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	<title>Wegwarte &#8211; Der Eckart</title>
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	<title>Wegwarte &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Zu Fuß gehen</title>
		<link>https://dereckart.at/zu-fuss-gehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Apr 2026 09:33:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Eine kleine Philosophie des Minderen Wer zu Fuß geht, fährt nicht. Wer barfuß geht, trägt keine Schuhe. Diese Feststellungen klingen zunächst banal. Es steckt im Begriff des Fußgängers, daß er nicht fährt, andernfalls er eben kein Fußgänger wäre, sondern ein Autofahrer, Bahnfahrer, Radfahrer oder sonst ein mit fahrbarem Untersatz Bestückter. Das Wort [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine kleine Philosophie des Minderen </h2>



<p></p>



<p>Wer zu Fuß geht, fährt nicht. Wer barfuß geht, trägt keine Schuhe. Diese Feststellungen klingen zunächst banal. Es steckt im Begriff des Fußgängers, daß er nicht fährt, andernfalls er eben kein Fußgänger wäre, sondern ein Autofahrer, Bahnfahrer, Radfahrer oder sonst ein mit fahrbarem Untersatz Bestückter. Das Wort „barfuß“ ist definiert als das Fehlen von Fußbekleidung, egal ob es sich um ordentliches Schuhwerk, Socken oder bloße Lumpen handelt. Offensichtlich fehlt dem Fußgänger etwas, dem Barfüßigen, Bloßfüßigen, Unbeschuhten ebenfalls. Die „Unbeschuhten Karmeliten“, ein Mönchsorden, heißen tatsächlich so, weil sie als Zeichen ihrer strengeren Askese und Armut keine geschlossenen Lederschuhe mehr trugen, sondern einfache Sandalen.</p>



<p>Die längste Zeit der menschlichen Kulturentwicklung hindurch sind die allermeisten Menschen zu Fuß gegangen, obwohl das Rad schon erfunden war, ebenso wie die allermeisten Menschen barfuß gegangen sind, obwohl der Schuh schon erfunden war. Die wenigen, die reiten konnten, in einem Wagen mit Ochsen- oder Pferdegespann oder einer Rikscha fuhren oder auf einer Sänfte getragen wurden, unterschieden sich im Rang durch ihre Fortbewegungsweise von den einfachen Leuten. Militärisches Fußvolk trug keineswegs von Anfang an Stiefel: Die Sandalen der römischen Legionäre ermöglichten als ein Element erst die Eroberung eines Riesenreiches durch Märsche mit Gepäck. Zu Fuß gehen zu müssen war also Selbstverständlichkeit und Not zugleich. Denn der Fuß des „Mängelwesens Mensch“ (Arnold Gehlen) verfügt weder über Hufe, Klauen oder Krallen wie mancher Tierfuß, noch daß der Mensch sich anderer Körperteile zur Fortbewegung bedienen könnte, etwa Flügel, Flossen oder Ringmuskeln wie die Schlange. Ein nackter Fuß ist kälte- und druckempfindlich, ohne Fell, hat beim Säugling überhaupt keine und beim vielgewanderten Greis eines Ur- oder Naturvolkes zwar durchaus hornige Schwielen, macht aber dennoch das Zurücklegen weiter Strecken oft zur Qual.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Mindere absichtlich zu wählen, bedeutet Selbsterziehung des Menschen.</h3>



<p></p>



<p>Heutzutage und seit dem Mittelalter ist das Zufußgehen, wenn dasselbe Individuum die Möglichkeit der fahrenden Fortbewegung hätte, eine bewußte Entscheidung. Daß in derselben Gesellschaft Gefährte in Gebrauch sind, während andere aus Armut kein solches Hilfsmittel haben, ist dementsprechend keine bewußte Entscheidung dieser Leute, sondern geschieht zwangsläufig. Diesen Unterschied gilt es festzuhalten, denn oft wird gegen die „Verhausschweinung des Menschen“ (Konrad Lorenz) die frühere Härte des Lebens als gesund und natürlich hingestellt. Das Mindere absichtlich zu wählen, also auf etwas zu verzichten, worauf man nicht zu verzichten gezwungen ist – das bedeutet Askese, und Askese ist Selbsterziehung des Menschen.</p>



<p>Barfuß zu gehen auf Wanderungen und im Schnee dient der Abhärtung. Pfarrer Kneipps Kaltwassertreten befördert die körperliche und geistige Gesundheit gleichermaßen. Alpenüberquerungen auf Schusters Rappen, Wallfahrten, Wanderungen auf den Spuren berühmter Männer oder Marathonläufe werden seit jeher mit der Absicht angetreten, das Unbequemere zu wählen. Im Kontrast zur Postkutsche oder zur noch viel bequemeren Autofahrt <em>per pedes apostolorum</em> unterwegs zu sein, ist ein asketischer Akt, wozu im allerweitesten Sinne auch sportliches Training gehört. Der Fußgänger wählt das Mindere. Er tut, was er nicht muß. Er gleicht sich in einem Aspekt den Minderbemittelten an. Das tut er allerdings in aller Regel nicht lebenslang, sondern nur für einen ebenfalls ausgewählten Orts- und Zeitraum: den Spaziergang, die Wanderung, die Pilgerreise, die Laufstrecke.</p>



<p>Auf diese Weise kann ein Stückchen Askese selbst dem Verhausschweintesten entweder aufhelfen, weil er mal sieht, wie es ist, oder aber ihn in seiner dekadenten Lebensweise nur bestätigen: Man denke an <em>boot camps</em> für Manager oder das Lastenfahrrad der Klimabewegten. Der Mensch als Mängelwesen schafft sich technische Entlastung, selbstverständlich auch auch für seine empfindlichen Füße. Der Anthropologe Arnold Gehlen sieht darin allerdings keineswegs nur Bequemlichkeit, sondern ganz im Gegenteil überhaupt erst die Möglichkeit der bewußten Wahl des Minderen zur Höherentwicklung. In seinem Hauptwerk <em>Der Mensch</em> (1940) schreibt er, und damit will ich meinen Spaziergang beenden: „Wesen der Zucht: Selbstzucht, Erziehung, Züchtung als In-Form-Kommen und In-Form-Bleiben gehören zu den Existenzbedingungen eines nicht festgestellten Wesens.“ </p>



<p></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Von Almosen, Gebern und Nehmern</title>
		<link>https://dereckart.at/von-almosen-gebern-und-nehmern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Jan 2026 12:55:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld „Almosen, das von Herzen kommt, dem Geber wie dem Nehmer frommt“, führt Karl Simrock in seiner Sammlung Deutscher Sprichwörter 1846 an &#8211; vom russischen Dichter Fjodor Dostojewski ist gerade das Gegenteil überliefert: „Almosen verderben die Seele des Gebers wie des Nehmers und verfehlen zu alledem ihren Zweck, denn sie verschlimmern die Armut.“ [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>„Almosen, das von Herzen kommt, dem Geber wie dem Nehmer frommt“, führt Karl Simrock in seiner Sammlung <em>Deutscher Sprichwörter</em> 1846 an &#8211; vom russischen Dichter Fjodor Dostojewski ist gerade das Gegenteil überliefert: „Almosen verderben die Seele des Gebers wie des Nehmers und verfehlen zu alledem ihren Zweck, denn sie verschlimmern die Armut.“ Wie kommt es, daß das bereitwillige Geben kleiner Spenden an Bedürftige gleichermaßen gepriesen wie verachtet werden kann? Denn in beiden zitierten Worten steckt ja etwas Wahres …</p>



<p>Der Arme, der sein Dasein als Bettler fristen muß, lebt von den kargen Spenden der Wohlhabenden. Er geht davon aus, daß der nächste Tag ihm wieder die nötigen Groschen bereithalten werde, um von der Hand in den Mund zu leben. Aufgrund ihrer gewohnten Lebensweise könnten die meisten Bettler nicht von heute auf morgen Arbeit bekommen und Geld verdienen. Die Bettelei macht sie abhängig. Daraus könnte man schlußfolgern, daß der Almosengeber tatsächlich das unterstütze, dem er doch abhelfen will. Dostojewski hat in diesem rein materiellen Sinne recht: Almosen verschlimmern die Armut. Es gibt indes noch mehr als diesen materiellen Sinn.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="500" height="678" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/01/Matthaeus_Schiestl_Die_Almosen_des_Armen.jpg" alt="" class="wp-image-11771" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/01/Matthaeus_Schiestl_Die_Almosen_des_Armen.jpg 500w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/01/Matthaeus_Schiestl_Die_Almosen_des_Armen-221x300.jpg 221w" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption class="wp-element-caption">Die Almosen des Armen, Matthäus Schiestl, 1903</figcaption></figure>



<p></p>



<h3 class="wp-block-heading">In allen Kulturen der Menschheitsgeschichte drückte das Almosengeben nie bloß das Verhältnis zwischen Geber und Nehmer aus.</h3>



<p></p>



<p>Hinzu kommt nämlich dasjenige zwischen dem Almosengeber und einer höheren Macht. „Um Gotteslohn“ etwas zu tun oder zu geben, spiegelt diesen Gedanken im Deutschen wider. Neulich hatte ich folgendes Erlebnis: Ich wartete auf einem Platz in der Wiener Leopoldstadt und sah einen älteren Blinden mit seinem Stock die Hausmauer entlangfahren. Da ich vermutete, der Mann suche den Eingang zur dortigen Bäckerei, sprach ich ihn an, ob ich ihm helfen könne. Der Mann sagte, er sei blind und er warte auf jemanden, der nicht komme. Ich antwortete ihm, dieser andere werde ihn ja sehen, er brauche nur zu warten. Als der Blinde mich dann anbettelte, er wolle sich etwas zu essen kaufen, gab ich ihm zwei Euro – worauf er zehn verlangte! Im selben Augenblick verwandelte sich meine Hilfsbereitschaft in Ärger und Beschämung, denn gewiß war ich auf einen Zigeunertrick hereingefallen.</p>



<p>Betteln verdirbt, zumal wenn in Familienclans geradezu professionell ausgeübt, eindeutig die Seele des Almosennehmers. Wie aber kann es auch derjenigen des Gebers schaden? Hierauf weist die Bibel unmißverständlich hin: „Wenn du Almosen gibst, laß es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Mt 6,2) Wer seine Spendenbereitschaft kundtut, ist auf das Lob der Leute aus. Sie sollen in ihm den Wohltäter und Gutmenschen sehen. Heutzutage ist die Zurschaustellung im Netz das wichtigste Motiv bei der Spendenakquise sogenannter NGOs. Die Seele des Almosengebers wird verdorben, wenn er sich innerlich selbst auf die Schulter klopft – er muß es gar nicht einmal vor sich herposaunen. Es gibt solche Mäzene, die einem Virtuosen dessen Stradivari-Geige oder Steinway-Konzertflügel zur Verfügung stellen, von denen niemals jemand erfährt, wer sie sind, nicht einmal der Künstler selbst. Die unbekannt bleibenden Gönner erhalten ihren äußeren Lohn nicht bereits auf Erden; trotzdem sind natürlich auch sie keineswegs gefeit davor, eingebildete Leute zu sein.</p>



<p>Almosen können also jeweils sowohl nach innen – auf die Seele – als auch nach außen – auf die Lage der Bedürftigen – ebenso hilfreich wie verderblich wirken. Daß die hilfreiche Funktion überwiegt, bezeugt die in aller Welt und zu allen Zeiten herrschende moralische Pflicht zum freiwilligen Spenden. Die soziale Zähmungsfunktion von ganz unfreiwilligem Almosengeben schildert der Prager Schulrat und Katechet Franz Spirago in seiner <em>Beispielsammlung für das christliche Volk</em> von 1909:</p>



<p><em>„In einem Marktflecken in Niederösterreich hatte ein wohlhabender Wirt folgende Sitte in seinem Gasthause eingeführt: Sobald jemand ein unsittliches Gespräch anfing, wurde sogleich vom Gastwirt geläutet und dem betreffenden Gaste eine Almosenbüchse hingestellt, damit er seine unanständige Rede mit einem Geldstück büße. Diese Eintreibung des Sühnengeldes vom Zungensünder diente oft zur großen Erheiterung der Gäste.“</em></p>



<p>Die freigiebigen Leser des <em>ECKARTSs </em>hingegen müssen wohl kaum auf diese Weise gezwungen werden – und auch die psychologischen Finten der linken NGOs greifen bei ihnen nicht; einen Beitrag in angemessener Höhe für das Wirken der Österreichischen Landsmannschaft zu spenden, frommt ihnen ebenso wie den Landsleuten deutscher Muttersprache im Ausland.</p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der österreichische Deutsche</title>
		<link>https://dereckart.at/der-oesterreichische-deutsche/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Nov 2025 11:35:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Vor einigen Jahren besuchte ich in Begleitung des Jüngsten die Sonnwendfeier der Österreichischen Landsmannschaft. Am Feuer erklangen die Lieder, die dort immer gesungen werden. In einer Pause stieß mich der Sohn an und sagte: „Aber Mama, die singen immer von Deutschland, das sind doch alles Österreicher!?“ In einem anderen Zusammenhang wurde ich [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Vor einigen Jahren besuchte ich in Begleitung des Jüngsten die Sonnwendfeier der Österreichischen Landsmannschaft. Am Feuer erklangen die Lieder, die dort immer gesungen werden. In einer Pause stieß mich der Sohn an und sagte: „Aber Mama, die singen immer von Deutschland, das sind doch alles Österreicher!?“ In einem anderen Zusammenhang wurde ich in einer Wiener Lokalität gefragt, wo ich die Sommerferien zu verbringen gedächte. Als ich „In Deutschland, bei der Verwandtschaft“ antwortete, entgegnete mir mein Gegenüber in rügendem Ton: „Wir <em>sind </em>in Deutschland!“.</p>



<p>Es könnte sich um rein nostalgische, trotzig-„deutschnationale“ Milieubegebenheiten handeln – und doch glaube ich, daß hinter dieser Identifikation österreichischer Staatsbürger mit Deutschland mehr steckt. Wenn ich davon ausgehe, daß Deutschsein aus drei Elementen besteht, nämlich der Abstammung, der Staatsbürgerschaft und der Volksseele, dann trennt die heutigen Österreicher nur das zweite Element von ihren bundesdeutschen Landsleuten. Abstammung und Volksseele kann man nur schwer trennen. Abstammungsdeutscher zu sein, ist jedenfalls nicht mit einem entsprechenden genetischen Nachweis erledigt, wir sind ja keine Zuchteber.</p>



<p>In einem Waldviertler Wirtshaus unterhielt ich mich mit einem pensionierten Landwirt. Dieser sprach mich, unschwer heraushörend, daß ich nicht nur nicht aus der Gegend, sondern aus dem Norden stammen müsse, auf meine Herkunft an. Schleswig-Holstein war ihm ein Begriff und was für ein schöner! „Des is quasi ma zwate Hamat!“, sagte er und erklärte mir ausführlich, in welchen holsteinischen Städten und Dörfern er mit Schweinehaltern zusammengearbeitet habe und ständig von Niederösterreich dort hinaufgefahren sei, um die gesunde Vermehrung seiner Zuchteber zu gewährleisten: „Des is a notwendig, wissen S’, damit S’ net in Inzucht degenerieren.“ Das Tierische ist erledigt, wenn der Züchter die Samenproben von und nach Holstein expediert, das Menschliche besteht darin, eine erste und manchmal auch eine zweite Heimat haben zu können. Dabei war dem Züchter bewußt, daß es dabei um mehr als nur um die gemeinsame deutsche Sprache geht. Ich fragte ihn direkt: „Was hat Ihnen denn an der Mentalität der Norddeutschen gefallen?“ Das Zusammensitzen beim Korn nach getaner Arbeit habe ihm getaugt und ihn an die Wirtshaushocker seiner Heimat erinnert.</p>



<p>Der österreichische Deutsche und der Norddeutsche sind von ihrer Mentalität her eigentlich grundverschieden – aber elementare Geselligkeit eint sie. Der norddeutsche Bauer ist berüchtigt für seine Maulfaulheit, wahrscheinlich wurde in der erwähnten Runde wenig gesprochen. Es kommt offensichtlich nicht auf Gesprächsthemen an, sondern auf die Gemütsstimmung.</p>



<p><em>Götz Kubitschek hat zuletzt die Abstammung zum Oberbegriff eines rechten Verständnisses vom Volk gemacht. Aus ihr erfolgten „Zugriffsweisen auf Welt, Umgebung, Tun, Denken, Empfinden“. Abstammung gilt hier als Ausgangspunkt für eine Teilhabe an deutscher Kulturfülle: ein Bayer würde, bei allem Austausch über die Alpen hinweg, eben einen bayrischen Barock pflegen</em> – so <em>sezession.de</em>. Der Bayer kann als Übergangsgestalt zwischen dem Preußen und dem Österreicher gelten – er ist Bundesbürger, aber Gefühlsmensch. Seine „Zugriffsweise auf die Welt“ ist dem österreichischen Deutschen bei weitem näher als dem Preußen. Der Österreicher ist in seinem Wesen „barock“, während der Preuße „gotisch“ ist – wenn man in solchen Begriffen versucht, das Deutschsein der Hiesigen zu beschreiben, überschreitet man Abstammung und Staatsbürgerschaft und landet beim Lebensgefühl.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Bayrische Übergangsgestalten vom maulfaulen Holsteiner zum barocken Österreicher</h3>



<p>Innerhalb ein- und derselben Volksseele können verschiedene solcher Lebensgefühle dauerhaft ausgeprägt sein, genauso wie in der Seele eines einzelnen Menschen verschiedene Gefühle vorhanden sind. Die Volksseele prägt über die Jahrhunderte sehr konkrete Formen aus, die sich in Kunst, Architektur und Religion sinnfällig ablesen lassen, ebenso wie an historischen Gegebenheiten. Das „bairische Stammesherzogtum“ umfaßte im Jahre 788 n. Chr. Salzburggau, Pinzgau, Traungau und Attergau – aber auch Passau, Freising, Altötting und Regensburg. Wir sind also eines Stammes!</p>



<p>Die heutigen Österreicher sind in diesem Sinne Deutsche wie Bayern, auch wenn eine Staatsgrenze beide trennt – und um geistig nicht „in Inzucht zu degenerieren“ haben sie das Glück der gemeinsamen Sprache und Geselligkeit sogar mit den maulfaulen Holsteinern. </p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wenn die neutrale Schweiz politisch wird</title>
		<link>https://dereckart.at/wenn-die-neutrale-schweiz-politisch-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 May 2025 17:18:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Der Begriff „neutral“ kommt aus dem Lateinischen, von neutrum, keines von beiden: Wenn ein Staat sich also neutral verhält, schlägt er sich auf keine von zwei Seiten. Rainer Maria Rilke hat die neutrale Haltung 1985 in einem Gedicht so ausgedrückt: Es dringt kein Laut bis her zu mirvon der Nationen wildem Streite,ich [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Der Begriff „neutral“ kommt aus dem Lateinischen, von <em>neutrum</em>, keines von beiden: Wenn ein Staat sich also neutral verhält, schlägt er sich auf keine von zwei Seiten. Rainer Maria Rilke hat die neutrale Haltung 1985 in einem Gedicht so ausgedrückt:</p>



<p><em>Es dringt kein Laut bis her zu mir</em><br><em>von der Nationen wildem Streite,</em><br><em>ich stehe ja auf keiner Seite;</em><br><em>denn Recht ist weder dort noch hier.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Eidgenossenschaft ist seit 1516 im rechtlichen Sinne neutral.</h3>



<p></p>



<p>In der Tat ist das, was heute Neutralität genannt wird, zuvorderst ein Rechtsbegriff. Die Haager Kriegsordnung sah 1907 verbindlich vor, daß ein neutraler Staat sich auch in Friedenszeiten so zu verhalten habe, daß er im Kriegsfall glaubhaft feststellen könne, keine der Kriegsparteien zu bevorzugen bzw. zu benachteiligen und an keinen Kampfhandlungen teilzunehmen oder sie zu fördern. Das <em>Neutralitätsrecht</em> verbietet der Schweiz, einen Staat militärisch zu unterstützen, der sich in einem bewaffneten Konflikt befindet. Es erlaubt allerdings den auf dem Hoheitsgebiet eines neutralen Staates ansässigen Privatunternehmen durchaus den Handel mit Staaten, die sich im Krieg befinden.</p>



<p>Die Eidgenossenschaft ist seit 1516 im rechtlichen Sinne neutral; nach dem Dreißigjährigen Krieg beschloß die Tagsatzung von Wil die Schaffung eines gemeinsamen Bundesheeres zur Behauptung der Neutralität. Die glaubwürdige Handhabung dieser bewaffneten Neutralität der Schweiz und die Gründung des Roten Kreuzes 1863 verschafften der schweizerischen Neutralität hohe Anerkennung nach außen und ein starkes moralisches Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Bürger im Inneren. Die Glaubwürdigkeit der Schweiz wird verstärkt durch die sogenannten „Guten Dienste“, nämlich diplomatische Schutzmacht sein zu können und die Gaststaatenrolle bei Friedensverhandlungen zu übernehmen. Auf der Netzpräsenz des Schweizer Außenministeriums liest man daher: „Die Schweiz kann Brücken bauen, wo andere blockiert sind, weil sie keinem der Machtzentren angehört und keine versteckte Agenda verfolgt.“</p>



<p>Die Schweiz gehört indes, wenn auch erst seit 2002, zur UNO – diese Mitgliedschaft weist sehr wohl auf eine versteckte Agenda hin. Denn die aus dem freimaurerischen „Völkerbund“ hervorgegangene internationale Menschenrechtsorganisation der Vereinten Nationen hat eigene politische Absichten: Unter den Schlagworten der Friedenssicherung, der Menschenrechte und der Demokratie betreibt die UNO eine Kontrollpolitik der Globalisierung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Neutralitätsrecht vs. Neutralitätspolitik</h3>



<p></p>



<p>Das oben skizzierte Neutralitätsrecht stößt seit Jahrzehnten in immer gravierenderem Maße auf das, was die Schweiz ihre <em>Neutralitätspolitik</em> nennt. Diese betrifft keine Rechtspflichten, sondern die moralische Glaubwürdigkeit in der Staatengemeinschaft. Die Neutralitätspolitik ist nicht in einem internationalen Abkommen geregelt, sondern liegt im Ermessen der Schweiz – mit dem Effekt, daß Neutralität von offizieller Seite explizit als „ein außen-, sicherheits- und auch wirtschaftspolitisches Instrument, das der jeweils herrschenden politischen Großwetterlage angepaßt werden muß“ betrachtet wird. Bereits im Jugoslawienkrieg, im Irakkrieg und neuerdings im Ukrainekrieg wurde daher die Neutralitätspolitik gedehnt und „angepaßt“. Bislang wurde das Neutralitätsrecht nicht aufgegeben, aber spätestens seit 2022 wurde versucht, dieses im Wege der Neutralitätspolitik zu unterlaufen: durch Waffenlieferungen „an demokratische Staaten“, durch einseitige Beteiligung an Wirtschaftssanktionen und durch immer engere politische – nicht militärische – Zusammenarbeit mit der NATO.</p>



<p>Österreich hatte sich im Staatsvertrag 1955 die Schweiz als Vorbild genommen. Seit 2001 wird Neutralität hierzulande als „Bündnisfreiheit“ verstanden. Doch Österreich ist bereits der „Partnerschaft für den Frieden“ (PfP), einer NATO-Vorfeldorganisation, beigetreten sowie seit 2004 den sogenannten „Battlegroups“ der EU. Das internationale Neutralitätsrecht ist ursprünglich geschaffen worden, um <em>politische </em>Anpassungen an die wechselhafte „Großwetterlage“ hintanzuhalten – um etwa zu verhindern, daß es aus dringlichsten Gründen wie „Putin darf nicht siegen!“ wenn nicht ausgesetzt, so doch immer unverhohlener unterlaufen werden könne. Die Schweiz und Österreich sind ihrem moralischen Selbstverständnis nach und völkerrechtlich womöglich wirklich „immerwährend“ neutral, werden aber indirekt durch UNO und NATO politisch immer „kriegstüchtiger“. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hand-Werk statt Tablet!</title>
		<link>https://dereckart.at/hand-werk-statt-tablet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jan 2025 21:28:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Die Abiturquote in der BRD ist von 6 % im Jahre 1960 auf fast die Hälfte aller Schulabsolventen im Jahre 2020 gestiegen. Die Tendenz steigt noch immer, die meisten Eltern verlangen von ihren Kindern, daß sie ein Gymnasium oder in Österreich alternativ eine andere höhere Lehranstalt besuchen, um danach zu studieren. Alles [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p></p>



<p>Die Abiturquote in der BRD ist von 6 % im Jahre 1960 auf fast die Hälfte aller Schulabsolventen im Jahre 2020 gestiegen. Die Tendenz steigt noch immer, die meisten Eltern verlangen von ihren Kindern, daß sie ein Gymnasium oder in Österreich alternativ eine andere höhere Lehranstalt besuchen, um danach zu studieren. Alles strebt nach einer sogenannten „Höherqualifikation“, die in einer „Informationsgesellschaft“ allein angemessen zu sein scheint. Wenn aber mehr als die Hälfte eines Jahrgangs schließlich im Büro vor dem Rechner zu sitzen kommen, wer baut dann noch Häuser und Autos, bewirtschaftet Äcker, verlegt Leitungen, repariert Entzweigegangenes, stellt edle Einzelstücke her?</p>



<p>Eltern wollen das Beste für ihr Kind, und ihnen wird suggeriert, ohne Abitur bzw. Matura wäre dieses unerreichbar. Jugendliche zieht es zum Geld, ansonsten wissen sie meist schlicht nicht, was sie später werden wollen – außer dem berühmt-berüchtigten „irgendwas mit Medien“. Sie wissen dies weder nach acht oder neun Jahren Schule, noch mit der Hochschulreife. Und was sie an einer staatlichen allgemeinbildenden mittleren oder höheren Schule gelernt haben ist – Ideologie.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die jungen Leute haben Ideologie gelernt – statt Geschicklichkeit, Geduld, Glauben und Geschichtsbewußtsein.</h3>



<p></p>



<p>Sie haben gelernt, daß die Menschen früher arm waren und hart mit den Händen arbeiten mußten, wozu wir heute den Computer haben, mit dem eine ungeahnte digitale und KI-Zukunft vor uns liegt. Sie haben womöglich eine „Tablet“-Klasse besucht, wissen, daß der Planet stirbt, sie die „letzte Generation“ sind, und sie verachten oft alles Traditionelle. Die jungen Leute haben Ideologie gelernt statt Geschicklichkeit, Geduld, Glauben und Geschichtsbewußtsein, wozu auch der Stolz auf die Überlieferung alter Berufe und den Familienbetrieb gehört.</p>



<p>Das mag nun verallgemeinert sein und gerade am Land nicht auf die ganze Generation zutreffen. Aber es herrscht der unerbittliche Trend zum Gymnasium, zum immer stärker verschulten „Studium für alle“, zum Büro- und Dienstleistungssektor, und schließlich zu sogenannten „bullshit jobs“ – also etwa Private-Equity-Manager, Kommunikationskoordinatorin, Finanzstratege oder Investmentbankerin. Aber diese „Jobs“ schaffen keinen gesellschaftlichen Mehrwert, sie sind oft nutzlos und meistens trotzdem gut bezahlt. Doch auch am Land wird der Bauernsohn lieber Steuerberater, statt den Hof zu übernehmen, und die Tochter studiert eher Migrationspädagogik an der FH, als die Tischlerei der Eltern weiterzuführen.</p>



<p>Es treffen also zwei Phänomene aufeinander: die ideologische Abkehr vom Bodenständigen und die im Schulsystem paradoxerweise abtrainierten Kulturtechniken. Walter Tschischka, Präsident der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald faßte unlängst die Situation so zusammen: „Mit Schulabsolventen, die auf dem Niveau der vierten Klasse stehengeblieben sind, kann das Handwerk nichts anfangen.“ Die eine Hälfte der Schüler wird zu perfekt funktionierenden Systemlingen ausgebildet, die andere Hälfte lernt gar nichts mehr. Ich beobachtete Berufschüler im Überlandbus, die sehr wohl Deutsch als Muttersprache sprachen, aber keinen ganzen Satz herausbrachten, sich sodann über ihr digitales Endgerät beugten und im schönsten Sommer in Fleecejacken, langen schwarzen Hosen und Mützen dasaßen – diese Kinder haben in fünfzehn Jahren kein Sprachgefühl, kein Weltgefühl und kein Körpergefühl entwickeln dürfen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die einen wollen, die anderen können kein Handwerk mehr erlernen.</h3>



<p></p>



<p>Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gibt es in der BRD mehr als 150.000 unbesetzte Stellen im Handwerk, in Österreich sieht es ähnlich aus. Mit Sicherheit helfen dagegen keine PISA-Schulkampagnen und „Job-Offensiven“ für „klimarelevante Green Jobs im Handwerk“. Der Hund liegt tiefer begraben. Es liegt für nachdenkliche, traditionsverhaftete Eltern nahe, ihren Nachwuchs gerade nicht den staatlichen Ideologieanstalten anzuvertrauen. Je eher raus aus der Systemlingszuchtanstalt, desto besser! Da liegt dann in der Tat eine Lehre nahe, und wer noch elementare Sekundärtugenden mitbringt, wird dort mit Handkuß genommen. Unter den Lehrberufen gibt es wiederum solche, die weder hauptsächlich Bildschirm- noch dauernde Hygiene- und Normeinhaltungsschulungen beinhalten. Je älter und „abseitiger“ der Handwerksberuf, desto wahrscheinlicher ist es, daß sich unter den Lehrlingen auch intelligente, ein wenig sonderliche Jugendliche finden, die zumindest ganz genau wissen, was sie nicht wollen. Meine älteren Burschen haben – aus ihrerseits völlig unideologischen Gründen – Koch und Gärtner gelernt, der jüngste wird Drechsler. Und die Mutter ist hochzufrieden damit! </p>



<p><em>Über die Autorin:<br>Caroline Sommerfeld, geboren 1975 in Norddeutschland, studierte in Rostock Philosophie und Germanistik. Promotion dortselbst 2004 mit einer Arbeit zu Kants Ethik. Seit siebzehn Jahren lebt Sommerfeld mit ihrer Familie in Wien. Sie schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sezession und hat etliche Bücher veröffentlicht (Mit Linken leben 2017, Wir erziehen 2019, Vorlesen 2019, Selbstrettung. Unsere Siebensachen 2020, Versuch über den Riß 2021, Volkstod – Volksauferstehung 2021).</em></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Norddeutschland und Wien – ein Mentalitätsvergleich</title>
		<link>https://dereckart.at/norddeutschland-und-wien-ein-mentalitaetsvergleich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Apr 2024 10:59:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen: Vor 20 Jahren bin ich, eine gebürtige Lübeckerin, von Ro­stock nach Wien übersiedelt. Was mir zuerst auffiel, waren natürlich Dialektausdrücke, von denen vor allem jene zu Mißverständnissen führen, wo man im Norden dasselbe Wort kennt, es aber mit einer leicht verschobenen bzw. höher oder niedriger wertenden [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



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<p>Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen: Vor 20 Jahren bin ich, eine gebürtige Lübeckerin, von Ro­stock nach Wien übersiedelt. Was mir zuerst auffiel, waren natürlich Dialektausdrücke, von denen vor allem jene zu Mißverständnissen führen, wo man im Norden dasselbe Wort kennt, es aber mit einer leicht verschobenen bzw. höher oder niedriger wertenden Bedeutung verwendet. In der Kinderkrippe meines damals jüngsten Sohnes verlangte man „ein Ersatzgewand“, wobei es sich um die für dieses Alter sehr nötige Wechselbekleidung handelte. „Gewand“ hingegen kannte ich nur für Könige, Römer und feine Damen.<br>Bei einer der ersten Verabredungen wartete ich mit dem Kleinkind geraume Zeit im Park in der Nähe eines Spielplatzes, weil die Mutter eines anderen Kindes sich mit uns „am Spielplatz“ treffen wollte. Wieso wir denn nicht hineingegangen seien, fragte sie, als sie verspätet eintraf. Na, „am“ bedeute „in der Nähe von, neben“, sonst hätte sie wohl „auf dem“ Spielplatz gesagt, wunderte ich mich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Zuspätkommen an sich</h3>



<p></p>



<p>Mehr Eingewöhnungsschwierigkeiten bereitete mir das Zuspätkommen an sich. Der Kulturhistoriker Herbert Hahn hat 1964 in seinem dreibändigen Werk Vom Genius Europas. Begegnung mit zwölf Ländern, Völkern, Sprachen die Volksseeleneigentümlichkeiten der Deutschen beschrieben. Sehr treffend stellt er anhand einer winzigen sprachlichen Differenz einen erheblichen Wesensunterschied dar:<br>Im lebendigen Sprachgebrauch ist oft eine einzige Silbe, ja vielleicht ein einzelner Laut der Exponent tiefschichtiger seelischer Eigentümlichkeiten. So geschah es u.a. einmal, daß sich ein Norddeutscher und ein Österreicher zu einem Gespräch treffen wollten, das auf fünf Uhr nachmittags verabredet war. Um fünf Uhr, wie der Norddeutsche verstanden hatte. Er war pünktlich zur Stelle, aber von dem österreichischen Freunde war nichts zu sehen. Es wurde fünf Minuten nach fünf, bald zehn Minuten, dann viertel sechs: vom österreichischen Gesprächspartner noch immer keine Spur. Der Norddeutsche begann auf und ab zu gehen, erst nur unruhig, dann immer ärgerlicher. Kurz vor halb sechs kam, breit über das ganze Gesicht lächelnd, der Erwartete endlich heran. Er beeilte sich nicht im mindesten, sondern schritt, sich ganz gemütlich wiegend, einher. „Na, kommst du endlich“, brummte der Norddeutsche, „ich warte mich hier grün und blau, du hast doch gesagt, daß du um fünf hier sein wolltest!“ Der Österreicher schüttelte den Kopf: „Nein, das habe ich nie gesagt!“ – „Natürlich hast du das gesagt“, begehrte der Norddeutsche auf, „was willst du denn gesagt haben?“ – „Ich hab gesagt: um-a fünf.“ Der Norddeutsche starrte ihn erst verständnislos an. Dann aber brach er in Lachen aus und gab dem Freunde, dem er im Grunde sehr wohl wollte, einen tüchtigen Rippenstoß. Ja – das war es natürlich. Er hatte das dem um beigefügte a völlig überhört. Und wie bedeutungsvoll war doch dieses kleine a: Es war ein von der eigenen Person für die eigene Person ausgestellter Kreditbrief auf einen freien, auf einen nicht so sklavisch-pedantischen Gebrauch der Zeit. Das um-a ist gegenüber dem harten, jäh abbrechenden um von einer geradezu köstlichen Dehnbarkeit: Es macht die Zeit zu einem Wachs, das man beliebig kneten kann. Dies alles, versteht sich, im Sinne der immer mit Charme begabten ­österreichischen Gepflogenheiten.<br>Ergänzend wäre vielleicht noch zu bemerken, daß der Wiener eigentlich „um-a fünfe“ sagt; das alte Dativ-e – wie in „zur Türe hinaus“ oder „zum Ruhme Gottes“ – wird konsequent an Uhrzeitangaben angehängt.</p>



<p>Nun zeigt sich zwar einiges an sprachlichen Unterschieden, und diese drücken bisweilen tiefe Wesensverschiedenheiten aus, aber nicht alles, was „Fischköppe“ und „Schluchtenkraxler“ unterscheidet, ist eine Frage der Wörter.<br>Der Norddeutsche ist erheblich maulfaul. Mein Mann, ein Rheinländer, war in Rostock ganz verzweifelt, weil seine Studenten auch auf die einladendste Provokation hin höchstens einsilbig reagierten; lieber noch schwiegen sie beharrlich und guckten ihn bloß an. Ich habe kleine Jungens kennengelernt, die die Ruhe weg hatten, gemütvoll, freundlich, keinesfalls dümmlich, aber einfach nicht zum Plaudern aufgelegt. Der Norddeutsche „schnackt“ zwar durchaus auch gern, in anderen Regionen „klönt“ er oder „quatscht“ er, aber auch das geht manchmal in jeden West- und Süddeutschen belustigenden Kurzsätzen und stereotypen Formeln vonstatten: „Tach. Na, wie is?“ „Muscha.“ = Es muß ja. Hier geht es offenbar nicht um Sprachunterschiede, sondern um Mentalitätsunterschiede.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist überhaupt eine „Mentalität“?</h3>



<p></p>



<p>„Geistes- und Gemütsart; besondere Art des Denkens und Fühlens“, definiert der Duden; „Gemütsart, Denkweise, Anschauungsweise und Verhaltensweise eines Menschen, einer Menschengruppe oder eines Volkes“ die Netzseite DWDS (Deutscher Wortschatz von 1600 bis heute).<br>Bei beiden wird das Beispiel der „Mentalität der Norddeutschen“ genannt. Der Norddeutsche ist nach allem, was ich bisher zusammengetragen habe, nicht nur maulfaul, er ist auch pünktlich. Dazu gesellen sich Korrektheit und Obrigkeitstreue. Die zu Unrecht verdammten „preußischen Sekundärtugenden“ konnten nur auf dem Nährboden der norddeutschen Mentalität gedeihen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dumm ist das Nordlicht nicht, es ist nur nicht eingeweiht in ein bestimmtes Spiel.</h3>



<p></p>



<p>Auf einen Süddeutschen, noch ärger: einen Österreicher wirken diese Eigenschaften im Umgang mit konkreten Leuten öfters leicht autistisch: Es soll vorkommen, daß ein Zugereister nicht nur „schmähstad“ ist, bei einer Frotzelei oder beim Spaßmachen also nicht herausgeben kann ( eben beim „Schmähführen“ in die Enge getrieben wurde; „stad“ ist eine alte Form von „gestellt“), sondern schlicht überhaupt nicht begreift, daß er gerade „gepflanzt“ wird. Er antwortete dann – typisch norddeutsch – geradeheraus die Wahrheit, falls er die Frage oder Bemerkung überhaupt kapiert hat. Wie gesagt: Dumm ist das Nordlicht nicht, es ist nur nicht eingeweiht in ein bestimmtes Spiel. Völkerpsychologen haben diese Spielmetapher auch für zwei wesensverschiedene Zugangsweisen zu Liebe und Erotik verwendet: Süd- und Osteuropäer, wozu ich meine lieben Österreicher in dieser Angelegenheit kurzerhand zählen mag, begreifen die Annäherung zwischen Mann und Frau als unverbindliches, gewissermaßen tänzerisches, mit viel schönem Schein und erheblichem Aufwand an Comment und Eleganz betriebenes soziales Spiel. Nord- und Westeuropäer sind diesbezüglich deutlich kühler, bei unsereinem ist die Liebe – jedenfalls in norddeutscher Reinform – eine Frage von Vertrauen, Ernst und Verbindlichkeit.</p>



<p>Ein Journalist des Standards beobachtete etwas ganz ähnliches anhand der österreichischen Redewendung „Schau ma mal“. Er schreibt:<br>Weder unsere westlichen noch unsere nördlichen Nachbarn, die Deutschen, haben diese in ihrem aktiven Repertoire. (…) Bei unsicheren Vorhaben und in schwierigen Lebenslagen: Schauen wir! Das ist eine Herangehensweise, die unsere straffer organisierten Nachbarn nur schwer kapieren. Für vieles braucht es dort bis ins Letzte ausformulierte Pläne, die dann selten so aufgehen. Natürlich birgt das die Gefahr eines kakanischen Durchwurstelns. Richtig eingesetzt stärkt sie unsere Ambiguitätstoleranz, eine Fähigkeit, die – mag man Soziologen Glauben schenken – besonders wichtig ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Mentalitätsunterschiede trotzen Nivellierern und Umerziehern.</h3>



<p></p>



<p>Abgesehen davon, daß wir beide Deutsche sind und uns sowohl das „kakanische Durchwursteln“ als auch die „preußischen Sekundärtugenden“ innerhalb von hundert Jahren absichtsvoll ausgetrieben worden sind, die Typik der Mentalitäten folglich nivelliert ist, hat der Autor einen richtigen Punkt erfaßt: Unsicherheit ist für den Österreicher der seelische Normalzustand, der „eh“ unabänderlich bleibt, für den Norddeutschen ein äußeres, fast technisches Problem, das unverzüglich behoben gehört.<br>Ob man wohl voneinander lernen kann? Schwerlich, denn über Mentalitätsschranken kann man sich kaum willentlich hinwegsetzen, auch wenn man „Ambiguitätstoleranz“ bzw. ihr sozialpsychologisches Gegenstück, die „Authentizität“ bis zu einem gewissen Grad auch durch Vorbilder erlernen kann. Wobei der Österreicher das „Sich-etwas-Abschauen“ positiv bewertet, während man im Norden scheel beäugt wird, wenn man sich „was abgeguckt hat“, es also unecht nachahmt. Das Austreiben der Mentalitätsunterschiede dürfte also ein zäheres Stück Arbeit sein, als es sich die Nivellierer und Umerzieher vorstellen. </p>



<p>Über die Autorin:<br>Caroline Sommerfeld, geboren 1975 in Norddeutschland, studierte in Rostock Philosophie und Germanistik. Promotion dortselbst 2004 mit einer Arbeit zu Kants Ethik. Seit siebzehn Jahren lebt Sommerfeld mit ihrer Familie in Wien. Sie schreibt regelmäßig für die Zeitschrift Sezession und hat etliche Bücher veröffentlicht (Mit Linken leben 2017, Wir erziehen 2019, Vorlesen 2019, Selbstrettung. Unsere Siebensachen 2020, Versuch über den Riß 2021, Volkstod – Volksauferstehung 2021).</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Der deutsche Volkscharakter</title>
		<link>https://dereckart.at/der-deutsche-volkscharakter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[artikel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Dec 2023 16:26:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Was für ein antiquiertes Thema! Liest man aktuelle Lexika zu Begriffen wie „Volkstum“, „Volkscharakter“, „Volksstämme“ und „Völkertafel“, landet man stets bei dem Hinweis, diese Begriffe seien durch den Nationalsozialismus „verbrannt“ und heute nur mehr eine „Forschungsfrage“. Womit gesagt sein soll: Man nimmt sie nicht mehr ihres Inhaltes wegen ernst, sondern betrachtet sie [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



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<p>Was für ein antiquiertes Thema! Liest man aktuelle Lexika zu Begriffen wie „Volkstum“, „Volkscharakter“, „Volksstämme“ und „Völkertafel“, landet man stets bei dem Hinweis, diese Begriffe seien durch den Nationalsozialismus „verbrannt“ und heute nur mehr eine „Forschungsfrage“. Womit gesagt sein soll: Man nimmt sie nicht mehr ihres Inhaltes wegen ernst, sondern betrachtet sie als überholt, „historisierbar“, nicht mehr sachhaltig. Ich möchte mich dennoch ihrer annehmen, weil sie „Schwundbegriffe“ sind – so schrieb der Historiker Dan Diner einmal über das Wort „Volk“; Begriffe, die im Verschwinden oder Verschwunden sein noch einmal aufleuchten. Etwas an ihnen leuchtet auf, weil es einleuchtet und nicht nur früher einmal rückständigen Ideologen eingeleuchtet hat.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Was ist das Wesenhafte, Typische, Gleichbleibende der Deutschen im Vergleich zu anderen Völkern?</h3>



<p></p>



<p>Da der „Volkscharakter“ heutzutage nun einmal kein wissenschaftlicher Begriff mehr ist, lohnt es sich, zurückzublättern im Buch der Geschichte, das alles gleichgültig aufbewahrt bis dahin, wo sich sinnvolle Bestimmungen und Abgrenzungen finden lassen.</p>



<p>So lese ich beim Herausgeber der Werke Johann Georg Hamanns, dem Literaturwissenschaftler Josef Nadler in seinem Werk Die deutschen Stämme (1925), man müsse, um herauszufinden, was den Charakter eines Volksstammes ausmache 1.) Quellenmaterial, 2.) Eigenzeugnisse und 3.) Beweise der historischen Kontinuität beibringen. Ersteres fällt leicht, das weitere ist dadurch erschwert, daß außer in damals allerjüngster Zeit so gut wie keine volkskundliche Reflexion der eigenen Geschichtlichkeit bei den einzelnen Stämmen zu finden ist. „Dazu kommt es immer erst spät, wenn das naive Gemeingefühl sich in steigender Bildung verliert und über sich selbst nachzudenken beginnt“, schreibt Nadler. Die Selbstreflexion ganzer Völker Europas datiert in die Renaissance zurück, ist aber eben nur als Quellenmaterial, nicht als Wissenschaft zu gebrauchen.</p>



<p>Die Grenzen zwischen historischer Quelle, Volksgut, Legende, literarischer Beschreibung, philosophischer Systematik und nachträglicher Vereinnahmung im Interesse einer politischen Stoßrichtung sind fließend, was die Bestimmung erheblich erschwert. Wenn ich aber zurückgehe auf diejenigen Deutschen, die sich ihrer Sache noch völlig sicher waren, als sie sich anschickten, den Charakter ihres Volkes zu erfassen, dann stoße ich auf erfrischend klare Töne, geäußert von Geistesgrößen, die wohl schwerlich vom Zeitgeist als „umstritten“ zur Gänze aussortiert werden können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Herder und die „fürchterlich blauen Augen“</h3>



<p></p>



<p>Johann Gottfried Herder beschreibt 1784 in seinen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, ausgehend vom weiten Weltenall und immer näher auf die Einzelvölker fokussierend, jedes einzelne Volk so genau wie möglich. So genau wie möglich heißt für Herder, nicht nur – wie es damals der „letzte Schrei“ in der Wissenschaft war – als alleinige Erklärung für die Unterschiede zwischen den Völkern das Klima heranzuziehen. Immanuel Kant hielt die „Klimatheorie“ seiner Zeit für eine unzureichende Erklärung des Volkscharakters:</p>



<p>Auch Klima und Boden können den Schlüssel hiezu nicht geben; denn Wanderungen ganzer Völker haben bewiesen, daß sie ihren Charakter durch ihre neuen Wohnsitze nicht veränderten, sondern ihn diesen nur nach Umständen anpaßten. Es liegt nahe, hieraus generell zu schlußfolgern, daß fremde Ansiedler von manchen Sitten vielleicht bald lassen möchten, ihren Charakter, gewissermaßen ihre „Volksseele“ aber so rasch nicht ablegen können.</p>



<p>Herder meint nun, die Deutschen wurden, was sie damals waren, nicht nur durch die „physische und politische Lage“ Deutschlands in der Mitte Europas, sondern auch durch den Widerstand gegen die Römer. Er charakterisiert die alten deutschen Stämme in den nachfolgenden, auf uns Heutige unfreiwillig fast komisch wirkenden Worten:</p>



<p>Ihr großer, starker und schöner Körperbau, ihre fürchterlich blauen Augen wurden von einem Geist der Treue und Enthaltsamkeit beseelt, die sie ihren Obern gehorsam, kühn im Angriff, ausdauernd in Gefahren, mithin andern Völkern, zumal den ausgearteten Römern zum Schutz und Trutz sehr wohlgefällig oder furchtbar machten. Die daraus resultierende „stehende Kriegsverfassung“ brachte der Deutschen „Hauptneigung“ zu ihrem „Hauptbedürfnis, dem Kriege“ hervor.</p>



<p>An dieser Stelle möchte ich einwenden, daß Herder hier vielleicht etwas zu früh den Lauf der Geschichte an einem Höhepunkt enden ließ und diesen für charakteristisch deutsch erklären wollte. Aus dem Typischen der Gegenwart rückzuschließen auf die Zutaten zum allmählichen Zustandekommen dieser Gegenwart, ist das gewöhnliche Vorgehen der Geschichtsschreibung, das aber relativiert werden muß durch den Blick auf weiteren Fortschritt und Niedergang in der Geschichte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Steirische Völkertafel und des Deutschen Lebensende im Wein</h3>



<p></p>



<p>Dabei handelt es sich um ein Ölgemälde eines unbekannten Malers, das Anfang des 18. Jh. in der Steiermark entstand, eine bebilderte Zusammenstellung europäischer Völker mit tabellarisch geordneten Zuschreibungen vonjeweils 17 verschiedenen Eigenschaften. Darunter finden sich „Natur Und Eigenschaft“, „Lieben“, „Krigs Tugente“, „Gottesdienst“, „Vergleichung Mit denen Thiren“ und „Ihr Leben Ende“.</p>



<p>Für die Zusammenstellung der Beschreibungen maßgeblich waren nicht nur historische Begegnungen mit Vertretern der jeweiligen fremden Völker oder die Klimazonentheorie, sondern in erster Linie schriftliche Zeitzeugnisse: neben Lexika und ethnographischen Schriften auch Reiseberichte, Briefsammlungen und Spottverse. Hier haben wir die von Nadler gewünschten „Quellen“.</p>



<p>Der Deutsche wird auf der Tafel porträtiert als einer, der in der Kleidung „alles nachmacht“, verschwenderisch ist, gerne trinkt, leicht an der Gicht erkrankt, im Kriege unüberwindlich ist, dazu sehr fromm, als seinen Herrn nur den Kaiser anerkennt, dem Löwen gleicht, Überfluß an Getreide hat und sein Lebensende im Wein findet. </p>



<p>Immanuel Kant: „Der Deutsche fügt sich am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung“.</p>



<p>Kant liefert eine herrliche Rechtfertigung dieses damals und bis ins 19. Jh. hinein modischen Genres der schmähenden Völkercharakteristik. In seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) führt er aus, was die europäischen Völker kennzeichne, und jedes bekommt dabei sein Fett weg. Kant begründet dies so:</p>



<p><em>Ich werde die Zeichnung ihres Portraits etwas mehr von der Seite ihrer Fehler und Abweichung von der Regel als von der schöneren (dabei aber doch auch nicht in Karikatur) entwerfen; denn, außerdem daß die Schmeichelei verdirbt, der Tadel dagegen bessert: So verstößt der Kritiker weniger gegen die Eigenliebe der Menschen, wenn er ihnen ohne Ausnahme bloß ihre Fehler vorrückt, als wenn er durch mehr oder weniger Lobpreisungen nur den Neid der Beurteilten gegeneinander rege macht.</em></p>



<p>In einer Fußnote desselben Werkes wählt Kant dabei den Umweg über die Beschreibung der europäischen Völker durch fiktive Türken:</p>



<p><em>Die Türken, welche das christliche Europa Frankestan nennen, würden, wenn sie auf Reisen gingen, um Menschen und ihren Volkscharakter kennenzulernen (…), die Einteilung desselben, nach dem Fehlerhaften in ihrem Charakter gezeichnet, vielleicht auf folgende Art machen: 1. Das Modenland (Frankreich). — 2. Das Land der Launen (England). — 3. Das Ahnenland (Spanien). — 4. Das Prachtland (Italien). — 5. Das Titelland (Deutschland samt Dänemark und Schweden als germanischen Völkern) — 6. Das Herrenland (Polen).</em></p>



<p>Auch Kant greift also mit der deutschen „Titelsucht“ einen Charakterzug heraus, den man ebenso wie das Kriegerische heute kaum mehr für besonders typisch hält. Allenfalls könnte man das Vertrauen in „Experten“, das bei jeder Krise immer wieder dieselben fröhlichen Urstände feiert, damit in Verbindung bringen. Das nun Folgende ist indes niederschmetternd zeitlos, und ich mag meinen Landsleuten von Herzen wünschen, daß sie „der Tadel bessert“: Der Deutsche fügt sich unter allen zivilisierten Völkern am leichtesten und dauerhaftesten der Regierung, unter der er ist, und ist am meisten von Neuerungssucht und Widersetzlichkeit gegen die eingeführte Ordnung entfernt. Sein Charakter ist mit Verstand verbundenes Phlegma, ohne weder über die schon eingeführte zu vernünfteln noch sich selbst eine auszudenken.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der deutsche Genius</title>
		<link>https://dereckart.at/der-deutsche-genius/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Jul 2023 13:50:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Der Volkskundler Herbert Hahn hat in seinem Werk über den Genius Europas (1963/64) ein Kapitel mit „Deutsches auf drei Blättern“ überschrieben. Es könne, so schreibt er, in einem Volk Dinge geben, von denen man sagen möchte: Genug, daß sie da sind, sie wären an sich schon ausreichend, eine Volksseele ganz und gar [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading"></h2>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Der Volkskundler Herbert Hahn hat in seinem Werk über den Genius Europas (1963/64) ein Kapitel mit „Deutsches auf drei Blättern“ überschrieben. Es könne, so schreibt er, in einem Volk Dinge geben, von denen man sagen möchte: Genug, daß sie da sind, sie wären an sich schon ausreichend, eine Volksseele ganz und gar zu bezeugen. Von dieser Art sind Albrecht Dürers Kupferstich Ritter, Tod und Teufel, Caspar David Friedrichs Morgenlicht und die Freischütz-Ouvertüre Carl Maria von Webers. Der Ritter verkörpert „das Mittendurch“: Den Tod und den Teufel muß er überwinden durch vollendete Ich-Stärke. „War im Kupferstich von Dürer alles Ich-Straffung, so ist im Bilde von Friedrich alles Ich-Hingabe“: Die von hinten ansichtige Frau staunt in das Morgenwunder hinein, ist ganz Gefühl. In Webers Freischütz wirken das Gute und das Böse zusammen das Gute. „Und so wissen wir immer, ob Furcht und Schrecken uns auch für Augenblicke in den Abgrund zu ziehen drohen, daß das Gute in Max, durch Agathe mitgehegt und gestärkt, siegen wird.“</p>



<p>Wenn es überhaupt möglich ist, intensiv – in kurzen, einprägsamen Bildern der Kunst – und nicht allein extensiv – durch Sprachwissenschaft,  Geschichtserzählung, Schilderung von Persönlichkeiten – den Genius der Deutschen darzustellen, dann vielleicht auf die oben als Beispiel gegebene Art und Weise. Das Ringen des menschlichen Ichs mit dem Bösen um das Gute scheint die konzentrierte Kraft und Aufgabe des Deutschen zu sein – und zwar sowohl des Deutschen als des typischen, wesenhaft Deutschen im Gegensatz zum Wesen anderer Völker als auch des einzelnen deutschen Menschen.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large"><img decoding="async" width="1024" height="736" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-1024x736.webp" alt="" class="wp-image-10194" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-1024x736.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-300x216.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-768x552.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2023/07/4-gross-jpg.webp 1200w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Caspar David Friedrich, Morgenlicht, um 1818 | Wikimedia Commons, Plenuska</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Der „deutsche Genius“ bezeichnet sowohl die Volksseele als auch von ihr besonders geprägte und sie zum vollendeten Ausdruck bringende Individuen.</h3>



<p>Der Psychiater Wilhelm Lange-Eichbaum hat in seinem Standardwerk Genie, Irrsinn und Ruhm. Genie-Mythus und Pathographie des Genies (1927) dieses Ringen des Ichs mit dem Bösen um das Gute auf moderne wissenschaftliche Begriffe gebracht. Er spricht von den „Ich-Positiven“ und den „Ich-Negativen“ in der Geistesgeschichte.<br>„Der gesunde Mensch ist schön und sein Zustandekommen erstrebenswert. Aber es muß auch ein bißchen irgendwelcher Krankheit in ihn kommen, daß er auch geistig schön werde“, zitiert er den Dichter Christian Morgenstern. Die innere Unrast im Blut, die Ruhelosigkeit, die vielfach veränderte Stimmungslage lassen ihn dann viele Dinge in anderen Beleuchtungen erleben. „Ich-positive“ Genies waren etwa Lucas Cranach der Ältere, Carl-Friedrich Gauß, Joseph Haydn, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Gottfried Wilhelm Leibniz, Joseph von Eichendorff, Thomas Mann und Oswald Spengler. Dagegen sind so verschiedene hervorragende Geister in ihrem Seelenleben teils phasenweise, teils lebenslang in unterschiedlichem Grade gestörte „Ich-Negative“ gewesen wie Johann Wolfgang von Goethe, Martin Luther, Ludwig van Beethoven, Heinrich Heine, Heinrich von Kleist, Richard Wagner oder Otto von Bismarck.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Viele große Deutsche waren vom Standpunkt des Psychiaters aus beurteilt seelisch nicht normal, einige regelrecht psychopathisch veranlagt.</h3>



<p>Nun ist es mit dem Psychopathologisieren der großen Deutschen so eine Sache. Klar ist, daß psychotisches Erleben als „höchst eindrucksvoller Wirkungston des ganz Besonderen in den Genieakkord einfließen kann“ (Lange-Eichbaum). Problematisch wird es dann, wenn vom Werk nach eingehender medizinischer Begutachtung des Schöpfers nicht mehr als Trümmerteile übrigbleiben. Aber genau dieses Abstrahieren vom Leben, dieses Ordnungschaffen und Wegrationalisieren des Rätselhaften ist gleichzeitig ein Spezifikum deutscher Denkungsart. Zugleich ist es ein Verfallsphänomen: „Eine Zeit, die ihre Morbidität erkennt, beschäftigt sich zwangsläufig mit dem Morbiden der vor ihr lebenden Generationen; deswegen die Zunahme nicht nur aus psychiatrisch berufener Feder, sondern aus ebenso berufener von Psychologen, Literarhistorikern und nicht zuletzt auch Schriftstellern bis zum Romanautor“, liest man im Vorwort zur 6. Auflage von Genie, Irrsinn und Ruhm 1966.</p>



<p>Der „Ich-Negative“ wird, so möchte ich aus dem bisher Zusammengetragenen schlußfolgern, in tragischer Weise mit dem Bösen in ihm selbst konfrontiert und kämpft dagegen. Immer wieder äußert sich dann das Gute in genialischen Werken. „In der Dämmerung des Bewußtseins fühlte er sich im zunehmenden Dunkel eingekerkert. Der Leib vegetierte, doch die Seele irrte über weite Gefilde, die den Mitmenschen und der Zeit unerreichbar waren. Es war der unglückliche edle Friedrich Hölderlin“ (Herbert Hahn). Hölderlin läßt das Schicksalslied Hyperions mit den Worten enden:</p>



<p class="has-text-align-center">Doch uns ist gegeben,<br>auf keiner Stätte zu ruhn,<br>es schwinden, es fallen<br>die leidenden Menschen<br>blindlings von einer<br>Stunde zur andern,<br>Wie Wasser von Klippe<br>zu Klippe geworfen,<br>Jahr lang ins Ungewisse hinab.</p>



<p>Die leidenden Menschen stehen im hellen Kontrast zu den „seligen Genien“, die „droben im Licht“ wandeln, also die geistige Welt bewohnen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Genie hat immer auch etwas mit Verstoßensein aus der Götterwelt zu tun und dem deutlichen Fühlen, nicht in diese irdische Welt und recht eigentlich in eine höhere zu gehören.</h3>



<p>Daß dieses Fühlen sich zu Größenwahn steigern kann, sehen wir an Friedrich Nietzsche, der in seinem letzten Brief an Jakob Burckhardt vom 6. Januar 1889 schreibt: „Lieber Herr Professor, zuletzt wäre ich sehr viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung der Welt zu unterlassen.“<br>Das Genie Friedrich Nietzsche ist nicht ohne Rückgriff auf die Psychopathologie zu erklären, im Grunde aber müßte man sagen, er sei genial gewesen trotz Krankheit und nicht aufgrund derselben. Goethe hat in einem seiner Gespräche mit Eckermann am 20. Dezember 1829 unterschieden zwischen einem harmonischen und einem verletzten Genie: „Das Außerordentliche, was ausgezeichnete Talente leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein (… ) mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht (…) mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.“<br>Nietzsche hatte diese „Zähigkeit“ nicht, sondern ausschließlich „seltene Empfindungen“, die ihn sich gegen jedes Ideal, jede Tradition und jede Phrase seiner Zeit stellen ließen. Er wurde im Ringen des Ichs mit dem Bösen um das Gute vom Bösen überwältigt und endete bekanntlich in geistiger Umnachtung.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sind wir als Volk wirklich „von allen guten Geistern verlassen“?</h3>



<p>Wenn nun der deutsche Genius all die ihm eigentümlichen deutschen Genies von Dürer bis Goethe hervorgebracht hat, und wenn er im ausgehenden 19. Jahrhundert beginnt, in eine Zeit einzutreten, die „ihre eigene Morbidität erkennt“, sodaß die eigenen Genies mit dem Maßstab der Psychopathologie beurteilt werden: Was wird dann aus diesem Genius?</p>



<p>Nach Krankheit und Selbsterkenntnis der eigenen Krankheit müßten eigentlich entweder Genesung oder der Tod folgen. Doch wie wir am Anfang sahen, eignet dem Deutschen der schließliche Sieg des Guten. Davon ist hierzulande derzeit nichts zu sehen, auch aus der Masse hervorragende Geistesgrößen werden seit einem Jahrhundert nicht mehr hervorgebracht. Sind wir als Volk wirklich „von allen guten Geistern verlassen“? Ich hatte vor drei Jahren mit dem in China lebenden Geisteswissenschaftler Martin Barkhoff einen Briefwechsel, der 2021 unter dem Titel Volkstod und Volksauferstehung. Achtundzwanzig Briefe zwischen Wien und Peking erschienen ist. Darin findet sich im Grundton fragender und freundschaftlicher Briefe vieles, das die Frage nach der Zukunft des deutschen Genius berührt. Ritter, Tod und Teufel dürfte noch für lange Zeit ein emblematisches Bild dafür sein. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gerettetes Brauchtum</title>
		<link>https://dereckart.at/gerettetes-brauchtum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Dec 2022 18:00:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.49-12-166-91.plesk.page/?p=9684</guid>

					<description><![CDATA[Die Oberuferer Weihnachtsspiele von Caroline Sommerfeld Karl Julius Schröer (1825-1900), Sprachwissenschaftler an der Technischen Hochschule in Wien, hörte – ganz in der Tradition der Gebrüder Grimm und Johann Gottfried Herders, die Volksmärchen und -lieder sammelten – 1862 von erhaltengebliebenen bäuerlichen Weihnachtsspielen. Diese hatten ihren Ursprung in der Ortschaft Oberufer. Schröer sammelte und veröffentlichte die Texte [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h2 class="wp-block-heading">Die Oberuferer Weihnachtsspiele</h2>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Karl Julius Schröer (1825-1900), Sprachwissenschaftler an der Technischen Hochschule in Wien, hörte – ganz in der Tradition der Gebrüder Grimm und Johann Gottfried Herders, die Volksmärchen und -lieder sammelten – 1862 von erhaltengebliebenen bäuerlichen Weihnachtsspielen. Diese hatten ihren Ursprung in der Ortschaft Oberufer. Schröer sammelte und veröffentlichte die Texte und Regieanweisungen der später „Oberuferer Weihnachtsspiele“ genannten Volksstücke und hat sie so der Nachwelt erhalten. Oberufer (slowak. Prievoz, ungar. Fõrév) ist ein ehemals deutsches Dorf, das seit 1946 ein Vorort der slowakischen Hauptstadt Preßburg (Bratislava) ist. Die Spiele sind in einer Art donauschwäbischem Dialekt in Reimen abgefaßt.</p>



<p>Das Besondere nun an diesem Volksspiel ist, daß jener Karl Julius Schröer der Hochschullehrer und Freund von Rudolf Steiner war. Steiner begründete die Anthroposophie als christliche Geisteswissenschaft, aber auch die Waldorfschulen, die Demeter-Bauernhöfe, die Weleda-Kosmetik und noch einige bis heute bestehende Institutionen. Ihre Freundschaft führte dazu, daß Professor Schröer dem jungen Steiner ausführlich von seiner volkskundlichen Entdeckung berichtete und dieser beschloß, die Oberuferer Weihnachtsspiele regelmäßig zur Aufführung zu bringen. Steiner lagen die Herkunft der Spiele und ihre Unverfälschtheit am Herzen. Er schrieb vor genau hundert Jahren, zu Weihnachten 1922, in der Zeitschrift Das Goetheanum: „Es wanderten ja solche Stämme aus in die Gegend von Preßburg, das heute in der Tschechoslowakei liegt, von der Donau abwärts über Preßburg nach den Zipser Gegenden, südwärts von den Karpaten, nach Siebenbürgen, nach dem Banat, der Gegend zwischen der südlichen Donau und der Theiß. (…) Und unter diesen Stämmen, die auswanderten, waren am charakteristischsten die Haidbauern. Und eben diese Leute sind in jener Gegend in Oberufer, etwas stromabwärts an der Donau, ansässig geworden und brachten sich aus ihrer ursprünglichen Heimat diese Weihnachtsspiele mit, erhielten sie nun unverfälscht und spielten sie in der dortigen deutschen Kolonie von Jahr zu Jahr. Sie wurden als ein teures Gut in gewissen Familien aufbewahrt und so behandelt, wie sie vor Jahrhunderten waren (…); es hatte sich noch keine Intelligenz, kein Verbesserer hineingemischt.“<br>Die Darsteller für die Weihnachtsspiele suchten sich die Deutschen alljährlich aus der Dorfbevölkerung, immer war es ein Leiter, der von seinem Vater oder einem anderen Ältesten diese Aufgabe geerbt hatte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Schauspieler waren oft die ärgsten Lausbuben, die so aber in eine ganz adventliche Stimmung hineingeholt wurden.</h3>



<p>„Es waren strenge Vorschriften für die Teilnehmer der Weihnachtsspiele während der wochenlangen Probenzeit. Ein jeder, der mitwirken wollte, hatte die vier folgenden Regeln strenge zu beachten. Dazu muß man sich natürlich in das Dorfleben versetzen und bedenken, was es im Dorfleben bedeutet, bei einer solchen Sache nicht mittun zu dürfen: ‚Ein jeder, der mitspielen will, darf 1. nicht zu’n Diernen gehn, 2. keine Schelmliedel singen die ganze heilige Zeit über, 3. muß er ein ehrsames Leben führen, 4. muß er mir folgen. Für alles ist eine Geldstrafe, auch für jeden Gedächtnisfehler und dergleichen im Spiel.‘“</p>



<p>So werden bis heute im „Goetheanum“ in Dornach/Schweiz und an den meisten Waldorfschulen von Lehrern und älteren Schülern die „Oberuferer Weihnachtsspiele“ im Originalwortlaut aufgeführt, was, je weiter der Zungenschlag der Schauspieler vom Donauschwäbischen entfernt ist, gewiß nicht leicht ist. Als Beispiel sei hier der Beginn des Christgeburtspiels zitiert:</p>



<p><em>Joseph und Maria gehen auf die Bühne. Der Sternsinger spricht:</em></p>



<p><em>Grüaß&#8217;n ma Joseph und Maria rein,<br>Und grüaß&#8217;n ma das kloane kindalein.<br>Grüaß&#8217;n ma a ochs und esulein,<br>Wölche stehn bei dem krippalein.<br>Grüaß&#8217;n ma sie durch sunn und mondenschein,<br>Der leucht&#8217;t übers meer und über den Rhein.<br>Grüaß&#8217;n ma sie durch laub und gras,<br>Der haiige regen mächt uns und eng ålli naß.<br>Grüaß&#8217;n ma den kaiser mit der kron,<br>Grüaß&#8217;n ma den master, der&#8217;s machen kan.<br>Grüaß&#8217;n ma a dö geistlinga herrn,<br>Wail&#8217;s uns erlaubt hobn, des g&#8217;spül z&#8217;lern.</em></p>



<p>In dem Moment, wo ein Volkskundler solche mündlich tradierten und trotz ihrer bäuerlichen Derbheit und Possenhaftigkeit mit einem Nimbus des Heiligen umgebenen Texte schriftlich aufzeichnet, verlieren sie ihre Ursprünglichkeit, erst recht, wenn sie dann noch kommentiert werden, wie es Steiner sehr ausführlich getan hat. Aber da es nun einmal unmöglich ist, einen in der Mitte des 19. Jhdts. bereits abreißenden Volksbrauch in seiner Urgestalt zu konservieren, ist die alljährliche Wiederaufführung die einzige uns heute noch mögliche Art seiner Rettung. </p>
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		<title>Ein Menschenschlag</title>
		<link>https://dereckart.at/ein-menschenschlag/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Sep 2022 09:14:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Wegwarte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Was ist eigentlich ein „Menschenschlag“? Das hier gemeinte „Schlagen, Ausschlagen“ bezieht sich auf das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung der Arten – ein Baum schlägt im Frühjahr aus, Rosenblüten schlagen ins Rosarote oder ein Pferd ist aus der Art geschlagen. Bezieht man das „Schlagen“ auf Menschen, hat man zunächst dieselbe Wortbedeutung [&#8230;]]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading"></h2>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Was ist eigentlich ein „Menschenschlag“? Das hier gemeinte „Schlagen, Ausschlagen“ bezieht sich auf das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung der Arten – ein Baum schlägt im Frühjahr aus, Rosenblüten schlagen ins Rosarote oder ein Pferd ist aus der Art geschlagen.</p>



<p>Bezieht man das „Schlagen“ auf Menschen, hat man zunächst dieselbe Wortbedeutung wie beim Tier vor Augen, sie erweitert sich allerdings um geistige und seelische Dimensionen. Ein Menschenschlag ist nicht nur auf eine bestimmte typische Weise anzusehen, sondern verhält sich, denkt, fühlt und prägt seine unmittelbare Lebensumgebung auf eine typische Weise.</p>



<p>Das Grimmsche Wörterbuch zitiert unter „Sächsin“ aus Goethes Kommentar zu Lessings Drama<em> Minna von Barnhelm</em>: „Die anmuth und liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den werth, die würde, den starrsinn der Preuszen.“</p>



<p>Es ist in vergangenen Jahrhunderten vielfach beschrieben worden, wie sich die verschiedenen deutschen Stämme, die Bewohnerschaft der verschiedenen Gegenden und Landstriche, kurzum: die Menschenschläge voneinander unterscheiden.</p>



<p>Der Historiker Hans Delbrück kam in seiner Weltgeschichte (1927) zu dem Schluß, diese Verschiedenheit läge daran, daß seit der Hohenstauferzeit im deutschen Volk „die verschiedenen Eigenschaften nicht zu einer Einheit zusammengefaßt waren und zusammen wirkten, sondern sich zu Sonderbildungen gestalteten, die sich dann gegenseitig widerstrebten und einander bekämpften“.</p>



<p>Doch auch eine „deutsche Einheit“ im politischen Sinne hätte ja diese „Sonderbildungen“ keinesfalls ausgelöscht, sondern ihnen nur ein gemeinsames herrschaftliches Dach aufgesetzt.</p>



<p>Die Verschiedenheit der Menschenschläge innerhalb des deutschen Volkes ist gerade kein Phänomen, das der Ordnungsliebe der Historiker oder Politiker, geschweige denn früherer Rasse- und heutiger „Rassismus“-Apologeten zugänglich ist. Das bereits erwähnte Grimmsche Wörterbuch kann dann auch nur einigermaßen hilflos den großen Philosophen Immanuel Kant ins Feld führen, der zum „Menschenschlag“ weiß:<br>„MENSCHENSCHLAG, m.: nach diesen vorbegriffen würde die menschengattung in stamm (oder stämme), race oder abartung (progenies classifica) und verschiedenen menschenschlag (varietas nativa) abgetheilt werden können, welcher letztere nicht unausbleibliche, sich vererbende, also auch nicht zu einer klasseneintheilung hinreichende kennzeichen enthalten würde.“<br>Der „Menschenschlag“ ist nicht im physiologischen Sinne erblich. Jeder Biologismus perlt an ihm ab. Das lateinische „varietas nativa“ trifft es eigentlich sehr schön: angeborene Spielarten oder Abwechslungen so wie diese:<br>„In Niederbayern ist dann wieder einer der schwarzhaarigsten und dunkeläugigsten Menschenschläge zuhause, die es auf deutschem Boden gibt, besonders von Regensburg gegen den Bayrischen Wald und nach Amberg und Schwandorf hin.“ (Friedrich Ratzel: <em>Glücksinseln und Träume</em>, 1905)</p>



<p>Wer vom „Menschenschlag“ spricht, gebraucht keine wissenschaftliche Kategorie, sondern bringt auf eine nur im Deutschen so mögliche Weise zum Ausdruck, daß Leute aus einer bestimmten Gegend diese und jene Charakteristika tragen.</p>



<p>Allerdings wohnt diesem Wort auch seit langem eine leicht bis schwer abwertend Bedeutungsnote inne. Dann wird vom „Menschenschlag“ eben so gesprochen, daß der gerade Gemeinte irgendwie „aus der Art geschlagen“ sei. Ein groteskes Beispiel bieten Carl Heinrich Röschs <em>Untersuchungen über den Kretinismus in Württemberg</em> (1844), der dortselbst Leute beobachtet haben will, bei denen der Kropf außerordentlich häufig vorkomme, und: „Der Menschenschlag hat grossentheils den kretinischen Habitus; Stammeln und Uebelhörigkeit ist gar häufig“.</p>



<p>So kommt es, daß auch in der unmittelbaren Gegenwart der Ausdruck „Menschenschlag“ von Journalisten verwendet wird, um gegen mißliebige Menschen auszuteilen, die überdies nichts Regionaltypisches eint: „Doch mit Corona scheint auch bei den Preppern, jenem obskur-diffusen Menschenschlag, der sich auf den drohenden Zusammenbruch aller Gesellschaft vorbereitet, die Alarmglocke zu läuten.“ (Leipziger Zeitung, 27. April 2020).</p>



<p>Womit wir wieder in Sachsen angekommen wären. Von der oben zitierten „Anmut und Liebenswürdigkeit“ der Sächsinnen fehlt hier allerdings jede Spur. Um einen Menschenschlag als solchen zu beschreiben, muß man ihn eben erst einmal kennenlernen wollen … </p>
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