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	<title>Schwerpunkt Panorama &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>„Ich habe das gleiche Blut wie du!“</title>
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		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 09:52:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Daniel Fabian Bei den Deutschen in Chiles Süden Als jüngst ein neuer chilenischer Präsident gewählt wurde, kam die Berichterstattung um deutsche Namen nicht herum: Die Eltern des neuen Präsidenten José Antonio Kast waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Allgäu nach Chile ausgewandert; noch Kasts älterer Bruder Michael, der früh verstorbene Zentralbankpräsident unter Pinochet, [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Daniel Fabian</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei den Deutschen in Chiles Süden</h2>



<p></p>



<p>Als jüngst ein neuer chilenischer Präsident gewählt wurde, kam die Berichterstattung um deutsche Namen nicht herum: Die Eltern des neuen Präsidenten José Antonio Kast waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Allgäu nach Chile ausgewandert; noch Kasts älterer Bruder Michael, der früh verstorbene Zentralbankpräsident unter Pinochet, war in Deutschland geboren. Kasts jüngerer rechter Mitbewerber, der „libertär-reaktionäre“ Johannes Kaiser, stammt von allen vier Großeltern her von Deutschen ab, ist zweisprachig aufgewachsen und studierte in Heidelberg und Innsbruck. Viele trauen ihm nach einem Achtungserfolg bei der vergangenen Wahl in der Zukunft eine Präsidentschaft zu. Und mit Evelyn Matthei stammt auch eine dritte der fünf mit Erfolgsaussichten angetretenen Kandidaten aus der deutschen Minderheit.</p>



<p>Diese Häufung mag Zufall gewesen sein, doch sie lenkt den Blick auf die unter vielen europäischstämmigen Gruppen bis heute besonders bedeutende Gemeinschaft der Deutschen im Einwanderungsland Chile. Das Zentrum der deutschen Einwanderung liegt im Süden des Landes, südlich der Provinzhauptstadt Temuco bis zur Provinzhauptstadt Puerto Montt. Freilich beschränken sich die deutschen Spuren vielfach auf Nachnamen und historische Überbleibsel. Bis heute am stärksten sichtbar und lebendig ist der deutsche Einfluß jedoch im Süden des bezeichneten Gebietes, etwa ab der Stadt Osorno südwärts im Umkreis des riesigen Llanquihue-Sees. Dorthin zu reisen, geht weit über eine „Spurensuche“ hinaus, wie sie vielfach in geographisch viel näher gelegenen ehemals deutschen Gebieten leider nur noch möglich ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kuchen, Würste, Schwarz-Rot-Gold</h3>



<p></p>



<p>Zunächst fallen die vielen deutschen Bundesflaggen auf. Die Kleinstädte am Westufer des Sees sind an einem normalen Werktag üppiger beflaggt als eine bundesdeutsche Kleinstadt am Tag der Deutschen Einheit. Nicht nur die chilenische Neigung zum Hissen ihrer Nationalflagge wird hier in abgrenzender Aneignung aufgenommen, auch der Tourismus spielt eine Rolle. Denn dieser ist in Frutillar, Llanquihue oder Puerto Varas stark auf das deutsche Erbe und deutsche Besucher ausgerichtet. Aber auch von Autoaufklebern und aus den Fenstern von Privathäusern grüßt unübersehbar vielfach der deutsche Dreifarb. Und nicht nur das: Zur Einkehr lockt etwa ein „Kuchenladen“, „El rincón de la Oma“ („Omas Ecke“ – „Oma“ ist hier statt der spanischen Bezeichnungen weit verbreitet), eine Bäckerei „Vollkornbrot“ (in kantiger Frakturschrift) oder, wenn es etwas gehobener sein soll, das Restaurant „Zur Wassermühle“.</p>



<p>Von dieser Überraschung erholt sich der Tourist am be­sten mit einer Bratwurst, einem „Kunstmann“-Bier von der beliebtesten chilenischen Brauerei oder einem „<em>Kuchen</em>“, denn so werden diese Süßspeisen auch hier genannt. Dann werden aber auch die Unterschiede zum heimisch Bekannten deutlich, denn eine gute Wurst nach deutschem Standard zu finden, ist hier schwer. Und „Kuchen“ ist die Bezeichnung für eine bestimmte Art als deutsch wahrgenommener Backwaren, die aber anders sind, als aus Mitteleuropa bekannt. Der Blick in ein Backbuch der deutschen Einwanderer belehrt: Ihre süße Küche hat sich von jener in der Heimat wegentwickelt. In Chile sind Quark/Topfen und Schmand unbekannt, weswegen oft Mischungen aus Maisstärke und Sahne verwendet wurden und werden. Die „Kuchen“ in Chile sehen anders aus und schmecken anders!</p>



<p>Dennoch gibt es wohl keine Weltgegend außerhalb Europas, in der sich – mitten in der spanischsprachigen Mehrheitsgesellschaft, ohne religiöse Abschottung – so viele deutsche Kulturelemente und deutsche Identität so lange gehalten haben. Wer deutsche Friedhöfe sehen will, auf denen auch über hundert Jahre alte Gräber nicht abgeräumt werden, wird im Süden Chiles eher fündig als in der BRD. Auf dem reizvoll direkt an einer Steilküste am Seeufer gelegenen, nahezu rein deutschen Friedhof von Totoral werden auch heute noch die neu hergestellten Grabsteine mit deutschen Grabsprüchen und zum Teil in Fraktur beschriftet. Ganz in der Nähe findet sich auf einer Anhöhe das Denkmal der deutschen Einwanderung, 1937 errichtet. „Unseren Ahnen“ steht in großen Lettern darauf, dazu sind die Namen der ersten 80 Einwanderer gesetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Die Deutschen haben sich sehr aufgeopfert für dieses Land. Als sie kamen, war hier nur Urwald.“</h3>



<p></p>



<p>Die Landschaft, die die deutschen „Colonos“ hier vorfanden, war wild, unübersichtlich und von Urwald geprägt. Die einzigen Bewohner waren Nomaden. Heute erinnert die Landschaft an eine etwas wildere Version von Oberbayern. Die Deutschen glichen das Land an ihre alte Heimat an; Felder, Wiesen und die Ufer der vielen Seen bebauten, gestalteten und hegten sie so, wie sie es aus Deutschland kannten. Kaum irgendwo wird die landschaftsprägende Kraft einer Kultur so bewußt wie hier. Die nichtdeutsche Einwanderung folgte erst spät und langsam. Noch in den 1950er-Jahren waren die ländlichen Gegenden rein deutschsprachig, in einer Kleinstadt wie Llanquihue gab es in jener Zeit gerade einmal zehn aus Zentralchile zugewanderte „spanische“ Familien. Den heutigen Einheimischen jedweder Herkunft ist das sehr bewußt, und die Geschichte der Kolonisierung wird in etlichen größeren und kleineren Museen dargestellt. Der nicht deutschstämmige Ingenieur Claudio sagt voller Anerkennung: „Die Deutschen haben sich sehr aufgeopfert für dieses Land. Als sie kamen, war hier nur Urwald!“</p>



<p>Diese vielfach anzutreffende Zuneigung zur deutschen Herkunft treibt ungewohnte und manchmal kuriose Blüten. Wir sehen eine große, sehr auffällige Tätowierung mit dem Wappen des Deutschen Kaiserreiches auf dem Rücken eines halbnackten Mannes offensichtlich nicht in erster Linie deutscher Herkunft. Auf einer abgelegenen Landstraße werden wir von einem staubigen Pritschenwagen überholt – am Heck erkenne ich den Aufkleber einer der vier deutschen Burschenschaften in Chile mit dem typischen Zirkel. Ein schwarzhaariges Baby mit dunklem Teint heißt „Hans“, der Vater Pedro hat, wenn auch äußerlich nicht erkennbar, eine deutsche Großmutter und interessiert sich für deutsche Geschichte und die politische Lage ebenso wie für deutschen Fußball. Deutsche oder hispanisierte deutsche Namen wie Oswaldo, Rodolfo etc. sind weit verbreitet. Und mehrere Male äußern Einheimische ohne deutsche Vorfahren Meinungen über die deutsche Geschichte und Gegenwart, die ich hier nicht wiederholen kann, ohne die <em>ECKART</em>-Redaktion in Schwierigkeiten zu bringen …</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wirtschaftlicher Aufschwung, unsichere Zukunft?</h3>



<p></p>



<p>Die Region ist heute wirtschaftlich vergleichsweise stark, vor allem durch den immer noch weiter zunehmenden Tourismus. Dazu kommt die „Stadtflucht“ vieler, vor der Sicherheitslage in der Hauptstadt Santiago geradezu fliehender Wohlhabender, angezogen durch hervorragende Infrastruktur und die Naturschönheiten der Umgebung. Das Preisniveau ist relativ hoch, dies wiederum hält Armutseinwanderer ab. Doch gerade dieses Wachstum (Bauboom und Überfüllung inbegriffen) könnte das Ende der deutschen Minderheit einläuten. Schon eine Industrialisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg hatte erst die spanischsprachigen Chilenen als Arbeitskräfte in die Gegend gebracht und damit den Bedarf nach nichtdeutschen Schulen erzeugt. Heute ist Deutsch als Umgangssprache immer weiter auf dem Rückzug, trotz mehrerer deutscher Schulen in der Region. Trotz einer frisch aus Deutschland eingetroffenen jungen Pastorin gibt es rund um den See keinen deutschsprachigen Gottesdienst mehr. Auch wenn die Liste der Namen im Kirchenvorstand der lutherischen „Seegemeinde“ sich liest wie aus einer Pfarrei in der Bundesrepublik: Die Gottesdienstsprache ist Spanisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Ich bin aus der vierten Generation, aber wir haben immer nur untereinander geheiratet!“</h3>



<p></p>



<p>„Ihr beide würdet in Deutschland nicht auffallen!“, sage ich dem deutschstämmigen Bauern Patricio und erhalte als Antwort: „Ich bin aus der vierten Generation, aber wir haben immer nur untereinander geheiratet! Ich habe das gleiche Blut wie du!“ Deutsch spricht auch er nur noch wenig, obwohl seine Großmutter mit ihm immer Deutsch gesprochen hat. Er würde sein Kind gerne zu einem Schüleraustausch nach Deutschland schicken, ist aber besorgt um die Sicherheitslage in Europa: „Was wir hören über Deutschland heute, können Frauen dort nicht mehr sorglos auf die Straße gehen.“ Sein Cousin Walter äußert beim gemütlichen Lamm-Grillen ähnliche Bedenken. Auch seine Tochter soll nicht unbegleitet nach Deutschland gehen. Die Lage in Europa beobachten sie genau, sind sich ihrer Herkunft mehr als bewußt. Deutsch war für Walter sogar die erste und bis zum sechsten Lebensjahr einzige Sprache, doch der Schulbesuch und der Tod seiner Großeltern änderten das. Heute spricht er nur noch wenig Deutsch, versteht aber noch manches.</p>



<p>Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der deutschen Minderheit verstehen weitgehend noch Deutsch, wollen es aber oft nicht mehr sprechen, sondern lernen unter Einfluß der Globalkultur als Fremdsprache lieber Englisch. Deutsche Chöre und Tanzgruppen haben keinen oder nur wenig Nachwuchs. Mehrere deutsche Schulen sorgen für die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur an die Jugend, können aber nicht deren Anwendung im Alltag sichern; und ein Direktorenwechsel kann das Ende von Volkstanz oder deutschem Lied an einer Schule bedeuten. Im Bereich des internationalen Austausches scheint es dagegen heute wieder mehr Interesse unter den Jüngeren zu geben, sodaß die deutsche Sprache mittelfristig zumindest als Zweit- und Fremdsprache in vielen Fällen erhalten bleiben wird.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large is-resized"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="960" height="1024" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-960x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-12226" style="width:510px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-960x1024.jpeg 960w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-281x300.jpeg 281w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-768x819.jpeg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross.jpeg 1080w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption class="wp-element-caption">Rathaus in Frutillar: Schwarz-Rot-Gold, anders als im Mutterland mit Palme, aber ohne Regenbogenfahne</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Ein deutsches Leben: Von Ostpreußen an den Llanquihue-See</h3>



<p></p>



<p>Um die ganze Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachvollziehen zu können, fragen wir einen, der alles miterlebt hat: den ältesten Mann der deutschen Gemeinschaft, Heinz Schwarz. In Ostpreußen 1934 geboren, entkam er kurz vor Kriegsende nur knapp und unter dramatischen Bedingungen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern dem Tod und seinem Herkunftsland. Seinen Vater verschlang der Krieg spurlos. Nach eineinhalb Hungerjahren und weiteren Nachkriegsjahren voller harter Arbeit und Entbehrungen in Süddeutschland suchte seine Mutter mit ihren sechs Kindern ein besseres Leben unter Deutschen fern der Heimat am Ufer des Llanquihue-Sees. Herr Schwarz berichtet von der langsamen Entfernung von der Herkunftskultur: Anfangs bestanden noch enge Wirtschaftsbeziehungen, fast alle Gegenstände, von landwirtschaftlichen Maschinen bis zu Geschirr, wurden aus der BRD importiert. Dies wurde aber durch die deutschen Unternehmen selbst sabotiert, weil Lieferung nur noch gegen zunehmend höhere und in dieser Region unrealistische Abnahmezahlen geleistet wurde. Auch hier sprangen schließlich Chinesen in die Lücke, heute gibt es außer manchen Lebensmitteln im Supermarkt schon lange keine nennenswerten Deutschlandimporte mehr. Dadurch wurde der Bezug zu Deutschland in der Alltagskultur stark geschwächt.</p>



<p>Und wie ist das mit der Vermischung und Zusammenarbeit zwischen deutschen und nichtdeutschen Chilenen? Es fällt auf, daß die Landwirtschaft weitgehend und ein bedeutender Teil von Handel und Gewerbe/Handwerk in deutscher Hand sind. Keine Protektion, keine Struktur oder Organisation trennt deutsche von nichtdeutschen Bauern und anderen Fachleuten in der Region, sondern Mentalität und Vertrauen. Ob noch deutschsprachig oder nicht: Die Nachfahren der deutschen Einwanderer denken und handeln anders, erklärt der ehemalige Landwirt und Landmaschineneinkäufer Schwarz: „Deutsche sind: ja oder nein! Wenn ich sage, ich komme morgen um zehn, dann komme ich morgen um zehn!“ Und dann wechselt er ausnahmsweise auf Spanisch und zählt die Art von Ausreden auf, die vielen Ankündigungen der anderen Chilenen typischerweise folgen: „Ich konnte nicht, weil die Mutter des Nachbarn meines Cousins …“, „Ich habe mich nicht gut gefühlt“ usw. … Schalk, Spott und etwas Verbitterung mischen sich in seinem Gesicht. </p>



<p></p>
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