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	<title>Sprachkolumne &#8211; Der Eckart</title>
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	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
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	<title>Sprachkolumne &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Norddeutsche Märchengestalten und ihre Namen</title>
		<link>https://dereckart.at/norddeutsche-maerchen-gestalten-und-ihre-namen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Mar 2025 20:50:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld In Keitum auf Sylt starb einmal eine Frau vor ihrer Entbindung, da ist sie mehrere Male dem Knecht des Predigers erschienen und hat nicht eher Ruhe im Grabe gehabt, als man ihr Schere, Nadel und Zwirn ins Grab gelegt. So tut man bei Frauen in Nordfriesland gewöhnlich. Es gibt da überhaupt manche [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p></p>



<p>In Keitum auf Sylt starb einmal eine Frau vor ihrer Entbindung, da ist sie mehrere Male dem Knecht des Predigers erschienen und hat nicht eher Ruhe im Grabe gehabt, als man ihr Schere, Nadel und Zwirn ins Grab gelegt. So tut man bei Frauen in Nordfriesland gewöhnlich. Es gibt da überhaupt manche Wiedergänger oder Gongers; denn wer unschuldig ermordet wird oder Grundsteine versetzt und Land abgepflügt hat, findet keine Ruhe im Grabe. (…) Wem ein solcher Gonger begegnet, der erschrickt nicht, sondern wird vielmehr betrübt. Der Gonger meldet sich aber nicht in der nächsten Blutsverwandtschaft, sondern im dritten oder vierten Gliede.“</p>



<p>Mag man noch aus dem Wortstamm „geh-“ (germanisch *gæ- „gehen“, belegt seit dem 8. Jh.) die im Neuhochdeutschen nicht gebildete Form „gongen“ und daraus einen „Gonger“, sprich „Gänger“, rekonstruieren können, so sind die „Mönöloke“, das „Allerürken“ und die „Ünnerschen“ für das Ohr des nicht aus dem Norden Deutschlands Stammenden scheinbar reine Phantasienamen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Von Herrn Hansen auf Sylt zum Klassiker</h3>



<p></p>



<p>Mir fiel aus einem Nachlaß ein Werk des Volkskundlers und Sprachwissenschaftlers Karl Müllenhoff von 1845 zu: <em>Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg</em>. Ich stamme aus dem Herzogtum Lauenburg, gelegen im heutigen Bundesland Schleswig-Holstein. Das Plattdeutsche habe ich sekundär erlernt bei Plattdeutschlesewettbewerben in der Grundschule; der Tonfall, die Wortbildungs- und die Ausspracheregeln sind mir indes durch Zuhören in Fleisch und Blut übergegangen.</p>



<p>Karl Müllenhoff – unter Volkskundlern einst so berühmt, daß man anerkennend nur „der Müllenhoff“ schrieb – hat mündlich überlieferte und in teils sehr entlegenen Werken schriftlich niedergelegte Sagen und Märchen des norddeutschen Sprachraumes akribisch dokumentiert. Von den altnordischen Sagas bis zur damaligen Gegenwart hat er alle verfügbaren Quellen genutzt. Oft steht unter einer knapp wiedergegebenen Regionalsage oder Anekdote wie <em>Die Heringe auf Helgoland </em>oder <em>Der Itzehoer Briefträger</em>, wer ihm berichtet habe, z.B. „durch Herrn Hansen auf Sylt“ oder „durch Herrn Pastor Stark in Jordkirch bei Apenrade“.</p>



<p>Das oben aufgezählte „Allerürken“ spricht sich mit langem Ü aus. So ahnt der südlicher Beheimatete vielleicht schon, daß es sich um eine „Alraune“ handelt, jene durch die <em>Harry-Potter</em>-Jugendromane berühmt gewordene Wurzelknollenfigur, die Zauberkräfte haben soll. Die Wortherkunft der mit dem „Allerürken“ sachverwandten, in Ludwig Bechsteins Märchensammlung überlieferten „Mönöloke“ ist mir indes sprachlich nicht erschließbar: „Es ist aber die Mönöloke gewesen eine Teufelspoppe, so ohn allen Zweifel die Besitzer in des Teufels Namen verfertiget“. Daß der Berichterstatter, ein Hieronymus Saucke, in seiner <em>Hardeshornischen Chronik</em> die ominöse Mönöloke eine „Poppe“ nennt, ist Niederdeutsch: Theodor Storms Novelle <em>Pole Poppenspäler</em> hat als Hauptfigur einen Puppenspieler namens Paule, im Niederländischen heißt eine Puppe ebenfalls <em>poppe</em>.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Unter der Erde, meist in alten Grabhügeln oder unter Ruinen, wohnten kleine Leute.</h3>



<p></p>



<p>In Holstein hat man diese „Unnerske“, auf Sylt „Önnerske“ genannt, in meiner unmittelbaren Heimat „Unterersche“, die Unterirdischen. Sie sind den heutigen Lesern nur aus weit nördlicheren Gefilden bekannt. In Astrid Lindgrens <em>Ronja Räubertochter</em> gibt es die lustigen „Rumpelwichte“, in ihrem traurigen Märchen <em>Die Schafe auf Kapela</em> wird ein Mädchen von einer Unterirdischen geholt. In einer nordschleswigschen Sage tut sich auf ein verballhorntes Bibelzitat hin die Unterwelt auf:</p>



<p>„In Husby da liggt een lütte Barg upn Felde; da wahnen de Ünnerschen. Enmal da weer da en Deern bi den Barg, de kunn dat Stichwoord; da hör se de Ünnerschen botern (buttern, d.h. Butter schlagen). (…) Da sä se: ‚Epraim tu dich auf!‘ Da klaff de Barg ut enanner un se künn da herin sehn, wo de Ünnersche da stünn un boter.“</p>



<p>Etliche der Müllenhoffschen Sammelstücke künden davon, daß arme Sünder sich dem Teufel und seinem vielgestaltigen heidnischen Gefolge verschrieben hätten oder aber das Figurenpersonal des heidnischen Aberglaubens durch christliche Riten wie Kreuzzeichen, Kirchturmuhr, Stoßgebete oder den richtigen Namen habe gebannt werden können – das „Rumpelstilzchen“ ist bekannt, dem gleichen Namensbann unterstanden im hohen Norden seine skurrilen Vettern „Knirrficker“, „Terpentiren“ und „Ecke Neckepenn“. Letzterer Gesell ist mir noch namentlich bekannt aus dem Plattdeutschwettbewerb. </p>
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			</item>
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		<title>Von Abriß bis Zeigermeister</title>
		<link>https://dereckart.at/von-abriss-bis-zeigermeister/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Dec 2024 14:30:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Martin Hobek Deutsche Lehnwörter im ost(mittel)europäischen Handwerk Wer hatʼs erfunden?“, fragte der offensiv-selbstbewußte Schweizer in der Fernsehwerbung für ein Hustenzuckerl. „Wer hat´s aufgebaut?“, könnte man als Deutscher in den Raum stellen, wenn es um Osteuropa und Ostmitteleuropa geht – denn die deutschen handwerklichen Lehnwörter sind eine kaum endenwollende Beweismittelliste. Die Gründe für die Vielzahl [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Martin Hobek</em></p>



<p></p>



<h2 class="wp-block-heading">Deutsche Lehnwörter im ost(mittel)europäischen Handwerk</h2>



<p></p>



<p>Wer hatʼs erfunden?“, fragte der offensiv-selbstbewußte Schweizer in der Fernsehwerbung für ein Hustenzuckerl. „Wer hat´s aufgebaut?“, könnte man als Deutscher in den Raum stellen, wenn es um Osteuropa und Ostmitteleuropa geht – denn die deutschen handwerklichen Lehnwörter sind eine kaum endenwollende Beweismittelliste.</p>



<p>Die Gründe für die Vielzahl deutscher Lehnwörter sind mannigfaltig. Deutsche Minderheiten lebten relativ ausgedehnt in Streusiedlungen oder kleineren und größeren Sprachinseln und arbeiteten buchstäblich vorbildhaft für ihre Nachbarn. Aber auch die Hanse und das Magdeburger Stadtrecht, das lange auch für Städte wie Kiew oder Wilna galt, spielten natürlich eine Rolle.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Russisch als Fundgrube deutscher Lehnwörter</h3>



<p></p>



<p>In Rußland ist das in einem starken Ausmaß auf die deutschstämmigen Herrscher zurückzuführen. Katharina II. die Große, holte viele Landsleute, um ihre neue Heimat vorwärtszubringen. Ein Wort ist auf den ersten Blick direkt mit Katharinas Zeit zu verbinden: Kulturell war damals Barockzeit, und in besseren Kreisen gehörte die Perücke einfach unverzichtbar dazu. Während wir meistens das französische „Friseur“ verwenden, gibt es noch heute im Russischen für den&nbsp; Haarschneider nur ein einziges Wort – den parikmacher, also den Perückenmacher. Hier eine winzige Auswahl weiterer handwerklicher Begriffe im Russischen, die uns nur zu bekannt vorkommen: abris (Abriß, im Sinne von Bauplan), werstak (Werkstatt), bormaschina (Bohrmaschine), lobsik (Laubsäge), stamesa (Stemmeisen), schteker (Stecker), canga (Zange), ciferblat (Ziffernblatt). Auch die schlang (Schlange) hat Eingang ins russische Handwerk gefunden – volksetymologisch interessant, denn gemeint ist der Schlauch.</p>



<p>Auch im Umfeld der Handwerksarbeit findet sich einiges. Heute wie damals hat der Handwerker zumeist in einer Tasche eine Jause für die Mittagspause dabei. In Rußland ist das heute noch ein buterbrod (belegtes Brot) in einem rjuksak (Rucksack). Das „Butterbrot“ wird in Rußland übrigens auch als solches bezeichnet, wenn sich alles Mögliche darauf befindet, aber keine Butter.</p>



<p>Zum Schmunzeln bringen die Sprachforscher solche Begriffe, die zeigen, daß bei den russischen Alteingesessenen und den deutschen Zugereisten mentalitätsmäßig Welten aufeinanderprallten. Der master (Baumeister, Vorarbeiter, Ausbilder) war meistens in Eile, weil er Aufträge zeitgerecht erfüllen wollte. Die Russen lernten so ein Wort, das sie in ihrer Sprache noch nicht hatten: cejtnot (Zeitnot). Die Deutschen hatten aber noch einen Nachteil: Sie waren skrupoljosnyj (skrupellos), womit die Russen aber penibel, pingelig meinen. Ein altes deutsches Wort im russischen Handwerk hat sogar die Anglizismenflut des digitalen Zeitalters überlebt: Während bei uns ausschließlich die „firewall“ verwendet wird, sagen die Russen tatsächlich brandmauer.</p>



<p>Würde man an dieser Stelle auf die deutschen Lehnwörter im Handwerk im weiteren Sinn (Bergbau, Seefahrt, Militär) eingehen, würde es den Rahmen kolossal sprengen. Die deutschen Entlehnungen in letztgenannter Sparte haben die Russen an so manche Unterworfene weitergegeben, welche diese wiederum sogar im zivilen Bereich einpflanzten. Schaut man in Lettland bei einer Busstation auf den Fahrplan, so liest man maršruts, das vorherige russische „marschrutka“ und das ursprüngliche „Marschroute“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Spuren der deutschen Sprache von Ungarn bis Estland</h3>



<p></p>



<p>Allgegenwärtig sind deutsche Lehnwörter auch im Polnischen, sodaß man nur mit offenen Augen durchs Land gehen muß, etwa wenn man in einem öffentlichen Gebäude liest, daß die winda (Aufzug) bis zum dach (Dach) führe. Polnischer Lieblingsbegriff des Autors dieser Zeilen ist der zegarmistrz (auszusprechen ungefähr als „segarmistsch“). Mit diesem Zeigermeister ist gleichermaßen putzig wie poetisch der Uhrmacher gemeint.</p>



<p>Wenig überraschend gilt das auch für das Tschechische, von cihelna (Ziegelei) über drát (Draht), kýbl (Kübel/Eimer) und sicherhajcka (Sicherheitsnadel) bis vercajk (Werkzeug). Des Verfassers Favorit ist hier ein Begriff, der nicht mehr als ursprünglich deutsch erkannt wird, weil er aus dem Mittelalter stammt: der truhlář für den Tischler, also den „Truhenmacher“.</p>



<p>Ukrainisch, Ungarisch u.Ä. und leider auch das für uns oft unterhaltsame Estnisch (z. B. rüütel für Ritter) können hier aus Platzgründen nicht abgehandelt werden. Aber auch diese Idiome würden keine Ausnahmen darstellen, wenn es um deutsche Entlehnungen im Handwerkerjargon geht. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutschbaltisch</title>
		<link>https://dereckart.at/baltendeutsch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 25 Sep 2024 16:51:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Wenn man über so verschiedene Persönlichkeiten wie Werner Bergengruen, Jakob von Uexküll, Otto Graf Lambsdorff oder Robert Gernhardt liest, sie seien Deutschbalten gewesen, ist das für die allermeisten Zeitgenossen keine Information, mit der sie irgend­etwas anfangen können.Auf der Reise nach Triest überquerten wir diesen Sommer einen Fluß in Slowenien, der meinen Mann [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p></p>



<p>Wenn man über so verschiedene Persönlichkeiten wie Werner Bergengruen, Jakob von Uexküll, Otto Graf Lambsdorff oder Robert Gernhardt liest, sie seien Deutschbalten gewesen, ist das für die allermeisten Zeitgenossen keine Information, mit der sie irgend­etwas anfangen können.<br>Auf der Reise nach Triest überquerten wir diesen Sommer einen Fluß in Slowenien, der meinen Mann an Ivo An­drics Roman Die Brücke über die Drina erinnerte. Unvermittelt fragte er daraufhin, ob die Drina nicht im Baltikum läge. Irgendwo im Unterbewußtsein seiner Generation lagert anscheinend noch die nebelhafte Worterinnerung an „die Düna“, die schon lange nicht mehr mit diesem, ihrem deutschen Namen benannt wird.</p>



<p>Deutschbalten nennt man jene Deutschen, die seit dem 12. Jh. nach Estland, Kurland und Livland gezogen sind. Vor allem der deutschsprachige Adel spielte in den folgenden Jahrhunderten eine kulturtragende Rolle in den Ostseeprovinzen des Zarenreiches. Das „Deutschbaltische“ zeichnet sich durch eine besondere Aussprache aus, die dem Schlesischen ähnelt. Der Schriftsteller Werner Bergengruen erzählte, eine seiner Tanten habe den Familiennamen beständig „Berjengrien“ ausgesprochen. Dazu kommen zahlreiche Fremd- und Lehnwörter aus slawischen Sprachen.<br>Historisch entstand das Deutschbaltische durch den Kontakt der mittelniederdeutschen Sprache mit Estnisch und Livisch. Erst im 18. Jh. wurde das Hochdeutsche die Sprache des dortigen Adels und damit des Handels, der Verwaltung und der evangelischen Kirche, während die einheimischen Balten sich damit schwertaten, sozial aufzusteigen, solange sie nur „Halbdeutsch“ sprachen – dortzulande auch sehr schön „Knotendeutsch“ genannt – also Mischidiome aus Deutsch und Lettisch bzw. Estnisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Eine gewisse Sonderlichkeit als soziales Distinktionsmittel</h3>



<p></p>



<p>Heute spricht kaum noch ein Mensch in den baltischen Staaten Deutsch, wir müssen also ältere Quellen suchen. Typisch für das Deutschbalten sind die Diminutive: An viele Substantive wird das hochdeutsche „-chen“ oder das Plattdeutsche „-ing“ angehängt, sodaß Wortformen wie „Bergchen“, „Kühchen“ und „Pupping“ oder „Tochting“ zustandekommen.</p>



<p>Die Endungen sind durchaus eigenwillig, etwa maskulinisiert das Deutschbaltische feminine Wörter, mit Ergebnissen wie „der Sülz“ oder „der Bork“. Es bildet auch Sonderplurale wie „die Pastore“ oder „die Bröte“ – warum das geschieht, läßt sich womöglich durch die Abgelegenheit der Provinzen erklären, in welcher Idiolekte erstaunlich lange überleben, während sie in den innerdeutschen Dialektgebieten abgeschliffen werden oder Spontanbildungen sich nicht halten können. Lautlich ist neben dem russischen Zungen-R vor allem das Niederdeutsche erkennbar: So reimt sich „Schlag“ auf „nach“ und „Zug“ auf „Buch“ – das klingt etwa so, wie der Mecklenburger mit „Tach!“ grüßt.</p>



<p>Oskar Grosberg schrieb in seinem Roman Meschwalden. Ein altlivländischer Gutshof (1937), was ein baltischer Gutspächter von seiner Reise ins Deutsche Reich berichtet: Wie etwa seine Frau im Hotel dem Stubenmädchen sagte, sie möge doch mit einem „Spann und Luppat“ kommen, um den Kaffee von der Diele, auf die sie den Inhalt einer Tasse versehentlich gegossen, aufzunehmen, und wie das Stubenmädchen sie „wie so ’ne Dojahnsche angeschaut“ hatte und man sich mit der „Marjell“ schließlich durch Zeichen verständigen mußte: „So dumm sind die Menschen, daß sie nicht einmal ordentlich Deutsch verstehen!“<br>Was eine „Dojahnsche“ ist, läßt sich nur unvollständig rekonstruieren; sicher ist, daß der Nachname „Dojahn“ slawischen Ursprungs ist, vermutlich auf den tschechischen Vornamen „Dojan“ zurückgehend, der wiederum eine Koseform von „Dobromir“ darstellt, und im Zusammenstoß des Baltischen mit dem Hochdeutschen wohl dafür steht, daß das Stubenmädchen sich wie eine typische Trägerin eines slawischen Namens verhalten habe bzw. wie eine sozial niedrigstehende „Halbdeutsche“ oder gar überhaupt wie eine Russin, mit anderen Worten: für den Gutsherren ein Ausbund an Blödheit. Die Endung „-sche“ übrigens war früher überall im Deutschen gebräuchlich als Bezeichnung der Frau, etwa „die Grubersche“, „die Pollaksche“.</p>



<p>Daß das Deutschbalten eine Adelssprache war, merkt man ihm weder in der Phonetik noch in der Wortbildung an, denn dort ist die niederdeutsche Herkunft stark dominant – vielmehr kultivierte man wahrscheinlich eine gewisse Sonderlichkeit um ihrer selbst willen als soziales Distinktionsmittel, bis mit der Vertreibung der Deutschen auch aus dem Baltikum nach dem Zweiten Weltkrieg diese doch auch liebenswürdige Schrulligkeit ausgedient hatte. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Muttersprache</title>
		<link>https://dereckart.at/muttersprache/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jul 2024 15:53:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Daß die Sprache, die ein Mensch am besten spricht, weil er sie als erste erlernt hat, seine „Muttersprache“ sei, ist keine bloße Metapher. Natürlich lernt jedes Kind die ersten Worte von beiden Eltern, von den Geschwistern und Großeltern, aber mit der Sprache der Mutter hat es eine besondere Bewandtnis. Nicht nur spricht [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p></p>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p></p>



<p>Daß die Sprache, die ein Mensch am besten spricht, weil er sie als erste erlernt hat, seine „Muttersprache“ sei, ist keine bloße Metapher. Natürlich lernt jedes Kind die ersten Worte von beiden Eltern, von den Geschwistern und Großeltern, aber mit der Sprache der Mutter hat es eine besondere Bewandtnis. Nicht nur spricht die Mutter sehr oft zuerst in einer „Babysprache“ mit ihrem Kind, sie tut dies auch in einer höheren Tonlage als alle anderen Bezugspersonen. Dies muß man keiner jungen Mutter beibringen oder erklären, sie tut es aus einem Gefühl heraus, das sie selbst nicht erklären könnte.</p>



<p>Die Sozialpsychologie versucht, dies zu erklären, kommt dabei aber oftmals nicht über Messungen und Verhaltensforschung hinaus, weil ihr der Begriff des Seelischen abhandengekommen ist. In meinem Buch <em>Wir erziehen</em> (2018) habe ich diesen Umstand auf den Bruch der Sozialwissenschaft mit der Geisteswissenschaft in der Pädagogik zurückgeführt. Die geisteswissenschaftliche Pädagogik bis in die 1950er-Jahre hinein konnte das Phänomen der Muttersprache beschreiben, indem sie aus der sprachlichen Tradition der Philosophie, Literatur und Religion schöpfte.</p>



<h3 class="wp-block-heading has-text-align-left">Es ist nämlich möglich, die „Muttersprache“ als eigene Sprachqualität zu begreifen, wenn man von einem Unterschied im Wesen zwischen Mutter und Vater, von Frau und Mann ausgeht.</h3>



<p></p>



<p>Die Theologin und Pädagogin Magdalene von Tiling hat in ihrem Werk <em>Grundlagen pädagogischen Denken</em>s 1932 festgehalten:</p>



<p><em>Bei dem Mann schlägt gleichsam das geistige Leben vor, bei der Frau das seelische Leben. (…) Sie empfindet ihr Leben stets in einen geschlossenen Kreis hineingestellt; was innerhalb ihres Kreises ist, zieht sie in sich hinein; (…) während bei der Frau durch den Vorschlag des seelischen Lebens und die stärkere Verbundenheit aller Seiten ihres Seins eine größere Ichbezogenheit vorhanden ist.</em></p>



<p>Daß die Frau – stets: idealtypischerweise – wesentlich „seelisch“ verfaßt ist, bedeutet, daß sie ein reicheres Innenleben hat, alles in der Welt von ihrem leiblichen Mittelpunkt her erfaßt und das Gefühlsleben dem Verstandesleben vorgeht. Dementsprechend muß auch ihre Sprache verfaßt sein: ein „geschlossener Kreis“ wiederkehrender Redewendungen und Ausdrücke, häufige persönliche Ich-Aussagen. Die Regungen der weiblichen Seele prägen Wortwahl und Klang emotional. Wenn Mütter ihren Kindern jenseits des Babyalters die Welt zu erklären beginnen, geschieht das von Natur aus auf genau diese Weise. Wenn sie Geschichten erzählen und Lieder singen, ebenso.</p>



<p>Der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim erwähnt in seinem Klassiker <em>Kinder brauchen Märchen </em>(1975) die Mutter Goethes, die dieser mit den bekannten Zeilen charakterisiert hat:</p>



<p>„Vom Vater hab ich die Statur /des Lebens ernstes Führen, / vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu Fabulieren.“</p>



<p>Bettelheim schreibt:</p>



<p><em>Goethe wußte, daß wir ein reiches Phantasieleben brauchen, um das Leben genießen und seine schwere Arbeit bewältigen zu können. Etwas von dieser Fähigkeit und diesem Selbstvertrauen gewann Goethe dadurch, daß seine Mutter ihm Märchen erzählte, und wie sie dabei vorging, zeigt uns, wie sie den Erwachsenen und das Kind, die jeweils Eigenes beisteuern, zu verbinden vermögen.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">„Mit jedem Wort, das wir von der Mutter, dem Vater, den Geschwistern, den Freunden und Lehrern übernahmen, haben wir etwas vom Herzen und Geist unseres Volkes in uns aufgenommen.“</h3>



<p></p>



<p>Weiter beschreibt er, daß die Mutter die Gefühle ihres kleinen Sohnes genau spürte und in die Erzählweise einbaute. Manches Mal unterbrach er sie und sprudelte erregt heraus, wie es wohl weitergehen müsse, worauf ihn die Mutter gern ihrerseits unterbrach und am nächsten Tag die Erwartungen des kleinen Johann Wolfgang bestätigte und dessen Phantasiewörter aufgriff. Märchen erfüllen zudem ein Urbedürfnis der Kleinkinder: die Wiederholung des Immergleichen. Mütter sind schon leiblich genau darauf ausgerichtet: Stillen, Füttern, In-den-Schlaf-singen, Wiegen – wieviel mehr Vergnügen bereitet es der Mutter und dem älteren Kind, diese Wiederholungen auch im Sprechen zu pflegen.</p>



<p>„Die Muttersprachen sind die Völkerherzen, welche Liebe, Nahrung und Wärme aufbewahren und umtreiben“ (Jean Paul). Der Sprachwissenschaftler Wilhelm Schneider deutete diesen Satz treffend folgendermaßen, womit ich meine Anmerkungen zur Muttersprache schließen möchte:</p>



<p><em>Und jetzt die Nutzanwendung auf uns alle, die wir Deutsche sind! Als kleine Kinder haben wir begonnen, den Gedankenschatz unserer Vorfahren, diesen „Königsschatz“, uns zu eigen zu machen; mit jedem Wort, das wir von der Mutter, dem Vater, den Geschwistern, den Freunden und Lehrern übernahmen, haben wir etwas vom Herzen und Geist unseres Volkes in uns aufgenommen.</em></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Landwirtschaftlicher Sonderwortschatz</title>
		<link>https://dereckart.at/landwirtschaftlicher-sonderwortschatz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Jun 2024 07:26:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Wo bin ich? Hier lag einst die Schoberstange.Und schüttelnd die Mähne auf Leine und KummetGraste die Stute am wiesigen Hange.Denn Mittag war’s. Bei Steintopf und KrugRuhten die Mäher müde im Grummet. In seinem streckenweise urkomischen Buch Wie man schlecht schreibt. Die Kunst des stilistischen Missgriffs hat Stefan aus dem Siepen dieses Gedicht [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p></p>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p></p>



<p class="has-text-align-center"><em>Wo bin ich? Hier lag einst die Schoberstange.<br>Und schüttelnd die Mähne auf Leine und Kummet<br>Graste die Stute am wiesigen Hange.<br>Denn Mittag war’s. Bei Steintopf und Krug<br>Ruhten die Mäher müde im Grummet.</em></p>



<p></p>



<p>In seinem streckenweise urkomischen Buch <em>Wie man schlecht schreibt</em>. <em>Die Kunst des stilistischen Missgriffs</em> hat Stefan aus dem Siepen dieses Gedicht des deutschen Lyrikers Peter Huchel (1903–1981) vorgestellt. Er diagnostiziert dem Verfasser eine „milde Form von Autoren-Autismus“ und erklärt diese liebevoll folgendermaßen:<br><em>Huchel war nicht nur ein großer Lyriker, sondern er stammte auch vom flachen Land. Seine Heimat war die brandenburgische Provinz, er wuchs in die bäuerliche Welt und ihre Sprache hinein, daher wusste er zum Beispiel, was eine „Schoberstange“ ist und der Unterschied zwischen einem „Grummet“ und einem „Kummet“ war ihm ebenfalls geläufig.</em></p>



<p>Aus dem Siepen legt noch ein weiteres Gedicht Huchels nach:</p>



<p class="has-text-align-center"><em>Ich ging durchs Dorf<br>Und sah das Gewohnte.<br>Der Schäfer hielt den Widder<br>Gefesselt zwischen den Knien.<br>Er schnitt die Klaue<br>Er teerte die Stoppelhinke.<br>Und Frauen zählten die Kannen,<br>Das Tagesgemelk.<br>Nichts war zu deuten.</em></p>



<p></p>



<p>„Nichts war zu deuten? Das Wort ‚Tagesgemelk‘ versteht man ohne weiteres, auch wenn man sein gesamtes Leben in der Stadt verbracht hat. Doch was ist die ‚Stoppelhinke‘? Haben wir es mit einem Körperteil des Widders zu tun oder mit einem landwirtschaftlichen Gerät?“, fragt aus dem Siepen amüsiert.</p>



<p>Peter Rosegger (1843–1918) schreibt in <em>Aus meiner Waldheimat:</em> „Mein Vater hatte elf Saatfelder, die wir ‚Kornweiten‘ nannten und wovon wir alljährlich im Herbste ein neues für den Winterroggenbau umackerten, sodaß binnen elf Jahren jeder Acker einmal an die Reihe kam. Ein solcher Jahresbau lieferte beiläufig dreißig Metzen Roggen.“ Hier haben wir einen völlig anderen Fall: Rosegger erklärt er­stens seine Verwendung landwirtschaftlicher Begriffe, und zweitens kann man die Maßeinheit „Metze“ ohne Schwierigkeiten nachschlagen. Rosegger verwendet also anders als Huchel nichts Unverständliches als bewußtes Stilmittel. Er sieht sehr wohl den Abstand zwischen sich selbst als Schriftsteller und der geschlossenen Welt seiner Waldheimat, aber seine Prosa wirkt eher berichtend als poetisch-stilisierend.<br>Rosegger ist in diesem Sinne kein modernistischer Schriftsteller, Huchel sehr wohl. Denn im Modernismus versteht man die poetische Sprache als Vehikel: Ausgesucht „ursprünglich“ wirkende Wörter aus einem fremden, untergegangenen oder sozial geschlossenen Kulturbereich stellen Authentizität her.</p>



<p>Und wie verhält es sich bei diesem Gedicht? Josef Weinheber (1892–1945) beobachtet<em> Im Weinland</em>, so der Titel seines Herbstgedichtes, einiges Merkwürdige:</p>



<p class="has-text-align-center"><em>Und um auf den Leiten<br>im Laubwerk dick die Beeren.<br>Die runden, die schweren,<br>am Steckenspalier.<br>Mit Weinhüterkeuschen<br>und Spatzenschreckpopanzen:<br>Die Blechschnitzel tanzen<br>im Rankengewirr.</em></p>



<p></p>



<p>Eine „Keusche“ ist im österreichischen Deutsch ein kleines Bauernhaus, die „Leite“ bezeichnet einen Berghang oder Abhang. Das im oberdeutschen Sprachraum gebräuchliche Wort steht insbesondere für einen recht steilen Berghang, der früher etwa als Weide für Schafe oder Ziegen genutzt wurde.<br>Indem Weinheber das landschaftliche Sonderwort „Keusche“ mit dem ebenfalls in der Hochsprache unbekannten „Weinhüter“ zusammenfügt, entsteht ein Neologismus, eine Wortneuerfindung. Ein Weinhüter (auch „Weingartenhüter“, „Hiata“, „Wengertschütz“ oder „Wengerter“ genannt) war ein Flurwächter im Weingebirge. Es war seine Aufgabe, Traubendiebstähle zu verhindern und Vögel zu vertreiben. Das Weinbauvokabular inspiriert den Dichter nicht nur zu neuen Fügungen, sondern auch zu freien Erfindungen: Die „Spatzenschreckpopanzen“ sind nirgendwo lexikalisiert, er hat in glücklicher Sonderwortschatzschwelgerei das alte Wort „Popanz“ in seiner ursprünglichen Bedeutung „gebastelte Schreckgestalt“ wiederbelebt. Josef Weinheber gebraucht hier landwirtschaftliche Begriffe weder als modernistisches Stilmittel wie Huchel noch als authentisches Darstellungsmittel wie Rosegger, sondern als Material zur Wortspielerei.</p>



<p>Alle drei Lyriker wissen genau, daß sie einen Sonderwortschatz verwenden, daß dieser dabei ist, in Vergessenheit zu geraten und daß sie riskieren, von späteren Lesergenerationen nicht mehr verstanden zu werden. Und doch können sie nicht anders, als von der „Stoppelhinke“, der „Kornweite“ und der „Weinhüterkeusche“ zu schreiben, um die bäuerliche Welt noch einmal aufblühen zu lassen, bevor sie verwelken muß. </p>
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		<title>Russisches Deutsch,deutsches Russisch</title>
		<link>https://dereckart.at/russisches-deutschdeutsches-russisch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[artikel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Jan 2024 08:45:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Anders als bei den Gallizismen und Anglizismen in der deutschen Sprache, die man am leichtesten durch das Phänomen der „Modesprache“ einst und jetzt erklären kann, sind sogenannte „Russizismen“ bei uns keiner Mode geschuldet. Es handelt sich um solche Wörter, die die deutsche Sprache aus dem Russischen als Herkunftssprache oder über das Russische [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



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<p>Anders als bei den Gallizismen und Anglizismen in der deutschen Sprache, die man am leichtesten durch das Phänomen der „Modesprache“ einst und jetzt erklären kann, sind sogenannte „Russizismen“ bei uns keiner Mode geschuldet. Es handelt sich um solche Wörter, die die deutsche Sprache aus dem Russischen als Herkunftssprache oder über das Russische als Vermittlersprache entlehnt hat. Lehnwörter sind anders als echte Fremdwörter in ihrer Formbildung an die Aufnahmesprache angepaßt worden. Alle russischen Ausdrücke, die jeder Deutsche kennt, die aber auf der Sachebene nur in Rußland beheimatete Dinge bezeichnen wie „Kopeke“, „Kreml“, „Samowar“ oder „Matrioschka“ tauchen in Listen von Russizismen meines Erachtens fälschlicherweise auf. Hingegen sind „Mammut“ („mamont“), „Zobel“ („zobol“) „Schamane“ („schaman“) und „Steppe“ („schtep“) echte Russizismen.</p>



<p>Wie kann man dann aber erklären, daß es in unserer Muttersprache noch mehr als diese Handvoll Russizismen gibt? Eine Erklärung ist die Politik. Sowohl aufgrund der europäischen Heiratspolitik im Absolutismus als auch in beiden Weltkriegen und natürlich zu DDR-Zeiten sind russische Lehnwörter und Fremdwörter eingewandert. Alles in allem handelt es sich um sehr wenige Wörter, die auf dem Wege des Sprachwandelgesetzes zu deutschen Fremd- bzw. Lehnwörtern geworden sind. Das Sprachwandelgesetz, übrigens von dem russischen Linguistenehepaar Piotrowskij aufgestellt, besagt, daß zunächst Einzelsprecher (oder -schreiber) ein fremdsprachliches Wort verwenden. Hörer oder Leser greifen es auf, es erfährt eine exponentiell ansteigende Verbreitung, erreicht einen Höhepunkt, an dem es „jeder kennt“ und oft nicht einmal mehr für fremd hält, worauf es dann weniger oft verwendet wird und dem Bestand der Aufnahmesprache anverwandelt wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die kalten Krieger Kosmonaut und Astronaut</h3>



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<p>Politisch motivierte Erstverwendungen dürften bei „Samisdat“, „Kosmonaut“ und „Pogrom“ vorgelegen haben und zwar mit jeweils völlig unterschiedlichen Motiven. „Samisdat“ entstand aus „sam“ (selbst) und „isdatjelstwo“ (Verlag) und war in der DDR eine Bezeichnung für systemkritische und dadurch gezwungenermaßen selbst verlegte Literatur. Der „Kosmonaut“ wurde im Kalten Krieg bewußt als Neuwort in die Sprache der DDR eingeführt, um das amerikanische Modewort „Astronaut“ zu verdrängen. „Pogrom“ bedeutet im Russischen allgemein „Verwüstung, Krawall“, die Einengung auf die Bedeutung „ethnische Säuberung“ geschah in der Vergangenheitsbewältigungssprache der BRD.</p>



<p>Anders sieht es z.B. mit dem Wort „Dawaj!“ aus: Hier dürften wir es mit einem Beinahe-Russizismus – denn kein Deutscher gebraucht das Wort anstelle von „Los!“, auch wenn Scherzbolde „DDR“ als Abkürzung von „Dawaj! Dawaj! Rabotaj!“, also „Los, los, arbeiten!“, interpretierten – zu tun haben, der eigentlich ein Germanismus im Russischen ist.<br>Ein russischer Sprachwissenschaftler hat nämlich herausgefunden, daß das Wort aus dem Deutschen stammte und ins Russische übernommen worden war. Danach sollen Kutscher, die nach Rußland reisten, ihre Pferde mit „weiter, weiter“ („weit(d)a, weit(d)a“) angetrieben haben. Russen verstanden in Umkehrung der Silben „t(d)awai“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein „schtempel“ vom „potschtamt“</h3>



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<p>Deutsche Lehnwörter im Russischen wiederum sind zuallermeist entweder Peter dem Großen oder Katharina der Großen zu verdanken. 1703 begann Peter mit dem Bau „seiner“ Stadt, Sankt Petersburg. In der neuen Hauptstadt ließen sich Handwerker nieder, darunter viele deutsche Drucker, Setzer und Uhrmacher. Und Zarin Katharina war bestrebt, Deutsche im Zarenreich anzusiedeln, insbesondere in dessen südlichem und südöstlichen Teil, an der Wolga. Diese Wolgadeutschen nahmen aus der Heimat vor allem Wörter aus den Bereichen Handwerk, Technik und Kunst mit – die Politik des Zaren und der Zarin erbrachte den Effekt, der Lesern meiner Sprachkolumne von den Anglizismen und Gallizismen her bekannt ist: Fortschritt bringt Neuwörter.</p>



<p>Es dürfte nicht schwer sein, die folgenden russischen Germanismen aus dem 18. Jh. zu verstehen, hier in phonetischer Umschrift: „tsiferblat“, „schtempel“, „potschtamt“, „parikmacher“, „marschrut“, „galstuk“ oder mein Lieblingswort aus dieser Sammlung: Ich hörte in Wien im Supermarkt heuer zwei Ukrainerinnen über das geplante Abendessen sprechen, des Russischen selbst nur äußerst rudimentär kundig, und die eine Dame tat mir den Gefallen, einen Vorschlag zu äußern, den ich gut verstand: „Buterbrot“! </p>
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		<title>Schönbrunner Deutsch</title>
		<link>https://dereckart.at/schoenbrunner-deutsch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[artikel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Nov 2023 13:35:25 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Schönbrunner Deutsch ist jene Form der deutschen Hochsprache, die ab dem späten 18. Jahrhundert am Wiener Kaiserhof, im österreichischen Adel und teilweise bis ins Großbürgertum des Habsburgerreiches gesprochen wurde. Die meisten Adeligen lebten in ihren Wiener Palais – vom berühmtesten rührt der Name „Schönbrunner“ Deutsch her – sowie auf ihren Schlössern oder [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



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<p>Schönbrunner Deutsch ist jene Form der deutschen Hochsprache, die ab dem späten 18. Jahrhundert am Wiener Kaiserhof, im österreichischen Adel und teilweise bis ins Großbürgertum des Habsburgerreiches gesprochen wurde.</p>



<p>Die meisten Adeligen lebten in ihren Wiener Palais – vom berühmtesten rührt der Name „Schönbrunner“ Deutsch her – sowie auf ihren Schlössern oder in Dienstwohnungen in allen Teilen der Donaumonarchie. In den fremdsprachigen Provinzen Transleithaniens sprach die Oberschicht die jeweils heimische Sprache als Muttersprache und außerdem meist fließend Schönbrunner Deutsch.</p>



<p>Das Schönbrunner Deutsch ist sprachwissenschaftlich sowohl ein Soziolekt, also eine Sprachform, die eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe verwendet, als auch ein Sprechstandard: In der Erziehung der adeligen und großbürgerlichen Jugend wurde Wert darauf gelegt, daß die Eleven „schön sprachen“. Damit war keineswegs nur gemeint, Kraftausdrücke zu vermeiden – heute verwendet man in Wien die rügende Mahnung „Schön sprechen!“ nur noch ironisch in dieser reduzierten Bedeutung –, sondern sich an eine bestimmte Sprechweise, bestehend aus Tonfall, Satzmelodie und Klangfarbe, zu halten.<br>Der Kolumnist Hans Rauscher beschrieb den Tonfall der Familie der Schauspielerin Christiane Hörbiger bei deren Tod für einen Berufslinken erstaunlich nostalgisch-reaktionär als „ein perfektes Hochdeutsch mit altösterreichischer Klangfarbe. Melodiös, leicht verschattet, zwischendurch ironisch aufblitzend, alles mit dem Grundton einer gewissen Weltmüdigkeit“.</p>



<p>Unterscheiden muß man vom Schönbrunner das sogenannte „Burgtheater-Deutsch“, ebenfalls ein wienerisch eingefärbtes Hochdeutsch – dieses ist bzw. war aber ausschließlich Sprachnorm für Schauspieler in Theater und Film und kein Soziolekt. Das Schönbrunner Deutsch ist indes, langsam kommen wir der Sache durch das Ausschlußprinzip näher, auch nicht nur ein Hochdeutsch mit Wiener Akzent. Dafür hat es zu deutlichen Normcharakter – Adel verpflichtet schließlich zu vollendeter Form –, um sich sowohl vom Dialekt als auch vom preußischen „Schriftdeutsch“ zu distinguieren.</p>



<p>Typisch für das Wienerische ist unter anderem die sogenannte Monophtongierung, d.h. das Zusammenziehen von Doppelvokalen (au, ei) zu einem langen Vokal (a:,&nbsp;ä:). Adelssprößlingen wurde explizit eingeschärft, nicht so zu sprechen. Hingegen bemerkt man am Schönbrunner Deutsch die wienerische weiche Aussprache harter Konsonanten (b für p, d für t, g für k), die ich in einer vergangenen Sprachkolumne als genauso charakteristisch für das Prager Deutsch beschrieben habe – es war eben das Habsburgerreich, das beide umschloß. Wer hören möchte, wie Schönbrunner Deutsch klang, der kann eine kurze Tonaufnahme der Kaiserin Zita über die Krönung Karls zum ungarischen König in Budapest am 30. Dezember 1916 in der „Österreichischen Mediathek“ finden.</p>



<p>Wenn in Historienfilmen Angehörige des alten Adels und der Hofgesellschaft, der sogenannten Ersten Gesellschaft, und die sie nachahmenden Neuadeligen und Großbürger, die „Zweite Gesellschaft“, manchmal fast persiflagehaft näseln, dann entspricht dies nicht der Norm des Schönbrunner Deutsch. Es geht die Anekdote um, das Nasale sei den Polypen des Kaisers Franz-Joseph geschuldet gewesen… Joseph Roth trauert in seinem Radetzkymarsch (1932) allerdings genau diesem Klang nach: „Er sprach das nasale österreichische Deutsch der höheren Beamten und des kleinen Adels. Es erinnerte ein wenig an ferne Gitarren in der Nacht, auch an die letzten, zarten Schwingungen verhallender Glocken, es war eine sanfte, aber auch präzise Sprache, zärtlich und boshaft zugleich.“</p>



<p>Und auch Graf Bobby sprach Schönbrunner Deutsch! Er ist eine fiktive Figur, entstanden nach 1900 in den letzten Jahren der k. u. k. Monarchie, als Witze über leicht dekadente, begriffsstutzige Aristokraten in Karikaturenblättern die Runde machten. Überlassen wir ihm hier das letzte Wort, denn besser läßt sich schlechterdings nicht ausdrücken, was das Schönbrunner Deutsch gewesen sei:</p>



<p>Graf Bobby im November 1918, vor sich eine Schale Ersatzkaffee: <em>Das versteh ich nicht! Na, ich versteh‘s wirklich nicht! So eine schöne Armee ham ma g’habt. Husaren, Dragoner, die Prachtrösser! Helm! Federbusch! Pallasch’! Und erst die Fahnen mit den schönen Stickereien. Die Kaiserjäger, die Hoch- und Deutschmeister! Und die Regimentsmusik! Was für eine Gloria! Da kann man sagen, was man will, das war die schönste Armee der Welt! Und was haben’s g’macht mit dera Armee? In Krieg haben sie’s g’schickt! </em></p>
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		<title>Von Polacken und Frycen</title>
		<link>https://dereckart.at/von-polacken-und-frycen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 04 Dec 2022 10:04:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Nachbarn beschimpfen einander gern über den Gartenzaun, dies gilt auch und insbesondere für benachbarte Völker. Die Sprachwissenschaft untersucht seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts solche Schimpfwörter, mit denen die Bewohner anderer Länder oder Minderheiten im eigenen Land gewohnheitsmäßig belegt werden: die sogenannten „Ethnophaulismen“. Dieser Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Nachbarn beschimpfen einander gern über den Gartenzaun, dies gilt auch und insbesondere für benachbarte Völker. Die Sprachwissenschaft untersucht seit den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts solche Schimpfwörter, mit denen die Bewohner anderer Länder oder Minderheiten im eigenen Land gewohnheitsmäßig belegt werden: die sogenannten „Ethnophaulismen“. Dieser Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern ἔθνος éthnos („Volk, Volksstamm“) und φαῦλος phaúlos („gering, wertlos, schlecht, böse“) zusammen.</p>



<p>Wann sich „Polack(e)“ im Deutschen – das Wort bedeutet zunächst nichts anderes als „Pole“, polnisch: polak – von einer neutralen Bezeichnung zu einem Schimpfwort wandelte, ist schwer nachvollziehbar. Bis in das 19. Jahrhundert finden sich zahlreiche Beispiele für eine wertneutrale Verwendung des Begriffs, doch schon Johann Adelungs Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (1774 –1786) stellte fest, daß die „im gemeinen Leben“ anstelle von „Pohle“ bzw. „Pohlin“ gebrauchten Bezeichnungen „ein Polāk, eine Polākinn“ etwas „Niedriges und Verächtliches bey sich“ habe, „ungeachtet es aus dem Pohln. Polacy entlehnet ist“.<br>In manchen deutschen Dialekten ist außerdem das Wort „Pollack“ in verschiedenen Schreibweisen für einen am Grunde des Gefäßes übriggebliebenen Getränke- oder Speiserest gebräuchlich. Der Sprachhistoriker Tomas Szarota hält für möglich, daß der Ausdruck ironisch gebraucht wurde, „da die Polen die Gewohnheit haben, Alkohol mit einem Zuge bis auf den letzten Tropfen zu trinken, im Gegensatz zu den Deutschen, die immer einen Rest übriglassen“. Er geht jedoch eher davon aus, daß der Bodensatz mit etwas Bösem in Zusammenhang gebracht und deswegen so genannt wurde.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Polnische Schimpfwörter setzen bei preußischen Tugenden an</h3>



<p>Eine Polin schrieb mir amüsiert über die Frage, wie ihre Landsleute denn mitunter Deutsche oder Österreicher verächtlich titulierten, einen ganzen Schimpfwortschwall:<br>„Die beliebtesten sind für Deutsche‚ szwab = Schwaben, für deutsche Soldaten im II. Weltkrieg. Und für Österreicher: kasztany = Maroni, oder ,deutsche Zigeunerʻ. Andere Beispiele sind Fryce = Fritze(n), Prusaki = Preußen, Adolfki, Hitlerowcy, Goebbelsi, Gestapowcy oder allgemein: pierdoły saskie = sächsischer Mist.“<br>Man sagt oft: „typowy szwab“, was so viel heißt wie „typisch Deutscher“, womit auf Eigenschaften wie Fleiß, Geiz, Pflichtbewußtsein, Pünktlichkeit, Obrigkeitshörigkeit und Ungastlichkeit angespielt wird. Die „preußischen Sekundärtugenden“ geben also die Folie für die polnischen Unfreundlichkeiten ab. Die aus der Sprache des Dritten Reiches entlehnten Schmähungen ergeben sich geradezu folgerichtig daraus.</p>



<p>Im Deutschen gibt es längst nicht so viele, um nicht zu sagen, außer „Polacken“ überhaupt keine wirklich gängigen Schimpfwörter. Die Klischees vom klauenden Polen oder von dessen Trunksucht generieren zwar allerhand Witze, aber eben keine pejorativen Bezeichnungen des Nachbarvolkes. Eine Ausnahme ist die stehende Redewendung „polnische Wirtschaft“, die auf den Goethe-Zeitgenossen Georg Forster zurückgeht, der am 7. Dezember 1784 in einem Brief schreibt: „Von der polnischen Wirtschaft, von der unbeschreiblichen Unreinlichkeit, Faulheit, Besoffenheit und Untauglichkeit aller Dienstboten will ich nichts weiter sagen.“</p>



<p>Der amerikanische Kulturanthropologe Erdman B. Palmore stellte fest, daß mit steigendem sozialen Abstand einer ethnischen Mehrheit zu einer anderen ethnischen Gruppe die Anzahl der verschiedenen Ethnophaulismen ansteigt – dieser Befund läßt sich meiner Beobachtung nach auf das Verhältnis von Deutschen und Polen nicht übertragen, denn bei dem von Palmore wohl gemeinten Abstand dürfte es sich um denjenigen einer privilegierten gegenüber einer weniger privilegierten Volksgruppe – womöglich innerhalb eines Staates – handeln. Ich vermute also eher, daß die Polen wesentlich lieber, ausdauernder und kreativer schimpfen als die Deutschen und kann mit Bestimmtheit sagen, daß es dortzulande kaum „politische Korrektheit“ gibt.<br>Ob die zunehmenden Spannungen zwischen Deutschen und Polen in der unmittelbaren Kriegsgegenwart neue Ethnophaulismen hervorbringen werden, ist noch nicht abzusehen. Ich las kürzlich die Bezeichnung „die Hyäne Europas“; auch die abfällige Bezeichnung „die Polackei“ bekommt wieder Aufwind. Doch können wir gewiß sein: Auch auf der polnischen Seite werden sie sich nicht lumpen lassen und neue Schmähvokabeln für die alten „Frycen“ ersinnen. </p>
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		<title>Falsche Freunde aus Übersee</title>
		<link>https://dereckart.at/falsche-freunde-aus-uebersee/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Oct 2022 07:31:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Caroline Sommerfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld Der Krieg war verloren, der von je zu aufnahmewillige Deutsche öffnete weit seine Tore. Dreiviertel der Bundesrepublik wurden von englischsprechenden Truppen besetzt; (…) dazu kam das Gefühl, daß die angloamerikanischen Sieger bald von Feinden zu Beschützern und Freunden wurden, daß man es hier mit einer jugendlichen und sehr artverwandten Weltmacht zu tun [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<h3 class="has-black-color has-text-color wp-block-heading"></h3>



<p><em>von Caroline Sommerfeld</em></p>



<p>Der Krieg war verloren, der von je zu aufnahmewillige Deutsche öffnete weit seine Tore. Dreiviertel der Bundesrepublik wurden von englischsprechenden Truppen besetzt; (…) dazu kam das Gefühl, daß die angloamerikanischen Sieger bald von Feinden zu Beschützern und Freunden wurden, daß man es hier mit einer jugendlichen und sehr artverwandten Weltmacht zu tun hatte. Kein Wunder, daß eine Sturmflut des Angloamerikanischen hereinbrach“. So schildert „Der Wustmann“ 1966 die Lage der Nation.</p>



<p>Gustav Wustmanns 1903 zum ersten Mal erschienenes Buch Allerhand Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen ist seitdem vierzehn Mal neu aufgelegt und nach Wustmanns Tod von Werner Schulze herausgegeben worden.</p>



<p>In den 60er Jahren blickte man im Vergleich zu heute auf eine recht überschaubare Anzahl von englischen Neuwörtern. „Der Wustmann“ nennt etwa Babysitter, Swimming Pool, Camping, Trip, Run, Supermarkt, Festival, Fan, Trend, Hobby.<br>Es gibt einen hörenswerten kurzen Podcast der Duden-Redaktion zu unserem Thema. Das Wort „Podcast“ hörte ich übrigens zum ersten Mal 2006. Dieses häßliche Kompositum setzt sich zusammen aus der Markenbezeichnung „IPod“ für einen tragbaren Musikrekorder und dem englischen to broadcast, dt. „senden“. Der Umstand, daß ich „Podcast“ oben nicht in Anführungsstriche gesetzt oder kursiv geschrieben habe, weist darauf hin, daß das Wort bereits im Deutschen als Fremdwort lexikalisiert ist. Daß es im vorhergehenden Satz sehr wohl in Anführungsstrichen steht, ist dem Umstand geschuldet, daß ich hier das Wort meine und nicht den bezeichneten Gegenstand.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kategorien der Sprachinvasion</h3>



<p>Nun aber zum Inhalt des erwähnten Podcasts. Es gibt unter den Anglizismen, also den Entlehnungen aus dem Englischen in der deutschen Sprache, zunächst direkte Übernahmen: „Job“, „Hobby“, „E-Mail“ oder „Skateboard“. Hier sind in den meisten Fällen die Wörter zusammen mit den von ihnen bezeichneten Gegenständen eingewandert.<br>Sodann gibt es Lehnübersetzungen, die wörtlich übersetzt worden sind. Interessanterweise nennen die Autoren des Podcasts hier ausgerechnet zwei ideologische Schauderhaftigkeiten aus dem Reich des Großen Bruders, nämlich „Gehirnwäsche“ (von brainwashing) und „Geburtenkontrolle“ (von birth control). Die Lehnübersetzungen bergen allerdings auch Gefahren rein sprachlicher Natur: Die weitverbreitete Floskel „Es macht Sinn“ (von it makes sense), aber auch die oft verwendeten Fügungen „nicht wirklich“ (von not really) und vor allem „einmal mehr“ (von once more) sind schlicht und einfach falsches Deutsch. Lehnübertragungen wiederum sind freie Übersetzungen – so wurde aus sky scraper der „Wolkenkratzer“ und nicht etwa der wörtliche „Himmelskratzer“.</p>



<p>Manch überflüssige Anglizismen haben wir uns, so die Autoren, als sogenannte Scheinentlehnungen oder false friends – der Leser möge sich an meine Gallizismen-Kolumne erinnern – selbst eingebrockt: „Handy“, „Showmaster“ und „Service Point“ gibt es weder im britischen noch im US-amerikanischen Englisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Schleichende Bedeutungsumkehr</h3>



<p>Das Wort „Influencer“ wurde zum Anglizismus des Jahres 2017 gekürt (2021 übrigens „boostern“). In meinem dicken Chambers Dictionary von 1994 findet sich „to influence“, und zwar mit keinesfalls sonderlich positiver Konnotation; die Bedeutung geht in Richtung unbewußt steuern, okkulte Macht über jemanden ausüben, jemandem Vorteile sichern, jemandes Persönlichkeit verändern. Das nomen agentis „the influencer“ ist nicht verzeichnet.</p>



<p>Wie kommt es, daß dieser Tage die Jugend begeistert den – meistens von Firmen gekauften – Influencern in den sogenannten „Sozialen Medien“ hinterherrennt und das Wort mit vollkommen positiver Bedeutung verwendet? Neben „Youtuber“ und „Pro-Gamer“ – also Berufscomputerspieler – ist „InfluencerIn“ einer der meistgeäußerten Berufswünsche jüngerer Jugendlicher.</p>



<p>Es handelt sich also vordergründig um ein Modewort, im Hintergrund wirken aber andere Mechanismen: Die negative Bedeutung wurde umgekehrt. Für die anglizismenaffine Jugend von heute ist es no problem und gehört zum new normal, daß solche Leute sie beeinflussen, über sie Macht ausüben und Konzernen hörig sind. „Gehirnwäsche“ heißt wohl das entsprechende Lehnwort. </p>



<p></p>
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		<title>Wenn der gallische Hahn auf Deutsch kräht</title>
		<link>https://dereckart.at/wenn-der-gallische-hahn-auf-deutsch-kraeht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Redaktion]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Apr 2022 07:18:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[Sprachkolumne]]></category>
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					<description><![CDATA[von Caroline Sommerfeld. Gallizismen (vom „gallischen Hahn“, dem Wappentier Frankreichs, da das lateinische Wort gallus sowohl „Hahn“ als auch „Gallier“ bedeutet) sind Wörter französischer Herkunft, die in der deutschen Sprache benutzt werden. Wie kamen die vielen französischen Wörter in die deutsche Sprache? Zunächst durch die technische Entwicklung, die mit der Industrialisierung einsetzte und bis ins [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Caroline Sommerfeld.</em></p>



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<p>Gallizismen (vom „gallischen Hahn“, dem Wappentier Frankreichs, da das lateinische Wort gallus sowohl „Hahn“ als auch „Gallier“ bedeutet) sind Wörter französischer Herkunft, die in der deutschen Sprache benutzt werden.</p>



<p>Wie kamen die vielen französischen Wörter in die deutsche Sprache? Zunächst durch die technische Entwicklung, die mit der Industrialisierung einsetzte und bis ins 19. Jahrhundert tausende neuer Gallizismen hervorbrachte. Die technischen Neuerungen sind entweder selbst französischen Ursprungs, oder bestimmte Bereiche der Technik wie das Post- und Eisenbahnwesen verwenden das Französische als Fachsprache, woraus die Wörter dann rasch in die deutsche Allgemeinsprache einwandern.<br>In die Eisenbahn lud man bessere Kreise, aus denen man die ersten Fahrgäste erwarten konnte, durch elegante Gallizismen wie „Perron“, „Coupé“, „Billet“ und „Condukteur“ ein. Das „Coupé“ wurde im Ersten Weltkrieg durch das „Abteil“ ersetzt (ein Wort, das man zunächst für „fürchterlich verunglückt“ hielt). Es zeige durch seine heute übliche Betonung auf der zweiten Silbe (Abteil) (gegenüber Anteil, Vorteil usw.) noch die Nachwirkung des Wortes, an dessen Stelle es trat, so nimmt die Deutsche Wortgeschichte an.<br>Das Bauwesen übernahm den „Cement“ (später „Zement“ aus frz. cément), der um 1850 in Deutschland erstmals hergestellt wurde, und den sich gegen Ende des Jahrhunderts durchsetzenden „Beton“ (aus frz. béton). Der bundesdeutsche Sprecher spricht ihn beharrlich falsch französisch aus, nämlich mit nicht akzentuiertem kurzem e (hinzu kommt die Besonderheit des Berliners, der zusätzlich den Nasallaut vermeidet und „betong“ ebenso wie „balkong“ spricht), während der Österreicher den „Beton“ auf der zweiten Silbe betont, genauso wie den „Balkon“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Sprachreiniger, Modewörter und die „gute Gesellschaft“</h3>



<p>Die Geschichte der Gallizismen im Deutschen ist auch eine Geschichte ihrer Vertreibung. Sobald französische Fremdwörter über Fachsprachen oder durch ihren vornehmen Klang (à propos: „chique“ ist keineswegs original Französisch, sondern eine absichtlich französisierende Fehlschreibung des deutschen „Schick“) in die deutsche Sprache einwandern, werden Bestrebungen laut, die Einwanderer einzudeutschen. Der Sprachpfleger Radloff rief 1814 in Frankreichs Sprach- und Geistestyrannei über Europa die Behörden gegen das Fremdwörterunwesen auf.<br>Berühmt geworden ist der Generalpostmeister Stephan, dessen Lebensaufgabe es war, das Postwesen von zumeist aus dem Französischen entlehnten Fremdwörtern zu reinigen. Er machte aus dem „Couvert“ den „Briefumschlag“, aus „poste restante“ wurde „postlagernd“, und ein Expreßbrief wurde nun als „Eilbrief“ auch „eingeschrieben“ statt wie bisher „rekommandiert“ verschickt.</p>



<p>Der zweite Grund für die vielen Gallizismen ist die seit dem 18. Jhdt. grassierende Mode des Französischsprechens bei Hofe, das in Gestalt einzelner Wörter in alle Volksschichten durchsickerte. Französisierende Berufsnamen sind ein Tummelplatz der Scheingallizismen und falschen Freunde: Auch „Spediteur“ (frz. expéditeur) und „Restaurateur“ für „Wirt“, gehören in diese Gruppe. Im 19. Jhdt. kommen der „Monteur“ und der „Installateur“ hinzu. Hier dienen die französisierenden Bezeichnungen eindeutig als sprachliche Aushängeschilder.</p>



<p>Wenn Wohnräume mit so hübschen faux amis (dt. „falsche Freunde“ des Übersetzers, der bekannteste ist das im Englischen gar nicht vorkommende „Handy“) benannt werden wie das „Parterre“ (frz. rez-de-chaussée) oder das „Entree“ (frz. antichambre), dann hat dies ebenfalls mit der Modesprache Französisch zu tun.<br>Die „Gesellschaft“ des 19. Jhdt. umfaßte keineswegs einen sehr großen Teil des Volkes, man hätte ihre neuen französischen Umgangsformen als Sondersprache beiseitelassen können, doch die nicht „gesellschaftsfähigen“ Stände griffen begierig die Lebensformen und Wörter der Oberschicht auf. Verwandtschaftsnamen wie „Papa“, „Mama“, „Onkel“, „Tante“, „Cousin“ und „Cousine“ oder Kleidungsbezeichnungen wie „Frack“, „Chapeau Claque“ (seit etwa 1830, bei Wilhelm Busch frech deutsch phonetisiert zu „Schappe-klack“) oder „Manschette“, „Cravatte“, „Kostüm“ und „Korsett“ kamen bald im ganzen Volk an. Nur der süddeutsche Sprachraum hielt bezüglich der Verwandtschaft etwas länger an „Vater“, „Mutter“, „Vetter“ und „Base“ fest.<br>Für den Freund der Gallizismen, falschen Freunde und französisierenden Verballhornungen ist diese Sammlung ein Vergnügen:<br>Deutsche Wortgeschichte, hrsg. von Friedrich Maurer und Fritz Stroh, Berlin1943 (in mehreren Auflagen bis 1974 erschienen, die älteren sind antiquarisch recht preiswert erhältlich).</p>
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