<p>Weniger Wandlung sehen wir hingegen in den farbentragenden Burschenschaften bzw. Korporationen insgesamt – Tradition wird hier groß geschrieben: Bei offiziellen Anlässen wird selbstverständlich das Band der jeweiligen Verbindung mit Stolz getragen, ebenso die für Verbindungen so prägende Studentenmütze. Dazu meist Hemd und Anzug – fertig ist der schneidige Burschenschafter. Nein, nicht ganz. Der aus der Mensur davongetragene Schmiß darf natürlich nicht fehlen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die „Völkis“</h3>



<p></p>



<p>In völkischen Kreisen tragen die Männer meist regionale Trachten, bestehend aus Lederhose, Hemd und Janker oder Zimmermannshosen mit Hemd und variierenden Jacken. Auch jagdliche Kleidung ist nicht selten zu sehen. Den Damen sind Kleider und Röcke vorbehalten. Grundsätzlich wird hier auf die heimatliche Kultur auch in Kleidungsfragen Bezug genommen, wohingegen moderne westliche Gewänder wie die Jeans abgelehnt werden.</p>



<p>Gleichwohl ist beiden letztgenannten „Szenen“ eigen, daß diese nach innen wichtigen Identifikationspunkte – Kleidung und äußeres Erscheinungsbild – oftmals nicht im Alltagsleben getragen werden, sondern eher zu besonderen Anlässen und Festen als Ausdruck der gemeinsamen Sache zelebriert werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Neurechten</h3>



<p></p>



<p>Im Umfeld der Neuen Rechten beobachten wir hingegen Mischformen, ein einheitlicher Szene-Code äußert sich hier nicht über die Kleidung. Gleichwohl: Um die 2010er-Jahre herum gab es aus der rechtsintellektuell-studentischen Szene den kurzzeitigen Versuch, eine Mischung aus burschenschaftlichen und neurechten Kleidungsstilen zu etablieren. Rund um die Modemarke „Pro Patria“, die Polohemden mit an das Verbindungsband angelehnten Stickereien versah, versuchte das neurechte Milieu auch einen rudimentär vereinheitlichten Kleidungsstil zu kreieren. Es blieb aber beim Versuch.</p>



<p>Exotischere Ausdrucksformen gab es in der Geschichte der deutschen Nachkriegsrechten aber selbstredend: Über martialisch und fast unifomiert auftretende Pseudoparteien über Wehrsportgruppen bis hin zu an Pfadfindern orientierten Jugendbünden – die Bandbreite war und ist groß, war oftmals aber nur ein temporäres Phänomen. Kleider machen Leute, aber noch lange keine Rechten. Nichtsdestoweniger tragen szenetypische Kleidung und Äußeres zur Identifikation, aber auch zur Abgrenzung innerhalb des Milieus bei. So war es, und so wird es wohl auch bleiben.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nervenkur mit Hindernissen</title>
		<link>https://dereckart.at/nervenkur-mit-hindernissen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 18:46:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.49-12-166-91.plesk.page/?p=11714</guid>

					<description><![CDATA[von Erich Körner-Lakatos Solange einem nur die anderen auf die Nerven gehen, die Verwandten und Bekannten, der Chor der Frager und Ratgeber, hat das gar keine Bedeutung und ist durchaus normal. Wenn man aber so weit kommt, daß man sich selbst auf die Nerven geht, dann wird es bedenklich. Da empfiehlt es sich, ärztlichen Rat [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Erich Körner-Lakatos</em></p>



<p>Solange einem nur die anderen auf die Nerven gehen, die Verwandten und Bekannten, der Chor der Frager und Ratgeber, hat das gar keine Bedeutung und ist durchaus normal. Wenn man aber so weit kommt, daß man sich selbst auf die Nerven geht, dann wird es bedenklich. Da empfiehlt es sich, ärztlichen Rat einzuholen. Natürlich nicht bei einem, sondern bei mehreren Ärzten mit grundverschiedenen Methoden, denn so kann man sich dann aussuchen, was einem am meisten zusagt.</p>



<p>Der erste Medizinmann, ein strenger, finsterer Spezialist älterer Richtung, untersucht mich derart gründlich und schweigsam, daß mir schon sehr kränklich zumute wird. Dann sagt er geringschätzig: „Ziehen Sie sich wieder an. Vollkommen gesund. Nichts als Stadt- und Kulturmüdigkeit. Sie brauchen psychische Luftveränderung. Geben Sie Ihren Beruf auf, wählen Sie eine rein körperliche Betätigung: Straßenkehrer, Hilfsgärtner oder Scherenschleifer.“</p>



<p>Nachdem ich das für einen angehenden Scherenschleifer ganz respektable Honorar bezahlt habe, fühle ich mich wesentlich leichter, zumindest in der Brieftasche. Mit viel Zuversicht gehe ich einige Häuser weiter zum zweiten Nervenarzt. Ein liebenswürdiger Herr, der mich kaum untersucht, sich alle Zustände erzählen läßt: zunehmende Gereiztheit und Überempfindlichkeit gegen die Außenwelt, besonders gegen Lärm, Musik, Gelächter und überflüssige Gespräche. Worauf er sehr befriedigt nickt: „Stimmt, stimmt. Sie müssen mehr unter Menschen gehen, sich in Vergnügungen stürzen – zum Beispiel ins Theater. Wünsche gute Unterhaltung!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Auf ins Theater – aber nicht in der verschärften Form von Premierenbesuchen</h3>



<p></p>



<p>Alsdann, auf ins Theater! Glücklicherweise ist mir die Kur nicht in der verschärften Form von Premierenbesuchen verordnet worden. Da fühle ich mich immer besonders unbehaglich. Weil die meisten Besucher mit vorgefaßter wohlwollender oder gehässiger Meinung ins Theater kommen. Manche langweilen sich sogar aus Prinzip schon im Voraus. Und alle reden so überlegen feinsinnig und ironisch gescheit, daß man vom Zuhören ganz dumm wird. Eine gewöhnliche, sagen wir dritte oder achtzehnte Vorstellung ist mir viel lieber. Lauter nette, friedliche Menschen, die nur wegen des Stückes, wegen der Aufführung ins Theater kommen und deren Empfänglichkeit umso größer ist, je ermäßigter sie sich die Karten beschafft haben. Wenn man irgendwo als Mitglied eingeschrieben oder sonst wie gut angeschrieben ist, stellt sich ein Theaterbesuch als wahre Mezzie heraus. Soweit es sich um die Karten handelt, aber das ist ja das wenigste.</p>



<p>Denn die Hauptsache sind freilich die kleinen Nebenausgaben. Für das Zerdrücken der Garderobe und die Schwierigkeiten der Ausfolgung am Schluß der Vorstellung wird einem eine Gebühr von zwei, manchmal gar drei Euro berechnet. Macht, wenn man mit Galoschen behaftet ist – ein Herr schützt sein maßgefertigtes Schuhwerk gegen Matsch und Streusalz durch altvaterische Überschuhe aus Gummi –, zumindest fünf Euro aus. Da man doch irgendwo hinschauen muß, kauft man sich das Programmbilderbuch und in der Pause ein Brötchen, das mit dem Vorurteil belegt ist, drei bis vier Euro zu kosten. Dazu ein Schluck Bier. Fazit: Programmheft, kleine Stärkung, Garderobe ergibt – ohne Taxi – ein Theaterkleingeld von an die fünfzehn Euro.</p>



<p>Das Stück hätte mir vielleicht ganz gut gefallen, wenn es mir nur möglich gewesen wäre, mehr davon zu hören. Wäre da nicht ein hinter mir sitzendes Ehepaar. Zwei Menschen, die einander offenbar den ganzen Tag nicht sehen und die das Beisammensein im Theater dazu benützen, um sich während des Spieles über alles gründlich auszusprechen und auszustreiten. Der erste Streit galt Madames Zuspätkommen. Dann ein Zwist: „Alle meine Freundinnen haben schon Pelze mit langen Ärmeln, nur ich muß da frieren. – Das Theater ist doch sehr gut geheizt. – Möglich, aber wenn ich die andern anschaue, dann friere ich“. Im zweiten Akt versuche ich, die Zusammenhänge des auf der Bühne vorgeführten Lustspieles zu erraten: Zwei küssen sich, also wahrscheinlich Liebe, zwei drehen einander gelangweilt den Rücken zu, also bestimmt Ehe. Aber da beginnt es schon wieder hinter mir: „Ist das nicht ihr gewesener Mann? – Nein, das war ihr nächster Scheidungsgrund“.Der eigentliche Konflikt kommt erst im dritten Akt, weil sich das Ehepaar nicht über die Frage einigen kann: Restaurant oder Kaffeehaus. Und so weiter …</p>



<p>Ja, auch im Theater muß man Glück haben. Mit den Sitznachbarn. In der Beziehung habe ich das größte Pech. Immer sitzen hinter mir die schwerhörigsten, mitteilsamsten und begriffsstutzigsten Menschen, machen höchst überflüssige Kommentare und fragen nach jedem Scherz im Laufe der Vorstellung: „Wie war das? Warum lachen denn die Leut‘? Meine Schlußfolgerung: In nächster Zeit meide ich Theater und Neurologen. Das schont Nerven wie Portemonnaie!</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Eine Reise in die Maramuresch</title>
		<link>https://dereckart.at/eine-reise-in-die-maramuresch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Dec 2025 15:46:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.49-12-166-91.plesk.page/?p=11710</guid>

					<description><![CDATA[von Sven Schiszler „Die ungeschminkte Schöne“ Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Sven Schiszler</em></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">„Die ungeschminkte Schöne“</h2>



<p>Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum bezeichnet hat: die Maramuresch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das einfache Leben, ist es hier zu finden?</h3>



<p></p>



<p>Gewiß, vom allgemeinen Wandel der Zeiten blieb auch dieser Landstrich Nordrumäniens an der Grenze zur Ukraine nicht verschont. Wie jede Entwicklung hatte auch die Modernisierung ihre Licht- und Schattenseiten. Zu schätzen weiß man als Autofahrer die mittlerweile recht gut ausgebauten und in Stand gehaltenen Straßen. Vor zwanzig Jahren bewegte man sich mit einer Reisegeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern auf Hauptstraßen, hochkonzentriert, immer den Blick auf die zehn Meter vor dem Auto geheftet: Schlaglöcher, in Durchmesser und Tiefe dazu angetan, Reifen und Achse gleichermaßen zu zerstören, waren keine Seltenheit. Heute fährt man die eintausend Kilometer von Reichersberg im Innviertel nach Wischau (Viseu de Sus) in zwölf Stunden, Achsbruch und Reifenplatzer muß man nicht mehr fürchten.</p>



<p>Die andere Seite der Medaille liegt auf der Hand: Man kann diese Wege nutzen, um bequem ins Land zu reisen, man kann sie aber auch nutzen, um das Land zügig zu verlassen. Rumänien profitiert als Mitglied der Europäischen Union zwar von vielen Förderungen, die neben dem Verkehrswegebau auch in andere Infrastrukturmaßnahmen fließen, doch eine nachhaltige Entwicklung braucht neben Geld auch motivierte Menschen und Arbeitskräfte, und die scheinen dem Land zu fehlen. Die Rumänen, die wir vor und während unserer Reise kennenlernten – allesamt überdurchschnittlich gut ausgebildet – waren bzw. sind Auslandsrumänen aus Österreich, Deutschland, USA und Irland, die während eines Urlaubs ihre alte Heimat besuchten. Sie alle verließen das Land vor Jahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Holzbaukunst in höchster Vollendung</h3>



<p></p>



<p>Wenn es etwas gibt, daß die Maramuresch neben ihrem landschaftlichen Liebreiz auszeichnet, dann ist es die hohe Kunstfertigkeit des Holzhandwerks. Typisch für die Gegend sind insbesondere die Hoftore, die einerseits durch Massivität, andererseits durch detailreiche Schnitzerei beeindrucken. Zwei flankierende Säulen, oft aus ganzen Baumstämmen, eine schindelgedeckte Querverbindung zwischen den beiden Stehern und zwei Torflügel, wobei in einen der beiden oft noch eine Tür eingelassen ist, bilden die Grundstruktur. Kein Zentimeter bleibt dabei unbearbeitet: Von filigranen Zopfmustern über christlich inspirierte Ornamente bis hin zu feinziselierten abstrakten Mustern zeigen die Schnitzer, was sie können. Ein Augenschmaus. Und nicht zuletzt auch Ausdruck kleinbäuerlichen Selbstbewußtseins und nach außen dokumentierter bescheidener Wohlstand, der sich an der Größe des Tores und der Aufwendigkeit der Schnitzarbeiten ablesen läßt. Gerieten wir bei den Hoftoren schon regelmäßig in freudige Erregung ob des handwerklichen Könnens, so verschlug es uns beim Betreten der Klosteranlage Bârsana geradezu die Sprache. Man betritt das auf einer Anhöhe im Iza-Tal gelegene Kloster durch einen monumentalen Torturm, und es eröffnet sich ein Blick auf ein gepflegtes, einige Hektar großes Areal: ein malerischer Teich, mit Weidenflechtwerk eingefriedete Blumenrabatte, dazwischen großzügige Rasenflächen und darin einige große, mehrstöckige aber niemals unbescheiden wirkende Gebäude: allesamt überwiegend aus Holz aufgeführt, manche kombiniert mit Gemäuer aus Feldsteinen. Eine aus Eichenbalken gezimmerte Kirche erreicht mit ihrem filigranen Turm eine Gesamthöhe von 57 Metern. Wir stehen, den Kopf im Nacken, unter einem Vordach und bestaunen die Exaktheit, mit der das Bundwerk ineinander verzinkt und durch Holznägel zusätzlich verbunden ist. Holzbaukunst in höchster Vollendung!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Deutschen werden hier Zipser genannt und leben in der „Zipserei“.</h3>



<p></p>



<p>In Wischau (Viseu de Sus) machten wir uns auf die Spurensuche nach den Zipsern, jenen deutschen Siedlern, die aus der Zips (Slowakei) und aus dem oberösterreichischen Salzkammergut zu Zeiten der Donaumonarchie als Holz- und Bergarbeiter gerufen wurden und eine bedeutende Siedlung gründeten. Noch heute spricht man in dem Städtchen Wischau ganz selbstverständlich von der Zipserei, wenn man jenen Stadtteil meint, der einst überwiegend von Deutschen bewohnt war – die Bezeichnung Zipser hatte sich auf alle Deutschen übertragen, unabhängig von ihrer ursprünglichen Herkunft. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges war auch an diesen Menschen in der Maramuresch nicht spurlos vorübergegangen, ebensowenig die der Nachwendejahre, in der viele der verbliebenen jüngeren Zipser in der Hoffnung auf Arbeit, guten Verdienst und eine bessere Zukunft das von sozialistischer Diktatur gebeutelte Rumänien Richtung Bundesrepublik Deutschland verließen, womit die deutsche Minderheit mit den gleichen demographischen Problemen zu kämpfen hat wie die rumänische Mehrheitsbevölkerung, mit der man im großen und ganzen im guten Einvernehmen steht; nicht zuletzt sind Mischehen zwischen Zipsern und Rumänen oder Ungarn keine Seltenheit mehr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gastfreundschaft im Wassertal</h3>



<p></p>



<p>Wir fahren ein Stück ins malerische Wassertal hinein, das von Wischau Richtung Norden abzweigt. Den Eisenbahnfreunden bekannt durch die Wassertalbahn, die „Mocanita“, eine Schmalspurbahn, die Holz aus dem Tal heraus- und Touristen in das wildromantische Tal hineintransportiert. Entlang der Straße, die sich dem Flußlauf anschmiegt, findet sich, gleichsam wie aufgefädelt, eine lange Reihe von kleinen Höfen. In einem solchen leben Stefan Schiesser und seine Frau Margret, Zipser Originale sozusagen. Wir werden von einem alten Freund der Familie zu den Schiessers „mitgebracht“, man empfängt uns so offenherzig und freundlich, als wären wir Bekannte, die nach langer Zeit wieder einmal den Weg ins Wassertal gefunden hätten. Das kleine Anwesen fällt durch seine Aufgeräumtheit und Sauberkeit auf. An einen kleinen Innenhof, der zur Straße hin durch einen hohen Holzzaun mit Tor abgetrennt ist, schließt sich zur einen Seite die sogenannte Sommerküche, zur anderen Seite das Wohnhaus an, stirnseitig befinden sich ein kleiner Stall und die Scheune. Dahinter die Wiesen und ein überaus großzügiger Gemüsegarten – Selbstversorgung mit Gemüse und Fleisch war insbesondere in sozialistischen Jahrzehnten schlichte Notwendigkeit. Blumenschmuck an den Fenstern, der Boden säuberlich gefegt, der Ziehbrunnen im Hof – noch in Verwendung – durch einen schmucken Holzverbau vor Schmutzeintrag von außen geschützt. Ein kleines Idyll, das eine authentische Wohnsituation – von Elektrifizierung und Wasserinstallation abgesehen – widerspiegelt, wie sie auch vor fünfzig, sechzig oder mehr Jahren bestanden hat. Wir sind begeistert! Bereitwillig zeigt uns der Hausherr, nachdem wir einen hochprozentigen Begrüßungsschluck aus eigener Fertigung zu uns genommen haben, Haus und Hof. Wir dürfen einen Blick in die Sommerküche werfen, besichtigen Kuh- und Schweinestall, die erst seit kurzem – das Ehepaar Schiesser hat bereits die achtzig hinter sich gelassen – als Fahrradgarage dienen, überzeugen uns von der Funktionalität des Ziehbrunnens und geben auf der Wiese unsere Sensenmähkünste zum Besten, die uns eine gewisse Anerkennung verschaffen. Schließlich lassen wir uns bei Gesprächen über Wohl und Ergehen der Zipser im allgemeinen und der Familie Schiesser im besonderen – mittlerweile waren auch Schwiegersohn Otto und Gattin Margret aus Nürnberg eingetroffen – bei der Gartenhütte nieder. Über dieser Unterhaltung ist einiges an Zeit vergangen, als Margret mit einem Topf heißer Mamaliga (Polenta) in der regionaltypischen Zubereitung erscheint und uns zu kräftigem Zulangen auffordert. In Schichten aufgebaut findet sich zwischen den Maisgrießlagen jeweils eine Schicht Käse, obendrauf eine Lage gerösteter weißer Speck, dazu ein kräftiger Schlag Joghurt. Der selbstgebrannte Zuika darf natürlich nicht fehlen. Derart großzügig bewirtet, bieten wir als kleine Gegenleistung unsere Mithilfe für die am nächsten Tag anstehenden Heuarbeiten an.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ostberliner Chronist der Maramuresch</h3>



<p></p>



<p>Als letzte Station unserer Reise besuchen wir noch einen Dokumentarfilmer und Schriftsteller im abgelegenen Valea Vinului (Weintal), das ebenfalls von Wischau Richtung Norden abzweigt. Björn Reinhardt, in Ostberlin aufgewachsen, fand hier seine große Liebe und blieb. In unzähligen Dokumentationen und einem Bildband hat er die Maramuresch und ihre Menschen porträtiert, insbesondere den Bewohnern des Weintales, die auch heute noch ein Leben in der kargen Abgeschiedenheit der Nordkarpaten führen, hat er ein Denkmal gesetzt: mit spürbarer Sympathie für die Menschen, doch völlig frei von romantisierender Verklärung. Als wir nach einer Woche Karpatenaufenthalt in den sehr frühen Morgenstunden die Heimreise antreten, sind wir erfüllt von zahlreichen interessanten Begegnungen mit Menschen, die uns offen und gastfreundlich empfangen haben, und angetan von einer Landschaft, die eine herbe Schönheit kennzeichnet. Und das einfache Leben? Ja, eine Ahnung davon haben wir wohl mitgenommen… </p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die alemannischen Tiroler</title>
		<link>https://dereckart.at/die-alemannischen-tiroler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Dec 2025 11:21:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.49-12-166-91.plesk.page/?p=11699</guid>

					<description><![CDATA[von Fabian Walch Weit verbreitet ist das Wissen, daß sich in Gesamttirol drei Volksgruppen finden: Deutsche, Italiener, Rätoromanen. Weniger bekannt ist hingegen, daß sich dort im Zuge der Völkerwanderung zwei zentralgermanische Volksstämme, die dann Teil der Deutschen wurden, angesiedelt haben. Der Großteil Österreichs war Teil des bairischen Stammesherzogtums und ist entsprechend bairisch geprägt. Im Westen [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Fabian Walch</em></p>



<p></p>



<p>Weit verbreitet ist das Wissen, daß sich in Gesamttirol drei Volksgruppen finden: Deutsche, Italiener, Rätoromanen. Weniger bekannt ist hingegen, daß sich dort im Zuge der Völkerwanderung zwei zentralgermanische Volksstämme, die dann Teil der Deutschen wurden, angesiedelt haben. Der Großteil Österreichs war Teil des bairischen Stammesherzogtums und ist entsprechend bairisch geprägt. Im Westen des kleinen Alpenlandes jedoch siedelten Alemannen. Vorwiegend in Vorarlberg beheimatet gibt es vereinzelt auch Alemannen in Tirol.</p>



<p>Alemannische Tiroler finden sich vorwiegend im Westen des Bundeslandes Tirol, insbesondere im Außerfern in Vils und dem Reuttener Talkessel, dem Tannheimer Tal und im oberen Lechtal. Der Lech bildet allgemein die Grenze zwischen alemannischem und bajuwarischem Siedlungsgebiet. Er fließt von Vorarlberg über das Außerfern ins bairische Schwaben durch Landsberg und Augsburg, bis er bei Marxheim in die Donau mündet. Ab etwa 500 erlebte das Gebiet mehrere Siedelungswellen. Alemannen, Bajuwaren und Walser wanderten in das Tiroler Lechtal und den Talkessel ein, in und um Reutte vorwiegend Allgäuer Siedler. Neben dem Außerfern leben aber auch Alemannen in Teilen des Tiroler Oberlandes, um den Arlberg und in der Region um Galtür, wo Walser zugewandert waren. Das ist noch heute neben der Dialektfärbung auch an den Orts- und Flurnamen erkennbar.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die alemannischen Besonderheiten konnten sich vor allem aufgrund der Tiroler Topographie halten.</h3>



<p></p>



<p>Die oft abgelegeneren Täler wie das Paznauntal begünstigten die Bewahrung von Dialekten und Bräuchen – gleichzeitig führten jedoch Handelswege zu Vermischung. Neben den natürlichen Grenzen wie Bergen und Flüssen kamen aber auch menschengemachte hinzu. Innerhalb von Gerichten, Grafschaften, Pfarren und Bistümern entstanden weitere verschiedene Färbungen. So etwa im Lechtal, wo im oberen und im untersten Teil des Tales sowie im Talkessel der alemannische Einfluß dominiert, während sich im mittleren und im unteren Talabschnitt das Bairische durchsetzte. Kulturell gab es, obwohl zu Tirol gehörig, dennoch starke schwäbische Einflüsse im gesamten Bezirk, da das Außerfern jahrhundertelang zum Bistum Augsburg gehörte. Erstmals erwähnt wird etwa die Pfarre Lechtal 1312. Die Walsersiedlung Galtür war hingegen Teil des Bistums Chur und entsprechend mehr am alemannischen Raum orientiert als an das bairische Inntalgebiet. Erst im Zuge der Säkularisierung wurden die Kirchenprovinzen neu geordnet und den politischen Gegebenheiten angepaßt. Die lange Zugehörigkeit hat jedoch ihre Spuren hinterlassen und vor allem auch Traditionen geprägt, die sich vom restlichen Tirol teils stark unterscheiden.</p>



<p>Der wohl größte Unterschied liegt in der Dialektfärbung. Geschulte Ohren können einen Sprecher, sobald er ein paar Worte spricht, ins entsprechende Tiroler Tal verorten. Besonders auffallend sind die Unterschiede zwischen alemannischen und bairischen Dialekten. Das Außerfern ist stark vom Schwäbisch-Alemannischen geprägt worden, gerade Vils und Reutte sowie das Tannheimer Tal aufgrund der geographischen Nähe zum bairischen Schwaben. Im oberen Lechtal hingegen stammt der Einfluß aus Vorarlberg, der sich über den Hochtannberg und aus dem Walserischen, einer Sonderform des Höchstalemannischen, verbreitet hat. Ein Mischdialekt mit alemannisch-walserischen Relikten findet sich auch im Paznauntal. Im Oberinntal hingegen hört man vorwiegend alemannische Merkmale, die flußabwärts abnehmen.</p>



<p>Das Tiroler Lechtal zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Dialektsituation aus, welche das Tal in drei unterschiedliche Mundarträume unterteilt. Der oberste Talbereich bis einschließlich Steeg und Kaisers gehört zum Höchstalemannischen mit Nähe zum Vorarlbergischen, insbesondere zum Wälderischen. Das mittlere Lechtal von Holzgau bis Stanzach wird dem bairischen Sprachraum zugeordnet. Im untersten Talbereich ab Forchach im Osten bis Lähn herrschen überwiegend schwäbische Mundartkennzeichen vor. Sie gehören der schwäbisch-alemannischen Dialektgruppe an, die Ähnlichkeiten mit den Dialekten des angrenzenden Allgäus aufweisen, vor allem im Talkessel und im Tannheimer Tal. Hier verläuft auch die schwäbisch-bairische Hauptgrenze, die sich etwa von „Daag“, „Wasser“ gegen „Doog“, „Wåssa“ und „däät“ gegen „daat“ (täte) abgrenzt. Das und die lange Zugehörigkeit zum Bistum Augsburg sind die Gründe, warum das Außerfern auch als „Schwäbisch Tirol“ bezeichnet wird. Das obere Lechtal sowie das Lermooser Becken sind wiederum stärker durch den Oberinntaler Dialekt beeinflußt.</p>



<p>Während es im Süden, Osten und im Zentralraum von Nordtirol „ålm/åjm“ (Bergweide) oder „wīsn“ (Wiese) heißt, zeigt sich im Westen mit „ålwe“ und „wīse“ der alemannische Einfluß, wo weiter westlich auch das -e verschwindet („alp“, „wīs“). Je weiter man ins Oberland kommt, desto stärker werden die alemannischen Einflüsse. Weitere Kennzeichen des Tiroler Oberlandes sind „gsejt“ statt „gsågt“ (gesagt) und „it“ statt „nit“ (nicht). Es wird auch eine typisch alemannische Ausdrucksweise verwendet. Im Oberinntal lauten Verkleinerungsformen auf „-le“, „-ele“ und „-eli“, während im übrigen Inntal ein „-l“ angehängt wird. Die Lautgruppen des kurzen „el“ werden im Oberland zu „al“: „Welt“ zu „Walt“ oder „Geld“ zu „Galt“, also vokalisiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das berühmte Tiroler „k“ gilt nur für bairische Tiroler.</h3>



<p></p>



<p>Auch wenn sich Nordtirol nach linguistischen Kriterien in zwei Dialektgruppen gliedern läßt, ist der Übergang zwischen den Dialekten doch fließend. In Gebieten wie Galtür oder dem Oberlechtal gibt es Mischmundarten, die eine Durchlässigkeit der Sprachgrenze zeigen. Diese Dialekte kombinieren sowohl bairische als auch alemannische Elemente, wobei zumeist ein Einfluß dominiert. Ein Merkmal zur Unterscheidung ist die Aussprache von Zwielauten wie „au“ oder „ei“. So sagt man in bairischen Dialekten „Haus“, im Alemannischen hingegen spricht man vom „Huus“. Zudem sind die Vokale oft offener, und auch das berühmte Tiroler „k“ gilt nur für bairische Tiroler, die es viel härter als „kch“ aussprechen. Blicken wir auf die Grammatik, fällt zudem auf, daß alemannische Dialekte häufiger den Einheitsplural wie im Schwäbischen verwenden, während bairische Dialekte unterschiedliche Formen haben. Es finden sich aber auch lexikalische Besonderheiten. Die „­Gluuf/Glufa“ für Sicherheitsnadel im Tiroler Alemannischen ähnelt stark der schweizerdeutschen „Glufe“ oder schwäbischen „Glufa“. Im Wortschatz der bairischen Tiroler finden sich mehr romanische bzw. rätoromanische Einflüsse, während die alemannischen Tiroler schwäbische, schweizerische und walserische Elemente zeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die alemannischen Tiroler haben sich auch eine eigene soziale und kulturelle Identität bewahrt.</h3>



<p></p>



<p>Neben dem Dialekt als Identitätsmerkmal, der oft mit einem starken Lokalpatriotismus einhergeht, haben sich auch besondere Traditionen erhalten, v.a. in abgelegeneren Regionen. Die alemannischen Tiroler verbinden Tiroler Brauchtum mit Elementen der schwäbisch-alemannischen Kultur, was sich etwa in ihren Fasnachtsbräuchen, Perchtenläufen und auch kulinarischen Traditionen zeigt. Etwa die besonderen Lechtaler Trachten zeigen dies eindrucksvoll. Auch wenn viele Bräuche mit dem bairischen Traditionsraum geteilt werden, findet sich immer wieder Alemannisches, das man auch in Vorarlberg, Schwaben oder der Schweiz kennt.</p>



<p>Aber auch in der Mentalität schlägt sich die Stammeszugehörigkeit nieder. Der Oberländer und Außerferner allgemein wie der Alemanne dort im speziellen gilt als kühler und reservierter gegenüber Auswärtigen. Es gibt bspw. den Spruch „bevor man von einer Oberländerin ein Bussi bekommt, bekommt man von einer Unterländerin ein Kind“. Alemannische Tiroler gelten als eher verschlossen und tauen nur langsam auf, sind dann aber sehr gesellig und treuherzig. Zudem gelten sie als besonders fleißig und sparsam, ganz wie ihre schwäbische Verwandtschaft. Daneben findet man auch freundschaftlich-neckisch Sonderbezeichnungen: Etwa „Gealrubeler“ für Bewohner am Arlberg wegen deren Karottenanbaus, „Zipflkappa“ für Lermooser wegen deren besonderen Zipfelwollmützen oder „Awighackte“ für die Bewohner der Außerferner Bezirkshauptstadt Reutte wegen ihres markanten Dialektes.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Beide Gruppen sind stolze Tiroler – Deutsche ohnehin.</h3>



<p></p>



<p>Die alemannischen Tiroler zeichnen sich also mannigfaltig durch ihre sprachlichen und kulturellen Verbindungen zum alemannisch-schwäbischen Raum aus, die sich von den überwiegend südbairischen Dialekten und Traditionen des restlichen Tirols abheben. Ihre Dialekte sind geprägt von diversen alemannischen Einflüssen, und ihre geographische Lage sowie die historische Verbindung zum südwestdeutschen Raum verstärken diese Eigenheiten. Trotz der Unterschiede teilen sie aber die starke regionale Identität und die Heimatliebe, die ganz Tirol prägen. Beide Gruppen sind stolze Tiroler – Deutsche ohnehin. Immerhin wird von allen in der ersten Strophe des Andreas-Hofer-Liedes, der Tiroler Landeshymne, inbrünstig gesungen: „Es blutete der Brüder Herz, ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz“. </p>



<p><em>Über den Autor:</em></p>



<p><em>Fabian Walch, Jahrgang 1989, zog es nach seinem Studium der Geschichtswissenschaften an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck in die Politik. Er arbeitet zudem als Autor und hält Vorträge in den Bereichen Geschichte, Politik und politische Philosophie.</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
