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	<title>Heftschwerpunkte &#8211; Der Eckart</title>
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	<title>Heftschwerpunkte &#8211; Der Eckart</title>
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		<title>Vom Marschieren im Krieg</title>
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		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 12:18:16 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Alain Felkel Bittere „Königsdisziplin“ Der Sieg einer Armee liegt in ihren Beinen“, das war die feste Überzeugung Napoleon Bonapartes. Nur wenige Feldherren verlangten ihren Truppen derartige Marschleistungen ab wie der große Korse. Tagesstrecken von 40 bis 50 Kilometern Entfernung waren für die französische Infanterie unter ihrem Kaiser die Regel, nicht die Ausnahme. Einzigartig ist [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Alain Felkel</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bittere „Königsdisziplin“</h2>



<p></p>



<p>Der Sieg einer Armee liegt in ihren Beinen“, das war die feste Überzeugung Napoleon Bonapartes. Nur wenige Feldherren verlangten ihren Truppen derartige Marschleistungen ab wie der große Korse. Tagesstrecken von 40 bis 50 Kilometern Entfernung waren für die französische Infanterie unter ihrem Kaiser die Regel, nicht die Ausnahme. Einzigartig ist selbst für napoleonische Verhältnisse der Marschrekord der Division Friant des III. Korps von Marschall Davout. Diese bewältigte im tiefstem Winter 1805 die etwa 115 Kilometer lange Strecke von ihrem Standort bei Wien nach Austerlitz in nur zwei Tagen und rettete so dem französischen Kaiser den Sieg in der gleichnamigen Schlacht. Hervorragende Marschleistungen wie diese waren Garanten für die größten Triumphe Napoleons, doch mit der Zeit lernten die einst bezwungenen Feinde Frankreichs dazu.</p>



<p>Als Bonaparte am Abend seines Sieges bei Ligny am 16. Juni 1815 die Preußen des alten Feldherrn Blücher bereits vollends geschlagen wähnte, scharte dieser am nächsten Tag die geschlagenen Reste seiner Armee noch einmal um sich. In Eilmärschen zogen die Preußen dann am 18. Juni trotz widrigster Wetter- und Bodenverhältnisse nach Waterloo, wo sie im alles entscheidenden Augenblick die Franzosen in die Flanke faßten und sie zusammen mit Wellingtons Heerscharen in die Flucht schlugen. Wie so oft in der Kriegsgeschichte hatte ein klassischer Eilmarsch zur Entscheidung nicht nur einer Schlacht, sondern eines Krieges beigetragen.</p>



<p>Gewaltmärsche gehörten seit jeher zum Repertoire großer Feldherren und waren Ausdruck der Qualität und Disziplin eines Heeres. Den grandiosen Sieg des Prinzen Eugen über die Türken 1697 bei Zenta hatte ein kühner Flankenmarsch eingeleitet. Ebenso war dem Abwehrsieg, den Friedrich der Große bei Zorndorf 1758 über die russischen Truppen erstritt, ein zehntägiger Eilmarsch von der schlesischen Stadt Landeshut nach Küstrin an die Oder vorausgegangen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Vom Schnallenschuh zum Knobelbecher mit Fußlappen</h3>



<p></p>



<p>Märsche wie diese setzten gutes Schuhwerk voraus, das damals nur bedingt in der preußischen Armee vorhanden war. Der preußische Infanterist trug in der friderizianischen Epoche lederne Schnallenschuhe mit Absatz und stumpfer Spitze, dazu an den Waden Ledergamaschen. Erst 1866 wurden in der preußischen Armee erstmals 31 Zentimeter hohe und genagelte Schaftstiefel eingeführt, welche sich in der Folgezeit robuster als die von den Österreichern genutzten Schnürschuhe erwiesen. Erstere hatten den Vorteil, daß sie fast gänzlich vor Nässe schützten und haltbarer waren. Letztere erwiesen sich im Gegensatz zu den klobigen preußischen Armeestiefeln als leichter und dadurch angenehmer zu tragen, jedoch auch feuchtigkeitsdurchlässiger. Zudem rissen die Schnürsenkel oft und gerieten beim Marsch Insekten oder Steinchen ins Schuhinnere. Scheinbare Lappalien wie diese konnten erheblichen Einfluß auf die Marschleistungen einer Armee haben. Beiden Schuharten gemein war, daß sie lange Zeit nur mit Fußlappen getragen wurden. Diese waren etwa 70 cm große, quadratische Lappen, die in einem bestimmten Verfahren um die Füße gewickelt wurden. Fußlappen waren billiger als Strümpfe und robuster. Sie scheuerten weniger durch und trockneten schneller. Außerdem konnten sie im Falle von Schadhaftigkeit leichter ersetzt werden und Paßungenauigkeiten der Stiefel besser ausgleichen.</p>



<p>Die Bewährungsprobe der Schaftstiefel oder „Knobelbecher“ ließ nicht lange auf sich warten. Als 1866 der Deutsche Krieg ausbrach, marschierte die Preußische Hauptarmee nach den präzisen Plänen ihres Generalstabschefs Helmuth von Moltke in Nordböhmen und Mähren ein, wo sie dank besserer Gefechtsführung und des neuen Zündnadelgewehrs fast jedes Gefecht gewann. Doch trotz ihrer gefechtstaktischen Überlegenheit war es vor allem eine bedeutende Marschleistung, die am 3. Juli 1866 die Schlacht von Königgrätz – und damit den Krieg – für Preußen entschied. Gemäß Moltkes Devise „Getrennt marschieren, vereint schlagen“ hatte die 1. Preußische Armee die Österreichische Nordarmee unter Feldzeugmeister Ludwig von Benedek bei Sadowa so lange gefesselt, bis die 2. Preußische Armee nach einem kräftezehrenden Eilmarsch im Norden auftauchte und das österreichische Zentrum bei Chlum warf, was die Schlacht entschied.</p>



<p>Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, setzte die Oberste Heeresleitung des Deutschen Heeres alles auf Geschwindigkeit. In atemberaubendem Tempo durchbrachen die deutschen Heeressäulen zwecks Erfüllung des Schlieffen-Plans in blutigen, aber siegreichen Grenzschlachten erst den belgischen, dann den nordfranzösischen Festungsgürtel. Scheinbar unaufhaltsam wälzten sie sich auf Paris zu, was auch an der Zuverlässigkeit des deutschen Schuhwerkes lag. Doch dieses hatte auch eine Achillesferse. Die genagelten Sohlen machten die Fußbekleidung zwar robust, aber auch schwer. Je länger der Marsch auf Paris dauerte, desto erschöpfter war die Truppe, zumal sie bis dato keine Marschpausen gemacht hatte. Der Sommer 1914 war heiß und trocken. Die deutschen Marschsäulen erstickten in Staub, die Verpflegungskolonnen konnten mit der vorstürmenden Truppe kaum Schritt halten. Als die Franzosen an der Marne endlich mit frischen Kräften zum Gegenangriff schritten und den deutschen Angriffsschwung brachen, waren viele Landser bereits entkräftet von den Strapazen des Anmarsches und nur noch bedingt kampfbereit.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-full"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="800" height="565" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu.jpg" alt="" class="wp-image-11943" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu.jpg 800w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu-300x212.jpg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/04/19-neu-768x542.jpg 768w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /><figcaption class="wp-element-caption">Rußland, 17.11.1941<br>Mit Schneehemden getarnte Infanteristen im Anmarsch auf die befohlene Ausgangsstellung.<br>Heeresfilmstelle-Bildarchiv/Neg.-Nr.: P.K.167/32<br>Bildberichter Vorphal. P.B.Z.</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Die unendlichen Mühen der unendlichen russischen Ebene</h3>



<p></p>



<p>Daß schnelle Vormärsche tatsächlich nicht immer den Sieg bringen, mußte die Deutsche Wehrmacht auch 1941 beim Angriff auf die Sowjetunion erfahren. Noch heute hält sich in vielen Köpfen die irrige Vorstellung, daß die Streitmacht Hitlers eine hochmoderne, mobile Armee gewesen sei, was an der geschickten Inszenierung der deutschen Panzerwaffe durch die NS-Propaganda liegt. Das Gegenteil war der Fall. Von den 1941 für den Angriff bereitgestellten 120 Heeresdivisionen waren nur etwa 30 bis 35 Divisionen Panzer- oder motorisierte Infanteriedivisionen – der Rest bestand aus klassischen Infanteriedivisionen. Das verhieß der deutschen Infanterie nichts Gutes. Während Hitlers Panzerdivisionen und die motorisierte Infanterie im Rekordtempo eine Sowjetfront nach der anderen durchbrachen, „hinkte“ ihnen bereits ab dem ersten Angriffstag der Großteil der deutschen Infanteriedivisionen hinterher. Dabei war ihr Marschtempo beachtlich. Sofern es die Kämpfe mit den Sowjets zuließen, legten die meisten Divisionen tagtäglich im Minimum vierzig bis fünfzig Kilometer unter größten Entbehrungen zurück, wie sich der Landser Wilhelm Lübbecke erinnert: „Bei brütender Hitze und dichten Staubwolken schufteten wir unzählige Kilometer. Es gab nur wenige Marschpausen (…). Nach einiger Zeit stellte sich eine Art Hypnose ein, wenn man den gleichmäßigen Rhythmus der Stiefel des Mannes vor einem beobachtete. Völlig erschöpft fiel ich manchmal in einen Quasi-Schlafwandel. Ich setzte einen Fuß vor den anderen. Irgendwie schaffte ich es, Schritt zu halten und wachte nur kurz auf, wenn ich in den Körper vor mir stolperte.“</p>



<p>Es war ein Tempo, daß selbst hervorragend ausgebildete Truppen nur begrenzte Zeit aushielten. Die Landser litten unter Durst und den schlechten Anmarschwegen, die keine Straßen, sondern bestenfalls staubige Sandpisten waren. Außerdem zermürbten sie die unerträgliche Sommerhitze, Mücken- und Stechfliegenschwärme, die schlechten hygienischen Verhältnisse in den weißrussischen und ukrainischen Dörfern sowie der Mangel an genießbarem Trinkwasser. Die unerträgliche Weite der eintönigen Landschaft, die scheinbare Ziellosigkeit der Vorstöße sowie der zähe Widerstand der Sowjets, die sich trotz schwerster Niederlagen und Verluste immer wieder zum Kampf stellten, demoralisierten die deutsche Infanterie. Schweigend und schicksalsergeben stapfte sie dessen ungeachtet einem vermeintlichen Endsieg irgendwo hinter dem Horizont entgegen.</p>



<p>Aus dem Brief eines Zugführers der 7. Infanteriedivision geht bereits im Juli 1941 hervor, daß der Kampfgeist der Truppe in Relation zu den abgeleisteten Kilometern Meter für Meter abgenommen habe: „Marschieren, marschieren, 14 Tage lang (&#8230;) das gibt mir den Rest“. Die kräftezehrenden Märsche verschlissen auch das Schuhwerk. Im August wurden in Ermangelung von Socken 10.000 Beutefußlappen an die Division verteilt. Nahrung und Munition erreichten die Division nur in unzureichender Menge, die Pferde von Troß und Artillerie krepierten zu Hunderten. Immer öfter stockte der Nachschub. Es kam gegen den ausdrücklichen Befehl von Divisionskommandeur Gablenz zu ersten „wilden Beschaffungen“ und illegalen Viehschlachtungen durch die Truppe. Die Disziplin begann zu bröckeln. Die Division benötigte dringend eine Rast und bekam sie auch, allerdings nur, um wenige Wochen später in die Schlacht um Moskau getrieben zu werden.</p>



<p>Zu diesem Zeitpunkt war der innere Zusammenhalt der 7. Infanteriedivision fast verlorengegangen. Hunderte von Nachzüglern irrten ziellos hinter den Marschkolonnen umher und schlugen sich blindlings zu ihren Einheiten durch, die bereits Richtung Moskau weitermarschiert waren. Der folgende Zeitzeugenbericht eines Angehörigen der 7. Infanteriedivision verdeutlicht das Dilemma: „Niemand wußte, wo die Front sich befand. Wir marschierten ins Ungewisse hinein (&#8230;)“. Die Kraftanstrengung war vergebens. Die Wehrmacht wurde vor Moskau geschlagen, die 7. Infanteriedivision beinahe aufgerieben. Ihr desaströses Abschneiden in der Schlacht von Moskau erwies sich als pars pro toto jenes der Infanteriedivisionen des Ostheeres. Nichts offenbarte deutlicher, daß das „Unternehmen Barbarossa“ trotz anfänglich hervorragender Marschleistungen der deutschen Infanterie katastrophal gescheitert war.</p>



<p></p>
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		<title>Vom Gehen bei Thomas Bernhard</title>
		<link>https://dereckart.at/vom-gehen-bei-thomas-bernhard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2026 16:37:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[von Fritz Simhandl Flanieren, marschieren. Oder noch klarer: „Wozu ist die Straße da, zum Marschieren, zum Marschieren in die weite Welt“. Die fußläufige Fortbewegung des Individuums, ob als Einzelgänger oder im Kollektiv der Kolonne, ist gerade dem deutschen Menschen in die Wiege gelegt und begleitet diesen sprichwörtlich bis an „die Bahre“. Und am Marschieren und [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Fritz Simhandl</em></p>



<p></p>



<p>Flanieren, marschieren. Oder noch klarer: „Wozu ist die Straße da, zum Marschieren, zum Marschieren in die weite Welt“. Die fußläufige Fortbewegung des Individuums, ob als Einzelgänger oder im Kollektiv der Kolonne, ist gerade dem deutschen Menschen in die Wiege gelegt und begleitet diesen sprichwörtlich bis an „die Bahre“. Und am Marschieren und Flanieren ist auch die deutsche Dichtkunst seit jeher nicht vorbeigekommen. Ein ausgewiesener Protagonist des Dichtens und des Gehens aus den deutsch-österreichischen Alpengauen ist der berühmte Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989). Die Weg-Zeit-Strecke wurde für Bernhard der Nullmeridian, um den sich seine Erzählungen entfalten konnten. Mit <em>Verstörung</em> (1967), <em>Das Kalkwerk</em> (1970), <em>Die Macht der Gewohnheit</em>, <em>Die Jagdgesellschaft</em> (1974), <em>Holzfällen</em> (1984), <em>Alte Meister</em> (1985),&nbsp; <em>Auslöschung</em> (1985), <em>Der deutsche Mittagstisch</em> (1988) und <em>Heldenplatz</em> (1988) hat Bernhard polarisiert und gleichzeitig deutsche Literatur- und Theatergeschichte geschrieben. Von der linken Kunst- und Kulturpublizistik und den ideologisch überinstrumentalisierten Staatsrundfunkanstalten ARD, ZDF und ORF in den 70er- und 80er-Jahren in Fälschermanier als einer der ihren dargestellt war Thomas Bernhard in Wahrheit ein konservativer Geistes- und Verstandesmensch, dem alles Kollektivistische zuwider war. Und das ein Leben lang.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Aus dem fußläufigen Durchstreifen der Natur schöpfte Bernhard seine Figuren und Geschichten.</h3>



<p></p>



<p>Daraus nährte er seinen produktiven Widerstandsgeist. Aus dem fußläufigen Durchstreifen der Natur, bevorzugt im oberösterreichischen Alpenvorland, seiner Wahlheimat rund um Gmunden und Attnang-Puchheim, und der Begegnung mit den dortigen Bewohnern schöpfte Bernhard seine Figuren und Geschichten. Die Fortbewegung mit dem Automobil und der Eisenbahn waren für Bernhard als international nachgefragtem und viel begehrtem Schriftsteller zwar praktische Notwendigkeit, in seinen zahlreichen literarischen Werken aber eine tatsächlich dramaturgische Ausnahme, eine Seltenheit. Bei Thomas Bernhard als Schriftsteller wurde bevorzugt flaniert und marschiert. Dieses Flanieren und Marschieren war allein schon dem dramaturgischen Aufbau seiner Erzählungen und Theaterstücke geschuldet. Ohne die Fortbewegung von A nach B konnten sich der innere Kampf und die höchstpersönliche Entwicklung seiner Protagonisten gar nicht entfalten und wären in letzter Konsequenz unmöglich gewesen.</p>



<p>Als herausragendes Werk sei hier das von Bernhard 1971 veröffentlichte <em>Gehen</em> genannt. Die wöchentlichen Spaziergänge der Protagonisten Karrer und Oehler enden schlußendlich im Erschöpfungszustand und im Selbstmord des einen. Bernhard löst dieses Finale folgendermaßen auf: „Daß diese Praxis, Gehen und Denken zu der ungeheuersten Nervenanspannung zu machen, nicht längere Zeit ohne Schädigung fortzusetzen ist, hatten wir gedacht und tatsächlich haben wir ja auch die Praxis nicht fortsetzen können, sagt Oehler, Karrer hat daraus die Konsequenzen ziehen müssen.“ Aber bereits im Jahre 1964 rückt der Schriftsteller Bernhard mit dem Werk <em>Amras</em> die fußläufige Fortbewegung zweier Protagonisten ins Zentrum seines literarischen Schaffens. In <em>Amras </em>erzählt Bernhard die Verzweiflung und das finale Scheitern zweier Brüder am Schicksal der eigenen Familie und der persönlichen Existenz. Nicht zufällig sind die Innsbrucker Stadtteile Amras, Aldrans und Innere Stadt die geographischen Orte des Geschehens. Die Flucht aus der Inneren Stadt nach Amras und das geheime Zurückkommen aus Amras zurück in die Innere Stadt durch die beiden Protagonisten bilden die Basis der inneren Erlebnisse und weiteren schicksalshaften Entwicklungen. Auch hier sind gesellschaftlich-ökonomischer Verfall und die Reflexion in der fußläufigen Fortbewegung ein fortgesetztes dramaturgisches Element. Bernhard formuliert in seinem<em> Amras</em> den gesamten Existenzialismus, den man aus den notierten Zeilen geradezu physisch spüren kann. Das Gehen in <em>Amras</em> wird zur finalen Expedition zweier geplagter Kreaturen:</p>



<p>(…) <em>An Hollhof Geehrter Herr, drei Tage vor Walters Tod, der mir alles verfinstert hat, alles zerstört hat, machten wir unseren letzten Internistenbesuch (&#8230;) schon früh mit dem Anziehen fertig, waren wir, weil es vorher vier Tage ununterbrochen geregnet hatte, in unseren Stiefeln, kurz nach drei Uhr aus dem Haus gegangen, und weil wir fürchteten, an dem überhitzten, weil Markt gewesen war, übervölkerten Nachmittag von allen angestarrt zu werden, nicht sofort am Ufer der Sill auf die Straße (&#8230;) wir waren aus unserem Garten in den an ihn angrenzenden Garten gegangen und so, qualvoll von einem Garten zum andern, wieder und wieder durch Gärten, durch alle die uns in Wahrheit verbotenen Apfelgärten, durch die endlosen Apfelgärten Wildfremder, nicht ohne Gewaltanwendung, unter Püffen und Flüchen (&#8230;) direkt, ohne Umschweife dann in die Innenstadt.</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Das Durchstreifen der geradezu zwanghaft aufgesuchten und doch so menschenfeindlichen Natur und Gesellschaft durchzieht das gesamte Werk.</h3>



<p></p>



<p>Aber auch in den Kurzgeschichten „Wetterfleck“, „Midland in Stilfs“ und „Am Ortler. Nachricht aus Gomagoi“ ist das Gehen und damit die fußläufige Fortbewegung als zentrale dramaturgische Ausdrucksform für den Inhalt dieser Erzählungen die Basis. Das fußläufige Flüchten vor den Mitmenschen, das Fortgehen und das Heimgehen, die Nähe und Distanz und immer wieder das Durchstreifen der geradezu zwanghaft aufgesuchten und doch so menschenfeindlichen Natur und Gesellschaft durchziehen das gesamte Werk von Thomas Bernhard. Und selbst im versiegelten Tagebuch von Karl Ignaz Hennetmair <em>Ein Jahr mit Thomas Bernhard</em> aus dem Jahr 1972 finden sich die tiefen Spuren des Wald- und Feldganges von Bernhard in Ohlsdorf bei Gmunden und Umgebung. Bei den Hennetmairs hatte der menschenscheue Schriftsteller Bernhard eine Ersatzfamilie gefunden, erlebte dort den Jahreskreis und schöpfte neuen Stoff für seine Romane und Theaterstücke. Dort hatte er sich ab 1965 für viele Jahre abwechselnd in seinem Vierkanthof, Adresse Obernathal 2, der „Krucka“, einer Alm am Grasberg bei Gmunden und „Haunspän“ bei Attnang-Puchheim niedergelassen und seine literarischen Werke verfaßt. Alle diese Heimstätten wurden Bernhard von Hennetmair, dem Schweinehirten und Immobilienmakler, vermittelt, mit diesem „Scheusal“, wie er ihn freundschaftlich titulierte, durchstreifte er die Äcker, Wiesen und Wälder rund um den Traunsee. Nicht zufällig trägt eines seiner Werke den vielsagenden Titel <em>Der Untergeher</em> (1983). Hier arbeitet Bernhard das Gehen im Sinne eines Fortgehens und Wiederkehrens in die Musik- und Kulturstadt Salzburg und in letzter Konsequenz ein damit verbundenes Scheitern auf faszinierende und tiefgründige Art und Weise zusammen. Ein Hoch auf den literarischen „Widergänger“ Thomas Bernhard, der bis heute in der deutschen Dichtkunst keinen entsprechenden Nachfolger gefunden hat!</p>



<p><strong><em>Thomas Bernhard, Leben und Gesamtwerk:</em></strong></p>



<p><a href="https://thomasbernhard.at/das-werk/die-gesamtausgabe/">https://thomasbernhard.at/das-werk/die-gesamtausgabe/</a></p>



<p></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Anmerkungen zum Prager Deutsch</title>
		<link>https://dereckart.at/anmerkungen-zum-prager-deutsch/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 Apr 2026 09:26:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Juliana Weitlaner Das Prager Deutsch als tausend Jahre währendes, um die Mitte des 20. Jh. freilich erloschenes Kulturphänomen, hat das Auf und Ab der Prager deutschen Geschichte begleitet – von seinen Anfängen spätestens im 11. Jh., über die Blütejahre als Amtssprache in den mittelalterlichen Ratsstuben bis zu seiner Entfaltung als Kanzleisprache am Hofe Karls [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Juliana Weitlaner</em></p>



<p></p>



<p>Das Prager Deutsch als tausend Jahre währendes, um die Mitte des 20. Jh. freilich erloschenes Kulturphänomen, hat das Auf und Ab der Prager deutschen Geschichte begleitet – von seinen Anfängen spätestens im 11. Jh., über die Blütejahre als Amtssprache in den mittelalterlichen Ratsstuben bis zu seiner Entfaltung als Kanzleisprache am Hofe Karls IV. In der hussitisch gewordenen Stadt ist das Deutsche dann zwar zum Verstummen gebracht worden, aber schon im 16. Jh. tummeln sich wieder deutsche Handwerker und Dienstleute unter dem Hradschin; wobei den Zuzüglern schon aus wirtschaftlichen Gründen die Sprache der tschechischen Dienst- oder Auftraggeber von Nutzen ist.</p>



<p>Nach der Schlacht am Weißen Berg anno 1620 werden die Karten neu gemischt – alles Tschechische wird jetzt zurückgedrängt, die neuen Adels- und Beamtengarnituren aus Wien bringen eine Auffrischung des Deutschen in die Stadt, die der Sprache bis ins 19. Jh. ihren Stempel aufdrückt. Mit der „Verneuerten Landesordnung“ von 1627, dem Herzstück gegenreformatorischer Bestrebungen, verliert das Tschechische seinen Status als einzige Amtssprache. Tschechisch ist nun die Sprache der Ketzer, und da auch Beziehungen zum protestantischen Nachbarn unerwünscht sind, wird das Wienerische zur Matrize des künftigen Prager Deutschen in Lautstand, Wortbildung, Flexion und Vokabular. Wer unter den neuen Verhältnissen vorankommen will, muß nun deutsch sprechen. Das gilt auch für den tschechischen Musiklehrer František Dušek, verehelicht mit Josepha, geborene Hampacher, der Tochter eines Prager deutschen Apothekers und dessen Gattin aus dem Salzburgischen, Gastgeber des Kapellmeisters Wolfgang Amadeus Mozart. František Dušek sprach zwar deutsch, fühlte sich aber in „besseren Kreisen“ wegen seiner mangelhaften Deutschkenntnisse unwohl, „man wisse ja, daß er ein Böhme sei“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein eigenständiges Prager Deutsch im neueren Sinne bildete sich erst im 19. Jh. heraus.</h3>



<p></p>



<p>Damals verwandelte der Zustrom von tschechischen Landleuten in die industriell aufstrebende Hauptstadt den bestehenden Tonfall in einen zunehmend slawisch gefärbten und jedenfalls sozial definierten Jargon. In seiner schlichten Ausprägung bildete es das „Kucheldeutsch“ einfacher Hausbediensteter in vornehmen Haushalten. Ein analoges Phänomen ist auch vom Ringstraßen-Wien bis zum Ersten Weltkrieg hin bekannt. Diese Bedientendiktion, die sich nun mit dem Hochdeutschen nach Wiener Prägung überlagerte, wies nicht nur phonetische Charakteristika des Tschechischen auf, sondern war geradezu durchsetzt mit slawischen Lehnwörtern und „böhmischer“ Syntax. Als weiteres Element wirkte auf das Schriftdeutsche an der Moldau das zu Beginn des 19. Jh. im Prager Ghetto noch gesprochene Jiddische ein, sodaß zum Kucheldeutsch noch das „Mauscheldeutsch“ kam. Diese Entwicklung gefiel nicht jedem. So berichtete etwa der deutsch-böhmische Sprachkritiker Fritz Mauthner in seiner Erinnerungsschrift <em>Prager Jugendjahre</em>, daß sein jüdischer Vater, wiewohl ein einfacher Mann, dieses Kuchel- und Mauscheldeutsch bei seinen Kindern nicht duldete.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kuchel-, Mauschel- und Bassenadeutsch</h3>



<p></p>



<p>Solchen ethnischen und sozialen Besonderheiten zum Trotz galt die Prager Stadtmundart um 1900 als das beste Deutsch nicht nur in der k. u. k. Monarchie, sondern im ganzen deutschen Sprachraum, ein sprachlicher Geburtshelfer für Dichter wie Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Gustav Meyrink oder Franz Kafka. Die Zuschreibung einer irgendwie vorbildlichen Qualität des zwar nicht jargon- aber durchaus dialektfreien Prager Hochdeutschen ist nicht unwidersprochen geblieben – der heimelige Beiklang bei „auf ein Bier gehen“ oder die Relativkonstruktion in „das ist der Herr Novak, der was gestern angekommen ist“ sei weniger moldaugedüngte Bereicherung, als schlichtes Bassenadeutsch. Nebbich! Wer mehr wissen will vom Prager Deutsch, dem sei jedenfalls Egon Erwin Kischs beispielgesättigter Aufsatz <em>Vom Kleinseitner Deutsch und vom Prager Schmock</em> ans Herz gelegt. Will der interessierte Leser aber den Nachhall dieses Tonfalls vernehmen, so höre er sich Kafkas Intimus Max Brod an, der sich noch anno 1968 in der kultivierten Diktion seiner Jugend an das westdeutsche Fernsehpublikum wandte. „Es steht dafür“, mecht ich Lesern auf gut Prager Deutsch sagen, und kuchelbemisch dazu: „Bleiben hibsch wohlauf!“. </p>



<p>Über die Autorin:</p>



<p>Die österreichische Historikerin Juliana Weitlaner arbeitet bevorzugt zum Thema Kultur und Geschichte der Habsburger Monarchie. Weitlaner wurde besonders für ihre vielbeachtete, in sechs Sprachen übersetzte Biographie von Kaiser Franz Joseph I. bekannt.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Märzgefallenen des Sudetenlandes</title>
		<link>https://dereckart.at/die-maerzgefallenen-des-sudetenlandes/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Mar 2026 11:43:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Alain Felkel Der 18. Oktober 1918 wurde für Österreich-Ungarn zur Zeitenwende. An jenem Tag proklamierte der mährische Exilpolitiker Tomáš Garrigue Masaryk in Washington die Gründung der Republik Tschechoslowakei. Die USA, Großbritannien und Frankreich erkannten den neuen Staat sofort an. Am 28. Oktober 1918 akzeptierte die Donaumonarchie die Bedingungen von US-Präsident Wilson für einen Waffenstillstand, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>von Alain Felkel</em></p>



<p></p>



<p>Der 18. Oktober 1918 wurde für Österreich-Ungarn zur Zeitenwende. An jenem Tag proklamierte der mährische Exilpolitiker Tomáš Garrigue Masaryk in Washington die Gründung der Republik Tschechoslowakei. Die USA, Großbritannien und Frankreich erkannten den neuen Staat sofort an. Am 28. Oktober 1918 akzeptierte die Donaumonarchie die Bedingungen von US-Präsident Wilson für einen Waffenstillstand, indem sie der Abtrennung der böhmischen Kronlande zustimmte. Wenig später dankte Kaiser Karl I. von Habsburg ab.<br>Der Zusammenbruch des Habsburgerreiches war ein enormer Schock für seine deutschsprachigen Untertanen. Gemildert wurde die Katastrophe nur dadurch, daß sich plötzlich den deutschsprachigen Gebieten Böhmens und Mährens die Möglichkeit bot, sich der entstehenden Republik Deutsch­österreich anzuschließen. Schließlich hatte US-Präsident Wilson das Recht der Völker auf Selbstbestimmung ausgerufen. In Reichenberg bildete sich daher eine provisorische Landesversammlung, welche jedoch vergeblich die Selbstbestimmung Deutsch-Böhmens forderte. Ende Oktober 1918 annektierten tschechoslowakische Truppen in krasser Mißachtung des Völkerrechtes die böhmisch-mährischen Kronlande. Dadurch gerieten plötzlich 3,5 Millionen Sudetendeutsche unter das Joch der Tschechoslowakei.<br>Die politischen Führer der Sudetendeutschen waren nicht gewillt, sich dies gefallen zu lassen. Sie reisten Anfang November 1918 nach Prag, um den Konflikt diplomatisch zu lösen. Die Mission scheiterte krachend. Der tschechoslowakische Finanzminister Alois Rasin wies die Emissäre mit den Worten „Mit Rebellen verhandeln wir nicht“ rüde ab und verweigerte der sudetendeutschen Minderheit somit jegliches Selbstbestimmungsrecht. Appelle an die Alliierten verhallten ebenfalls ungehört, da ihnen Masaryk die Sudetendeutschen als unbedeutende ethnische Minderheit darzustellen wußte.<br>Nun griffen die sudetendeutschen Führer zu Mitteln des passiven Widerstandes. Der Konservative Dr. Rudolf Lodgman von Auen und der deutsche Sozialdemokrat Dr. Josef Seliger riefen die deutschsprachige Bevölkerung der böhmischen Kronlande zum Generalstreik und zu Demonstrationen gegen die tschechoslowakische Regierung auf. Als Zeitpunkt der Demonstrationen wurde der 4. März 1919 auserkoren, ein Datum mit hohem Symbolwert. An jenem Tag trat in Wien das österreichische Parlament zusammen, dessen Wahl den Sudetendeutschen verwehrt geblieben war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">4 .März 1919: Über fünfzig erschossene sudetendeutsche Demonstranten für das versprochene Selbstbestimmungsrecht der Völker</h3>



<p></p>



<p>In Teplitz-Schönau hielt Josef Seliger eine Rede. In ihr forderte er das Selbstbestimmungsrecht für die Sudetendeutschen und den Anschluß des Sudetengebietes an Deutsch-Österreich, wobei es zu keinerlei ernsthaften Zwischenfällen kam. Anderswo war den sudetendeutschen Demonstranten weniger Glück beschieden. In Karlsbad, Sternberg, Mies, Arnau, Eger und Aussig schossen tschechische Soldaten nach gegenseitigen verbalen Provokationen dutzende Demonstranten nieder und töteten 29 von ihnen. Am schlimmsten erging es jedoch den Protestierenden in Kaaden in Westböhmen. Nachdem Tausende sich auf dem örtlichen Marktplatz versammelt hatten und eine handfeste Prügelei um das Hissen der tschechoslowakischen Flagge vor dem Rathaus entbrannt war, schossen die Regierungssoldaten mit Maschinengewehren und Karabinern hemmungslos in die Menschenmenge. Das Resultat war verheerend: 25 Menschen starben, Dutzende wurden verletzt. Insgesamt wurden an jenem Tag im Sudetenland 54 Demonstranten getötet und etwa 130 verwundet.<br>Vergebens drangen die Sudetendeutschen bei der tschechoslowakischen Regierung auf restlose Aufklärung. Die Tschechoslowaken betrieben systematisch eine klassische Täter-Opfer-Umkehr. Die an den Gemetzeln beteiligten Soldaten behaupteten, von den Sudetendeutschen durch tätliche Angriffe zu den tödlichen Salven provoziert worden zu sein. Darüber hinaus verzögerten die Strafbehörden die Untersuchungen zu den Geschehnissen des 4. Märzes so lange, bis die tschechoslowakische Armee die beteiligten Soldaten in andere Landstriche versetzt hatte und wichtige Untersuchungsunterlagen spurlos verschwunden waren.<br>Derartige juristische Taschenspielertricks machten den 4. März 1919 nicht ungeschehen. Das Blutbad zeugte im Sudetenland einen identitätsstiftenden Märtyrerkult um die Toten des 4. Märzes 1919, auch Märzgefallene“ genannt. Darüber hinaus wurde es zum Auftakt einer verhängnisvollen Gewaltspirale. Diese führte zum Anschluß des Sudetenlandes an das Deutsche Reich 1938 und endete 1946 nach zahlreichen weiteren Massakern an den Sudetendeutschen mit ihrer Vertreibung aus der Heimat. </p>



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		<title>Vom Geist der Sudetendeutschen</title>
		<link>https://dereckart.at/vom-geist-der-sudetendeutschen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2026 17:43:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Rüdiger Stix Zwischen uraltem Brauchtum, Geopolitik und Hochkultur Wohin blickten die deutschen Altösterreicher aus den Sudetenländern? Wovon träumten sie? Die Kronländer orientierten sich natürlich zur Reichshaupt- und Residenzstadt nach Wien und weiter entlang der Donau. Gleichzeitig verbanden die Moldau und die Elbe nach Sachsen und bis in die Nordsee die alten Bernsteinrouten vom Baltikum [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Rüdiger Stix</em></p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwischen uraltem Brauchtum, Geopolitik und Hochkultur</h3>



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<p>Wohin blickten die deutschen Altösterreicher aus den Sudetenländern? Wovon träumten sie? Die Kronländer orientierten sich natürlich zur Reichshaupt- und Residenzstadt nach Wien und weiter entlang der Donau. Gleichzeitig verbanden die Moldau und die Elbe nach Sachsen und bis in die Nordsee die alten Bernsteinrouten vom Baltikum bis in die Adria. Die schlesische k.u.k.-Industrie war direkt verknüpft mit Berlin, Polen und der Ukraine, und von Prag aus ging es entlang der Königsstraße stets direkt nach Nürnberg und in die Zentren Bayerns.</p>



<p>Der Geist der Sudetendeutschen spiegelt sich daher nicht nur in Bräuchen wider, die den Jahreslauf umrahmten, in Sagengestalten, die die Wildnis bezähmten, und in Denkern, welche die Welt neu erdachten. Man erkennt die Seele der Sudetenländer auch heute noch im Nachklang der Familien mit sudetendeutschen Wurzeln rund um die Welt, geprägt aus dem Alltag und aus den Geschichten der Kronländer Böhmen, Mähren und Schlesien im alten Österreich. Sie haben die alten Königreiche und Fürstentümer des Mittelalters weitergetragen, in denen slawische Könige zu herausragenden Markgrafen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation geworden sind und deutsche Siedler ins Land geholt haben.</p>



<p>Mongoleneinfälle, der grausame Mord an Jan Hus und die Hussitenkriege, Reformation und Gegenreformation, die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, der Siebenjährige Krieg, der Völkerfrühling in den Revolutionen 1848/49 bis zur europäischen Mutterkatastrophe, dem Großen Krieg ab 1914. Es waren aber all diese blutigen Ereignisse niemals ein Krieg entlang der Volksgruppen, ein Krieg zwischen Tschechen, Slowaken, Deutschen, Ungarn und den kleineren Minderheiten. Sie alle haben sich schicksalhaft immer auf beiden Seiten der Fronten wiedergefunden, zwischen Religionen und Herrschaftsansprüchen.</p>



<p>Die Bräuche der Sudetendeutschen waren geprägt durch ihr Leben am Land, in den Städten und in den Fabriken. Im ländlichen Böhmen feierten die Menschen den Mai mit Kränzen und Tänzen, wo der Frühling als Erlöser aus dem Winterdunkel galt. In Mähren, dem fruchtbaren Herzen, dominierten Erntedankfeste wie das Olmahtriegl, bei dem Brotlaibe gesegnet und Rübenkelche gefüllt wurden. Schlesische Weberfamilien brachten im Advent mit Schwibbögen und illuminierten Laternenbögen Licht in die dunkle Manufakturwelt der großen Werkhallen. Fronleichnam mit dem „Prachtherrichten“ verband Katholiken und Protestanten in Prozessionen, die durch Dörfer zogen und soziale Schichten durchdrangen – auch wenn Mischehen lange verboten waren. Dennoch gab es Austausch immer auch zwischen Volksgruppen und Religionen, die ebenfalls durch alle Volksgruppen gingen. Fast alle Juden sprachen jiddisch, sie bekannten sich aber noch in der Volkszählung der ersten tschechischen Republik mit großer Mehrheit als deutsch. In den Gasthäusern, wo Gänsebraten und Knödel gereicht wurden, floß das Bier in Lobliedern auf die Heimat – in der böhmischen Küche, die natürlich die Grenzen der Sprachen überspannte.</p>



<p>Sagengestalten verkörpern diesen Geist mythisch. Rübezahl thront als launischer Berggeist über dem Riesengebirge. In sudetendeutschen Erzählungen ist er nicht nur ein Riese, sondern ein Wächter der Natur: Mal gütig spendet er den Armen, mal zornig läßt er Lawinen toben und mahnt die Reichen zu Demut. Seine Gestalt – bärtig, mantelumhüllt, mit Zauberstab – symbolisiert die wilde Seele des Gebirges, das die Sudetendeutschen, durch den Bergbau zähmten. Und der US-Dollar stammt aus dem Joachimsthal, als „Thaler“, also „Dollar“ in angelsächsischer Schreibweise&#8230; Der Golem aus dem goldenen Prag von Kaiser Rudolph, erschaffen von Rabbi Löw aus dem Lehm der Moldau, durchdringt wiederum die städtische Seele Böhmens. In sudetendeutschen Adaptionen wird er zum schützenden Riesen, der gegen Pogrome antritt und doch manchmal zu entgleisen droht – eine Allegorie für die Macht des Geistes und ihre Gefahren. Diese Sagen webten sich tief ins sudetendeutsche Folklore ein und lehren: Die Seele des Landes ist ambivalent, sehr kreativ, aber auch überaus fleißig.</p>



<p>Berühmte Persönlichkeiten vertiefen diesen Charakter: Bertha von Suttner, geborene Kinsky aus Prag, ist die erste Friedensnobelpreisträgerin. Ihr Roman <em>Die Waffen nieder!</em> ist ein Schrei unserer Seele gegen Krieg, geprägt vom hart erarbeiteten Frieden der Kronländer, die sie als Ideal sah – vor dem heraufdämmernden Untergang Europas im Weltkrieg, der uns in die Massengräber getrieben und die Tore aufgerissen hat für Bolschewismus und Leninismus, danach für Mussolini und Hitler und dann für Stalin. Gregor Mendel, Augustinerpater in Brünn, legte im Klostergarten die Grundlagen der Genetik – seine Erbsenexperimente spiegeln die ordnende, geduldige Seele eines Volkes, das in der Naturwissenschaft Wurzeln schlug, genauso wie Ernst Mach und Ferdinand Porsche. Kurt Gödel, geboren in Brünn, revolutionierte die Mathematik und die Logik mit seinen Unvollständigkeitssätzen. Seine sudetendeutsche Präzision mißt die Grenzen des Denkbaren – ein Mozart der Mathematik, der die Computerwissenschaften und die Künstliche Intelligenz entfesselte.</p>



<p>Die Familien von Sigmund Freud und Franz Kafka verkörpern die sudetendeutsche Moderne genauso, wie schon die zweite Schule der Wiener Medizin eine sudetendeutsche war und Joseph Schumpeter der Pate der aktuellen Wirtschaftsnobelpreisträger ist. Freud, in Freiberg (Příbor, Mähren) geboren, entstammt der analytischen Seele dieser Grenzregion, wo Unterdrücktes – wie das Es – hochkocht. Seine Söhne dienten selbstverständlich als Freiwillige in der österreichischen Armee, und sein letztes Werk war eine bittere Analyse des US-Präsidenten Woodrow Wilson. Es ist ebenfalls herausragend, daß Oskar Schindler sein humanitäres Heldenwerk inmitten des Holocausts in seiner Fabrik nahe Brünn leisten konnte, und es ist eine Schande für unser heutiges Österreich, daß wir seine Gedenkausstellung nicht in Österreich ausrichten konnten – und daher die Witwe Schindlers ihren letzten Wunsch an die Bayern richten mußte, um am Ende ihres Lebens doch noch einmal die Staatsbürgerschaft wiederzubekommen…</p>



<p>Aber nicht alle haben zu Mord und Vertreibung geschwiegen. Theodor Kardinal Innitzer hat als Erzbischof – und wohl weltweit erstmals – die Hungermorde des Holodomors in der Ukraine öffentlich als Völkermord angeprangert, und nach dem Krieg kam er zu den Landsmannschaften ausdrücklich „nicht als Kardinal, sondern als Landsmann“. Franz Kafka, Prager Deutscher und gestorben in Klosterneuburg, webte in <em>Der Prozeß </em>und<em> Das Schloß</em> die Entfremdung des Menschen; Adalbert Stifter aus dem Böhmerwald malte in <em>Der Nachsommer</em> die Idylle sudetendeutscher Landschaft; und Marie von Ebner-Eschenbach, böhmische Gräfin aus sudetendeutscher Linie, kritisierte soziale Ungerechtigkeiten mit scharfer Humanität.</p>



<p>All diese Bräuche, Sagen, Musik, Genies und Literatur formen die sudetendeutsche Seele. Nach 1945, in Vertreibung und Neuanfang, blieb sie lebendig; nicht nur in der Heimatpflege und den Museen, vom Südmährerhof in Niederösterreich bis nach München, und sehr fleißig in der Integration und beim Wiederaufbau ihrer neuen Heimatländer nach dem letzten Krieg. Sie mahnt Europa und die Welt: Kultur ist ein Erbe, das erarbeitet und erhalten – und das geteilt werden muß. Die Traumata tragen die Menschen, die verletzten Seelen der Überlebenden und die Generationen ihrer Nachkommen. Frieden werden die Seelen der Menschen erst finden, wenn wir uns gemeinsam und offen den Abgründen der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ehrlich stellen und wenn wir unsere Erfahrungen und unsere Kultur mit allen Menschen teilen können, die guten Willens sind. </p>



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		<title>„Ich als Verein mußte reagieren“</title>
		<link>https://dereckart.at/ich-als-verein-musste-reagieren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Mar 2026 11:17:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Matthias Bäkermann Mäzenatentum im heimischen Fußball „Ich als Verein mußte reagieren“ Die Binsenweisheit „Geld schießt keine Tore“ entbehrt im Profifußball inzwischen den Bezug zur Realität. Denn selbst Sportromantikern dürfte klar sein, daß Spieler, Trainer, Manager und Vereinsbosse der Bundesligen heute Akteure in einem Multimillionengeschäft sind. Und Wohl und Wehe in diesem Markt sind entscheidend [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Matthias Bäkermann</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Mäzenatentum im heimischen Fußball „Ich als Verein mußte reagieren“</h2>



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<p>Die Binsenweisheit „Geld schießt keine Tore“ entbehrt im Profifußball inzwischen den Bezug zur Realität. Denn selbst Sportromantikern dürfte klar sein, daß Spieler, Trainer, Manager und Vereinsbosse der Bundesligen heute Akteure in einem Multimillionengeschäft sind. Und Wohl und Wehe in diesem Markt sind entscheidend an den sportlichen Erfolg geknüpft. Die britische Premier League konnte alle anderen Ligen in Europa nur überflügeln, weil milliardenschwere ausländische Investoren Vereine wie Manchester City und Chelsea London, die einst über das Mittelfeld ihrer Ligen selten hinauskamen, mit Geld vollpumpten und ihnen damit heute Stammplätze in der Champions League sicherten.</p>



<p>In Deutschland und Österreich verhindern verbandsinterne Regularien wie die seit 1999 geltende 50+1-Regel die direkte Mehrheitsbeteiligung von finanzstarken Großanlegern an den Vereinen. Reiche Privatpersonen oder Unternehmer können jedoch als Mäzene mit ihren Millionen zu teuren Verpflichtungen und Spielergehältern oder vereinseigener Infrastruktur beitragen und damit maßgeblich den Erfolg gewährleisten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Mäzen als Feindbild</h3>



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<p>Nicht immer trifft deren Liebe zum Verein oder der Heimatregion, die neben menschlichen Dingen wie Eitelkeit oder die Sehnsucht nach Ruhm das Mäzenatentum begründet, auf besondere Gegenliebe bei den Fans. Wenn einer der bekanntesten deutschen Mäzene, der SAP-Gründer Dietmar Hopp aus alter Verehrung seinen „Dorfverein“ TSG Hoffenheim aus der Kreisliga bis in die oberen Sphären der Bundesliga führte, erntet er nicht nur bei neidvollen gegnerischen Fans Schmähungen. Auch in den eigenen Reihen trifft das vielfache Millionenengagement Hopps, das sogar den 50 Millionen Euro teuren Bau eines Fußballstadions umfaßte, nicht uneingeschränkt auf Dankbarkeit. Auch daß Hopp in seiner Jugend und lange vor seiner Karriere als größter deutscher Softwareentwickler selbst das Hoffenheim-Trikot überzog, wiegt den Ärger über sein zuweilen großspuriges Verhalten, aber vor allem die immanente Furcht vor dem Ausgeliefertsein an dessen&nbsp; Mäzenatentum, nicht auf. So war der Bundesligist Hoffenheim neben dem von der Bayer AG finanzierten Bayer Leverkusen und dem von Volkswagen geförderten VfL Wolfsburg eine von drei Ausnahmen von der 50+1-Regel, nach der ein Verein stets die Stimmenmehrheit behalten müsse, weil Hopp diese Mehrheit bis 2023 innehatte. Aus dem Mäzen wurde damit ein Investor.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fließende Grenzen zwischen Mäzenen, Sponsoren und Investoren</h3>



<p></p>



<p>Tatsächlich sind die Grenzen zwischen Mäzenen, die, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen, ihr Vermögen einsetzen und Investoren oder Sponsoren oft fließend. Und das waren sie von jeher. So war der Wolfenbütteler Spirituosenunternehmer Günter Mast ein früher Mäzen des Fußballvereins Eintracht Braunschweig. Der spätere Vereinspräsident, der immer wieder große Geldsummen in den blau-gelben Club investierte, gab 1983 offen zu, daß wirtschaftliche Gründe sein Engagement für Eintracht Braunschweig begründet hätten. „Zeigen Sie mir einen, der soviel kostenlose PR hat wie ich.“ Denn auf ihn ging maßgeblich zurück, daß sein Verein 1973 erstmals den Hubertushirsch seiner Kräuterlikör-Firma als Trikotwerbung präsentierte und mit diesem Sponsoring den Werbemarkt im bezahlten Fußball revolutionierte. „Die Eintracht ist jetzt eben eine ,Jägermeister‘-Filiale“, prahlte Mast später. In den 70er-Jahren versuchte der Hauptsponsor&nbsp; sogar, direkt auf den Spielbetrieb Einfluß zu nehmen. Während eines lausigen Eintracht-Spiels meinte der in der Halbzeitpause die Mannschaftskabine stürmende Günter Mast, die Kicker mit einer strengen Rede zu mehr Leistung anstacheln zu können. Doch als Trainer Branko Zebec dazu trat, herrschte dieser seinen Chef mit strenger Miene an: „Was machen Sie hier? Das ist mein Bereich. Kümmern Sie sich ums Finanzielle.“ Mast drehte sich um und verschwand, bezeugte später Langzeittorhüter Bernd Franke die Episode.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Schäng“, der letzte Patriarch des deutschen Fußballs</h3>



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<p>Auch ein anderer Mäzen eines Fußballvereins griff einmal während der Halbzeitpause ins Operative ein – doch mit ganz anderen Folgen. Der mittelständische Elektrounternehmer Hans „Jean“ Löring wurde 1966 Präsident des Regionalligisten Fortuna Köln. In diesem Verein, bei dem er sich selbst in den ersten Jahren als Stammspieler einsetzte, entwickelte sich der Tausendsassa zum wichtigsten Förderer. Allein 1973, im Jahr des Aufstiegs in die Bundesliga, unterstützte er mit 2,5 Millionen D-Mark und sorgte dafür, daß einige Spieler über die Lohnlisten seiner Unternehmen versorgt wurden. Der in kölscher Mundart „Schäng“ gerufene Löring begleitete sein „Vereinche“ jahrzehntelang durch alle Höhen und Tiefen, die 2001 in der Insolvenz endeten, bevor der „letzte Patriarch“ 2005 völlig verarmt starb. Unvergessen blieb sein Auftritt bei der Niederlage gegen den SV Waldhof Mannheim am 15. Dezember 1999, im Abstiegsjahr aus der Zweiten Bundesliga, als „Schäng“ während der Halbzeit in den Katakomben den prominenten ehemaligen Nationaltorwart Toni Schumacher zornschnaubend als Trainer entließ. „Ich als Verein mußte reagieren“, begründete Löring diesen außergewöhnlichen Rauswurf danach gegenüber der Presse.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Steinreiche „Edelfans“ in der Grauzone</h3>



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<p>Auch andere große bundesdeutsche Mäzene wie Klaus-Michael Kühne oder Martin Kind weisen auf die vielen Grautöne zwischen dem Altruismus des Mäzens und den plumpen Geschäftsinteressen des Investors hin. Der Hörgerätemillionär Kind hatte mit seinem Einsatz für Hannover 96 nie ein Hehl daraus gemacht, auch die Geschicke des Vereines lenken zu wollen. Deshalb war er auch vehementer Gegner der 50+1-Regel, gegen die er sogar klagte. Der Milliardär Klaus-Michael Kühne tendiert sogar noch mehr in Richtung Investor. Obwohl der reichste Hamburger als selbsternannter „Edelfan“ bis zu 60 Millionen Euro in den HSV investierte, waren diese Finanzspritzen meist mir direkten Gegenleistungen verbunden, wie den Namensrechten am Stadion, Anteilen an der Aktiengesellschaft oder den Erwerb von Transferrechten, wie zum Beispiel 2012 im Fall des niederländischen Mittelfeldstars Rafael van der Vaart. Zudem zeigte der 81jährige 2018 die Zähne, als er ausgerechnet im Abstiegsjahr des Bundesliga-Dinos plötzlich den Rückzug seines finanziellen Engagements ankündigte. Auch wenn Kühne seine Drohung nicht konsequent umsetzte, wurde nicht nur dem Vorstand des Vereines bewußt, auf welch dünnem Eis man sich in der Abhängigkeit eines Mäzens bzw. Investors befinde.</p>



<p>Den Rückzug eines Mäzens mußte auch ein Wiener Traditionsverein nach 2005 verkraften. Der in den neunziger Jahren in die Mittelmäßigkeit abrutschende FK Austria Wien gewann 1999 den in Kanada reich gewordenen Unternehmer Frank Stronach als Unterstützer. Dieser krempelte den Verein sofort um und übernahm über eine Tochterfirma den Profibetrieb per Betriebsführervertrag. Tatsächlich führte Stronach Austria wieder in die Erfolgsspur, er gründete eine Jugendakademie, prominente Trainer und Spieler sorgten dafür, daß wieder Fußball auf europäischer Ebene gespielt wurde und am Ende sogar die Meisterschaft stand. Daß er die Fanszene mit seinen selbstherrlichen Entscheidungen verprellte und er im eigenen Stadion laut beschimpft wurde, vergrätzte den in seiner ursprünglichen Heimat um Anerkennung buhlenden Self-Made-Millionär. Die jüngere Geschichte des österreichischen Fußballs war in Bezug auf Mäzenatentum mehr von enttäuschten Hoffnungen als von Erfolgen geprägt. Hochstapler und Betrüger gaben sich teilweise ein Stelldichein. So feierte Admira-Präsident Hans-Werner Weiss 2005 den Beginn des Investments des Iraners Majid Pishyar als „Weihnachten und Ostern an einem Tag“, bevor dieser in nur drei Jahren den Verein in ein sportliches und finanzielles Chaos stürzte.</p>



<p>Diese Aufzählung der ganz großen Mäzene darf jedoch keinesfalls das Wirken von unzähligen Privatpersonen oder mittelständischen Unternehmen als Kleinmäzene für den Fußball in den Schatten stellen. Gerade in den unterklassigen Ligen, die kaum Zuschauereinnahmen verbuchen, sind diese sowohl in Österreich als auch in der Bundesrepublik oft Garanten für den reibungslosen Spielbetrieb und teilweise sogar für die Existenz der kleinen Vereine.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fans als Freiwillige: Bluten und Bauen für Union</h3>



<p></p>



<p>Und dann wären da noch die Fans, die nicht nur millionenfach ins Stadion strömen, sondern privat oder in organisierter Fanszene ihre Vereine unterstützen. Als exemplarisch gilt vielfach der Berliner Fußballclub Union. Der einstige DDR-Underdog-Verein geriet Ende der 90er-Jahre in existentielle Schwierigkeiten. Immer wieder drohte der Lizenzentzug, die Schulden häuften sich ins fast Unermeßliche, ein Konkurs schien unabwendbar. Sodann traten die Fans in Aktion. Um ihren Verein zu retten, gingen sie in der Öffentlichkeit mit der Aktion „Fünf Mark für Union“ sammeln, spendeten massenhaft Blut („Bluten für Union“). Da das jahrzehntealte Stadion An der Alten Försterei den Standards des DFL nicht genügte, stand ein Stadionumbau an. Da aber der schuldenbelastete Verein während seiner sportlichen Talfahrt keine Mittel aufbringen konnte, traten die Fans auf den Plan. Nach 13 Monaten Bauzeit, in denen über 2.000 freiwillige Helfer fast 140.000 unentgeltliche Arbeitsstunden leisteten, konnte das neue Stadion präsentiert werden. Der sportliche Aufstieg bis in die Champions League 2022 war danach ungebrochen. Derzeit ist eine weitere Stadionerweiterung auf der Agenda. Die Tragik daran ist allerdings, daß das Werk von tausenden kleinen Mäzenen bzw. Freiwilligen und ihrer altruistischen Hilfe dafür weichen muß. </p>



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		<title>„NGO“-Förderung heute</title>
		<link>https://dereckart.at/ngo-foerderung-heute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 18:26:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Kerstin Skudnigg Der Staat als Mäzen einer „Zivilgesellschaft“ gegen die Bürgermehrheit Es ist ein offenes Geheimnis: Ein erheblicher Teil jener Organisationen, die in Österreich als „zivilgesellschaftliche Akteure“ auftreten, ist in Wahrheit nicht Ausdruck einer gewachsenen bürgerlichen Selbstorganisation, sondern eng mit staatlichen Förderstrukturen, parteinahen Netzwerken und internationalen Stiftungen verflochten. „Nichtregierungsorganisationen“ (NGOs) – zumindest diejenigen, die [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Kerstin Skudnigg</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Staat als Mäzen einer „Zivilgesellschaft“ gegen die Bürgermehrheit</h2>



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<p>Es ist ein offenes Geheimnis: Ein erheblicher Teil jener Organisationen, die in Österreich als „zivilgesellschaftliche Akteure“ auftreten, ist in Wahrheit nicht Ausdruck einer gewachsenen bürgerlichen Selbstorganisation, sondern eng mit staatlichen Förderstrukturen, parteinahen Netzwerken und internationalen Stiftungen verflochten.</p>



<p>„Nichtregierungsorganisationen“ (NGOs) – zumindest diejenigen, die häufig lobend oder als „Experten“ in den Mainstreammedien Erwähnung finden – geben vor, die „Stimme der Gesellschaft“ zu sein; tatsächlich sind sie oft Teil eines ideologisierten, politischen linken Systems – finanziert, abgesichert und mit Einfluß ausgestattet, jedoch ohne demokratische Legitimation. Viele NGOs sind geradezu Handlanger einer staatlich finanzierten Umerziehung, die gesellschaftliche Narrative durchsetzt. Abseits von traditionellen Strukturen entstand eine „gesteuerte Meinungsindustrie“, wie FPÖ-Obmann Herbert Kickl den NGO-Komplex bei einer diesbezüglichen Veranstaltung der „Patrioten für Europa“ im Oktober im Parlament nannte.</p>



<p>Der Geldregen ergießt sich nicht nur aus den EU-Töpfen, auch der österreichische Staatshaushalt wird geradezu geplündert: Seit Oktober 2019 flossen insgesamt nicht weniger als rund 4,3 Milliarden Euro an Steuergeldern an 782 NGOs. Einige Schlaglichter reichen aus, um zu zeigen, daß eine politische Richtung klar dominiert. So erhielt die NGO „Initiative Minderheiten“ rund 1,4 Millionen Euro, der Verein „LEFÖ – Beratung, Bildung und Begleitung für Migrantinnen“ bekam 6,8 Millionen Euro, und der „Südwind Verein für Entwicklungspolitik und globale Gerechtigkeit“ erhielt rund 2,3 Millionen Euro – jeweils aus mehreren Regierungsressorts.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Milliarden an Steuergeld für ideologische Minderheiten  und die Umsetzung ihrer Agenda</h3>



<p></p>



<p>FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz sagt dazu gegenüber dem <em>&nbsp;ECKART</em>: „Eigentlich sollten NGOs die Stimme der Zivilgesellschaft sein, die sonst nicht gehört wird. Doch in Wahrheit steht der NGO-Sumpf für eine immer stärkere Entfremdung von der Bevölkerung. Der Staat verpulvert Steuergeld für ideologische Minderheiten und deren Interessen – egal ob im Queer-Bereich, für die Asyllobby oder für Vereine, die linken Parteien nahestehen. Der Regierung geht es nicht um Unterstützung von Familien, Arbeitern und Pensionisten, die es gerade in den Zeiten der immensen Teuerung wirklich notwendig hätten. Es geht ihnen um die Umsetzung einer ideologischen Agenda, die weltweit von selbsternannten Philanthropen wie George Soros oder Bill Gates vorangetrieben wird.“</p>



<p>Die FPÖ hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahler und Empfänger dieses Systems öffentlich zu machen – zunächst mit der Webseite www.ngo-kontrolle.at. „Hier werden die Selbstbedienungsläden der Regierung beim Namen genannt und durchleuchtet. Wir wollen, daß jeder Bürger weiß, welche Organisation wieviel Geld von welchem Ministerium erhält und welche politischen Ziele damit verfolgt werden“, so Schnedlitz. Auf der Netzseite werden die Ergebnisse einer Reihe parlamentarischer Anfragen veröffentlicht, die von FPÖ-Mandataren zur NGO-Finanzierung gestellt wurden.</p>



<p>Zweiter Schritt der freiheitlichen Kontrollinitiative ist ein sogenannter kleiner Untersuchungsausschuß. Der ständige Unterausschuß des Rechnungshofausschusses prüft auf Verlangen der FPÖ-Abgeordneten sämtliche Zahlungen an Vereine, gemeinnützige GmbHs und Stiftungen durch Bundesministerien oder Unternehmen und Einrichtungen des Bundes in dieser und der vorherigen Gesetzgebungsperiode – also bis in das Jahr 2020 zurück. Die FPÖ-Fraktion in diesem Gremium wird vom Nationalratsabgeordneten Christoph Steiner angeführt: „Neben der Höhe der Subventionen sehen wir uns die Förderkriterien zu Leistungsvereinbarungen und die Kontrolle der Leistungserbringung an. Und natürlich untersuchen wir mögliche politische Einflußnahme auf die Vergabe der Gelder.“ Der Ausschuß hat Mitte November seine Arbeit aufgenommen und wird jedes einzelne Regierungsmitglied vorladen.</p>



<p>Die Freiheitlichen betonen, daß sich ihre Initiative nicht gegen ziviles Engagement als solches richtet und schon gar nicht gegen die zahllosen ehrenamtlichen Mitarbeiter bei Rettungsorganisationen und Freiwilligen Feuerwehren oder bei Brauchtumsvereinen und Kulturinitiativen, die – im Gegensatz zu den NGOs – tatsächlich auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen sind. Im Fokus steht vielmehr eine nicht nur staatlich gesteuerte, sondern mit erheblichen Geldmitteln selbst erschaffene und aufgepäppelte Parallelgesellschaft, die ihrerseits wiederum ideologisch stramm auf linksliberaler Linie ist – im Gegensatz zur Mehrheit der Wähler. </p>



<p></p>
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		<item>
		<title>Mäzenatentum als Kulturkampf</title>
		<link>https://dereckart.at/maezenatentum-als-kulturkampf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 18:24:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
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					<description><![CDATA[von Rudolf Preyer Ronald Friedrich Schwarzer und sein legendärer Ferdinandihof Wie wird man eigentlich „Partisan der Schönheit“? Die Antwort kann nur lauten: qua Selbstermächtigung, „Anmaßung“, in Ronald Schwarzers eigener Formulierung – und das Wort „Anmaßung“ fällt dabei ohne jede falsche Bescheidenheit. Der Mäzen, Impresario und Waldgänger – von der Profession her ist er Juwelier in [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Rudolf Preyer</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Ronald Friedrich Schwarzer und sein legendärer Ferdinandihof</h2>



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<p>Wie wird man eigentlich „Partisan der Schönheit“? Die Antwort kann nur lauten: qua Selbstermächtigung, „Anmaßung“, in Ronald Schwarzers eigener Formulierung – und das Wort „Anmaßung“ fällt dabei ohne jede falsche Bescheidenheit. Der Mäzen, Impresario und Waldgänger – von der Profession her ist er Juwelier in vierter Generation, die Übergabe an den Thronfolger wird vorbereitet – sitzt in seiner Sala Terrena im Wiener Ferdinandihof beim Naschmarkt. Und blickt gleichsam auf eine soziale Plastik – die zwar noch immer an mitunter unerwarteten Stellen plötzlich aufglitzert, aber in ihrer Majestät in der Bundeshauptstadt einmalig dasteht. Kunst und Kultur und Politik: Nur Schwarzer bringt das unter seinen großen Borsalinohut. Obwohl Kosmopolit und Weltenbummler – bevorzugt pilgert er naturgemäß dem Schönen hinterher – müßte er doch eigentlich gar keinen Schritt mehr vor das eigene Anwesen mitten in Wien setzen, denn vom Ferdinandihof wird im Milieu ehrfurchtsvoll geraunt, und die halbe Welt kommt zu ihm.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Genius loci</h3>



<p></p>



<p>Sein Mäzenatentum sei Privileg und Verpflichtung zugleich, so der langjährige Autor der kulturhistorisch ebenso feinsinnigen wie politisch scharfzüngigen „Streifzüge“ im <em>ECKART</em>, die inzwischen in zweiter Auflage im Wiener Karolinger Verlag erschienen sind. Die Sala Terrena und er haben einander quasi gegenseitig gefunden. So mußte er seinerzeit nachgerade „archäologische Ausgrabungen“ vornehmen, Zwischenmauern und -decken einreißen, um den so schönen Gewölberaum in seinen ursprünglich barocken Zustand zurückzuversetzen. „Die selbstgewählte Verpflichtung war damals, daß man nicht nur das Mauerwerk dieses Raumes, sondern auch den Geist dieses Raumes wieder zur Entfaltung bringt.“ Das Repertoire ist streng begrenzt: „Wir haben Musik bis vor 1789, als die Welt noch in Ordnung war, und dazu jede Art von Volksmusik, weil das Volk keine Zeit kennt und überzeitlich ist. Bei Mozart und Haydn schaue ich allerdings nicht so genau auf das Kompositionsdatum.“ Die Unvorhersehbarkeit jedes Abends fasziniert ihn: „Ich weiß ja selbst nie, wer kommt, wie viele kommen. Mal ist es zum Bersten voll, mal schwach besetzt. Aber selbst fünfzig Leute sind für einen Konzertraum, der in Wien ausschließlich Barockmusik spielt, recht gut.“</p>



<p>„Ein Mäzen“, definiert der für seine opulente Rhetorik – spitzzüngig, historisch bewandert und stets sehr ausführlich – bekannte Schwarzer, „ist jemand, der seine finanziellen Möglichkeiten nicht ausschließlich für seinen privaten Genuss, verwendet, sondern andere daran teilhaben läßt.“ Sei es, daß er Künstlern eine einzigartige Bühne in einem nur von Kerzen erleuchteten prächtigen Saal bietet oder daß er anderen die Möglichkeit gibt, gegen minimale freiwillige Spenden den Künstlern zu lauschen und sich unbegrenzt an seinem Weine zu erfreuen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Selbsthilfe in Zeiten, wo gerade das Gute, Wahre und Schöne nicht gefördert wird</h3>



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<p>Warum tut sich Schwarzer das alles an – und lädt saisonweise dutzende, ja aberhunderte Gäste in sein privates Domizil ein? „Andere Leute haben eine Yacht und ein Rennpferd. Wenn man vom lieben Gott freilich gewisse Möglichkeiten erhalten hat, hat das auch eine soziale Dimension.“ Die Mission ist klar formuliert: „In Zeiten wie diesen, wo jede Form von Müll gefördert wird, aber das Gute, Wahre und Schöne eben nicht, muß man zur Selbsthilfe greifen. Es hat keinen Sinn, sich immer über alles aufzuregen und nichts dagegen zu tun.“ Schwarzers Mäzenatentum versteht sich somit explizit als Alternative zur staatlichen Kulturförderung. Hierfür hat er eine schöne Definition von Freiheit parat: „Freiheit bedeutet Freiheit von Subvention“, so Schwarzer, „wenn etwas gut ist, gefällt es den Leuten. Wenn es ihnen nicht gefällt, müssen Sie überlegen, ob sie am Markt vorbeiproduzieren.“</p>



<p>Sittenstrenge und Moralinsäure lehnt Schwarzer ab: Der Streitbare will zurück zum <em>ancien régime</em>: „Das Musikereignis war damals der Rahmen für eine gesellschaftliche Zusammenkunft. Die großen Barockopern haben eine Spieldauer von sechs, sieben Stunden. Aber, es war so gebaut: Es treffen sich Freunde am Land, dann haben wir eine Stunde Musik, dann gehen wir spazieren und plaudern und trinken, dann wieder eine Stunde Musik. Das ist der Rahmen, wo die Leute zusammenkommen.“ Diese gesellschaftliche Funktion befördert Schwarzer bewußt: „Ich freue mich, daß hier in diesem Raum viele persönliche Freundschaften entstanden sind. Hier sind auch Ehen begründet worden – weil eben durch die Lockerung durch Alkohol und die Erhebung des Herzens durch die Kunst die Seelen füreinander offener sind.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Tumbe Schmierer und ein virtuoser Nationalratspräsident</h3>



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<p>Walter Rosenkranz, Nationalratspräsident und FPÖ-Politiker, ist für Schwarzer weit mehr als ein politischer Weggefährte: „Walter Rosenkranz spielt hier regelmäßig. Der ist jenseits seiner politischen Funktionen ein ausgebildeter und exzellenter Barockgitarrist – professionell! Also nicht irgendein Hobbymusiker, der das im Gymnasium als Freifach belegt hat, sondern mit abgeschlossener Konzertgitarristenausbildung. Der nimmt natürlich nichts aus dem Spendenkörberl“ – das ebenfalls ein Standard im Schwarzerschen Reich ist – „sondern gibt das dann als Spende für wohltätige Zwecke“. Rosenkranz erfüllt für Schwarzer eine doppelte Funktion: künstlerische Exzellenz und politische Verbindung. „Wenn Walter Rosenkranz spielt, ist die Bude zum Bersten voll.“&nbsp;</p>



<p>Und der Freiheitliche half Schwarzer auch bei einem praktischen Problem: der Bereinigung der Einladungslisten, nachdem die Antifa regelmäßig vor der Türe stand. „Ich habe zwei Verteiler – einen Politverteiler und einen Konzertverteiler. Zum Konzert kann von mir aus jeder kommen, auch ein Kommunist, solange er nicht schmutzt und mir nicht die Möbel stiehlt – weil, Stehlen ist ja strukturell bei den Kommunisten.“ Und weiter: „Ich bin gut befreundet mit Generalvikar Carlo Maria Viganò, Nummer zwei der Lega Nord, Europaabgeordneter. Ich habe ihn gebeten, bei mir zu sprechen. Und dann habe ich die Unvorsichtigkeit gehabt, den Polit- und den Konzertverteiler gleichzeitig zu verwenden. Da waren offenbar irgendwelche dubiosen Figuren im Konzertverteiler eingetragen. Da hatte ich auf einmal ständig die Antifa vor der Tür, die geschmiert, gegrölt, gepöbelt und randaliert hat.“ Schwarzers Lösung: „Ich lege keine Programme mehr auf, die dann in ungeeignete Hände kommen. Ich schicke einen Vortrag oder eine politische Veranstaltung zehn Tage vorher aus. Und die zweite Sache: Ich habe den Politverteiler genau durchforstet. Fünf Freunde aus der Szene haben sich das angeschaut – FPÖ, <em>ECKART</em>, Identitäre usw. Wenn einen keiner davon kennt, dann streichen wir ihn. Das hat die Schattenseite, daß die Introvertierten durch den Rost fallen – aber die fallen ihr ganzes Leben schon durch den Rost, die sind das ohnehin schon gewöhnt.“ Seit dieser Maßnahme war Ruhe – einigermaßen. Gelegentlich käme noch „irgendein vereinsamter, frustrierter Antifant vor die Hausmauer und schmiert in der Nacht irgendetwas drauf, meist mit grammatikalischen Fehlern. Aber ich habe mittlerweile genug Farbe vorrätig. Ein Anruf genügt – wenn wir das in der Früh um sieben Uhr sehen, ist es um neun weg.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kulturelles Überleben in Zeiten des Corona-Wahnsinns</h3>



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<p>Wenn man ihn nach einem Höhepunkt seiner mäzenatischen Karriere fragt, wird Schwarzers Stimme weich: „Das war im Corona-Wahnsinn, wo alles verboten war. Ich habe für mein Haus schwarze Stoffe gekauft, um die Fenster zu verhängen, daß bloß der Blockwart nicht hineinschaut.“ Dann kam der Anruf von Dominik Hellsberg, der mit seinem Namen für die Glorie der Wiener Philharmoniker steht: „,Weißt du, was wir Mittwoch für einen Tag haben? Den 27. Jänner – den Geburtstag von Mozart. Wir müssen unbedingt etwas machen!“ Dazu wurde nur ein handverlesener Freundeskreis eingeladen – aber dieser Tag wurde in würdeloser Zeit würdig begangen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Exzellenz ohne Kompromiß, Subjektivität ohne Entschuldigung, Elitarismus ohne falsche Scham“</h3>



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<p>Schwarzers Mäzenatentum ist Mission, Widerstand, gelebte Überzeugung. Die Barockmusik in der Sala Terrena ist Bekenntnis zu einer vergangenen Ordnung, Absage an die Moderne, Rückzug in eine Welt vor 1789 – aber zugleich auch Ort echter Begegnungen, künstlerischer Exzellenz und gesellschaftlicher Magie. Am Ende bleibt eine Definition von Mäzenatentum, die Privileg und Pflicht miteinander verbindet. Ronald Schwarzer sieht sich nicht als Wohltäter, sondern als Hüter einer Ordnung, die es wiederherzustellen gilt. Die Verpflichtung bedeutet für ihn: „Exzellenz ohne Kompromiß, Subjektivität ohne Entschuldigung, Elitarismus ohne falsche Scham“. Denn schließlich: „Ich könnte jede Woche fünf Konzerte geben, weil ich so viele Bewerbungen habe“, schmunzelt Schwarzer. Die Qualität ist ihm heilig: „Im Allgemeinen habe ich über die Qualität des hier Dargebotenen noch nie Kritik gehört. Das sind alles hochprofessionelle Künstler, weil wir&nbsp; in Wien eben dieses Privileg einer so phantastischen Ausbildungsqualität haben.“</p>



<p>Mäzenatentum als Kulturkampf – Ronald Schwarzer führt ihn mit Kerzen, Barock und der festen Überzeugung, daß in Zeiten, wo alles beliebig ist, einer aufstehen müsse für das Gute, Wahre und Schöne. Schwarzers Salon bleibt eine Insel in einer Welt, die er für verloren hält. Aber solange es Menschen gibt, die hier Freundschaften schließen, Ehen anbahnen und große Musik erleben, wird er weitermachen. Der Partisan der Schönheit kämpft weiter. Wir müssen uns Schwarzer als einen glücklichen Menschen – und Mäzen – vorstellen. </p>



<figure class="wp-block-image aligncenter is-resized"><a href="https://karolinger.at/product/schwarzer_habsburg2/"><img decoding="async" width="727" height="1024" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-727x1024.jpg" alt="" class="wp-image-11843" style="width:275px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-727x1024.jpg 727w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-213x300.jpg 213w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-768x1082.jpg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-1091x1536.jpg 1091w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten-1454x2048.jpg 1454w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/02/23-unten.jpg 1795w" sizes="(max-width: 727px) 100vw, 727px" /></a><figcaption class="wp-element-caption">Ronald Friedrich Schwarzer<br>Durch Habsburgs Lande<br>Zweite, vermehrte Auflage<br>Karolinger 2025, 157 S.,<br>geb., zahlr. Abb., € 23</figcaption></figure>



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		<title>Flüssiges bricht Fasten nicht – Bier in der Fastenzeit</title>
		<link>https://dereckart.at/fluessiges-bricht-fasten-nicht-bier-in-der-fastenzeit/</link>
		
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		<pubDate>Wed, 18 Feb 2026 11:48:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Arnulf Helperstorfer Deutsche Mönche des Mittelalters wollten vom Papst wissen, ob ihr Starkbier in der Fastenzeit erlaubt sei. Sie schickten ein Fäßchen ihres Gebräus den beschwerlichen Weg über die Alpen bis nach Rom. Selbstverständlich war das Bier nach der langen Reise bereits verdorben – erst seit dem 19. Jh. wurden Verfahren zur Lagerfähigkeit von [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Arnulf Helperstorfer</em></p>



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<p>Deutsche Mönche des Mittelalters wollten vom Papst wissen, ob ihr Starkbier in der Fastenzeit erlaubt sei. Sie schickten ein Fäßchen ihres Gebräus den beschwerlichen Weg über die Alpen bis nach Rom. Selbstverständlich war das Bier nach der langen Reise bereits verdorben – erst seit dem 19. Jh. wurden Verfahren zur Lagerfähigkeit von Bier entwickelt. Der Papst sah in dem sauren Getränk keine große Versuchung, sondern eher eine Buße und genehmigte den Verzehr. Seither gilt Starkbier als erlaubtes Fastengetränk. Mit der Realität hat diese nette Mär wenig zu tun. Dennoch ist Starkbier, meist als Bockbier bezeichnet, inzwischen längst Teil der Fastenkultur. Als Weihnachts- oder Osterbock versüßt es die kargen Tage des Fastens.</p>



<p>Ab 16 Grad Plato Stammwürze spricht man von Starkbier. Da die Hefebakterien bei höherer Stammwürze mehr Nahrung vorfinden, entsteht entsprechend mehr Alkohol. Das Bier wird dadurch stärker, Bockbier hat ungefähr 6,5 Prozent Alkohol, Doppelbock noch deutlich mehr, bei entsprechend höherer Stammwürze. Eine weitere Besonderheit stellt der Eisbock dar. Dazu wird Bockbier gefroren. Im Kern des Eisblocks sammelt sich auf Grund des tieferen Gefrierpunktes des Alkohols ein besonders starkes und gehaltvolles Bier mit teilweise über 14 Prozent Alkoholgehalt.</p>



<p>Der Name Bockbier soll auf die norddeutsche Stadt Einbeck zurückgehen, die im Hochmittelalter für ihr Starkbier bekannt war.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Klöster – die Labore und Hochtechnologiezentren des Mittelalters</h3>



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<p>Die Geschichte des Bieres insgesamt beginnt mit dem Ackerbau; Bier wurde aus den gleichen Grundstoffen hergestellt wie Brot. Dementsprechend waren die frühen, auf dem Ackerbau fußenden Hochkulturen des Orients wie Sumerer, Babylonier und Ägypter große Meister des Bierbrauens, auch Starkbiere waren ihnen bereits bekannt. Die Griechen berauschten sich eher an Wein, doch bei den Römern nahm Bier wieder einen gewissen Stellenwert ein, war aber ein Alltagsgetränk. Daß das Bierbrauen im frühen Mittelalter vor allem in Klöstern praktiziert und weiterentwickelt wurde, ist kein Zufall. Nach den Verwerfungen der Völkerwanderung waren Klöster die Labore und Hochtechnologiezentren des Mittelalters. Dort wurde Wissen bewahrt und weiterentwickelt, auch was das Brauen angeht. So waren es wohl Mönche, die dem Bier die Heilpflanze Hopfen beifügten. Im Mittelalter war es üblich, dem Bier verschiedene Gewürzmischungen zuzugeben, die teilweise sehr problematische Zutaten wie Bilsenkraut, Schlafmohn oder Porst enthielten, wohl um gewisse zusätzliche psychoaktive Wirkungen zu erzielen. Das Reinheitsgebot sollte dem einen Riegel vorschieben.</p>



<p>Bier spielte in der Alltagskultur der Klöster eine große Rolle und war ein Grundnahrungsmittel. Die Mönche tranken mehrere Liter davon am Tag, wobei der Alkoholgehalt deutlich niedriger war als heute. Dazu versorgten sie ihr Umland mit Bier, was für viele Klöster eine wichtige Einnahmequelle darstellte.</p>



<p>In der Fastenzeit nahm die Bedeutung des Bieres als Nahrungsmittel noch deutlich zu; es wurde zu einem unverzichtbaren Energielieferanten. Starkbier mit höherem Kaloriengehalt förderte diesen Effekt noch; der höhere Alkoholgehalt ließ Mönche und Bürger die karge Zeit leichter ertragen. Bier liefert zudem viele andere wichtige Stoffe wie Eiweiße, Spurenelemente oder Vitamine, auf die die Menschen in der Fastenzeit verzichten mußten. Nebenbei sei kurz erwähnt, daß so manche Mönche auch abseits des Biergenusses sehr kreative Wege fanden, um das Fasten zu umgehen. Lebewesen aus dem Wasser z.B. waren vom Fasten ausgenommen, sodaß Schweine ertränkt und als Wassertiere deklariert wurden.</p>



<p>Die vor allem in Bayern üblichen Starkbieranstiche gehen auf eine klösterliche Fastentradition zurück. 1651 wurde im Paulanerkloster erstmals ein Starkbier mit dem Namen Salvator als Bezugnahme auf Christus gebraut. Der eigentliche Name der Paulaner lautet „Mindeste Brüder“ (Ordo Minimorum – OM); sie sind ein asketischer Orden nach der Regel des Heiligen Franziskus’, jeglicher Fleischkonsum ist ihnen grundsätzlich untersagt. Ob vielleicht sie gerade deswegen eifrige Bierbrauer waren, ist nicht überliefert. Die Brauerei hat die Aufhebung des Klosters erfreulicherweise überlebt und führt die Tradition des Fastenstarkbieres fort.</p>



<p>Die Fastenzeit hat in unserer stark säkularisierten Gesellschaft den großen Stellenwert von einst verloren, das Fastenbier ist aber geblieben. Vielleicht denkt der eine oder andere während des Genusses eines Osterbocks doch daran, bei anderen Genüssen ein wenig zu sparen. Abschließend seien die Worte der deutschen Heiligen Hildegard von Bingen aus ihrem Werk <em>Causae et Curae</em> (Ursprung und Behandlung der Krankheiten) zitiert: „Cervisiam bibat“ bzw. „Man trinke Bier“.</p>



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		<title>Die Wirmer-Flagge</title>
		<link>https://dereckart.at/die-wirmer-flagge/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Feb 2026 19:14:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
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					<description><![CDATA[von Erik Lommatzsch Deutsche Nation und christliches Abendland 1944 war von dem in der deutschen Widerstandsbewegung wirkenden ehemaligen Zentrumspolitiker Josef Wirmer eine Flagge entworfen worden. Auf rotem Grund liegt ein sogenanntes skandinavisches Kreuz (heraldisch korrekt: ein rechtsliegendes Philippuskreuz) in schwarz, welches gelb bzw. golden umrandet ist. Später setzte Wirmer zwischen den goldenen Rand und den roten [&#8230;]]]></description>
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<p><em>von Erik Lommatzsch</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Deutsche Nation und christliches Abendland</h2>



<p></p>



<p><br>1944 war von dem in der deutschen Widerstandsbewegung wirkenden ehemaligen Zentrumspolitiker Josef Wirmer eine Flagge entworfen worden. Auf rotem Grund liegt ein sogenanntes skandinavisches Kreuz (heraldisch korrekt: ein rechtsliegendes Philippuskreuz) in schwarz, welches gelb bzw. golden umrandet ist. Später setzte Wirmer zwischen den goldenen Rand und den roten Grund noch einen schmalen schwarzen Streifen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der Entwurf sollte nach dem Sturz des NS-Regimes als Nationalflagge dienen.</h3>



<p></p>



<p>Der Staatstreich des 20. Julis 1944 scheiterte, Wirmer wurde hingerichtet. In seinem Entwurf hatte er die deutschen Nationalfarben aufgegriffen, jedoch nicht in der zuvor gebräuchlichen Form einer Trikolore. Wirmers jüngerer Bruder Ernst erklärte später: „Das christliche Symbol des Kreuzes hielt er [Josef Wirmer] für den von ihm und den übrigen Mitgliedern des Widerstandes angestrebten Staat für am besten geeignet.“</p>



<p>Schwarz-Rot-Gold läßt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen: Im Wappen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation findet sich ein schwarzer Adler mit roten Krallen auf goldenem Grund. Allerdings waren diese Farben nicht offizielle Reichsfarben. Als Bezug für die Farben der Nationalflagge dienen oft die Uniformen des Lützowschen Freikorps. Zu sehen waren die Farben – in Form der Trikolore – später beim Wartburgfest 1817, beim Hambacher Fest 1832 und bei der Revolution von 1848/49. In der Weimarer Republik kam der „Flaggenstreit“, die erbitterte Debatte um Schwarz-Rot-Gold oder Schwarz-Weiß-Rot, zu keinem befriedigenden Abschluß. Einen Vorschlag für eine Reichseinheitsflagge hatte der 18jährige, später renommierte Heraldiker und Vexillologe Ottfried Neubecker 1926 vorgelegt. Schwarzer Grund, darauf ein rotes, skandinavisches Kreuz mit goldenem Rand. Möglicherweise diente dieser Entwurf später Wirmer zur Orientierung, der dann lediglich die Farbanordnung vertauschte.</p>



<p>Für die entstehende BRD ließ der sogenannte Verfassungskonvent von Herrenchiemsee im August 1948 wissen, die Flagge könne „nur die Farben führen, die in der gesamtdeutschen Tradition begründet sind“. Uneinig hingegen war man über die Form, vor allem, weil die Sowjetzone bereits die schwarz-rot-goldene Trikolore in Anspruch genommen hatte. So konnte Ernst Wirmer im Oktober 1948 im Parlamentarischen Rat Vertreter der Unionsparteien und der Deutschen Partei für den Flaggenentwurf seines Bruders als Bundesflagge gewinnen. Eingebracht wurde der Antrag allerdings nicht. In einer repräsentativen Umfrage unter der westdeutschen Bevölkerung sprach sich eine Mehrheit für die Trikolore aus, wobei eine noch größere Zahl Desinteresse an dieser Frage zeigte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Wirmer-Flagge als Grundlage für Flagge und Wappen der CDU</h3>



<p></p>



<p>Das Kreuz war nun mittig plaziert. Darauf prangte ein Adler. Hermann Ehlers, Bundestagspräsident und stellvertretender CDU-Vorsitzender, hatte einführend erläutert, es handle sich um den Adler „des ganzen Deutschlands“, das Kreuz sei das „prägende Zeichen des Abendlandes“. Die CDU machte bis Ende der 1960er-Jahre Gebrauch von dieser Symbolik. Die Junge Union führte in dieser Zeit die Farbvariante von Neubecker, und bemerkenswerterweise orientierte sich auch die FDP an der Wirmer-Flagge, jedoch mit goldenem, schwarz umrandeten Kreuz, aber ebenfalls ergänzt durch einen Adler.</p>



<p>Später geriet Wirmers Entwurf weitgehend in Vergessenheit, er wurde nur gelegentlich von kleineren Gruppierungen genutzt. Groß war das Geschrei, als die Wirmer-Flagge verstärkt während der seit Oktober 2014 vom Dresdner Verein Pegida und seiner Ableger veranstalteten Demonstrationen gezeigt wurde und damit zu neuer Bekanntheit und Popularität kam. Der Name Pegida steht als Akronym für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Von der „Enteignung eines ehrwürdigen und traditionsreichen Symboles der Christlichen Demokratie“ war gleich zu Beginn Rede. Der <em>Spiegel</em> fuhr Anton Wirmer auf, den Sohn des Flaggenschöpfers, der meinte, er sei „entsetzt“, und es handle sich „im Grund um eine Verdrehung all der Ideen“, die die Flagge seines Vaters darstelle. Inzwischen ist Pegida, mit der letzten Demonstration im Oktober 2024, Geschichte. Die Islamisierung hingegen schreitet fröhlich voran. Die Beispiele sind mannigfach. Drogeriemärkte bieten Ramadankalender für Kinder an, Schleswig-Holstein stellt Muslime an zwei ihrer Feiertage frei, vom allgegenwärtigen Straßentreiben ganz zu schweigen. Welches Symbol könnte die Gegenwehr besser fassen als eine Flagge, die die deutsche Nation mit ihren christlich-abendländischen Grundlagen verbindet? </p>
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