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	<title>Schwerpunkt Benelux &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Unterwegs im &#8222;Indianerreservat Ostbelgien&#8220;</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 12:53:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Bernadette Conrads Spurensuche und „Nachhilfe“ von Prof. Dr. David Engels Als Österreicherin lebe ich nunmehr seit über einem Jahr in Belgien und soll über das Land schreiben, im Speziellen über seine Deutschen. Eine Herausforderung. Es wäre gelogen, wenn ich behauptete, schon zu wissen, was Belgien ausmacht. Für die Figur ist es nichts: Bier, Pralinen, [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Bernadette Conrads</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Spurensuche und „Nachhilfe“ von Prof. Dr. David Engels</h2>



<p></p>



<p>Als Österreicherin lebe ich nunmehr seit über einem Jahr in Belgien und soll über das Land schreiben, im Speziellen über seine Deutschen. Eine Herausforderung. Es wäre gelogen, wenn ich behauptete, schon zu wissen, was Belgien ausmacht. Für die Figur ist es nichts: Bier, Pralinen, Pommes, Waffeln – das können sie, die Belgier. Und auf jeden Fall ist Belgien so viel mehr als Dutroux, Manneken Pis, das Atomium und die EU. Vor allem wenn ich an Brüssel und den Grand Place denke, dessen strahlendes Gold mich begeistert. Das Rathaus ebendort, das für das Wiener Rathaus Modell stand. Daneben das edle Gasthaus zur Gans, in dem Karl Marx mit Friedrich Engels, in diesem hochherrschaftlichen Ambiente, das <em>Kommunistische Manifest</em> geschrieben hat. Ich wußte nicht einmal, daß die beiden im Rahmen der 1848er-Revolution in Brüssel – auf der Durchreise – im Exil waren. Genausowenig war mir bewußt, daß die berühmtesten Comics wie Lucky Luke, Tim und Struppi oder die Schlümpfe belgisch sind. Wie wunderschön Brüssel in seinem Jugendstil ist. Daß die Stadt die wohl schönsten Flohmärkte der Welt hat. Und wie kompliziert und zugleich einfach es sein kann, in einem Land zu leben, das durchgehend zwei völlig unterschiedliche Sprachen verwendet: Französisch und Flämisch. Und schließlich wußte ich auch nicht, daß die Deutschen eine eigene, verfassungsrechtlich anerkannte Sprachgemeinschaft in Belgien sind – mit großer Autonomie und vielen Sonderrechten. Die Geografie zeigt: Ihre Heimat liegt in Ostbelgien, in der Region Wallonien, also im französischsprachigen Teil. Ich befragte dazu den Historiker Prof. Dr. David Engels:</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Wir betrachten uns nicht als Deutsche, die in Belgien leben, sondern tatsächlich als Belgier deutscher Sprache“</h3>



<p>„Auch der Begriff Deutsch-Belgier ist etwas, das seit mindestens fünfzig Jahren kaum mehr benutzt wird.“ Engels wuchs in Eupen auf, 16 Kilometer südlich von Aachen. Trotz der geringen geographischen Distanz wollten die Ostbelgier auf keinen Fall nach Deutschland zurück, würde man ansonsten doch die eigene Autonomie aufgeben müssen, erklärt mir der Historiker: „Die deutschsprachigen Belgier sind bei sich so ziemlich Herr im eigenen Haus und können im Rahmen der föderalen Verfassung in vielerlei Hinsicht machen, was sie wollen. Wir haben als Nebenprodukt des Streites zwischen Flamen und Wallonen unsere eigene kulturelle und dann auch verwaltungsmäßige Autonomie erhalten.“</p>



<p>Eupen ist das Zentrum der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG). Dort befinden sich der Sitz der Regierung mit vier Ministern und das Parlament mit 25 Abgeordneten. Zusätzlich stellt die DG einen Senator auf föderaler Ebene und einen EU-Abgeordneten. Dr. Engels erläutert die Größenordnungen: „Wir sind ja noch nicht mal 80.000 Menschen, und trotzdem haben wir ein eigenes Parlament und ein eigenes Ministerium. Würden wir eines Tages deutsche Bundesbürger, würde diese kleine Gruppe wie ein Tropfen im Regierungsbezirk Aachen aufgehen und würden sämtliche Möglichkeiten zur Selbstverwaltung aufgegeben werden müssen.“ Neben der geschätzten Autonomie sprechen weitere Gründe gegen ein Aufgehen in der großen Bundesrepublik: „Auf der einen Seite ist Deutschland natürlich kulturell ebenso der große Bruder wie Frankreich derjenige der Wallonie ist oder das Königreich der Niederlande derjenige Flanderns. Durch die deutsche Sprache sind wir unserem Nachbarn daher ganz eng verbunden. Aber auf der anderen Seite haben wir in den letzten hundert Jahren auch eine ziemlich eigene politische und kulturelle Identität entwickelt.“</p>



<p>Obwohl Engels die Region früh verlassen hat und somit eher die Situation vor einigen Jahren beurteilt, prägt diese Sichtweise das Bild. In meinen Vorgesprächen mit Deutschen aus dem Grenzgebiet auf NRW-Seite erklärten mir diese, daß sie Vorbehalte gegen die Ostbelgier hegen würden. Diese seien geschichtlich nicht zu den Bundesdeutschen gestanden, und man habe sich dadurch entfremdet. Prof. Dr. Engels schildert die von ihm beobachtete Sichtweise diesseits der Grenze: „Es mag an unseren eigenen Komplexen liegen, aber viele Ostbelgier hegen das Vorurteil, daß die Bundesdeutschen generell eher ein wenig allzu selbstsicher aufträten, während wir Belgier gerne zurückhaltend, sogar unsicher seien.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">„In vielen Punkten ein ungebrocheneres Verhältnis zur deutschen Kultur als viele Bundesdeutsche“</h3>



<p>Zwischen den deutschsprachigen Belgiern und den Deutschen fanden im Laufe der Geschichte viele Brüche statt. Das heutige Ostbelgien gehörte fast das gesamte 18. Jh. lang zu Österreich. Erst nach der Besetzung durch Frankreich und Napoleon wurde das Gebiet beim Wiener Kongreß 1815 den Preußen zugeschlagen. Mit dem Versailler Vertrag wurde das Gebiet an Belgien abgetreten. „Wir sind als deutschsprachige Belgier ziemlich traumatisiert worden durch die unzähligen Kriegsgeschichten und das beständige Hin und Her: Deutsch bis 1918, belgisch bis 1940, deutsch bis 1945, dann wieder belgisch … Unsere Identität ist durch diese ganzen Auseinandersetzungen mehrmals gebrochen worden“, erklärt Prof. Dr. Engels. Andere Traumata bleiben den Ostbelgiern erspart: „Wir fühlen uns durch das Holocaust-Schuldtrauma nicht kollektiv belastet: Natürlich hat es in der Zwischenkriegszeit eine starke ‚Heim-ins-Reich‘-Bewegung gegeben; 1933 hat deren Attraktivität aber signifikant abgenommen, und ohnehin hat kein deutschsprachiger Belgier je für Hitler gestimmt oder überhaupt stimmen können, da wir Belgier waren. 1940 ist das Gebiet dann vom Reich annektiert worden, und erneut hat uns niemand nach unserer Meinung gefragt. Natürlich hat es auch, wie überall, vereinzelte Nazi-Sympathisanten gegeben; eine kollektive Holocaust- oder Kriegsschuld lehnen wir als Ostbelgier aber im Gegensatz zur deutschen Geschichtssicht aus evidenten historischen Gründen strikt ab. Eine Folge davon ist, daß wir in vielen Punkten ein ungebrocheneres Verhältnis zur deutschen Kultur haben als viele Bundesdeutsche.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Das Leben in Ostbelgien hat ein wenig die Vor- und Nachteile eines Indianerreservates.“</h3>



<p>Ihre Mentalität sei im Ganzen „dörflich solide“ und insgesamt „eher wertkonservativ“ – Extreme fänden sich in keine Richtung. Und: „Jeder kennt jeden quasi irgendwie über drei Ecken.“ Ob man sich in diesen Gebieten eingeschlossen fühlt? „Das Leben in Ostbelgien hat ein wenig die Vor- und Nachteile eines Indianerreservates. Man steigt sehr schnell in Kontrollfunktionen auf, blickt aber manchmal nur ungerne über den Tellerrand.“ Und wie steht es um die Zuwanderung? „Die deutschsprachige Gemeinschaft ist lange Zeit bevölkerungsmäßig ziemlich homogen geblieben. Allerdings ist es in den letzten Jahren vor allem in Eupen zu einer beginnenden Überfremdung gekommen, die aber erheblich weniger schlimm ausfällt als in den meisten französischsprachigen Landesteilen, etwa der Nachbarstadt Verviers – noch.“ In Verviers kam es 2015, kurz nach den Pariser „Charlie Hebdo“-Anschlägen, zu einem weitreichenden Anti-Terror-Einsatz der belgischen Polizei gegen eine dschihadistische Zelle.</p>



<p>Sieht man auf die Landkarte, ist dieser Grenzstreifen zudem durch wallonische Gebiete und das Hohe Venn, das höchste Hochmoor Europas, unterbrochen. Während der Süden eher ländlich geprägt ist, war der Norden berühmt für das Raerener Steinzeug des 16. und 17. Jh. und die Eupener Tuchmanufakturen, deren barocke Kaufmannshäuser heute noch von vergangenem Reichtum zeugen. Eine Insel der Seligen ist die deutschsprachige Gemeinschaft dennoch nicht: „Ostbelgien verfügt über keine echte, traditionell gewachsene regionale Identität wie etwa das Elsaß oder Luxemburg. Die neun Gemeinden sind geographisch ziemlich langgestreckt und bilden letztlich nur einen Grenzstreifen, der vor 1918 keine gemeinsame Identität besaß: Der Norden war dialektal wie kulturell eher an Aachen und Lüttich ausgerichtet, der Süden an Trier oder Luxemburg. Erst seit dem Anschluß an Belgien besteht eine immer stärkere Schicksalsgemeinschaft dieser Gebiete.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Am Ende bleibt der Eindruck, daß diese Gemeinschaft vieles sei, nur eines nicht: eindeutig.</h3>



<p>Neue Medien – beginnend mit dem deutschen Privatfernsehen – schlugen allerdings eine Brücke zu Deutschland: „Die generelle kulturelle Orientierung war in meiner Jugend in den 1980ern eher nach Belgien gerichtet, hat sich aber seit dem Siegeszug des Privatfernsehens stärker nach Deutschland gewandt. Heute konsumieren die Menschen in Ostbelgien aufgrund von sozialen Netzwerken und natürlich YouTube eigentlich fast nur noch deutsche Medien, sodaß die Kenntnis der französischen Sprache schrittweise zurückgeht, während in meiner Jugend fast alle zweisprachig waren.“</p>



<p>Am Ende bleibt der Eindruck, daß diese Gemeinschaft vieles sei, nur eines nicht: eindeutig. Vielleicht liegt gerade darin ihre Stabilität. In einem Europa, das immer stärker nach klaren Zugehörigkeiten verlangt, existiert hier ein schmaler Grenzstreifen, der sich diesem Zwang entzieht. Eine Gemeinschaft, die gelernt hat, mit Brüchen zu leben, statt sie zu glätten. Und während ich nach einem Jahr immer noch versuche zu verstehen, was Belgien sei, scheint es, als hätten die Belgier deutscher Sprache diese Frage längst für sich gelöst – indem sie sie gar nicht mehr stellen.</p>
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