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	<title>Caroline Sommerfeld &#8211; Der Eckart</title>
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	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
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	<title>Caroline Sommerfeld &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Der deutsche Genius</title>
		<link>https://dereckart.at/der-deutsche-genius/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Jul 2023 13:50:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Der Volkskundler Herbert Hahn hat in seinem Werk über den Genius Europas (1963/64) ein Kapitel mit „Deutsches auf drei Blättern“ überschrieben. Es könne, so schreibt er, in einem Volk Dinge geben, von denen man sagen möchte: Genug, daß sie da sind, sie wären an sich schon ausreichend, eine Volksseele ganz und gar [&#8230;]]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading"></h2>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Der Volkskundler Herbert Hahn hat in seinem Werk über den Genius Europas (1963/64) ein Kapitel mit „Deutsches auf drei Blättern“ überschrieben. Es könne, so schreibt er, in einem Volk Dinge geben, von denen man sagen möchte: Genug, daß sie da sind, sie wären an sich schon ausreichend, eine Volksseele ganz und gar zu bezeugen. Von dieser Art sind Albrecht Dürers Kupferstich Ritter, Tod und Teufel, Caspar David Friedrichs Morgenlicht und die Freischütz-Ouvertüre Carl Maria von Webers. Der Ritter verkörpert „das Mittendurch“: Den Tod und den Teufel muß er überwinden durch vollendete Ich-Stärke. „War im Kupferstich von Dürer alles Ich-Straffung, so ist im Bilde von Friedrich alles Ich-Hingabe“: Die von hinten ansichtige Frau staunt in das Morgenwunder hinein, ist ganz Gefühl. In Webers Freischütz wirken das Gute und das Böse zusammen das Gute. „Und so wissen wir immer, ob Furcht und Schrecken uns auch für Augenblicke in den Abgrund zu ziehen drohen, daß das Gute in Max, durch Agathe mitgehegt und gestärkt, siegen wird.“</p>



<p>Wenn es überhaupt möglich ist, intensiv – in kurzen, einprägsamen Bildern der Kunst – und nicht allein extensiv – durch Sprachwissenschaft,  Geschichtserzählung, Schilderung von Persönlichkeiten – den Genius der Deutschen darzustellen, dann vielleicht auf die oben als Beispiel gegebene Art und Weise. Das Ringen des menschlichen Ichs mit dem Bösen um das Gute scheint die konzentrierte Kraft und Aufgabe des Deutschen zu sein – und zwar sowohl des Deutschen als des typischen, wesenhaft Deutschen im Gegensatz zum Wesen anderer Völker als auch des einzelnen deutschen Menschen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="736" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-1024x736.webp" alt="" class="wp-image-10194" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-1024x736.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-300x216.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-768x552.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-jpg.webp 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Caspar David Friedrich, Morgenlicht, um 1818 | Wikimedia Commons, Plenuska</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Der „deutsche Genius“ bezeichnet sowohl die Volksseele als auch von ihr besonders geprägte und sie zum vollendeten Ausdruck bringende Individuen.</h3>



<p>Der Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum hat in seinem Standardwerk Genie, Irrsinn und Ruhm. Genie-Mythus und Pathographie des Genies (1927) dieses Ringen des Ichs mit dem Bösen um das Gute auf moderne wissenschaftliche Begriffe gebracht. Er spricht von den „Ich-Positiven“ und den „Ich-Negativen“ in der Geistesgeschichte.<br>„Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber es muß auch ein bißchen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch geistig schön werde“, zitiert er den Dichter Christian Morgenstern. Die innere Unrast im Blut, die Ruhelosigkeit, die vielfach veränderte Stimmungslage lassen ihn dann viele Dinge in anderen Beleuchtungen erleben. „Ich-positive“ Genies waren etwa Lucas Cranach der Ältere, Carl-Friedrich Gauß, Joseph Haydn, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Gottfried Wilhelm Leibniz, Joseph von Eichendorff, Thomas Mann und Oswald Spengler. Dagegen sind so verschiedene hervorragende Geister in ihrem Seelenleben teils phasenweise, teils lebenslang in unterschiedlichem Grade gestörte „Ich-Negative“ gewesen wie Johann Wolfgang von Goethe, Martin Luther, Ludwig van Beethoven, Heinrich Heine, Heinrich von Kleist, Richard Wagner oder Otto von Bismarck.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Viele große Deutsche waren vom Standpunkt des Psychiaters aus beurteilt seelisch nicht normal, einige regelrecht psychopathisch veranlagt.</h3>



<p>Nun ist es mit dem Psychopathologisieren der großen Deutschen so eine Sache. Klar ist, daß psychotisches Erleben als „höchst eindrucksvoller Wirkungston des ganz Besonderen in den Genieakkord einfließen kann“ (Lange-Eichbaum). Problematisch wird es dann, wenn vom Werk nach eingehender medizinischer Begutachtung des Schöpfers nicht mehr als Trümmerteile übrigbleiben. Aber genau dieses Abstrahieren vom Leben, dieses Ordnungschaffen und Wegrationalisieren des Rätselhaften ist gleichzeitig ein Spezifikum deutscher Denkungsart. Zugleich ist es ein Verfallsphänomen: „Eine Zeit, die ihre Morbidität erkennt, beschäftigt sich zwangsläufig mit dem Morbiden der vor ihr lebenden Generationen; deswegen die Zunahme nicht nur aus psychiatrisch berufener Feder, sondern aus ebenso berufener von Psychologen, Literarhistorikern und nicht zuletzt auch Schriftstellern bis zum Romanautor“, liest man im Vorwort zur 6. Auflage von Genie, Irrsinn und Ruhm 1966.</p>



<p>Der „Ich-Negative“ wird, so möchte ich aus dem bisher Zusammengetragenen schlußfolgern, in tragischer Weise mit dem Bösen in ihm selbst konfrontiert und kämpft dagegen. Immer wieder äußert sich dann das Gute in genialischen Werken. „In der Dämmerung des Bewußtseins fühlte er sich im zunehmenden Dunkel eingekerkert. Der Leib vegetierte, doch die Seele irrte über weite Gefilde, die den Mitmenschen und der Zeit unerreichbar waren. Es war der unglückliche edle Friedrich Hölderlin“ (Herbert Hahn). Hölderlin läßt das Schicksalslied Hyperions mit den Worten enden:</p>



<p class="has-text-align-center">Doch uns ist gegeben,<br>auf keiner Stätte zu ruhn,<br>es schwinden, es fallen<br>die leidenden Menschen<br>blindlings von einer<br>Stunde zur andern,<br>Wie Wasser von Klippe<br>zu Klippe geworfen,<br>Jahr lang ins Ungewisse hinab.</p>



<p>Die leidenden Menschen stehen im hellen Kontrast zu den „seligen Genien“, die „droben im Licht“ wandeln, also die geistige Welt bewohnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Genie hat immer auch etwas mit Verstoßensein aus der Götterwelt zu tun und dem deutlichen Fühlen, nicht in diese irdische Welt und recht eigentlich in eine höhere zu gehören.</h3>



<p>Daß dieses Fühlen sich zu Größenwahn steigern kann, sehen wir an Friedrich Nietzsche, der in seinem letzten Brief an Jakob Burckhardt vom 6. Januar 1889 schreibt: „Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.“<br>Das Genie Friedrich Nietzsche ist nicht ohne Rückgriff auf die Psychopathologie zu erklären, im Grunde aber müßte man sagen, er sei genial gewesen trotz Krankheit und nicht aufgrund derselben. Goethe hat in einem seiner Gespräche mit Eckermann am 20. Dezember 1829 unterschieden zwischen einem harmonischen und einem verletzten Genie: „Das Außerordentliche, was ausgezeichnete Talente leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein (… ) mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht (…) mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.“<br>Nietzsche hatte diese „Zähigkeit“ nicht, sondern ausschließlich „seltene Empfindungen“, die ihn sich gegen jedes Ideal, jede Tradition und jede Phrase seiner Zeit stellen ließen. Er wurde im Ringen des Ichs mit dem Bösen um das Gute vom Bösen überwältigt und endete bekanntlich in geistiger Umnachtung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sind wir als Volk wirklich „von allen guten Geistern verlassen“?</h3>



<p>Wenn nun der deutsche Genius all die ihm eigentümlichen deutschen Genies von Dürer bis Goethe hervorgebracht hat, und wenn er im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt, in eine Zeit einzutreten, die „ihre eigene Morbidität erkennt“, sodaß die eigenen Genies mit dem Maßstab der Psychopathologie beurteilt werden: Was wird dann aus diesem Genius?</p>



<p>Nach Krankheit und Selbsterkenntnis der eigenen Krankheit müßten eigentlich entweder Genesung oder der Tod folgen. Doch wie wir am Anfang sahen, eignet dem Deutschen der schließliche Sieg des Guten. Davon ist hierzulande derzeit nichts zu sehen, auch aus der Masse hervorragende Geistesgrößen werden seit einem Jahrhundert nicht mehr hervorgebracht. Sind wir als Volk wirklich „von allen guten Geistern verlassen“? Ich hatte vor drei Jahren mit dem in China lebenden Geisteswissenschaftler Martin Barkhoff einen Briefwechsel, der 2021 unter dem Titel Volkstod und Volksauferstehung. Achtundzwanzig Briefe zwischen Wien und Peking erschienen ist. Darin findet sich im Grundton fragender und freundschaftlicher Briefe vieles, das die Frage nach der Zukunft des deutschen Genius berührt. Ritter, Tod und Teufel dürfte noch für lange Zeit ein emblematisches Bild dafür sein. </p>
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			</item>
		<item>
		<title>„Natürlich müssen wir untergehen“ – ein Vortrag von David Engels</title>
		<link>https://dereckart.at/natuerlich-muessen-wir-untergehen-ein-vortrag-von-david-engels/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Jan 2023 16:52:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Ende Jänner sprach der deutsch-belgische Kulturhistoriker Prof. Dr. David Engels in den von Kerzen beleuchteten Räumen des Ferdinandihofes in Wien. Der Vortrag verdient besondere Beachtung, weil Engels an einem theoretischen Thema alle seine bisherigen Thesen bündelte. Dieses Thema war „Der abendländische Fortschrittsglaube“. Es ist dem abendländischen Menschen eigen, sich auf die Zukunft [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Ende Jänner sprach der deutsch-belgische Kulturhistoriker Prof. Dr. David Engels in den von Kerzen beleuchteten Räumen des Ferdinandihofes in Wien. Der Vortrag verdient besondere Beachtung, weil Engels an einem theoretischen Thema alle seine bisherigen Thesen bündelte. Dieses Thema war „Der abendländische Fortschrittsglaube“.</p>



<p>Es ist dem abendländischen Menschen eigen, sich auf die Zukunft hin zu entwerfen und nicht im Überkommenen verharren zu wollen. Oswald Spengler, der David Engels’ großer Gewährsmann ist, hat in seinem Klassiker <em>Der Untergang des Abendlandes</em> den europäischen Menschenschlag als den „faustischen“ bezeichnet – der immer mit angespannter Willensenergie hoch hinaus will, der schafft und erfindet und vor allem ständig seine alten Erfindungen verwirft und zu neuen kommt.</p>



<p>Nun betrachten wir als Konservative den Progressismus als eine sehr problematische Geisteshaltung. Die linke Ideologie des Fortschritts fährt schonungslos über alles Gute, Schöne und Wahre hinweg und erklärt noch die unmenschlichsten Mittel als dienlich zum Erreichen des Allgemeinwohls. Engels unterschied in seinem Vortrag, sich dieses Problems deutlich bewußt, zwischen dem Fortschritt in der Entwicklung technischer Neuerungen und dem typisch abendländischen Fortschrittsglauben.</p>



<p>Mit Spengler wußte er von alten Kulturen zu berichten, die wie die mittelamerikanischen Ureinwohner sehr wohl das Rad erfunden hatten, es aber nie genutzt haben, außer als Kinderspielzeug und zu kultischen Zwecken. Die griechische Antike beschrieb Prof. Engels als eine statische Kultur, die von den mykenischen Anfängen bis zum Hellenismus auf technologischem Gebiete kaum Entwicklung aufweist. Insofern zählt die Antike für ihn auch nicht zum Abendland, welches eben durch das „Faustische“ charakterisiert werden könne. Nicht nur das alte Europa, sondern auch die USA, sogar Australien und Neuseeland haben, wenn man sie wie Engels kulturmorphologisch betrachtet, entschieden abendländische Gestalt.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Das Abendland ist im Untergang begriffen – dies aber nicht erst, seitdem uns Zeitgenossen diverse politische Übel auffallen, sondern mindestens seit dem 19. Jahrhundert.</strong></h3>



<p>Wer ein ordentlicher Spenglerianer sein will, geht ebenso wie dieser von einer Niedergangstheorie aus. So auch Engels, der jedoch erneut zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“unterschied, welch erstere durch ein sicheres metaphysisches Obdach gekennzeichnet sei. Das deutsche Mittelalter war ebenso fortschrittlich, weil abendländisch in seinem Wesen, wie es auf der Stufe einer Hochkultur stand. Kulturen verfallen – so hat es Spengler für alle früheren großen Kulturen nachgewiesen – am Punkt ihrer höchsten Kulturentfaltung zu Zivilisationen. Diese sind gewissermaßen „Versteinerungen“ der Kultur, selbst nicht mehr entwicklungsfähig, weil sie den lebendigen Glauben verloren haben. Sie zehren nur noch von alten Beständen und zeigen gleichzeitig dekadente und materialistische Wesenszüge. Am alten Rom kann man dies – eine der Hauptthesen David Engels’ – genauso beobachten wie am heutigen Europa.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><strong>Wenn nun aber ein steter Verfall, ein Untergang der abendländischen Kultur vorliegt, wie kann man sich als Mensch dazu sinnvoll verhalten?</strong></h3>



<p>Hier ging der Vortrag in eine sehr lebhaft geführte Diskussion über. Engels ist Katholik der alten Tradition und sieht in dieser ein Moment der Erneuerung: In die tridentinische Messe zum Beispiel kommen immer mehr junge Leute. Es macht, wie er auf eine Frage aus dem Publikum antwortete, einen großen Unterschied, ob in Paris oder in Wien drei konservative Familien leben, oder in einem bestimmten Dorf. Dort fallen sie auf, werden womöglich zu Vorbildern, während sie in der Großstadt in der Masse untergehen. So gilt es, Parallelgesellschaften aufzubauen. Es ist nicht möglich, ungebrochen als Konservativer die alten Bestände zu verehren, wir müssen uns des Bruchs bewußt werden und dann ebenso mit klarem Bewußtsein unsere große Tradition hinüberretten.</p>



<p>Wohin? Prof. Engels endete mit geschichtsphilosophischen Überlegungen. „Natürlich müssen wir untergehen“, sagte er. Aber so, wie sich spätere europäische Völker aus der Antike wesentliche Elemente angeeignet haben, so wird es auch mit unserer Technologie passieren. Es mag sein, daß in der Zukunft keine ethnischen Europäer mehr hier leben oder der Islam die Leitkultur geworden ist oder die heutigen Nationalstaatsgrenzen nicht mehr bestehen, man vom alten Abendland auf den ersten Blick vielleicht kaum mehr etwas erkennen kann. Doch zunächst gilt es, bestimmt die nächsten hundert Jahre noch für die Tradition zu kämpfen – denn auch das ist ein Zug des faustischen Menschen: nicht aufzugeben.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Falsche Freunde aus Übersee</title>
		<link>https://dereckart.at/falsche-freunde-aus-uebersee/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Oct 2022 07:31:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Der Krieg war verloren, der von je zu aufnahmewillige Deutsche öffnete weit seine Tore. Dreiviertel der Bundesrepublik wurden von englischsprechenden Truppen besetzt; (…) dazu kam das Gefühl, daß die angloamerikanischen Sieger bald von Feinden zu Beschützern und Freunden wurden, daß man es hier mit einer jugendlichen und sehr artverwandten Weltmacht zu tun [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="has-black-color has-text-color wp-block-heading"></h3>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Der Krieg war verloren, der von je zu aufnahmewillige Deutsche öffnete weit seine Tore. Dreiviertel der Bundesrepublik wurden von englischsprechenden Truppen besetzt; (…) dazu kam das Gefühl, daß die angloamerikanischen Sieger bald von Feinden zu Beschützern und Freunden wurden, daß man es hier mit einer jugendlichen und sehr artverwandten Weltmacht zu tun hatte. Kein Wunder, daß eine Sturmflut des Angloamerikanischen hereinbrach“. So schildert „Der Wustmann“ 1966 die Lage der Nation.</p>



<p>Gustav Wustmanns 1903 zum ersten Mal erschienenes Buch Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen ist seitdem vierzehn Mal neu aufgelegt und nach Wustmanns Tod von Werner Schulze herausgegeben worden.</p>



<p>In den 60er Jahren blickte man im Vergleich zu heute auf eine recht überschaubare Anzahl von englischen Neuwörtern. „Der Wustmann“ nennt etwa Babysitter, Swimming Pool, Camping, Trip, Run, Supermarkt, Festival, Fan, Trend, Hobby.<br>Es gibt einen hörenswerten kurzen Podcast der Duden-Redaktion zu unserem Thema. Das Wort „Podcast“ hörte ich übrigens zum ersten Mal 2006. Dieses häßliche Kompositum setzt sich zusammen aus der Markenbezeichnung „IPod“ für einen tragbaren Musikrekorder und dem englischen to broadcast, dt. „senden“. Der Umstand, daß ich „Podcast“ oben nicht in Anführungsstriche gesetzt oder kursiv geschrieben habe, weist darauf hin, daß das Wort bereits im Deutschen als Fremdwort lexikalisiert ist. Daß es im vorhergehenden Satz sehr wohl in Anführungsstrichen steht, ist dem Umstand geschuldet, daß ich hier das Wort meine und nicht den bezeichneten Gegenstand.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kategorien der Sprachinvasion</h3>



<p>Nun aber zum Inhalt des erwähnten Podcasts. Es gibt unter den Anglizismen, also den Entlehnungen aus dem Englischen in der deutschen Sprache, zunächst direkte Übernahmen: „Job“, „Hobby“, „E-Mail“ oder „Skateboard“. Hier sind in den meisten Fällen die Wörter zusammen mit den von ihnen bezeichneten Gegenständen eingewandert.<br>Sodann gibt es Lehnübersetzungen, die wörtlich übersetzt worden sind. Interessanterweise nennen die Autoren des Podcasts hier ausgerechnet zwei ideologische Schauderhaftigkeiten aus dem Reich des Großen Bruders, nämlich „Gehirnwäsche“ (von brainwashing) und „Geburtenkontrolle“ (von birth control). Die Lehnübersetzungen bergen allerdings auch Gefahren rein sprachlicher Natur: Die weitverbreitete Floskel „Es macht Sinn“ (von it makes sense), aber auch die oft verwendeten Fügungen „nicht wirklich“ (von not really) und vor allem „einmal mehr“ (von once more) sind schlicht und einfach falsches Deutsch. Lehnübertragungen wiederum sind freie Übersetzungen – so wurde aus sky scraper der „Wolkenkratzer“ und nicht etwa der wörtliche „Himmelskratzer“.</p>



<p>Manch überflüssige Anglizismen haben wir uns, so die Autoren, als sogenannte Scheinentlehnungen oder false friends – der Leser möge sich an meine Gallizismen-Kolumne erinnern – selbst eingebrockt: „Handy“, „Showmaster“ und „Service Point“ gibt es weder im britischen noch im US-amerikanischen Englisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schleichende Bedeutungsumkehr</h3>



<p>Das Wort „Influencer“ wurde zum Anglizismus des Jahres 2017 gekürt (2021 übrigens „boostern“). In meinem dicken Chambers Dictionary von 1994 findet sich „to influence“, und zwar mit keinesfalls sonderlich positiver Konnotation; die Bedeutung geht in Richtung unbewußt steuern, okkulte Macht über jemanden ausüben, jemandem Vorteile sichern, jemandes Persönlichkeit verändern. Das nomen agentis „the influencer“ ist nicht verzeichnet.</p>



<p>Wie kommt es, daß dieser Tage die Jugend begeistert den – meistens von Firmen gekauften – Influencern in den sogenannten „Sozialen Medien“ hinterherrennt und das Wort mit vollkommen positiver Bedeutung verwendet? Neben „Youtuber“ und „Pro-Gamer“ – also Berufscomputerspieler – ist „InfluencerIn“ einer der meistgeäußerten Berufswünsche jüngerer Jugendlicher.</p>



<p>Es handelt sich also vordergründig um ein Modewort, im Hintergrund wirken aber andere Mechanismen: Die negative Bedeutung wurde umgekehrt. Für die anglizismenaffine Jugend von heute ist es no problem und gehört zum new normal, daß solche Leute sie beeinflussen, über sie Macht ausüben und Konzernen hörig sind. „Gehirnwäsche“ heißt wohl das entsprechende Lehnwort. </p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ein Menschenschlag</title>
		<link>https://dereckart.at/ein-menschenschlag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Sep 2022 09:14:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Was ist eigentlich ein „Menschenschlag“? Das hier gemeinte „Schlagen, Ausschlagen“ bezieht sich auf das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung der Arten – ein Baum schlägt im Frühjahr aus, Rosenblüten schlagen ins Rosarote oder ein Pferd ist aus der Art geschlagen. Bezieht man das „Schlagen“ auf Menschen, hat man zunächst dieselbe Wortbedeutung [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading"></h2>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Was ist eigentlich ein „Menschenschlag“? Das hier gemeinte „Schlagen, Ausschlagen“ bezieht sich auf das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung der Arten – ein Baum schlägt im Frühjahr aus, Rosenblüten schlagen ins Rosarote oder ein Pferd ist aus der Art geschlagen.</p>



<p>Bezieht man das „Schlagen“ auf Menschen, hat man zunächst dieselbe Wortbedeutung wie beim Tier vor Augen, sie erweitert sich allerdings um geistige und seelische Dimensionen. Ein Menschenschlag ist nicht nur auf eine bestimmte typische Weise anzusehen, sondern verhält sich, denkt, fühlt und prägt seine unmittelbare Lebensumgebung auf eine typische Weise.</p>



<p>Das Grimmsche Wörterbuch zitiert unter „Sächsin“ aus Goethes Kommentar zu Lessings Drama<em> Minna von Barnhelm</em>: „Die anmuth und liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den werth, die würde, den starrsinn der Preuszen.“</p>



<p>Es ist in vergangenen Jahrhunderten vielfach beschrieben worden, wie sich die verschiedenen deutschen Stämme, die Bewohnerschaft der verschiedenen Gegenden und Landstriche, kurzum: die Menschenschläge voneinander unterscheiden.</p>



<p>Der Historiker Hans Delbrück kam in seiner Weltgeschichte (1927) zu dem Schluß, diese Verschiedenheit läge daran, daß seit der Hohenstauferzeit im deutschen Volk „die verschiedenen Eigenschaften nicht zu einer Einheit zusammengefaßt waren und zusammen wirkten, sondern sich zu Sonderbildungen gestalteten, die sich dann gegenseitig widerstrebten und einander bekämpften“.</p>



<p>Doch auch eine „deutsche Einheit“ im politischen Sinne hätte ja diese „Sonderbildungen“ keinesfalls ausgelöscht, sondern ihnen nur ein gemeinsames herrschaftliches Dach aufgesetzt.</p>



<p>Die Verschiedenheit der Menschenschläge innerhalb des deutschen Volkes ist gerade kein Phänomen, das der Ordnungsliebe der Historiker oder Politiker, geschweige denn früherer Rasse- und heutiger „Rassismus“-Apologeten zugänglich ist. Das bereits erwähnte Grimmsche Wörterbuch kann dann auch nur einigermaßen hilflos den großen Philosophen Immanuel Kant ins Feld führen, der zum „Menschenschlag“ weiß:<br>„MENSCHENSCHLAG, m.: nach diesen vorbegriffen würde die menschengattung in stamm (oder stämme), race oder abartung (progenies classifica) und verschiedenen menschenschlag (varietas nativa) abgetheilt werden können, welcher letztere nicht unausbleibliche, sich vererbende, also auch nicht zu einer klasseneintheilung hinreichende kennzeichen enthalten würde.“<br>Der „Menschenschlag“ ist nicht im physiologischen Sinne erblich. Jeder Biologismus perlt an ihm ab. Das lateinische „varietas nativa“ trifft es eigentlich sehr schön: angeborene Spielarten oder Abwechslungen so wie diese:<br>„In Niederbayern ist dann wieder einer der schwarzhaarigsten und dunkeläugigsten Menschenschläge zuhause, die es auf deutschem Boden gibt, besonders von Regensburg gegen den Bayrischen Wald und nach Amberg und Schwandorf hin.“ (Friedrich Ratzel: <em>Glücksinseln und Träume</em>, 1905)</p>



<p>Wer vom „Menschenschlag“ spricht, gebraucht keine wissenschaftliche Kategorie, sondern bringt auf eine nur im Deutschen so mögliche Weise zum Ausdruck, daß Leute aus einer bestimmten Gegend diese und jene Charakteristika tragen.</p>



<p>Allerdings wohnt diesem Wort auch seit langem eine leicht bis schwer abwertend Bedeutungsnote inne. Dann wird vom „Menschenschlag“ eben so gesprochen, daß der gerade Gemeinte irgendwie „aus der Art geschlagen“ sei. Ein groteskes Beispiel bieten Carl Heinrich Röschs <em>Untersuchungen über den Kretinismus in Württemberg</em> (1844), der dortselbst Leute beobachtet haben will, bei denen der Kropf außerordentlich häufig vorkomme, und: „Der Menschenschlag hat grossentheils den kretinischen Habitus; Stammeln und Uebelhörigkeit ist gar häufig“.</p>



<p>So kommt es, daß auch in der unmittelbaren Gegenwart der Ausdruck „Menschenschlag“ von Journalisten verwendet wird, um gegen mißliebige Menschen auszuteilen, die überdies nichts Regionaltypisches eint: „Doch mit Corona scheint auch bei den Preppern, jenem obskur-diffusen Menschenschlag, der sich auf den drohenden Zusammenbruch aller Gesellschaft vorbereitet, die Alarmglocke zu läuten.“ (Leipziger Zeitung, 27. April 2020).</p>



<p>Womit wir wieder in Sachsen angekommen wären. Von der oben zitierten „Anmut und Liebenswürdigkeit“ der Sächsinnen fehlt hier allerdings jede Spur. Um einen Menschenschlag als solchen zu beschreiben, muß man ihn eben erst einmal kennenlernen wollen … </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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