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	<title>Kultur &#8211; Der Eckart</title>
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	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
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	<title>Kultur &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Franz Spunda und Der Herr vom Hradschin</title>
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		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 11:49:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Autorenporträt]]></category>
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					<description><![CDATA[von Christoph Fackelmann Sudetendeutsche Literatur Auch für die Literaturgeschichtsschreibung erlangt der Begriff des Sudetendeutschen erst spät Bedeutung, und seine Verwendung ist sich dann meist des durchaus heterogenen Charakters jener Landschaften bewußt, die er auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht. Nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Reiche folgt dies dem Antrieb, [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Christoph Fackelmann</em></p>



<p></p>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">Sudetendeutsche Literatur</h3>



<p></p>



<p>Auch für die Literaturgeschichtsschreibung erlangt der Begriff des Sudetendeutschen erst spät Bedeutung, und seine Verwendung ist sich dann meist des durchaus heterogenen Charakters jener Landschaften bewußt, die er auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen versucht. Nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der Reiche folgt dies dem Antrieb, den politisch nunmehr ins Hintertreffen geratenen deutschen Volksgruppen in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien durch die Stärkung ihrer nationalkulturellen Identität ein einigendes Fundament zu geben.</p>



<p>Das machen die nun sich häufenden Darstellungen einer „sudetendeutschen Literatur“ mit unterschiedlichem Nachdruck, aber doch einhellig deutlich. Einschlägige Studien und Monographien legen u. a. Rudolf Wolkan (1925), Josef Mühlberger (1929) und Adalbert Schmidt (1938) vor, und auch für Josef Nadlers ebenso beeindruckende wie fragwürdige <em>Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften </em>(ab Bd. II der 2. Auflage, 1923) sowie für den abschließenden Band der repräsentativen <em>Deutsch-österreichischen Literaturgeschichte</em> von Nagl, Zeidler und Castle (1937) spielt der Begriff eine wichtige Rolle. Wenn er mitunter sogar rückwirkend auf weiter zurückliegende Epochen angewandt wird, so behält er doch seine vorrangige Stoßkraft in Richtung auf die Verhältnisse der Zwischenkriegszeit.</p>



<p>Schmidts Buch <em>Die sudetendeutsche Dichtung der Gegenwart</em> bietet rund ein halbes Jahr vor der Annexion der sudetendeutschen Gebiete durch Hitler-Deutschland eine Definition an, die schon stark von kollektivistischer Engführung geprägt ist: „Die sudetendeutsche Dichtung ist erst durch die weltgeschichtliche Wende des großen Krieges zu dem geworden, was sie heute ist: eine schicksalhaft bestimmte Schaffensgemeinschaft, die im Gral des Volkstums die ewigen Werte der Menschheit hütet.“ Den völkischen Kausalismus, der in einer solchen Formel zum Ausdruck gelangt, versuchen die späteren sozial- und systemgeschichtlich orientierten Ansätze zu entkräften. Nach der durch die Nachkriegsvertreibung erzeugten gewaltsamen Umformung der Region wollen sie das Sudetendeutschtum nur noch als Erfindung des nationalistischen Zeitalters gelten lassen und die Phänomene selbst in einen vielbezüglichen mitteleuropäischen Kosmos mit multi- und transnationalen Verstrebungen gliedern.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist.</h3>



<p></p>



<p>Wahrscheinlich wird erst dann ein Schuh aus der Auseinandersetzung um den Begriff in der Literaturwissenschaft, wenn man Sprache, Literatur und Dichtung grundsätzlich nicht nur als sublimierten Ausfluß, sondern als einen wesentlichen Träger, als genuinen Schöpfer geschichtlicher und somit auch ethnokultureller Wirklichkeit versteht und würdigt. Volk ist erst kulturelle Realität, wenn es durch Sprache und Kunst gegangen ist und darin sein Bild erhält und bewahrt; umgekehrt verflüchtigt es sich im geistlosen Reich der Bio- und Soziologie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Geschichte und Geheimnis</h3>



<p></p>



<p>So kommt man auch näher an die Geheimnisse heran, die bestimmte sprachkünstlerische Äußerungsformen in bestimmten Sprach- und Literaturlandschaften zu bestimmten Zeiten auffällig an Gewicht und Gestalt gewinnen lassen. Für die deutschböhmische und die deutschmährische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jh., also der sudetendeutschen Ära im engeren Sinn, betrifft das zum Beispiel besonders fruchtbare Traditionen des historischen und des phantastischen Erzählens. Ursachen für den Aufschwung dieser Genres, die oft auch in höchst bemerkenswerten Vermischungen auftreten, wird man in dem leicht begreiflichen Verlangen erblicken können, dem Woher und Wohin der unsicher und unklar gewordene Lage entlang von historischen Stoffen nachzusinnen. Die starke Präsenz des Grotesk-Phantastischen, des Spukhaften, des Mystischen und Mythischen führt man gern auf die Aura der Grenze zurück, an der sich die Einflußsphären einander eigentlich fremder Zugänge zum Übernatürlichen und Dämonischen schöpferisch berühren und durchdringen. Solche im weitesten Sinne völkerpsychologischen Motivationen tragen vor allem dann, wenn man sie als Teil der Arbeit an der geistigen Gestalt der sudetendeutschen Kulturregion begreift, mit der diese uns heute noch, gleichsam post mortem, vor Augen tritt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Franz Spunda – von Olmütz nach Athos</h3>



<p></p>



<p>Die Dichtung sudetendeutscher Schriftsteller scheint also zu manchen Vorlieben prädestiniert, die sich zumindest teilweise aus dem landschaftlichen Gefüge, spezifischen Kollektiverfahrungen und Überlieferungen und wohl auch aus dem vieldeutigen Fluidum der Grenze erklären. Einer der namhaftesten Autoren solchen Zuschnitts war der Deutschmährer Franz Spunda (1890–1963). In seinem erzählerischen Schaffen verschmolzen das Historische und das Phantastische, Mythopoesie und Geschichtsdeutung zu einer eigentümlichen Legierung. Das vollzog sich bei ihm mit vielen Brüchen, Wendungen und Widersprüchen, was ihn mit älteren Landsleuten wie Robert Michel (1876–1957), Karl Hans Strobl (1877–1946), Hans Watzlik (1879–1948) oder Walter von Molo (1880–1959) verband. Auch E. G. Kolbenheyer (1878–1962), der in Karlsbad aufwuchs, zeigt solche Züge, wenn er auch mit seinem Erzählwerk gleich einen ganzen weltanschaulichen Systembau verknüpft. Wie bei den meisten dieser vielschreibenden Schriftsteller gehorcht auch in Spundas Schaffen bei weitem nicht alles höchsten ästhetischen Ansprüchen.</p>



<p>Spundas Romane der 1920er-Jahre stehen im Zeichen von Magie, Alchemie und Nekromantik. Sie werden von programmatischen Schriften begleitet, die dem Dichter die Rolle eines Mystagogen zuweisen, der maßgeblich an der Überwindung des Transzendenzverlustes in der modernen Welt mitzuwirken habe (<em>Der magische Dichter</em>, 1923). Die späteren historischen Erzählungen und Romane geben den expressionistischen Erlösungsfuror auf, bleiben aber dem von allerlei theosophischen und gnostischen Lichtern umspielten Grundimpuls treu: Sie verfolgen die Träger hermetischer Überlieferung durch unterschiedliche Epochen und zu unterschiedlichen Kulturen und Völkern des Abendlands. In der Mitte der 30er-Jahre kann das religiöse Geheimnis bei Spunda nicht nur von außergewöhnlichen, gottsucherisch veranlagten Individuen, sondern auch von einem ganzen Volk durch die Wirren der Geschichte getragen werden (v. a. in der sog. Westgotentrilogie, 1936–38). In dieser Zeit steht der Autor bis zu einem gewissen Grad im Bann des Nationalsozialismus, wenngleich er diesen auf bezeichnende Weise undogmatisch auslegt und mißversteht.</p>



<p>Ein wichtiges Bindeglied zwischen dem frühen und dem späteren Erzählschaffen bilden kulturphilosophische Schriften, insbesondere eine spannende Studie über Paracelsus (1925, Neufassung 1941), und vor allem literarische Reiseschilderungen aus Griechenland, Kleinasien und Ägypten (u. a. <em>Griechische Reise</em>, 1926, Neufassung 1938). Das Griechenlanderlebnis, konsequent als „Fahrt zu den alten Göttern“ mystifiziert, wird dem Autor zum entscheidenden Durchbruch zu sich selbst. Auch Lyrik, Dramatik und Übersetzungen, darunter eine staunenswerte Ossian-Ausgabe (1924), gehören zum umfangreichen und verzweigten Gesamtwerk. Insgesamt läßt sich erkennen, daß dieses trotz allem von einer ideellen Klammer zusammengehalten wird, die sich mit symbolischen Orten der Lebensgeschichte markieren läßt: Sie ist aufspannt zwischen Heiligenberg, der Marienwallfahrtsstätte in der mährischen Heimat, und dem heiligen Berg Athos, dessen mönchischem Reich Spunda mehrere autobiographisch fundierte Bücher widmet.</p>



<p>Der Schriftsteller ist der Sohn eines Schneidermeisters am fürsterzbischöflichen Seminar von Olmütz. Dieser war wohl als Waise germanisiert worden, also ursprünglich hannakisch aufgewachsen. Die Mutter stammte aus einer deutschen Tuchmacherdynastie in Odrau. Die Familie blieb bis zum Heimatverlust 1945 in Olmütz ansässig, während der Autor selbst nach der Teilnahme am Krieg im Osten und einer Supplentenzeit in Mährisch-Ostrau seit Herbst 1918 als Gymnasialprofessor in Wien wirkte. Während längerer Aufenthalte in Berlin, München und Paris hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits Eingang in okkultistische Kreise gefunden und mit dem systematischen Studium der Geheimwissenschaften begonnen. Geprägt von der katholischen Frömmigkeitskultur seiner Jugend verband sich damit bei ihm jedoch gerade keine Absage an das Christentum.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Karl IV. als Romangestalt</h3>



<p></p>



<p>Es verwundert bei dem weitausgreifenden Gestus von Spundas Schaffen nicht, daß Stoffe aus der Geschichte seiner Heimat darin nicht vorherrschen. Sie kehren aber doch immer wieder. Von besonderer Bedeutung ist in dieser Hinsicht das 1942 erschienene Buch <em>Der Herr vom Hradschin</em>, das im Untertitel als „Roman Kaiser Karls IV.“ ausgewiesen wird. Das ist durchaus doppeldeutig zu verstehen: Es handelt sich um eine Biographie des großen Luxemburgers mit fiktionalen Mitteln, die zugleich deutliche Züge einer wirklichen biographischen Fiktion trägt.</p>



<p>Wichtig ist dieser Roman vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil das differenzierte Fürstenporträt, das er entwirft, die Gestalt eines Herrschers entwickelt, der nicht kraft kriegerischer Unternehmungen und mit autokratischen Mitteln seine Ziele verfolgt. Vielmehr wirkt er durch geduldige Diplomatie, durch den Ausgleich zwischen nationalen, religiösen und machtpolitischen Interessen und durch eine entschiedene Förderung der Wissenschaften und Künste zum Wohl seines Hauses, zum Segen seiner geliebten böhmisch-mährischen Heimat und zum Vorteil des politischen Ganzen.</p>



<p>Damit zusammenhängend kann der Roman zweitens als Beispiel für ein dissidentes Schreiben über Geschichte aufgefaßt werden, wie es sich auf dem Höhepunkt der Hitler-Diktatur über Mitteleuropa innerhalb des nationalsozialistischen Machtbereiches wohl nur in sehr wenigen deutschsprachigen literarischen Texten in ähnlich offener Art und Weise manifestierte. Gemeinsam mit einigen kleineren Erzählungen und Erinnerungsskizzen, etwa der ebenfalls 1942 veröffentlichten und bis heute lesenswerten Geschichte <em>Der Sang aus der Tiefe</em>, die im besetzten Olmütz während des Schwedenkrieges spielt, repräsentiert er die zu jener Zeit markant unter Beweis gestellte Sympathie Spundas für die tschechisch-slawische Geschichte, Sprache und Volkskultur, ein Naheverhältnis, das ihm gewissermaßen in die Wiege gelegt worden war.</p>



<p>Anders als für die tschechische Nationalliteratur zählt Karl IV. (1316–1378) in der deutschen Literaturgeschichte keineswegs zu den besonders beliebten Gestalten des historischen Romans. Aus dem Epochenumfeld Spundas dürfte nicht leicht ein zweites Erzählwerk zu nennen sein, in dessen Mittelpunkt er steht. Dabei erlebten die Gattung selbst und auch die spätmittelalterliche Übergangszeit, der die Gestalt des Kaisers angehört, gerade in diesen Jahrzehnten eine Konjunktur. Sie waren diesseits und jenseits der „Inneren Emigration“ ein bevorzugtes Feld, um in der Verkleidung einer künstlerischen Halbfiktion gegenwartsrelevant in brisante weltanschauliche, geschichtsphilosophische und politisch-gesellschaftliche Diskurse einzugreifen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der maßvolle Herrscher</h3>



<p></p>



<p>Spundas Karl IV. ist keine der zeittypischen unfehlbaren Führerfiguren mit charismatischer Aura. Das gelassene, episodisch ausleuchtende, hier und da mit chronikalen Einsprengseln aufwartende Erzählverfahren arbeitet nicht nur die großen Verdienste des Sprößlings aus der folgenreichen dynastischen Verbindung der letzten Přemysliden-Tochter Elisabeth und des Luxemburgers Johann von Böhmen heraus. Der Roman lebt u. a. von dem relativ unvermittelten Wechsel widersprüchlicher Wertungsperspektiven. Er skizziert daher auch Karls Schwächen, die Brüche in seiner von mancherlei ungünstigen Vorzeichen und schwelenden Konflikten geprägten Entwicklung, die Folgen der Verpflanzung des Kindes Wenzel nach Frankreich, wo es, symbolisiert in der Firmung auf den Namen Karl, seine Identität einzubüßen droht, das Leiden an der frühen, gewaltsamen Trennung von der unglücklichen Mutter, die Auseinandersetzung mit dem unduldsamen, manipulativen Vater, kurz: die „innere Zerrissenheit“, die ein bleibendes Charaktermerkmal des Fürsten darstellt.</p>



<p>Sie wird, typisch für Spunda, auch als Ergebnis eines lebenslangen religiösen Suchens und Fragens sowie mythischer Einflüsse (die rätselhafte Anwesenheit der „Libuscha“) und mystischer Erlebnisse gedeutet. Karl offenbart schon früh eine „träumerische“ Ader; er sieht sich innerlich zum „Gärtner“, nicht zum Kriegsherrn und Herrscher berufen. Er lebt in der Welt slawischer Märchen und Legenden, interessiert sich für Wissenschaft und Kunst und sucht nach Denkmälern und Zeugnissen des Altertums. Doch erwächst aus dem Umgang mit den Selbstzweifeln und der inneren Unruhe seine eigentliche Größe: Er verschreibt sich der Stiftung von Frieden und Wohlfahrt in Böhmen wie im Reich, setzt auf Ordnung, Gerechtigkeit, Demut und Maß, entfaltet ein besonnenes Verwaltungs- und Wirtschaftsregime und verleiht seinen intuitiven, musischen Anlagen Ausdruck in der unvergleichlichen Bautätigkeit, die er vor allem seiner Hauptstadt Prag, dem „neuen Rom des Nordens“, zuteil werden läßt.</p>



<p>Die Klarheit und Deutlichkeit, mit der der Roman der Friedensliebe, Aufgeschlossenheit und Völkerverständigung das Wort redet und insbesondere – immer wieder auch mit tschechischer Begrifflichkeit – das untrennbare Mit- und Ineinander der deutschen und slawischen Böhmen statuiert, mutet vor dem Entstehungshintergrund kühn an. Folgt man dem Selbstzeugnis des Autors, so war es in der Tat sein erklärtes Ziel, „die Versöhnungspolitik Kaiser Karls IV. als Gegenbeispiel zur Vernichtungspolitik Hitlers den Tschechen gegenüber“ aufzurichten. Nicht zu übersehen ist das utopische Potential der Geschichtserzählung, das um eine christliche Idee vom „Reich“ kreist, welche die Klammer für das Zusammenleben der Slawen und der Deutschen bildet und letztlich als metaphysische Aufgabe und als Wunder begriffen wird: „(…) im Osten konnte Böhmen allein mit allen Reichsfeinden fertig werden. Doch nur unter einer Bedingung: Der Deutsche muß den Slawen verstehen und umgekehrt. Solange der Deutsche für diesen stumm war, ein němec, war ein Aufgehen der slawischen Völker im Reichsgedanken unmöglich. Er durfte ihm nicht als hoffärtiger Herr entgegentreten, sondern sollte sich wie ein verständnisvoller Hausvater in dessen Seele einleben. Nur so ist der Osten zu halten.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen Herrschers entgegengestellt.</h3>



<p></p>



<p>Der Wechsel vom Präteritum zum Präsens im zitierten Passus bildet, auch im Kontext der keineswegs historisierenden, sondern immer wieder betont heutigen Sprache des Erzählens, eine deutliche Botschaft an die Gegenwart. Der gewaltsamen Okkupationspolitik mit dem Drohhorizont nationalsozialistischer Germanisierungsstrategien wird das Bild des friedliebenden, versöhnlichen, dabei aber hellsichtigen und zielstrebigen Herrschers entgegengestellt. In dessen Brust erscheint gleichsam stellvertretend das „Ringen“ zwischen slawischem und deutschem „Blut“ ausgetragen – und produktiv gemacht. Nicht als „Wüterich“, Vernichter und Unterwerfer möchte Karl auftreten, sondern als behutsamer Neuerer, aus den alten Überlieferungen schöpfend, neue, dauerhafte Ordnungen schaffend. Oft sieht er sich – wie in dem Bestreben, das Tschechische neben dem Deutschen zur verpflichtenden Sprache des Reichsadels zu erheben – auf Rückschläge und Kompromisse verwiesen.</p>



<p>Der Roman trägt vielerlei Spuren der chaotischen, unausgegorenen Ära seines Hervortretens an sich. Er ist kein schlackenloses Werk der „Höhenkammliteratur“. Aber durch seine außergewöhnliche Stellung in der Situation des Weltkrieges und der Protektoratsjahre fasziniert er als Entwurf eines aus der gemeinsamen Geschichte der Tschechen und Deutschen bezogenen modernen „Fürstenspiegels“. Was er als politischen Ordnungsgedanken für Mitteleuropa offeriert, folgt natürlich keinem heute geläufigen demokratischen Fortschrittsmodell, sondern reagiert auf den damals intensiv schwelenden Kampf um den Reichsbegriff. Er deutet diesen, antivölkisch, aber dezidiert nicht westlich-diesseitig, als einen im Christlich-Transzendenten gesicherten und in dieses einmündenden Faktor aus dem Zentrum der geistigen Wirklichkeit.</p>



<p>Alles in allem: Wer den vergessenen Autor kennenlernen möchte, dem sei dieses Buch als Eintritt in die Spunda-Welt empfohlen!</p>



<p><strong><em>Der Herr vom Hradschin. Roman Kaiser Karls IV.</em></strong> <strong>(1942)</strong></p>



<p>(Aus den Kapiteln über die Krönung zum König von Böhmen in Prag, 1347, und über die Kaiserkrönung in Rom, 1355)</p>



<p><em>Der Krönung unter den Gerüsten des Veitsdomes fehlte die feierliche Weihe des geschlossenen Raums. Sie glich eher einem Fest im Angesicht des ganzen Volkes, das auf dem Abhang des Hradschins zu Tausenden versammelt war.</em></p>



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<p>Um von überall gesehen zu werden, fand die heilige Handlung auf einer erhöhten Estrade statt. Erzbischof Ernest sang das Amt oben auf einem mit herbstlichen Blumen geschmückten Altar, während der Chor ihm von unten antwortete. Die Königin und ihre Kinder knieten seitlich auf Teppichen. Da eine Orgel fehlte, besorgten die städtischen Pfeifer die Musik. Die Enge des Raumes gestattete keine Entfaltung der geistlichen Assistenz. Die hohen Würdenträger, Bischöfe, Äbte und Prälaten, mußten sich damit begnügen, unterhalb des Aufbaus dem Erzbischof zu respondieren.</p>



<p>Dadurch hatte die Feierlichkeit den Eindruck des Unfertigen, was aber nicht im mindesten die Wirkung auf das Volk verringerte. Unter den Pragern herrschte nur eine Meinung: Jetzt haben wir wieder einen eigenen König, einen der Unsrigen, keinen Fremden. Jetzt werden die goldenen Zeiten des großen Ottokar wiederkehren. Einer hatte das Schlagwort aufgebracht: Auf den bernik folgt jetzt ein zahradnik. Bernik bedeutete „Nehmer“ und war eine Anspielung an die vielen Sondersteuern (berna), die der geldgierige König Johann den Pragern auferlegt hatte. Zahradnik heißt Gärtner.</p>
</div></div>



<p>Als Karl beim Krönungsmahl von dem Beinamen erfuhr, den ihm das Volk gegeben hatte, sprach er lächelnd: „Ein Gärtner. Warum nicht? Aber mein Garten soll größer als Böhmen sein.“</p>



<p>* * *</p>



<p>Nun schritten sie zur Porphyrplatte, wo sich der Kaiser auf einem Thron niederließ. Bertrandi legte ihm den Krönungsmantel um und gab ihm Zepter und Reichsapfel in seine Hände.</p>



<p>Karl war starr und leblos wie ein Götterbild. Die Heiligkeit des Augenblicks hatte in ihm alles Irdische ausgelöscht. Was da geschah, war nicht sein Werk, nicht die Frucht von hundert Ränken seines Vaters, sondern Gottes eigener Wille, der ihn erkoren hatte, um der Welt den Frieden zu bringen. Alles, was er bisher getan, war wohl sein Werk, aber in allem, was er künftighin tun mußte, war Gottes Auftrag. Wo blieb da der kleine Wenzel, was war da sein geliebtes Prag, was waren seine kleinen Nöte?</p>



<p>Nur etwas war da, was der Größe seines Auftrags entsprach: das Reich. Nicht die Summe aller Länder und Städte, aller Ritter und Bürger, sondern etwas, was über ihnen war, ein höheres Ziel, eine göttliche Ordnung, die dem Leben jedes einzelnen erst seinen Sinn und seine Weihe gaben. Seine Böhmen verstanden ihn nicht immer, wenn er davon sprach; sie hielten das Reich nur für ein größeres Böhmen. Daß es vor allem eine geistige Aufgabe war, ahnten die wenigsten unter ihnen.</p>



<p>Und nun saß er da, der vierte Kaiser Karl, im starren Ornat, mit dem Heiligsten geschmückt, was es auf dieser Erde gibt. Karl von Luxemburg, ein Mensch wie jeder andere, und doch der einzige auf der ganzen Erde, der von Gott auserwählt wurde, die Welt nach einem göttlichen Plan zu ordnen.</p>



<p>* * *</p>



<p><strong><em>Mährische Heimat</em></strong></p>



<p>(Aus der Festgabe <em>Daheim in Europa</em> zum 65. Geburtstag des Dichters, 1955)</p>



<p>Zur stillen Heimat an des Gesenkes Rand</p>



<p>Kehrt wieder gern und freundlich mein Herz zurück,</p>



<p>Ein Meer von Ähren, golden im Wiegenwind</p>



<p>Flüstert die Sage des Ostens in Träumen.</p>



<p>O Vätererbe, emsig aus Schweiß und Harm</p>



<p>Erbaut und zähem Kampf um das bloße Brot,</p>



<p>Huldreich und ernst verhangen vom Schwermutsblick</p>



<p>Frommer Legenden und heimlicher Alben!</p>



<p>Urdunkel aus Gräbern der ersten Zeit</p>



<p>Hinüberragend in das Ahnen des Morgenrots,</p>



<p>Das heiß ergreifend die Herzen zusammenschmilzt,</p>



<p>Steht deine Mark zwischen Völkern und Zeiten.</p>



<p>Dein Lied ertönt im lieblichen Mädchenmund,</p>



<p>Ein Lobgesang, der hell wie ein Vogellied</p>



<p>Erklingt und sanft erzitternd in Duft vergeht,</p>



<p>Lied der Geburt, doch auch Lied meines Sterbens.</p>
</div></div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Am Berg und im Berg</title>
		<link>https://dereckart.at/am-berg-und-im-berg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Jan 2026 18:01:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Buch des Monats]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[Herzhafter Hauskalender 2026 Was haben sich die beiden Herausgeber ausgesucht? So fragt man sich als langjähriger Leser des Herzhaften Hauskalenders alljährlich. Längst schon ist es ein Doppeltitel (Böhmen und Mähren, Engel und Teufel usw.) – zuletzt Aussaat und Ernte und heuer: Am Berg und im Berg. Im Berg, das heißt: unter Tage, im Bergwerk, in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="wp-block-heading">Herzhafter Hauskalender 2026</h3>



<p></p>



<p>Was haben sich die beiden Herausgeber ausgesucht? So fragt man sich als langjähriger Leser des <em>Herzhaften Hauskalenders</em> alljährlich. Längst schon ist es ein Doppeltitel (<em>Böhmen und Mähren</em>, <em>Engel und Teufel </em>usw.) – zuletzt <em>Aussaat und Ernte</em> und heuer: <em>Am Berg und im Berg</em>. <em>Im </em>Berg, das heißt: unter Tage, im Bergwerk, in der Grube, schuftend, verschüttet, fieberhaft schürfend, in sagenhaften unterirdischen Höhlen und Reichen. <em>Am</em> Berg: Gipfel, Grate, Gletscher, schwindelerregende Einsamkeit, Lebensgefahr und Höhenrausch. Das Reizvollste an dieser Ausgabe, dies vorweg, ist, daß beide Extreme, Gipfel und Höhle, dem Menschen sowohl größtes Glück als auch größtes Unglück bereithalten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Hannibal zu Georg Klotz, vom Steigerlied zu Friedrich Nietzsche</h3>



<p></p>



<p>Verschüttete Bergarbeiter in einem expressionistischen Drama des österreichischen Schriftstellers Hans Kaltneker, die Arbeitsbedingungen von Kindern als Bergwerksknappen, die verzweifelte Flucht des schwer verletzten Südtiroler Freiheitskämpfers Georg Klotz über’s Gebirge – dagegen das <em>Steigerlied,</em> das die Zunft der Grubenarbeiter zusammenschweißt, Schatzsucherabenteuer, vor allem die schier unerschöpflichen Volksdichtungen und Märchen von den Venedigermännlein, von Rübezahl, von Bergentrückten und sagenhaften Gold- und Edelsteinschätzen finden sich im Berg. Hoch oben ruft Nietzsches „Zarathustra“ aus: „Mit seligen Nüstern atme ich wieder Berges-Freiheit! Erlöst ist endlich meine Nase vom Geruch alles Menschenwesens! Von scharfen Lüften gekitzelt, wie von schäumenden Weinen, niest meine Seele – niest und jubelt sich zu: Gesundheit!“. Hölderlin und Novalis können von einer Erhabenheit dichten, die nahe an das Göttliche heranreicht. Die Nähe des Hochgebirges mit dem Allerhöchsten hat übrigens – ein interessanter Fund – auch Karl May beschrieben. Daß Erich Kästner es sich nicht hat nehmen lassen, eine Reisegruppe früher Alpintouristen auf die Schippe zu nehmen, versteht sich von selbst.</p>



<p>Historisch hat dieser Hauskalender weit ausgegriffen: Der Griff reicht von den Spuren der Alpenüberquerung Hannibals über eine Erfindung Athanasius Kirchners bis zu dem spektakulären damaligen Erfolgs- und heute vergessenen Zukunftsroman <em>Der Tunnel </em>von Bernhard Kellermann.</p>



<p>Im mittleren Teil der Anthologie findet sich gewissermaßen eine kurze Geschichte des Bergbaus: Rudi Pallas leider vergriffenes <em>Lexikon der untergegangenen Berufe</em> schildert fast primitive Gerätschaften und körperliche Schinderei, P.C. Ettighoffers <em>Kohle. Tatsachenbericht über Rohstoff Eins von der Ruhr </em>beschreibt den Bergbau am Anfang des 20. Jh. und wie ein gewaltiger Bohrer sich unter dem Atlantik durchfräst der bereits erwähnte Zukunftsroman.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Spannweite reicht von der Ruhr über das Riesengebirge und die Karpaten bis nach Tibet.</h3>



<p></p>



<p>Konrad Markward Weiß und Caroline Sommerfeld haben aber, wie wir sie kennen, nicht nur Gebirgsschilderungen von den Karpaten bis nach Tibet sowie dem geschichtlichen Wandel des menschlichen Lebens im und am Berg in der Literatur breiten Raum gegeben, sondern ihr Schwerpunkt liegt auf der Sprache. Das <em>Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens</em> von 1927 und Röhrichs <em>Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten</em> aus den 1970er-Jahren bilden nur den Einstieg, denn die Sprachwelt des Berges ist immens reichhaltig. Wagners Stabreime („Wo neuer Schimmer in Schachten sich birgt: Da müssen wir spähen, spüren und graben, die Beute schmelzen und schmieden den Guß, ohne Ruh’ und Rast dem Herrn zu häufen den Hort“) sind grundverschieden von C. F. Meyers realistisch-gläubiger Dichtung („Bald nahe tost, bald fern, der Wasserfall, / Er stäubt und stürzt, nun rechts, nun links verweht, / Ein tiefes Schweigen und ein steter Schall, / Ein Wind, ein Strom, ein Athem, ein Gebet!“) und beide unvergleichbar mit Kafkas absurder Szenerie: „Wir gehen so lala, der Wind fährt durch die Lücken, die wir und unsere Gliedmaßen offen lassen. Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, daß wir nicht singen!“</p>



<p>Der Rezensent empfiehlt den <em>Herzhaften Hauskalender 2026 – Am Berg und im Berg</em> der treuen Leserschaft und allen neugierig Gewordenen: Aufstieg und Abstieg beim Lesen lohnen die Mühe. Und die liebevolle graphische Aufmachung und reichhaltige Bebilderung ist auch diesmal wieder in hohem Maße gelungen. </p>



<p><strong>Konrad Markward Weiß und</strong> <strong>Caroline Sommerfeld (Hg.)</strong><br><strong><em>Am Berg und im Berg</em></strong><br><em>Herzhafter Hauskalender 2026</em><br>Soziales Friedenswerk 2025, geb., 192 S., € 23<br><a href="https://marktplatz.oelm.at/produkt/herzhafter-hauskalender-2026-am-berg-und-im-berg/">Hier Bestellen</a></p>



<p></p>



<p><em>Pius Flusenbruder</em></p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Laibach – Melancholie in der Krain</title>
		<link>https://dereckart.at/laibach-melancholie-in-der-krain/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jan 2026 14:46:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Ronald Friedrich&#160;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Ronald Friedrich&nbsp;Schwarzer , Impresario, Waldgänger und Partisan der Schönheit</em></p>



<p></p>



<p>Geboren in Böhmen zu Crudim in der Pardubitzer Region, von deutscher Muttersprache, Gymnasium in Linz, Studium in Wien, Arbeitsplätze in der Unterkrain, in Istrien und Triest, gestorben im Gasthof „Bayrischer Hof“ zu Laibach und begraben ebendort; ein altösterreichischer Lebensweg. Mit kaiserlichem Stipendium machte er die Ausbildung zum k.u.k. Forstbeamten und brachte es zum Oberaufseher eines Drittels der unterkrainischen Wälder. Mechanik hat ihn aber mehr interessiert, und er hätte – oder hat – die Schiffsschraube erfunden. Doch das ist eine andere Geschichte. Als später Triumph schaffte es sein Konterfei immerhin auf die gute alte 500-Schilling- Note, dort hat ihn jeder gerne gesehen, und das hat ihn bekannt gemacht – Josef Ressel. Im Leben blieb ihm der Erfolg versagt, doch nach seinem Tode gab sein Name dem Hauptumschlagplatz für den Schwarzmarkt in der Nachkriegszeit in Wien den Namen. Der Resselpark zeigt heute noch sein Denkmal.</p>



<p>Im Laibach jenes Josef Ressels wurden vier Sprachen gesprochen: Deutsch, Slowenisch, Italienisch und Ungarisch. Zwischen den Pensionistenmetropolen Graz und Görz fand sich die Stadt in der Mitte, geeignet den Rentnern der k.u.k. Verwaltung ein angenehmes Ausgedinge zu bieten, da schmale Börse und abendländische Kultur in der pulsierenden Reichs-, Haupt- und Residenzstadt nicht zusammengingen. Angenehm ist Laibach, schön gelegen am Fluß, mit brauchbarem Theater, gebaut vom Qualitätsbetrieb Fellner &amp; Helmer, gut essen kann man da, die Weine der Region und das geschätzte Kozelbier befriedigen den Leib, und allzu viel war niemals los, damit die Seele nicht in Aufregung geriete. Das Klima agreabel, die Landschaft amön, das Stadtbild elegant mit einem Zug zum Großen: So zitiert der Dreiflüssebrunnen von Francesco Robba aus 1751 Roms Bernini-Brunnen, gleichsam eine Piazza Navona für Arme. Kaiser Franz Joseph schenkte einem Pensionisten, der keiner werden wollte, dort gar das Schloß Tivoli. Doch Feldmarschall Radetzky, der sich die letzten sechs Jahre seines Lebens daran hätte erfreuen können, zog doch den Dienst in Mailand vor. Bald nach seinem Tode aber war er vor Schloß Tivoli präsent: in einem Bronzedenkmal, das es heute nicht mehr gibt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern.</h3>



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<p>Nie scheint es uns in dieser Welt gegeben, daß Ruhe, Harmonie und Ausgleich dem Menschen für lange Zeit beschieden wären. Schon Ende des 19. Jh. begann der Störenfried Nationalismus die Lebenswirklichkeiten zu verändern. Der Laibacher Dichter und politische Agitator Anton Graf Auersperg, besser bekannt unter seinem Pseudonym Anastasius Grün, erfaßte die Entwicklung der Zukunft der Krain: „Die deutsche Sprache wird hier noch eine gewisse vorübergehende Zeit Bedeutung haben. Dann wird sie diese Funktion verlieren. Und es wird nicht tragischer sein als der Tod eines Greises“.</p>



<p>So sanft sollte es dann doch nicht abgehen. Mit den AVNOJ-Beschlüssen im Zuge des Exzesses des Zweiten Weltkrieges verloren alle im kommunistischen Jugoslawien lebenden Personen deutscher Volkszugehörigkeit alle bürgerlichen Rechte, ihre gesamte bewegliche und unbewegliche Habe wurde beschlagnahmt, und jedwedes Recht, Gerichte zu ihrem Schutze anzurufen, wurde ihnen abgesprochen.</p>



<p>Vorangegangen war dem eine Entwicklung, die gleich einer griechischen Tragödie nicht mehr aufzuhalten war. Als nach dem Erdbeben am Ostersonntag 1895 Künstler und Gelehrte gleich welcher Zunge der gesamten Monarchie sich für den Wiederaufbau der schrecklich zerstörten Stadt Laibach einsetzten, war dieses schon vergebliche Liebesmüh. Sie suchten mit einem Prachtband Geld für den Wiederaufbau aufzutreiben und der bei den Slowenen wegen seiner Unterstützung des deutschen Schulvereines unbeliebte Peter Rosegger rief in einer Reportage über das Erdbeben die beiden Volksgruppen auf, ihren Streit zu begraben: „Deutsche und Slowenen, was soll das kindische Streiten. Ich glaube, das Erdbeben hat die Herzen aufgerüttelt, und die Menschen wissen nun wieder einmal, daß sie zusammengehören. Was die Sprache trennt, soll der Gedanke wieder einen.“ Er wurde nicht gehört.</p>



<p>Es war ein schöner Tag, den ich in Laibach verbrachte, und doch hat der Besuch mich unendlich traurig gemacht. Von k.u.k. Nostalgie, wie sie einem heute in ganz Oberitalien und drüben in Kroatien begegnet, war nichts zu merken. Kaum einer kann hier noch Deutsch, in der Sprache Albions muß ich beim Wirten bestellen, und gerade einmal einen Doppeladler habe ich im Dom gefunden. Sie haben ihn wohl vergessen. </p>



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		<title>(Einschlägige) Kleider machen Leute</title>
		<link>https://dereckart.at/einschlaegige-kleider-machen-leute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 28 Dec 2025 11:10:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Hagen Eichberger Was macht die rechte Szene aus? Klar: Metapolitik, Vorträge, Kongresse, Verlage, Bücher und neuerdings Buchmessen – Vorfeldarbeit eben; oder: Demos und Konzerte, also Subkultur und Lifestyle. Oder doch: Burschen, Scheitel und Völkis? Wahrscheinlich von allem etwas. Und so verschieden die „Mosaik-Rechte“ inhaltlich daherkommt, so unterschiedlich ist auch ihre Optik. Abgesehen vom Typus [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Hagen Eichberger</em></p>



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<p>Was macht die rechte Szene aus? Klar: Metapolitik, Vorträge, Kongresse, Verlage, Bücher und neuerdings Buchmessen – Vorfeldarbeit eben; oder: Demos und Konzerte, also Subkultur und Lifestyle. Oder doch: Burschen, Scheitel und Völkis? Wahrscheinlich von allem etwas. Und so verschieden die „Mosaik-Rechte“ inhaltlich daherkommt, so unterschiedlich ist auch ihre Optik. Abgesehen vom Typus „Parteisoldat“ und „Berufspolitiker“, der sich seit der Nachkriegszeit nur unwesentlich verändert hat, bietet das rechte Milieu eine erstaunliche Bandbreite an Kleidungsstilen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Kleidung der Straße</h3>



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<p>„Die Glatzen waren nie weg“, erfuhr der geneigte Leser in der <em>taz</em> vom 20. Juni 2024. Der unvermeidliche Andreas Speit durfte dort von „Neonazi-Strukturen um Grevesmühlen“ fabulieren. Einleitend heißt es da: „In Grevesmühlen ist der Oldschool-Look der Rechtsextremen wieder en vogue. Bomberjacke, Army-Hose, Glatze und Springerstiefel.“ Der Artikel ist eine Reminiszenz an die rechte Skinheadszene der 80er- und 90er-Jahre. Genau genommen war die „Army-Hose“ aber meist eine sogenannte „Domestos“-Hose oder Blue-Jeans, hinzu traten zu Bomberjacke, Glatze und Springerstiefeln – wer es sich leisten konnte von Dr. Martens – aber noch die Hosenträger. Und fertig war der Oldschool-Skin. In Deutschland entwickelte sich diese Szene um das Rechtsrockmilieu herum, zeitlich war hier der Höhepunkt in den 90er-Jahren. Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre wichen die Springerstiefel schon öfter einmal Sportschuhen (Sneakers) der Marke New Balance, die Bomberjacke wurde von Harrington-Jacken abgelöst, die Hosenträger verschwanden. Die „Autonomen Nationalisten“ setzten auf ein moderneres Image, die Übergänge zum „Casual-Look“ der rechtsoffenen Fußball- und Hooliganszene waren fließend. Seit der Jahrtausendwende nahm auch die Bedeutung von szenetypischen Tätowierungen zu, damit einhergehend auch Berührungspunkte zur Rockerszene, die sich auch in der (Kleidungs-)Optik – Stichwort: „Kutten“ – niederschlugen. Bis heute ist die nationalistische Szene im Kleidungsstil variabel und demgemäß auch nicht vor Modetrends zurückschreckend, sondern diese für ihre Zwecke aufgreifend. Gerade in der Mischszene von Kampfsport, Rockern, Hooligans und Kameradschaften ist optisch oft nur schwer zu unterscheiden, wer nun welchem politischen Flügel angehört.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Korporierten</h3>



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<p>Weniger Wandlung sehen wir hingegen in den farbentragenden Burschenschaften bzw. Korporationen insgesamt – Tradition wird hier groß geschrieben: Bei offiziellen Anlässen wird selbstverständlich das Band der jeweiligen Verbindung mit Stolz getragen, ebenso die für Verbindungen so prägende Studentenmütze. Dazu meist Hemd und Anzug – fertig ist der schneidige Burschenschafter. Nein, nicht ganz. Der aus der Mensur davongetragene Schmiß darf natürlich nicht fehlen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die „Völkis“</h3>



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<p>In völkischen Kreisen tragen die Männer meist regionale Trachten, bestehend aus Lederhose, Hemd und Janker oder Zimmermannshosen mit Hemd und variierenden Jacken. Auch jagdliche Kleidung ist nicht selten zu sehen. Den Damen sind Kleider und Röcke vorbehalten. Grundsätzlich wird hier auf die heimatliche Kultur auch in Kleidungsfragen Bezug genommen, wohingegen moderne westliche Gewänder wie die Jeans abgelehnt werden.</p>



<p>Gleichwohl ist beiden letztgenannten „Szenen“ eigen, daß diese nach innen wichtigen Identifikationspunkte – Kleidung und äußeres Erscheinungsbild – oftmals nicht im Alltagsleben getragen werden, sondern eher zu besonderen Anlässen und Festen als Ausdruck der gemeinsamen Sache zelebriert werden.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Neurechten</h3>



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<p>Im Umfeld der Neuen Rechten beobachten wir hingegen Mischformen, ein einheitlicher Szene-Code äußert sich hier nicht über die Kleidung. Gleichwohl: Um die 2010er-Jahre herum gab es aus der rechtsintellektuell-studentischen Szene den kurzzeitigen Versuch, eine Mischung aus burschenschaftlichen und neurechten Kleidungsstilen zu etablieren. Rund um die Modemarke „Pro Patria“, die Polohemden mit an das Verbindungsband angelehnten Stickereien versah, versuchte das neurechte Milieu auch einen rudimentär vereinheitlichten Kleidungsstil zu kreieren. Es blieb aber beim Versuch.</p>



<p>Exotischere Ausdrucksformen gab es in der Geschichte der deutschen Nachkriegsrechten aber selbstredend: Über martialisch und fast unifomiert auftretende Pseudoparteien über Wehrsportgruppen bis hin zu an Pfadfindern orientierten Jugendbünden – die Bandbreite war und ist groß, war oftmals aber nur ein temporäres Phänomen. Kleider machen Leute, aber noch lange keine Rechten. Nichtsdestoweniger tragen szenetypische Kleidung und Äußeres zur Identifikation, aber auch zur Abgrenzung innerhalb des Milieus bei. So war es, und so wird es wohl auch bleiben.</p>
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		<title>Nervenkur mit Hindernissen</title>
		<link>https://dereckart.at/nervenkur-mit-hindernissen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 19 Dec 2025 18:46:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Erich Körner-Lakatos Solange einem nur die anderen auf die Nerven gehen, die Verwandten und Bekannten, der Chor der Frager und Ratgeber, hat das gar keine Bedeutung und ist durchaus normal. Wenn man aber so weit kommt, daß man sich selbst auf die Nerven geht, dann wird es bedenklich. Da empfiehlt es sich, ärztlichen Rat [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Erich Körner-Lakatos</em></p>



<p>Solange einem nur die anderen auf die Nerven gehen, die Verwandten und Bekannten, der Chor der Frager und Ratgeber, hat das gar keine Bedeutung und ist durchaus normal. Wenn man aber so weit kommt, daß man sich selbst auf die Nerven geht, dann wird es bedenklich. Da empfiehlt es sich, ärztlichen Rat einzuholen. Natürlich nicht bei einem, sondern bei mehreren Ärzten mit grundverschiedenen Methoden, denn so kann man sich dann aussuchen, was einem am meisten zusagt.</p>



<p>Der erste Medizinmann, ein strenger, finsterer Spezialist älterer Richtung, untersucht mich derart gründlich und schweigsam, daß mir schon sehr kränklich zumute wird. Dann sagt er geringschätzig: „Ziehen Sie sich wieder an. Vollkommen gesund. Nichts als Stadt- und Kulturmüdigkeit. Sie brauchen psychische Luftveränderung. Geben Sie Ihren Beruf auf, wählen Sie eine rein körperliche Betätigung: Straßenkehrer, Hilfsgärtner oder Scherenschleifer.“</p>



<p>Nachdem ich das für einen angehenden Scherenschleifer ganz respektable Honorar bezahlt habe, fühle ich mich wesentlich leichter, zumindest in der Brieftasche. Mit viel Zuversicht gehe ich einige Häuser weiter zum zweiten Nervenarzt. Ein liebenswürdiger Herr, der mich kaum untersucht, sich alle Zustände erzählen läßt: zunehmende Gereiztheit und Überempfindlichkeit gegen die Außenwelt, besonders gegen Lärm, Musik, Gelächter und überflüssige Gespräche. Worauf er sehr befriedigt nickt: „Stimmt, stimmt. Sie müssen mehr unter Menschen gehen, sich in Vergnügungen stürzen – zum Beispiel ins Theater. Wünsche gute Unterhaltung!“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Auf ins Theater – aber nicht in der verschärften Form von Premierenbesuchen</h3>



<p></p>



<p>Alsdann, auf ins Theater! Glücklicherweise ist mir die Kur nicht in der verschärften Form von Premierenbesuchen verordnet worden. Da fühle ich mich immer besonders unbehaglich. Weil die meisten Besucher mit vorgefaßter wohlwollender oder gehässiger Meinung ins Theater kommen. Manche langweilen sich sogar aus Prinzip schon im Voraus. Und alle reden so überlegen feinsinnig und ironisch gescheit, daß man vom Zuhören ganz dumm wird. Eine gewöhnliche, sagen wir dritte oder achtzehnte Vorstellung ist mir viel lieber. Lauter nette, friedliche Menschen, die nur wegen des Stückes, wegen der Aufführung ins Theater kommen und deren Empfänglichkeit umso größer ist, je ermäßigter sie sich die Karten beschafft haben. Wenn man irgendwo als Mitglied eingeschrieben oder sonst wie gut angeschrieben ist, stellt sich ein Theaterbesuch als wahre Mezzie heraus. Soweit es sich um die Karten handelt, aber das ist ja das wenigste.</p>



<p>Denn die Hauptsache sind freilich die kleinen Nebenausgaben. Für das Zerdrücken der Garderobe und die Schwierigkeiten der Ausfolgung am Schluß der Vorstellung wird einem eine Gebühr von zwei, manchmal gar drei Euro berechnet. Macht, wenn man mit Galoschen behaftet ist – ein Herr schützt sein maßgefertigtes Schuhwerk gegen Matsch und Streusalz durch altvaterische Überschuhe aus Gummi –, zumindest fünf Euro aus. Da man doch irgendwo hinschauen muß, kauft man sich das Programmbilderbuch und in der Pause ein Brötchen, das mit dem Vorurteil belegt ist, drei bis vier Euro zu kosten. Dazu ein Schluck Bier. Fazit: Programmheft, kleine Stärkung, Garderobe ergibt – ohne Taxi – ein Theaterkleingeld von an die fünfzehn Euro.</p>



<p>Das Stück hätte mir vielleicht ganz gut gefallen, wenn es mir nur möglich gewesen wäre, mehr davon zu hören. Wäre da nicht ein hinter mir sitzendes Ehepaar. Zwei Menschen, die einander offenbar den ganzen Tag nicht sehen und die das Beisammensein im Theater dazu benützen, um sich während des Spieles über alles gründlich auszusprechen und auszustreiten. Der erste Streit galt Madames Zuspätkommen. Dann ein Zwist: „Alle meine Freundinnen haben schon Pelze mit langen Ärmeln, nur ich muß da frieren. – Das Theater ist doch sehr gut geheizt. – Möglich, aber wenn ich die andern anschaue, dann friere ich“. Im zweiten Akt versuche ich, die Zusammenhänge des auf der Bühne vorgeführten Lustspieles zu erraten: Zwei küssen sich, also wahrscheinlich Liebe, zwei drehen einander gelangweilt den Rücken zu, also bestimmt Ehe. Aber da beginnt es schon wieder hinter mir: „Ist das nicht ihr gewesener Mann? – Nein, das war ihr nächster Scheidungsgrund“.Der eigentliche Konflikt kommt erst im dritten Akt, weil sich das Ehepaar nicht über die Frage einigen kann: Restaurant oder Kaffeehaus. Und so weiter …</p>



<p>Ja, auch im Theater muß man Glück haben. Mit den Sitznachbarn. In der Beziehung habe ich das größte Pech. Immer sitzen hinter mir die schwerhörigsten, mitteilsamsten und begriffsstutzigsten Menschen, machen höchst überflüssige Kommentare und fragen nach jedem Scherz im Laufe der Vorstellung: „Wie war das? Warum lachen denn die Leut‘? Meine Schlußfolgerung: In nächster Zeit meide ich Theater und Neurologen. Das schont Nerven wie Portemonnaie!</p>



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		<title>Eine Reise in die Maramuresch</title>
		<link>https://dereckart.at/eine-reise-in-die-maramuresch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Dec 2025 15:46:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Sven Schiszler „Die ungeschminkte Schöne“ Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Sven Schiszler</em></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">„Die ungeschminkte Schöne“</h2>



<p>Daß der Karpatenraum als Kulturraum mit seiner Vielfältigkeit, seinen Landschaften, seinen Menschen und seinen Genüssen immer eine Reise wert sei, daran wird ein vernünftiger Mensch nicht zweifeln. Am Nordhang der rumänischen Karpaten findet sich eine Landschaft, die man wegen ihrer urwüchsigen Dörfer und kleinen Gehöfte einst als riesiges Freilichtmuseum bezeichnet hat: die Maramuresch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das einfache Leben, ist es hier zu finden?</h3>



<p></p>



<p>Gewiß, vom allgemeinen Wandel der Zeiten blieb auch dieser Landstrich Nordrumäniens an der Grenze zur Ukraine nicht verschont. Wie jede Entwicklung hatte auch die Modernisierung ihre Licht- und Schattenseiten. Zu schätzen weiß man als Autofahrer die mittlerweile recht gut ausgebauten und in Stand gehaltenen Straßen. Vor zwanzig Jahren bewegte man sich mit einer Reisegeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern auf Hauptstraßen, hochkonzentriert, immer den Blick auf die zehn Meter vor dem Auto geheftet: Schlaglöcher, in Durchmesser und Tiefe dazu angetan, Reifen und Achse gleichermaßen zu zerstören, waren keine Seltenheit. Heute fährt man die eintausend Kilometer von Reichersberg im Innviertel nach Wischau (Viseu de Sus) in zwölf Stunden, Achsbruch und Reifenplatzer muß man nicht mehr fürchten.</p>



<p>Die andere Seite der Medaille liegt auf der Hand: Man kann diese Wege nutzen, um bequem ins Land zu reisen, man kann sie aber auch nutzen, um das Land zügig zu verlassen. Rumänien profitiert als Mitglied der Europäischen Union zwar von vielen Förderungen, die neben dem Verkehrswegebau auch in andere Infrastrukturmaßnahmen fließen, doch eine nachhaltige Entwicklung braucht neben Geld auch motivierte Menschen und Arbeitskräfte, und die scheinen dem Land zu fehlen. Die Rumänen, die wir vor und während unserer Reise kennenlernten – allesamt überdurchschnittlich gut ausgebildet – waren bzw. sind Auslandsrumänen aus Österreich, Deutschland, USA und Irland, die während eines Urlaubs ihre alte Heimat besuchten. Sie alle verließen das Land vor Jahren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Holzbaukunst in höchster Vollendung</h3>



<p></p>



<p>Wenn es etwas gibt, daß die Maramuresch neben ihrem landschaftlichen Liebreiz auszeichnet, dann ist es die hohe Kunstfertigkeit des Holzhandwerks. Typisch für die Gegend sind insbesondere die Hoftore, die einerseits durch Massivität, andererseits durch detailreiche Schnitzerei beeindrucken. Zwei flankierende Säulen, oft aus ganzen Baumstämmen, eine schindelgedeckte Querverbindung zwischen den beiden Stehern und zwei Torflügel, wobei in einen der beiden oft noch eine Tür eingelassen ist, bilden die Grundstruktur. Kein Zentimeter bleibt dabei unbearbeitet: Von filigranen Zopfmustern über christlich inspirierte Ornamente bis hin zu feinziselierten abstrakten Mustern zeigen die Schnitzer, was sie können. Ein Augenschmaus. Und nicht zuletzt auch Ausdruck kleinbäuerlichen Selbstbewußtseins und nach außen dokumentierter bescheidener Wohlstand, der sich an der Größe des Tores und der Aufwendigkeit der Schnitzarbeiten ablesen läßt. Gerieten wir bei den Hoftoren schon regelmäßig in freudige Erregung ob des handwerklichen Könnens, so verschlug es uns beim Betreten der Klosteranlage Bârsana geradezu die Sprache. Man betritt das auf einer Anhöhe im Iza-Tal gelegene Kloster durch einen monumentalen Torturm, und es eröffnet sich ein Blick auf ein gepflegtes, einige Hektar großes Areal: ein malerischer Teich, mit Weidenflechtwerk eingefriedete Blumenrabatte, dazwischen großzügige Rasenflächen und darin einige große, mehrstöckige aber niemals unbescheiden wirkende Gebäude: allesamt überwiegend aus Holz aufgeführt, manche kombiniert mit Gemäuer aus Feldsteinen. Eine aus Eichenbalken gezimmerte Kirche erreicht mit ihrem filigranen Turm eine Gesamthöhe von 57 Metern. Wir stehen, den Kopf im Nacken, unter einem Vordach und bestaunen die Exaktheit, mit der das Bundwerk ineinander verzinkt und durch Holznägel zusätzlich verbunden ist. Holzbaukunst in höchster Vollendung!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Deutschen werden hier Zipser genannt und leben in der „Zipserei“.</h3>



<p></p>



<p>In Wischau (Viseu de Sus) machten wir uns auf die Spurensuche nach den Zipsern, jenen deutschen Siedlern, die aus der Zips (Slowakei) und aus dem oberösterreichischen Salzkammergut zu Zeiten der Donaumonarchie als Holz- und Bergarbeiter gerufen wurden und eine bedeutende Siedlung gründeten. Noch heute spricht man in dem Städtchen Wischau ganz selbstverständlich von der Zipserei, wenn man jenen Stadtteil meint, der einst überwiegend von Deutschen bewohnt war – die Bezeichnung Zipser hatte sich auf alle Deutschen übertragen, unabhängig von ihrer ursprünglichen Herkunft. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges war auch an diesen Menschen in der Maramuresch nicht spurlos vorübergegangen, ebensowenig die der Nachwendejahre, in der viele der verbliebenen jüngeren Zipser in der Hoffnung auf Arbeit, guten Verdienst und eine bessere Zukunft das von sozialistischer Diktatur gebeutelte Rumänien Richtung Bundesrepublik Deutschland verließen, womit die deutsche Minderheit mit den gleichen demographischen Problemen zu kämpfen hat wie die rumänische Mehrheitsbevölkerung, mit der man im großen und ganzen im guten Einvernehmen steht; nicht zuletzt sind Mischehen zwischen Zipsern und Rumänen oder Ungarn keine Seltenheit mehr.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gastfreundschaft im Wassertal</h3>



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<p>Wir fahren ein Stück ins malerische Wassertal hinein, das von Wischau Richtung Norden abzweigt. Den Eisenbahnfreunden bekannt durch die Wassertalbahn, die „Mocanita“, eine Schmalspurbahn, die Holz aus dem Tal heraus- und Touristen in das wildromantische Tal hineintransportiert. Entlang der Straße, die sich dem Flußlauf anschmiegt, findet sich, gleichsam wie aufgefädelt, eine lange Reihe von kleinen Höfen. In einem solchen leben Stefan Schiesser und seine Frau Margret, Zipser Originale sozusagen. Wir werden von einem alten Freund der Familie zu den Schiessers „mitgebracht“, man empfängt uns so offenherzig und freundlich, als wären wir Bekannte, die nach langer Zeit wieder einmal den Weg ins Wassertal gefunden hätten. Das kleine Anwesen fällt durch seine Aufgeräumtheit und Sauberkeit auf. An einen kleinen Innenhof, der zur Straße hin durch einen hohen Holzzaun mit Tor abgetrennt ist, schließt sich zur einen Seite die sogenannte Sommerküche, zur anderen Seite das Wohnhaus an, stirnseitig befinden sich ein kleiner Stall und die Scheune. Dahinter die Wiesen und ein überaus großzügiger Gemüsegarten – Selbstversorgung mit Gemüse und Fleisch war insbesondere in sozialistischen Jahrzehnten schlichte Notwendigkeit. Blumenschmuck an den Fenstern, der Boden säuberlich gefegt, der Ziehbrunnen im Hof – noch in Verwendung – durch einen schmucken Holzverbau vor Schmutzeintrag von außen geschützt. Ein kleines Idyll, das eine authentische Wohnsituation – von Elektrifizierung und Wasserinstallation abgesehen – widerspiegelt, wie sie auch vor fünfzig, sechzig oder mehr Jahren bestanden hat. Wir sind begeistert! Bereitwillig zeigt uns der Hausherr, nachdem wir einen hochprozentigen Begrüßungsschluck aus eigener Fertigung zu uns genommen haben, Haus und Hof. Wir dürfen einen Blick in die Sommerküche werfen, besichtigen Kuh- und Schweinestall, die erst seit kurzem – das Ehepaar Schiesser hat bereits die achtzig hinter sich gelassen – als Fahrradgarage dienen, überzeugen uns von der Funktionalität des Ziehbrunnens und geben auf der Wiese unsere Sensenmähkünste zum Besten, die uns eine gewisse Anerkennung verschaffen. Schließlich lassen wir uns bei Gesprächen über Wohl und Ergehen der Zipser im allgemeinen und der Familie Schiesser im besonderen – mittlerweile waren auch Schwiegersohn Otto und Gattin Margret aus Nürnberg eingetroffen – bei der Gartenhütte nieder. Über dieser Unterhaltung ist einiges an Zeit vergangen, als Margret mit einem Topf heißer Mamaliga (Polenta) in der regionaltypischen Zubereitung erscheint und uns zu kräftigem Zulangen auffordert. In Schichten aufgebaut findet sich zwischen den Maisgrießlagen jeweils eine Schicht Käse, obendrauf eine Lage gerösteter weißer Speck, dazu ein kräftiger Schlag Joghurt. Der selbstgebrannte Zuika darf natürlich nicht fehlen. Derart großzügig bewirtet, bieten wir als kleine Gegenleistung unsere Mithilfe für die am nächsten Tag anstehenden Heuarbeiten an.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ostberliner Chronist der Maramuresch</h3>



<p></p>



<p>Als letzte Station unserer Reise besuchen wir noch einen Dokumentarfilmer und Schriftsteller im abgelegenen Valea Vinului (Weintal), das ebenfalls von Wischau Richtung Norden abzweigt. Björn Reinhardt, in Ostberlin aufgewachsen, fand hier seine große Liebe und blieb. In unzähligen Dokumentationen und einem Bildband hat er die Maramuresch und ihre Menschen porträtiert, insbesondere den Bewohnern des Weintales, die auch heute noch ein Leben in der kargen Abgeschiedenheit der Nordkarpaten führen, hat er ein Denkmal gesetzt: mit spürbarer Sympathie für die Menschen, doch völlig frei von romantisierender Verklärung. Als wir nach einer Woche Karpatenaufenthalt in den sehr frühen Morgenstunden die Heimreise antreten, sind wir erfüllt von zahlreichen interessanten Begegnungen mit Menschen, die uns offen und gastfreundlich empfangen haben, und angetan von einer Landschaft, die eine herbe Schönheit kennzeichnet. Und das einfache Leben? Ja, eine Ahnung davon haben wir wohl mitgenommen… </p>



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		<title>Die alemannischen Tiroler</title>
		<link>https://dereckart.at/die-alemannischen-tiroler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Dec 2025 11:21:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Fabian Walch Weit verbreitet ist das Wissen, daß sich in Gesamttirol drei Volksgruppen finden: Deutsche, Italiener, Rätoromanen. Weniger bekannt ist hingegen, daß sich dort im Zuge der Völkerwanderung zwei zentralgermanische Volksstämme, die dann Teil der Deutschen wurden, angesiedelt haben. Der Großteil Österreichs war Teil des bairischen Stammesherzogtums und ist entsprechend bairisch geprägt. Im Westen [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Fabian Walch</em></p>



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<p>Weit verbreitet ist das Wissen, daß sich in Gesamttirol drei Volksgruppen finden: Deutsche, Italiener, Rätoromanen. Weniger bekannt ist hingegen, daß sich dort im Zuge der Völkerwanderung zwei zentralgermanische Volksstämme, die dann Teil der Deutschen wurden, angesiedelt haben. Der Großteil Österreichs war Teil des bairischen Stammesherzogtums und ist entsprechend bairisch geprägt. Im Westen des kleinen Alpenlandes jedoch siedelten Alemannen. Vorwiegend in Vorarlberg beheimatet gibt es vereinzelt auch Alemannen in Tirol.</p>



<p>Alemannische Tiroler finden sich vorwiegend im Westen des Bundeslandes Tirol, insbesondere im Außerfern in Vils und dem Reuttener Talkessel, dem Tannheimer Tal und im oberen Lechtal. Der Lech bildet allgemein die Grenze zwischen alemannischem und bajuwarischem Siedlungsgebiet. Er fließt von Vorarlberg über das Außerfern ins bairische Schwaben durch Landsberg und Augsburg, bis er bei Marxheim in die Donau mündet. Ab etwa 500 erlebte das Gebiet mehrere Siedelungswellen. Alemannen, Bajuwaren und Walser wanderten in das Tiroler Lechtal und den Talkessel ein, in und um Reutte vorwiegend Allgäuer Siedler. Neben dem Außerfern leben aber auch Alemannen in Teilen des Tiroler Oberlandes, um den Arlberg und in der Region um Galtür, wo Walser zugewandert waren. Das ist noch heute neben der Dialektfärbung auch an den Orts- und Flurnamen erkennbar.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die alemannischen Besonderheiten konnten sich vor allem aufgrund der Tiroler Topographie halten.</h3>



<p></p>



<p>Die oft abgelegeneren Täler wie das Paznauntal begünstigten die Bewahrung von Dialekten und Bräuchen – gleichzeitig führten jedoch Handelswege zu Vermischung. Neben den natürlichen Grenzen wie Bergen und Flüssen kamen aber auch menschengemachte hinzu. Innerhalb von Gerichten, Grafschaften, Pfarren und Bistümern entstanden weitere verschiedene Färbungen. So etwa im Lechtal, wo im oberen und im untersten Teil des Tales sowie im Talkessel der alemannische Einfluß dominiert, während sich im mittleren und im unteren Talabschnitt das Bairische durchsetzte. Kulturell gab es, obwohl zu Tirol gehörig, dennoch starke schwäbische Einflüsse im gesamten Bezirk, da das Außerfern jahrhundertelang zum Bistum Augsburg gehörte. Erstmals erwähnt wird etwa die Pfarre Lechtal 1312. Die Walsersiedlung Galtür war hingegen Teil des Bistums Chur und entsprechend mehr am alemannischen Raum orientiert als an das bairische Inntalgebiet. Erst im Zuge der Säkularisierung wurden die Kirchenprovinzen neu geordnet und den politischen Gegebenheiten angepaßt. Die lange Zugehörigkeit hat jedoch ihre Spuren hinterlassen und vor allem auch Traditionen geprägt, die sich vom restlichen Tirol teils stark unterscheiden.</p>



<p>Der wohl größte Unterschied liegt in der Dialektfärbung. Geschulte Ohren können einen Sprecher, sobald er ein paar Worte spricht, ins entsprechende Tiroler Tal verorten. Besonders auffallend sind die Unterschiede zwischen alemannischen und bairischen Dialekten. Das Außerfern ist stark vom Schwäbisch-Alemannischen geprägt worden, gerade Vils und Reutte sowie das Tannheimer Tal aufgrund der geographischen Nähe zum bairischen Schwaben. Im oberen Lechtal hingegen stammt der Einfluß aus Vorarlberg, der sich über den Hochtannberg und aus dem Walserischen, einer Sonderform des Höchstalemannischen, verbreitet hat. Ein Mischdialekt mit alemannisch-walserischen Relikten findet sich auch im Paznauntal. Im Oberinntal hingegen hört man vorwiegend alemannische Merkmale, die flußabwärts abnehmen.</p>



<p>Das Tiroler Lechtal zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Dialektsituation aus, welche das Tal in drei unterschiedliche Mundarträume unterteilt. Der oberste Talbereich bis einschließlich Steeg und Kaisers gehört zum Höchstalemannischen mit Nähe zum Vorarlbergischen, insbesondere zum Wälderischen. Das mittlere Lechtal von Holzgau bis Stanzach wird dem bairischen Sprachraum zugeordnet. Im untersten Talbereich ab Forchach im Osten bis Lähn herrschen überwiegend schwäbische Mundartkennzeichen vor. Sie gehören der schwäbisch-alemannischen Dialektgruppe an, die Ähnlichkeiten mit den Dialekten des angrenzenden Allgäus aufweisen, vor allem im Talkessel und im Tannheimer Tal. Hier verläuft auch die schwäbisch-bairische Hauptgrenze, die sich etwa von „Daag“, „Wasser“ gegen „Doog“, „Wåssa“ und „däät“ gegen „daat“ (täte) abgrenzt. Das und die lange Zugehörigkeit zum Bistum Augsburg sind die Gründe, warum das Außerfern auch als „Schwäbisch Tirol“ bezeichnet wird. Das obere Lechtal sowie das Lermooser Becken sind wiederum stärker durch den Oberinntaler Dialekt beeinflußt.</p>



<p>Während es im Süden, Osten und im Zentralraum von Nordtirol „ålm/åjm“ (Bergweide) oder „wīsn“ (Wiese) heißt, zeigt sich im Westen mit „ålwe“ und „wīse“ der alemannische Einfluß, wo weiter westlich auch das -e verschwindet („alp“, „wīs“). Je weiter man ins Oberland kommt, desto stärker werden die alemannischen Einflüsse. Weitere Kennzeichen des Tiroler Oberlandes sind „gsejt“ statt „gsågt“ (gesagt) und „it“ statt „nit“ (nicht). Es wird auch eine typisch alemannische Ausdrucksweise verwendet. Im Oberinntal lauten Verkleinerungsformen auf „-le“, „-ele“ und „-eli“, während im übrigen Inntal ein „-l“ angehängt wird. Die Lautgruppen des kurzen „el“ werden im Oberland zu „al“: „Welt“ zu „Walt“ oder „Geld“ zu „Galt“, also vokalisiert.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das berühmte Tiroler „k“ gilt nur für bairische Tiroler.</h3>



<p></p>



<p>Auch wenn sich Nordtirol nach linguistischen Kriterien in zwei Dialektgruppen gliedern läßt, ist der Übergang zwischen den Dialekten doch fließend. In Gebieten wie Galtür oder dem Oberlechtal gibt es Mischmundarten, die eine Durchlässigkeit der Sprachgrenze zeigen. Diese Dialekte kombinieren sowohl bairische als auch alemannische Elemente, wobei zumeist ein Einfluß dominiert. Ein Merkmal zur Unterscheidung ist die Aussprache von Zwielauten wie „au“ oder „ei“. So sagt man in bairischen Dialekten „Haus“, im Alemannischen hingegen spricht man vom „Huus“. Zudem sind die Vokale oft offener, und auch das berühmte Tiroler „k“ gilt nur für bairische Tiroler, die es viel härter als „kch“ aussprechen. Blicken wir auf die Grammatik, fällt zudem auf, daß alemannische Dialekte häufiger den Einheitsplural wie im Schwäbischen verwenden, während bairische Dialekte unterschiedliche Formen haben. Es finden sich aber auch lexikalische Besonderheiten. Die „­Gluuf/Glufa“ für Sicherheitsnadel im Tiroler Alemannischen ähnelt stark der schweizerdeutschen „Glufe“ oder schwäbischen „Glufa“. Im Wortschatz der bairischen Tiroler finden sich mehr romanische bzw. rätoromanische Einflüsse, während die alemannischen Tiroler schwäbische, schweizerische und walserische Elemente zeigen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die alemannischen Tiroler haben sich auch eine eigene soziale und kulturelle Identität bewahrt.</h3>



<p></p>



<p>Neben dem Dialekt als Identitätsmerkmal, der oft mit einem starken Lokalpatriotismus einhergeht, haben sich auch besondere Traditionen erhalten, v.a. in abgelegeneren Regionen. Die alemannischen Tiroler verbinden Tiroler Brauchtum mit Elementen der schwäbisch-alemannischen Kultur, was sich etwa in ihren Fasnachtsbräuchen, Perchtenläufen und auch kulinarischen Traditionen zeigt. Etwa die besonderen Lechtaler Trachten zeigen dies eindrucksvoll. Auch wenn viele Bräuche mit dem bairischen Traditionsraum geteilt werden, findet sich immer wieder Alemannisches, das man auch in Vorarlberg, Schwaben oder der Schweiz kennt.</p>



<p>Aber auch in der Mentalität schlägt sich die Stammeszugehörigkeit nieder. Der Oberländer und Außerferner allgemein wie der Alemanne dort im speziellen gilt als kühler und reservierter gegenüber Auswärtigen. Es gibt bspw. den Spruch „bevor man von einer Oberländerin ein Bussi bekommt, bekommt man von einer Unterländerin ein Kind“. Alemannische Tiroler gelten als eher verschlossen und tauen nur langsam auf, sind dann aber sehr gesellig und treuherzig. Zudem gelten sie als besonders fleißig und sparsam, ganz wie ihre schwäbische Verwandtschaft. Daneben findet man auch freundschaftlich-neckisch Sonderbezeichnungen: Etwa „Gealrubeler“ für Bewohner am Arlberg wegen deren Karottenanbaus, „Zipflkappa“ für Lermooser wegen deren besonderen Zipfelwollmützen oder „Awighackte“ für die Bewohner der Außerferner Bezirkshauptstadt Reutte wegen ihres markanten Dialektes.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Beide Gruppen sind stolze Tiroler – Deutsche ohnehin.</h3>



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<p>Die alemannischen Tiroler zeichnen sich also mannigfaltig durch ihre sprachlichen und kulturellen Verbindungen zum alemannisch-schwäbischen Raum aus, die sich von den überwiegend südbairischen Dialekten und Traditionen des restlichen Tirols abheben. Ihre Dialekte sind geprägt von diversen alemannischen Einflüssen, und ihre geographische Lage sowie die historische Verbindung zum südwestdeutschen Raum verstärken diese Eigenheiten. Trotz der Unterschiede teilen sie aber die starke regionale Identität und die Heimatliebe, die ganz Tirol prägen. Beide Gruppen sind stolze Tiroler – Deutsche ohnehin. Immerhin wird von allen in der ersten Strophe des Andreas-Hofer-Liedes, der Tiroler Landeshymne, inbrünstig gesungen: „Es blutete der Brüder Herz, ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz“. </p>



<p><em>Über den Autor:</em></p>



<p><em>Fabian Walch, Jahrgang 1989, zog es nach seinem Studium der Geschichtswissenschaften an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck in die Politik. Er arbeitet zudem als Autor und hält Vorträge in den Bereichen Geschichte, Politik und politische Philosophie.</em></p>



<p></p>
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		<title>Conrad Ferdinand Meyer</title>
		<link>https://dereckart.at/conrad-ferdinand-meyer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 18:32:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Leseproben]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) entstammte einer Schweizer Patrizierfamilie aus der Ortschaft Kilchberg bei Zürich. Einige Jahre seiner Jugend lebte er in Lausanne, wo er so gut Französisch lernte, daß er aus der Fremdsprache übersetzte und sich überlegte, französischer Schriftsteller zu werden oder eine akademische Laufbahn als Romanist einzuschlagen. Dies mag als ein [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



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<p>Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) entstammte einer Schweizer Patrizierfamilie aus der Ortschaft Kilchberg bei Zürich. Einige Jahre seiner Jugend lebte er in Lausanne, wo er so gut Französisch lernte, daß er aus der Fremdsprache übersetzte und sich überlegte, französischer Schriftsteller zu werden oder eine akademische Laufbahn als Romanist einzuschlagen. Dies mag als ein erster Hinweis auf das schwankende Gemüt dieses Mannes gelten, der seine innere Zerrissenheit auch in den „unerhörten Begebenheiten“ in der europäischen Geschichte und in der Gegenwart des ausgehenden 19. Jh. wiedergespiegelt sah. Doch bevor er überhaupt zu schreiben begann, mußte er fast vierzig Jahre alt werden. Der Gedichtband <em>Zwanzig Balladen von einem Schweizer</em> erschien 1864, der Stuttgarter Verleger hatte dafür allerdings einen beträchtlichen Finanzierungsbeitrag des wohlhabenden Verfassers verlangt. Meyer war damals noch keineswegs der Großschriftsteller, als der er uns heute erscheint. Wenn er in seiner<em> Autobiographischen Skizze</em> 1876 schreibt, er habe nach Studienversuchen in Literatur und römischem Recht Jahre mit „isolierten Privatstudien“ zugebracht, und er bildete seine „Kenntnisse in den alten Sprachen und der Geschichte aus, zeichnete und machte poetische Versuche“, dann umreißt er damit ziemlich genau seine verlängerte Jugendzeit.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schwere familiäre Vorbelastung</h3>



<p></p>



<p>Leisten konnte er sich diesen Wandel durch eine Erbschaft von dritter Seite und das Vermögen seines Vaters, des Regierungsrates Ferdinand Meyer, den Conrad früh verlor. Die Mutter hätte man vor hundert Jahren hysterisch genannt, heute spräche man vielleicht von einer Borderlinepersönlichkeit, ihr Leben endete im Selbstmord – diese seelische Konstitution vererbte sie ihrem Sohn, der kaum zwanzig Jahre alt war, als er das erste Mal wegen schwerer Depressionen behandelt wurde. Mehrere Jahre hatte er sich oft nur bei Nacht aus dem Zimmer hinausbegeben und Selbstmordgedanken gehegt. Seine Mutter betrachtete ihren Sohn nach erfolglosen Versuchen, ihn zum Jurastudium zu drängen, als totalen Versager.</p>



<p>Der Glaube in Conrad Ferdinands Elternhaus war herrnhutisch-pietistisch, eine besonders strenge Form des Protestantismus’, der damals in der Schweiz teilweise extreme Blüten trieb. Bei Elisabeth Meyer, der Mutter, realisierte er sich in karitativer Werkgerechtigkeit und in weltfeindlicher Askese: Die künstlerischen Neigungen des Sohnes verfolgte sie als ruhmsüchtigen Egoismus und weltliche Eitelkeit unerbittlich. Der junge Mann begab sich auf Anraten von Ärzten schließlich in die Nervenheilanstalt Préfargier am Neuenburgersee, wo er sowohl von seiner Mutter Abstand zu nehmen lernte als auch eine erste Liebe fand. Aber auch diese Romanze wußte die Mutter noch zu torpedieren. Als sie 1856 Selbstmord beging, wurden „Meyer und seine Schwester Elisabeth, genannt Betsy, ein zweites Mal geboren“, wie der Literaturwissenschaftler Wolfgang Ignée es ausgedrückt hat. Conrad Ferdinand und seine Schwester lebten fortan bis zur Heirat des Schriftstellers zusammen. Die Schwester war ähnlich karitativ tätig, wie es die Mutter war, sie blieb ledig, förderte aber auch die Kunst ihres Bruders, indem sie ihm beispielsweise den ersten Autorenvertrag aushandelte und im Alter dessen Werkausgabe betreute.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Hin- und hergerissen zwischen französischem und deutschem Kulturkreis</h3>



<p></p>



<p>Meyers Erzählungen und viele Balladen umkreisen immer wieder die Religionsspaltung und deren unüberbrückbare Tragik – protestantisches Eiferertum war ihm fremd, wohl gewarnt durch das Beispiel seiner Herkunftsfamilie. Da er lange im frankophonen Teil seiner Heimat gelebt hatte, stürzte ihn der deutsch-französische Krieg 1870/71 in einen tiefen Zwiespalt, der erneut von depressiven Episoden begleitet war. Nach dem deutschen Sieg entschied er sich für die deutsche Literatur und wurde darin neben seinem Landsmann Gottfried Keller und dem Österreicher Adalbert Stifter zu einem der größten literarischen Realisten.</p>



<p>„Ich bediene mich der Form der historischen Novelle einzig und allein, um meine Erfahrungen und meine persönlichen Gefühle darin niederzuschreiben. Auf diese Weise bin ich unter einer sehr objektiven und außerordentlich künstlerischen Form in Wirklichkeit ganz individuell und subjektiv“, schrieb er später an seinen Leipziger Verleger. C. F. Meyer prägte eine Spielart des realistischen Prinzips, welche er „objective Kunst“ nannte, und die darin besteht, direkte Wertungen zu vermeiden, die Figuren sich gegenseitig relativieren zu lassen und häufig die Beweggründe ihres Verhaltens auszusparen. Im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen analysierte Conrad Ferdinand Meyer seine Figuren nicht, sondern zog es vor, ihr Bewußtsein in Mienen und Gebärden, Situationen in zitierten historischen oder fiktiven Kunstwerken zu spiegeln und Charaktere durch andere Figuren oft in widersprüchlicher Weise schildern zu lassen.</p>



<p>Bereits in seiner ersten Novelle,<em> Das Amulett </em>(1873), wählte er als höchst dramatischen Stoff die Bartholomäusnacht. Diese heute in den Schulen beliebteste seiner Erzählungen weist zwar bei weitem noch nicht die Virtuosität der späteren Werke auf, aber doch typische Merkmale seines Schreibens, besonders die versteckte, vielfach nicht bemerkte Ironie. Der Held und Ich-Erzähler, ein selbstgerecht bornierter Calvinist, hält sich für einen von der Vorsehung Auserwählten, weil er heil durch die Wirren der Mordnacht kommt. Höchstens der Leser stellt die sich dabei ergebenden Widersprüche fest und daß er sein Leben tatsächlich der liebenden Aufopferung seines Freundes verdankt, eines Katholiken, dessen Vertrauen auf die Hilfe der Gottesmutter vom Erzähler als Aberglaube rundheraus ausgeschlagen wird. Im <em>Jürg Jenatsch</em> (1874 bzw. 1876), stellte der Schriftsteller die sogenannten Graubündner Wirren dar. In dieser Novelle schrieb er „Regionalgeschichte zur Weltgeschichte hinauf“, so Wolfgang Ignée.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Einfachheit, Verknappung der Sprache, volksnaher Ton“</h3>



<p></p>



<p>Conrad Ferdinand Meyers Gedichte, die er selbst liebevoll seine „Sächelchen“ genannt hat, sind ebenfalls realistisch in dem Sinne, daß sie die Motive und Themen entpersönlicht und subjektive Stimmungen in historische, fremdländische und volksliedhafte Formen kleiden. „Der römische Brunnen“ ist eines seiner bekanntesten Gedichte; vom ganz konkreten antiken Wasserspiel sind Übertragungen zu geistigen Gebilden leicht möglich: überquellende Fülle, dialektischer Dreischritt, Lebensstrom. „Eppich“ nimmt den Efeu, der ein altes Haus bedeckt, zum Gegenstand und hüllt die klassische Allegorie – die jungen und alten Blätter der Pflanze dienen als Vergleich zu den dunklen und hellen Elementen des menschlichen Lebens – in einen leichtfüßigen Dialog.</p>



<p>Die vielen, vor allem dem Spätwerk zuzurechnenden Balladen des Dichters kommen sehr oft im Gewand der Historie daher. Gegen den Vorwurf der Theatralik und des Pathos’ bemerkt der bereits zitierte Germanist Wolfgang Ignée – einer Gefahr, die Meyer selbst durchschaut habe – wappnete er sich mit „Einfachheit, Verknappung der Sprache, ja mit einem volksnahen Ton. Auch solche Bemühung hebt Meyer schließlich weit über den Historismus seiner Zeitgenossen (…) und macht ihn zu unserem Zeitgenossen.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tragische letzte Jahre</h3>



<p></p>



<p>1875 heiratete der Dichter Johanna Luise Ziegler (1837–1915), die eine Tochter des Zürcher Stadtpräsidenten Paul Carl Eduard Ziegler war, wodurch Meyer in die „besseren Kreise“ aufstieg. Im Verlauf des Jahres 1877 zog er nach Kilchberg zurück, wo er bis zu seinem Lebensende wohnte. 1879 wurde die Tochter Luise Elisabetha Camilla geboren, die 1936 wie ihre Großmutter Selbstmord beging. Der nun betriebsam schriftstellerisch Tätige hatte sich vorgestellt, er würde auch nach der Eheschließung weiterhin mit seiner Schwester zusammen wohnen, mindestens die jahrzehntelang eingespielte Arbeitsgemeinschaft fortsetzen. Die Gattin unterbrach jedoch wohl aus Eifersucht diese Beziehung, ohne sie ersetzen zu können und setzte, pragmatisch veranlagt wie sie war, einen Vetter als Sekretär für Conrad Ferdinand ein. 1887 begann Meyer an einer rätselhaften Erkrankung zu leiden, die sich als Vorbotin seines späteren Zusammenbruchs deuten läßt. 1892 wurde er in die Heilanstalt Königsfelden im Kanton Aargau eingeliefert, wo eine senile Melancholie diagnostiziert wurde. 1893 nahm die Gattin den geistig und physisch schwer Geschwächten wieder zu sich in ihre Obhut nach Kilchberg, doch nur, damit er noch einige Jahre völlig passiv dahinleben sollte. Bei der Lektüre eines Goethe-Aufsatzes erlöst ihn am 28. November 1898 ein Herzschlag. Meyers Grabstein befindet sich auf dem Kilchberger Friedhof. Sein Wohnhaus beherbergt als „C.-F.-Meyer-Museum“ heute auch das Arbeitszimmer des einstigen Hausbesitzers mit Mobiliar, Bibliothek, Bildern und einigen persönlichen Utensilien.</p>



<p><br><a></a>Conrad (Ferdinand) Meyer, geboren den 12. Oktober 1825 in Zürich, Sohn des Regierungsrathes Dr. Ferdinand Meyer, hat nach Abrede mit einem zweiten, gleichen Familien- und Vornamen tragenden schweizerischen Dichter, um die beständige Verwechslung zu vermeiden, dem eigenen Vornamen den des Vaters beigesetzt. Den Vater verlor er schon 1840 und wurde durch eine fast überzarte Mutter von seltener Liebenswürdigkeit und Begabung erzogen, durchlief dann das Gymnasium seiner Vaterstadt, wo das Fach der deutschen Literatur durch Friedrich Haupt und den gewissenhaften Ettmüller vertreten war, welche beide Meyers Freunde geblieben sind. Hierauf verlebte er ein glückliches Jahr in Lausanne, froh, das ihm wenig zusagende Studium der Jurisprudenz, die als Lebensberuf für ihn vorgesehen war, so lang als möglich hinauszuschieben. Dann, nach bestandenem Maturitätsexamen, machte er sich auf der zürcherischen Universität an das Studium der Pandekten, entdeckte aber bald, daß er dazu keinen Beruf habe, und überließ sich, da sich ihm unter den damaligen Umständen und bei seiner einseitig künstlerischen Anlage keine andere lohnende Lebensaussicht darbot, und bei einem gewissen Mangel an selbstbestimmender Initiative, einer fast gänzlichen Muthlosigkeit. Lange Jahre brachte er in isolierten Privatstudien zu, bildete seine Kenntnisse in den alten Sprachen und der Geschichte aus, zeichnete und machte poetische Versuche, die aber aus Mangel an Berührung mit Vorbildern und Mitstrebenden bei vielleicht glücklichen Motiven in der Ausführung etwas Willkürliches und Unvollendetes behielten. Diese lange Abgeschlossenheit begann zuletzt trotz einer übrigens glücklichen und elastischen Konstitution ungünstig auf seine Nerven zu wirken. Der Rath eines Arztes entriß ihn dieser Lebensweise und den heimischen Verhältnissen. Hier ist der Wendepunkt seines Lebens. Die leichtere Atmosphäre in Lausanne und Genf, wohin er sich zunächst zu den Freunden seiner Familie wandte, und die fast väterliche Aufnahme, die er in dem gastfreien Hause des Geschichtschreibers Ludwig Vulliemin fand, ließen ihn aufthauen. Der raschere Austausch der Gedanken und die neuen geselligen Beziehungen lehrten ihn Seiten seines Wesens kennen, die ihm bis jetzt verborgen geblieben waren. Hier hat er die französische Sprache und Literatur mit Vorliebe studiert, Thierry&#8217;s <em>R</em><em>écits des temps mérovingiens</em> und Anderes in’s Deutsche übersetzt und seine ersten Balladen gedichtet. Dabei verlor er aber etwas vom Gefühl seiner in ihrer Fülle der französischen Knappheit entgegengesetzten Muttersprache, und die Balladen in ihrer ersten Gestalt tragen die Spur dieser zeitweisen Entfremdung an sich. Auch ein längerer Aufenthalt in Paris fällt in diese Zeit. Die Schönheit der Form ging ihm eigentlich erst später auf, als er, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, mit deutschen Freunden in nahe Beziehung trat, sowie durch wiederholte Reisen nach Italien. Das Jahr 1870, unter dessen Inspiration er „Huttens letzte Tage“ schrieb, hat ihn den deutschen Schriftstellern eingereiht.</p>



<p><br><br>(<em>Autobiographische Skizze</em>, 1876)</p>



<p>Endlich tauchte ein Wanderer auf. Aus der westlichen Talschlucht heransteigend, folgte er den Windungen des Saumpfades und näherte sich der Paßhöhe. Ein Bergbewohner, ein wettergebräunter Gesell, war es nicht. Er trug städtische Tracht, und was er auf sein Felleisen geschnallt hatte, schien ein leichter Ratsdegen und ein Ratsherrenmäntelchen zu sein. Dennoch schritt er jugendlich elastisch bergan und schaute sich mit schnellen klugen Blicken in der ihm fremdartigen Bergwelt um.</p>



<p>Jetzt erreichte er die zwei römischen Säulen. Hier entledigte er sich seines Ränzchens, lehnte es an den Fuß der einen Säule, wischte sich den Schweiß mit seinem saubern Taschentuche vom Angesicht und entdeckte nun in der Höhlung der andern den kleinen Wasserbehälter. Darin erfrischte er sich Stirn und Hände, dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete mit ehrfurchtsvoller Neugier sein antikes Waschbecken. Schnell bedacht zog er eine lederne Brieftasche hervor und begann eifrig die beiden ehrwürdigen Trümmer auf ein weißes Blatt zu zeichnen. Nach einer Weile betrachtete er seiner Hände Werk mit Befriedigung, legte das aufgeschlagene Büchlein sorgfältig auf sein Felleisen, griff nach seinem Stocke, woran die Zeichen verschiedener Maße eingekerbt waren, ließ sich auf ein Knie nieder und nahm mit Genauigkeit das Maß der merkwürdigen Säulen.</p>



<p>„Fünfthalb Fuß hoch“, sagte er vor sich hin.</p>



<p>„Was treibt Ihr da? Spionage?“ ertönte neben ihm eine gewaltige Baßstimme.</p>



<p>Jäh sprang der in seiner stillen Beschäftigung Gestörte empor und stand vor einem Graubarte in grober Diensttracht, der seine blitzenden Augen feindselig auf ihn richtete.</p>



<p>Unerschrocken stellte sich der junge Reisende dem wie aus dem Boden Gestiegenen mit vorgesetztem Fuße entgegen und begann, die Hand in die Seite stemmend, in fließender, gewandter Rede:</p>



<p>„Wer seid denn Ihr, der sich herausnimmt, meine gelehrte Forschung anzufechten auf Bündnerboden, id est in einem Lande, das mit meiner Stadt und Republik Zürich durch wiederholte, feierlichst beschworene Bündnisse befreundet ist? Ich weise Euern beleidigenden Verdacht mit Verachtung zurück. Wollt Ihr mir den Weg verlegen?“ fuhr er fort, als der andere, halb verblüfft, halb drohend, wie eingewurzelt stehen blieb. „Sind wir im finstern Mittelalter oder zu Anfang unseres gebildeten siebzehnten Jahrhunderts? Wißt Ihr, wer vor Euch steht?&#8230; So erfahrt es: der Amtsschreiber Heinrich Waser, Civis turicensis.“ „Narrenpossen!“ stieß der alte Bündner zwischen den Zähnen hervor.</p>



<p>„Laß ab von dem Herrn, Lucas!“ ertönte jetzt ein gebieterischer Ruf hinter den Felstrümmern rechts vom Wege hervor und der Zürcher, der unwillkürlich dem Klange der Stimme seewärts sich zuwandte, gewahrte nach wenigen Schritten den mittäglichen Ruheplatz einer reisenden Gesellschaft.</p>



<p>Neben einem aus dunklen Augen blickenden, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchen, das im Schatten eines Felsens auf hingebreiteten Teppichen saß und ausruhte, stand ein stattlicher Kavalier, denn das war er nach seiner ganzen Erscheinung, trotz des schlichten Reisegewandes und der schmucklosen Waffen. Am Rande des Sees grasten die des Sattels und Zaumes entledigten Rosse der drei Reisenden.</p>



<p>Der Zürcher ging, die Gruppe scharf ins Auge fassend, mit immer gewissern Schritten auf den bündnerischen Herrn zu, während ein mutwilliges Lachen die Züge des blassen Mädchens plötzlich erhellte.</p>



<p>Jetzt zog der junge Mann gravitätisch den Hut, verneigte sich tief und begann:</p>



<p>„Euer Diener, Herr Pom&#8230;“, hier unterbrach er sich selbst, als stiege der Gedanke in ihm auf, daß der Angeredete seinen Namen auf diesem Boden vielleicht zu verheimlichen wünsche.</p>



<p>„Der Eurige, Herr Waser“, versetzte der Kavalier. „Scheut Euch nicht, den Namen Pompejus Planta zwischen diesen Bergen herzhaft auszusprechen. Ihr habt wohl vernommen, daß ich auf Lebenszeit aus Bünden verbannt, daß ich vogelfrei und verfemt bin, daß auf meine lebende Person tausend Florin und auf meinen Kopf fünfhundert gesetzt sind und was dessen mehr ist. Ich habe den Wisch zerrissen, den das Thusnerprädikantengericht mir zuzuschicken sich erfrecht hat. Ihr, Heinrich, das weiß ich, habt nicht Lust, den Preis zu verdienen! Setzt Euch zu uns und leert diesen Becher.“ Damit bot er ihm eine bis zum Rande mit dunklem Veltliner gefüllte Trinkschale.</p>



<p>Nachdem der Zürcher einen Augenblick schweigend in das rote Naß geschaut, tat er Bescheid mit dem wohlüberlegten Trinkspruche: „Auf den Triumph des Rechts, auf eine billige Versöhnung der Parteien in altfrei Rhätia, – voraus aber auf Euer Wohlergehen, Herr Pompejus, und auf Eure baldige ehrenvolle Wiedereinsetzung in alle Eure Würden und Rechte!“</p>



<p>„Habt Dank! Und vor allem auf den Untergang der ruchlosen Pöbelherrschaft, die jetzt unser Land mit Blut und Schande bedeckt!“</p>



<p>„Erlaubt“, bemerkte der andere vorsichtig, „daß ich als Neutraler mein Urteil über die verwickelten Bündnerdinge einigermaßen zurückhalte. Die vorgefallenen Formverletzungen und Unregelmäßigkeiten freilich sind höchlich zu beklagen und ich nehme keinen Anstand, sie auch meinerseits zu verdammen.“</p>



<p>„Formverletzung! Unregelmäßigkeit!“ brauste Herr Pompejus zornig auf, „das sind gar schwächliche Ausdrücke für Aufruhr, Plünderung, Brandschatzung und Justizmord! Daß ein Pöbelhaufe mir die Burg umzingelt oder eine Scheuer in Brand steckt, davon will ich noch nicht viel Aufhebens machen. Man hat mich ihnen als Landesverräter vorgemalt und sie so gegen mich verhetzt, daß ich ihnen einen bösen Streich nicht verarge. Aber daß diese Hungerleider von Prädikanten einen Gerichtshof aus der Hefe des Volks zusammenlegen, mit der Folter hantieren und mit Zeugen, die verlogener sind als die falschen Zeugen in der Passion unsers Heilandes, – das ist ein Greuel vor Gott und Menschen.“</p>



<p>(aus <em>Jürg Jenatsch</em>, 1876)</p>



<p>Aufsteigt der Strahl und fallend gießt<br>Er voll der Marmorschale Rund,<br>Die, sich verschleiernd, überfließt<br>In einer zweiten Schale Grund;<br>Die zweite gibt, sie wird zu reich,<br>Der dritten wallend ihre Flut,<br>Und jede nimmt und gibt zugleich<br>Und strömt und ruht.</p>



<p>(<em>Der römische Brunnen</em>, 1882)</p>



<p>Eppich, mein alter Hausgesell<br>Du bist von jungen Blättern hell<br>Dein Wintergrün, so still und streng<br>Verträgt sichs mit dem Lenzgedräng?<br>– „Warum denn nicht? Wie meines hat<br>Dein Leben alt und junges Blatt<br>Eins streng und dunkel, eines licht<br>Von Lenz und Lust! Warum denn nicht?“</p>



<p>(<em>Eppich</em>, 1882)<br><br></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Präsentation der ES 259</title>
		<link>https://dereckart.at/praesentation-der-es-259/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 17 Nov 2025 19:14:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[Sehr geehrte Damen und Herren, am Dienstag, dem 18.November, ab 19.30 Uhr, wird die Eckartschrift 259: Fundamente der Nation. Freiheit, Recht und Bildung bei Johann Gottlieb Fichte. vom Verfasser, dem gf. Klubdirektor der Freiheitlichen Partei Österreichs im Nationalrat, Mag. Alexander Höferl, im Schulvereinshaus, Fuhrmannsgasse 18a, 1080 Wien, vorgestellt. Im Anschluss an die Präsentation findet eine Debatte zum [&#8230;]]]></description>
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<p>Sehr geehrte Damen und Herren, am Dienstag, dem 18.November, ab 19.30 Uhr, wird die Eckartschrift 259: <em>Fundamente der Nation. Freiheit, Recht und Bildung bei Johann Gottlieb Fichte.</em> vom Verfasser, dem gf. Klubdirektor der Freiheitlichen Partei Österreichs im Nationalrat,<strong> Mag. Alexander Höferl</strong>, im Schulvereinshaus, Fuhrmannsgasse 18a, 1080 Wien, vorgestellt. Im Anschluss an die <strong>Präsentation</strong> findet eine Debatte zum Thema „Individuum, Staat und Nation heute“ statt. Danach bietet ein gemütlicher Ausklang mit Imbiss die Gelegenheit zu weiterem Austausch. <br></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Heimkehr nach Görlitz</title>
		<link>https://dereckart.at/heimkehr-nach-goerlitz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Nov 2025 14:12:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Streifzüge]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Friedrich Helbig Es ist Ostern, die Kinder haben Ferien. Die Arbeitskollegen und einige Bekannte „posten“ Bilder vom Urlaub aus fernen Weltgegenden. Wir aber fahren nach Görlitz, in die schlesische Heimat. Die Stadt liegt auf dem 15. Längengrad, dem Bezugsmeridian der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ). Damit ist Görlitz vorgeblich die östlichste Stadt Deutschlands; sie soll in [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Friedrich Helbig</em></p>



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<p>Es ist Ostern, die Kinder haben Ferien. Die Arbeitskollegen und einige Bekannte „posten“ Bilder vom Urlaub aus fernen Weltgegenden. Wir aber fahren nach Görlitz, in die schlesische Heimat. Die Stadt liegt auf dem 15. Längengrad, dem Bezugsmeridian der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ). Damit ist Görlitz vorgeblich die östlichste Stadt Deutschlands; sie soll in Ostsachsen oder der Oberlausitz liegen. Doch Görlitz ist und bleibt eine schlesische Stadt, und sie ist allenfalls die östlichste Stadt der BRD. Denn es gibt einen letzten kleinen Zipfel Schlesien, der trotz Oder-Neiße-Linie in deutscher Staatlichkeit verblieb, erst in der DDR, jetzt in der BRD. „In Verantwortung für Schlesien“ lautete das Motto des Schlesiertreffens von 1995 – diesem Leitsatz bleibe nicht nur ich verpflichtet. Viele Autos haben einen Schlesienaufkleber am Heck. Es gibt das Niederschlesische Kammerorchester, den Niederschlesischen Athletenklub und den Niederschlesischen Fußballverein. Jährlich findet in der Altstadt der Schlesische Tippelmarkt statt. Ein Bäckermeister aus Horka verschickt seine authentischen schlesischen Backwaren per „Online-Shop“ in die weite Welt. Schlesien lebt also in der Bürgerschaft bzw. der Zivilgesellschaft weiter!</p>



<p>Der Weg über 600 Kilometer Autobahn ist weit und kostet Nerven. Doch nach den Reisestrapazen erwartet mich der süße Lohn des Heimatgefühls, welches mich schmunzeln läßt und diese wohlige innere Wärme hervorruft. Wir verlassen die Autobahn an der Abfahrt Görlitz und fahren auf der Bundesstraße die letzten Kilometer; vor uns rechts die Landeskrone, unser Hausberg. Meine Mundwinkel nähern sich den Ohren, die Anspannung weicht der Zufriedenheit. Der schnellste Weg zur Oma läßt uns links abbiegen, Richtung Königshufen – der obligaten DDR-Plattenbausiedlung. Inzwischen fehlen einige Blöcke ganz, andere wurden zurückgebaut, also mehrere Stockwerke abgetragen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum man diese unschönen Bauten erhalten will. In der architektonisch wertvolleren und historisch gewachsenen Innenstadt gibt es noch etliche Straßenzüge, wo sich sanierte und verfallene Gründerzeithäuser abwechseln. Dort ist das DDR-Prinzip „Ruinen schaffen ohne Waffen“ leider noch gut sichtbar. Wir lassen Königshufen hinter uns und erreichen die Zeppelinstraße, an deren Anfang sich rechter Hand das Rot alter Backsteingebäude zeigt – das Görlitzer Krankenhaus. Am Ende der Zeppelinstraße rumpeln wir über die Kreuzung. Hier lagen mitten in der Stadt Eisenbahngleise, welche nur überteert wurden. Sie verbanden Werk 1 und Werk 2 von „Waggonbau Görlitz“. Ich denke daran, wie ich mit meinem Roller am Nachhauseweg vom Kindergarten anhalten mußte, um die Rangierlok samt Passagierwaggons durchzulassen – alles schön im Schritttempo. Heute braucht man die Gleise nicht mehr, Werk 1 ist geschlossen; wenigstens wird in Werk 2 des einstmals größten Arbeitgebers der Stadt noch gearbeitet.</p>



<p>Begleitet von der Oma gehen wir nach unserer Ankunft an diesem sonnigen Ostermontag auf den Spielplatz. Dieser wurde erst vor kurzem neu angelegt, auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs, wo jetzt hinter der Backsteinfassade eine Waldorfschule zu Hause ist. Im ,,Fußballkäfig“ des Spielplatzes herrscht Hochbetrieb. Die „Spielenden“ sind allesamt nicht europäischen Typs. Auf jenem Teil des neu angelegten Areals, wo die kleineren Kinder spielen, verändert sich das Aussehen der herumtobenden und lärmenden Meute zwar, doch die Sprachen bleiben fremd – vermutlich polnisch und ukrainisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Gegen die heutigen Veränderungen schützen die alten Stadtbefestigungen nicht mehr.</h3>



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<p>Am nächsten Vormittag gehen wir mit Oma in die Stadt. Als erstes steuern wir den Kaisertrutz an, einen imposanten runden Koloß mit dicken Mauern, der als vorgelagerte Bastion der doppelzügigen Stadtmauer insbesondere der Verteidigung der Handelsstraße „Via Regia“ diente. Gleich dahinter erreichen wir am Eingang zum Obermarkt den Reichenbacher Turm. Er war Teil der Stadtmauer und beherbergte das westliche Stadttor. Gut erhalten steht er noch immer und hat so manches abgewehrt – doch gegen die heutigen Veränderungen kann er die Stadt nicht mehr schützen. Wir durchschreiten das ehemalige Stadttor, und vor uns erscheint der weite Obermarkt voller parkender Autos. Das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. hat den Krieg nicht überstanden, es wurde 1939 eingeschmolzen. Wir überqueren den 250 Meter langen Platz, vorbei an wunderschön restaurierten alten Gebäuden. Die Cafes haben geöffnet und ihre Tische und Stühle auf den Gehweg gestellt – leider findet man den Hinweis „Draußen nur Kännchen“ nicht mehr.</p>



<p>Unser Weg führt uns weiter über die Verrätergasse und die Brüderstraße zum Untermarkt. Wir passieren an dessen Eingang den Schönhof – eines der ältesten Renaissancegebäude Deutschlands. Heute beheimatet es das Schlesische Museum. Es ist ein für die alte Tuchmacher- und Handelsstadt Görlitz typisches Hallenhaus. Durch die Lage an der Via Regia florierte der Fernhandel, was dem Görlitzer Bürgertum Wohlstand verschaffte. So entstanden Handelshöfe mit künstlerischem Anspruch. Die Halle reichte über alle Stockwerke des Hauses und diente als Kontor – insbesondere konnten so Stoffe aufgehängt und präsentiert werden.&nbsp;&nbsp;</p>



<h3 class="wp-block-heading">Görlitz blieb vom Bombenkrieg verschont und bietet ein intaktes Stadtbild.</h3>



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<p>Zur unverfälschten Altstadt gehört auch das Rathaus gegenüber vom Schönhof. Die geschwungene Rathaustreppe liefen schon unzählige Brautpaare hinunter. An deren Anfang steht Justitia auf dem Sockel&nbsp; – ein Unikum, denn der Steinmetz gab ihr keine Augenbinde bei. </p>



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<p>Wir wenden unseren Blick nach oben auf die Uhr des Rathausturmes, denn diese ist Teil einer weiteren Görlitzer Sage. Im Ziffernblatt ist der Kopf eines Stadtwächters zu sehen, der zu jeder vollen Minute seine Augen öffnet, die orange erscheinen; denn er wurde zur Strafe lebendig in den Rathausturm eingemauert, als er einen Stadtbrand verschlafen und die Bürger nicht gewarnt hatte. Das Orange seiner Augen symbolisiert das Feuer.&nbsp;</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img decoding="async" width="507" height="900" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1.webp" alt="" class="wp-image-11644" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1.webp 507w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2025/11/3-Rathausturm-1-169x300.webp 169w" sizes="(max-width: 507px) 100vw, 507px" /></figure>



<p>Am Ende des Untermarktes geht es die steile Neißestraße hinunter zum Fluß. Heute ist die Neiße ein Grenzfluß. Sie mündet in die Lebensader Schlesiens, die Oder. Daher kommt der furchtbare Begriff: „Oder-Neiße-Friedensgrenze“. Immer wenn ich am westlichen Ufer der Neiße stehe, kommt mir dieser schmerzliche Gedanke, und mein Blut gerät in Wallung. Die wiedererrichtete Altstadtbrücke benutze ich eigentlich nie. Mich zieht wenig in den östlichen Teil der Stadt. Er ist und bleibt mir fremd, auch wenn er inzwischen ebenfalls schön restaurierte alte Häuser aufweist. Aber man spricht dort nicht meine Sprache. Ich nutze lediglich die Stadtbrücke mit dem Auto, um drüben an der ersten Tankstelle Geld zu sparen sowie manchmal Zigaretten für Bekannte zu kaufen – aber dann geht es gleich wieder zurück.</p>



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<p>Doch heute wird auch im westlichen Teil der Stadt oft polnisch gesprochen, und die Klingelschilder der Wohnhäuser sind voller polnischer Namen. Im Gesundheitsbereich arbeiten viele polnische Ärzte und Pflegekräfte. Die Zufriedenheit der Patienten steigert das nicht unbedingt, aber welche Wahl hat man, wenn man auf sie angewiesen ist? Seit dem EU-Beitritt Polens und der damit verbundenen Öffnung der Grenze setzte im Gesundheitswesen diese Tendenz ein. Eine&nbsp; andere war in der Kriminalitätsstatistik zu beobachten – Autos und Fahrräder verschwanden, während die Droge Crystal Meth auf den Schulhöfen auftauchte. Früher, also zu DDR-Zeiten, gab es in den Betrieben polnische Arbeitsbrigaden, ansonsten war die Grenze zum sozialistischen Bruderstaat dicht. Ein visafreier Reiseverkehr war nur zwischen 1972 und 1980 möglich. Zum einen wollte die DDR die eigene Wirtschaft schützen, da das Passieren der Grenze häufig zum Erwerb von Konsumgütern in Polen genutzt wurde. Zum anderen wollte man ein Übergreifen der Solidarność -Bewegung verhindern. Mithin blieben sich die sogenannten Brudervölker eher fremd und damit auch die durch die Neiße getrennten Stadtteile.</p>



<p>Doch auch zu einem anderen sogenannten Brudervolk blieb man eher auf Distanz. Nur ungefähr zwanzig Kilometer neißeabwärts gab es einen wichtigen Militärflugplatz mit reichlich stationierten sowjetischen Soldaten, inklusive dem unübersehbaren T34-Panzerdenkmal an der Zufahrtsstraße. Der Fliegerhorst in Rothenburg wurde seit 1954 vom sowjetischen Militär genutzt, bis 1990 war dort auch das Fliegerausbildungsgeschwader der Offiziersschule für Militärflieger der NVA stationiert. Wie an den anderen Standorten waren die Sowjetsoldaten auch hier stark abgeschottet; sie kamen nur wenig mit DDR-Bürgern in Kontakt. Die Gründe hierfür waren unter anderem häufige Verkehrsunfälle und Kriminalität. Andererseits halfen die Rotarmisten im Fall von offiziellen Hilfsersuchen staatlicher Stellen beim Eintreten von Naturkatastrophen oder technischen Havarien.</p>



<p>Damals jedenfalls gab es nur zwei Möglichkeiten in Görlitz, die Neiße zu überqueren – über den alten Viadukt mit der Deutschen Reichsbahn oder über die Stadtbrücke. Der LKW-Transitverkehr staute sich durch die ganze Stadt. Das blieb noch viele Jahre nach der sogenannten Wende so. Erst mit dem Bau der Autobahn nach Görlitz und der entsprechenden Brücke über die Neiße nördlich der Stadt änderte sich das. Es gab wieder eine durchgehende Autobahn nach Breslau – die Grenze aber blieb.</p>
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