<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Heftschwerpunkte &#8211; Der Eckart</title>
	<atom:link href="https://dereckart.at/category/heftschwerpunkte/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://dereckart.at</link>
	<description>Monatszeitung für Politik, Volkstum und Kultur.</description>
	<lastBuildDate>Fri, 09 Oct 2026 11:46:30 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=7.1.3</generator>

<image>
	<url>https://dereckart.at/wp-content/uploads/2021/11/cropped-favicon-32x32.png</url>
	<title>Heftschwerpunkte &#8211; Der Eckart</title>
	<link>https://dereckart.at</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Pommern und die Vertreibung</title>
		<link>https://dereckart.at/pommern-und-die-vertreibung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Oct 2026 11:45:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Pommern]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12362</guid>

					<description><![CDATA[von Mario Kandil Auch Pommern blieb vom Inferno der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten am und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht verschont. Unsägliches Leid und grausame Verbrechen trafen auch diese unglücklichen Landsleute. Im hinteren Pommern lebten laut amtlicher Volkszählung mit Stand vom 17. Mai 1939 1.707.616 Einwohner. Diese Zahl stieg durch die [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Mario Kandil</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch Pommern blieb vom Inferno der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten am und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht verschont. Unsägliches Leid und grausame Verbrechen trafen auch diese unglücklichen Landsleute. Im hinteren Pommern lebten laut amtlicher Volkszählung mit Stand vom 17. Mai 1939 1.707.616 Einwohner. Diese Zahl stieg durch die Geburtenrate und die Kinderlandverschickung nach Pommern sowie den Umzug von Deutschen aus den bombardierten Gebieten im deutschen Westen ab 1943 so weit an, daß am Ende eine Einbuße von sogar 1.762.000 Einwohnern stand. Davon betrug der Verlust durch gewaltsamen Tod 330.000 Deutsche und der durch Flucht, Vertreibung und Verschleppung 1.432.000.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Gustloff“, „General von Steuben“, „Goya“ – Trilogie des Schreckens</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Durch den sowjetischen Vorstoß an die Ostsee im westlichen Ostpreußen Mitte Januar 1945 und wenige Wochen später auch in Pommern wurden die östlich davon gelegenen Gebiete abgetrennt, womit für zahlreiche Flüchtlingstrecks der Landweg nach Westen versperrt war. Die Flucht war nun nur mehr über die Ostsee möglich. Als erstes und größtes Schiff in einem Geleitzug fuhr die „Wilhelm Gustloff“ mit ca. 6.000 Flüchtlingen an Bord am 30. Januar 1945 gegen 21 Uhr ca. 60 km vor der pommerschen Küste nach Mecklenburg, als sie von dem sowjetischen U-Boot U-13 mit Torpedos versenkt wurde. Der sowjetische U-Boot-Kapitän Alexander Marinesko zeichnete dafür verantwortlich, daß letztlich gerade einmal an die 1.100 Menschen gerettet werden konnten, alle anderen jedoch im eisigen Wasser umkamen. Ebenso versenkte Marinesko nach der „Gustloff“ am 10. Februar 1945 auch noch den Verwundetentransporter „General von Steuben“. In diesem kaltblütig ausgeführten Massaker, das nicht als Kriegshandlung bemäntelt werden kann, kamen 3.500 Deutsche qualvoll ums Leben. Damit nicht genug, führte mittels Versenkung der „Goya“ das sowjetische U-Boot L-3 unter dem Kommando von Kapitän V. K. Konowalow am 16. April 1945 die wohl verheerendste Schiffskatastrophe der Geschichte herbei: Nach späteren Berechnungen starben bei der Versenkung des Frachters 6.000 bis 7.000 Flüchtlinge. Nur 183 Personen überlebten den Untergang. Wahre Ruhmestaten, die die sowjetischen „Befreier“ da vollbrachten…</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aber nicht bloß die Sowjets, sondern auch die sich als Vorbilder für Freiheit und Menschlichkeit inszenierenden Angloamerikaner verstanden sich auf solche Akte der enthemmten Kriegsführung. Ein besonders perfider Luftangriff der USA auf Zivilisten ereignete sich am 12. März 1945, und er traf die mit Flüchtlingen aus Ostpreußen überfüllte pommersche Hafenstadt Swinemünde. Der kleine Badeort auf der Ostseeinsel Usedom fungierte ab Februar 1945 als zentraler Hafen der deutschen Fluchtbewegung und bildete den Vorhafen der pommerschen Hauptstadt Stettin. Pro Tag konnte die Fähre nach Swinemünde 12.000, die Eisenbahnfähre sogar 15.000 Menschen befördern. Die Alliierten wußten wegen des nur rund 50 km entfernten Testgeländes für Raketen in Peenemünde genau über die Vorgänge auf Usedom Bescheid. Obwohl die U. S. Air Force den grausamen Luftschlag nur als Angriff auf „Rangierbahnhöfe“ verbuchte, waren die Opfer tausende Zivilisten, von denen gerade 1.667 identifiziert werden konnten. Hans Schön, ein Überlebender der „Wilhelm Gustloff“ und späterer Buchautor, geht von 28.000 Todesopfern aus. In seinen Erinnerungen schreibt Schön u. a. darüber, wie er beim Wegschaffen der Toten von seinen Emotionen übermannt wurde: „Ich konnte nicht damit fertig werden, so viele Tote sehen zu müssen, vor allem Frauen und Kinder.“</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die Überlebenden fanden eine Bleibe, aber nicht immer ein Zuhause.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antideutschen werden hier einwenden, Deutsche könnten immer nur Täter, niemals aber Opfer sein. Diesen Zynikern sei entgegengehalten, was der frühere BRD-Bundespräsident Roman Herzog (CDU) völlig zutreffend so ausgedrückt hat: „Kein Unrecht, und mag es noch so groß gewesen sein, rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechen sind auch dann Verbrechen, wenn [ihnen] andere Verbrechen vorausgegangen sind.“ Und solche Verbrechen der „Befreier“ trafen viele, die Pommern verlassen mußten, sowie viele, die aus Pommern nicht fortkamen. In Schleswig-Holstein, das in der späteren BRD mit einer Million aufgenommener Menschen zum Bundesland mit den meisten Flüchtlingen wurde, fanden viele Pommern zwar eine Bleibe, aber nicht immer ein Zuhause. Auch anderswo in Westdeutschland waren die Landsleute aus der „kalten Heimat“ lange unbeliebt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Pommern – Das Aschenputtel an der Ostsee</title>
		<link>https://dereckart.at/pommern-das-aschenputtel-an-der-ostsee/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Oct 2026 12:02:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Pommern]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12351</guid>

					<description><![CDATA[von Thorsten Hinz Unter den drei Ostprovinzen, die Deutschland 1945 verloren hat, ist Pommern das Aschenputtel. Das „verschwiegene Land“ nannte der Historiker Chri­stian Graf von Krockow, Sproß eines ostpommerschen Adelsgeschlechtes, jenes Land „am Meer“ (slawisch: po morje), welches sich als Landsaum entlang der Ostsee vom Grenzfluß Recknitz im Westen bis zum Grenzfluß Piasnitz im Osten [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Thorsten Hinz</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unter den drei Ostprovinzen, die Deutschland 1945 verloren hat, ist Pommern das Aschenputtel. Das „verschwiegene Land“ nannte der Historiker Chri­stian Graf von Krockow, Sproß eines ostpommerschen Adelsgeschlechtes, jenes Land „am Meer“ (slawisch: po morje), welches sich als Landsaum entlang der Ostsee vom Grenzfluß Recknitz im Westen bis zum Grenzfluß Piasnitz im Osten erstreckte. Zwischen den zwei äußersten Punkten liegen 362 Kilometer Luftlinie. Berücksichtigt man die Ausbuchtungen und Vorsprünge der Küste sowie die Umrisse der Inseln, ergeben sich rund 500 Kilometer Küstenlinie. Pommern war und ist unübersehbar. Dennoch warf der auf Usedom geborene Schriftsteller Hans-Werner Richter schon 1970 im Buch <em>Deutschland, deine Pommern</em> die Frage auf, ob ein Bewußtsein davon überhaupt noch existiere.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1945 war ein knappes Viertel seines Territoriums als Vorpommern bei Deutschland verblieben und mit Mecklenburg zu einem gemeinsamen Land vereint worden. 1947 ordnete die Sowjetische Militäradministration an, Vorpommern aus dem Namen zu tilgen. In der DDR blieb die Bezeichnung tabu, doch 1990 wurde sogleich die blau-weiße Landesfahne gehißt. Im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern lebt Pommern weiter. Richters Frage ist trotzdem berechtigt. Außerhalb der Region wird (Vor-)Pommern lediglich als Anhängsel Mecklenburgs wahrgenommen. Und selbst unter den Bewohnern Vorpommerns wissen heute nur wenige, was ihre Provinz einmal war und wie weit sie reichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit Ostpreußen werden das Ordensland, Immanuel Kant, die Königsberger Schloßkirche als Krönungsstätte der preußischen Könige, die Dichterin Agnes Miegel, die „Mutter Ostpreußens“, identifiziert. Schlesien weckt Assoziationen an die Schlesische Dichterschule im 17. Jh., an Eichendorff, Gerhart Hauptmann, den Weberaufstand, an den Steinkohlebergbau, an die imposante Jahrhunderthalle in Breslau.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zu Pommern gehören heute auf deutscher Seite die Halbinsel Darß, die Inseln Hiddensee, Rügen und Usedom mit seinen Kaiserbädern. Hinter der Grenze reihen sich von Swinemünde über Misdroy bis nach Leba die alten Kur- und Badeorte wie auf einer Perlenkette aneinander. Kolberg wurde einst als das sonnenreichste Seebad Deutschlands angepriesen. Ende der dreißiger Jahre verzeichnete Pommern im Reich die höchsten Einnahmen an Kurtaxen, mehr als Bayern und Schlesien. Die mächtigen Backsteinkirchen in Stralsund und Greifswald prägen das Weichbild der beiden Hansestädte. Gleiches gilt für die Dome und Kirchen im jetzt polnischen Hinterpommern: „Colberg, die weite, Stargard, die hohe, Cammin, die schöne“, lautete eine sprichwörtliche Redensart. Die Romanautoren Hans Fallada, Uwe Johnson und Wolfgang Koeppen sind gebürtige Pommern. Hans-Werner Richter war der Kopf der berühmten „Gruppe 47“. Caspar David Friedrich stammte aus Greifswald. Das Gemälde vom Rügener Kreidefelsen ist zu einer „Ikone“ geworden, die allerdings weniger mit Pommern als mit der Romantik verbunden wird. Doch wollen die vielen Einzelheiten sich nicht zu einem kohärenten Bild und Begriff von Pommern fügen. Zu seiner Signatur wurde ausgerechnet das Lied aus dem Dreißigjährigen Krieg: „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ohne eigene Universität fehlte der Hauptstadt Stettin die Strahlkraft von Königsberg und Breslau.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Form des historischen Pommerns läßt sich mit einem Schmetterling vergleichen, der einen starken rechten hinterpommerschen und einen schwächeren linken vorpommerschen Flügel hat. In der Mitte stellt Stettin den Kopf mit den Fühlern dar. Mit diesem Bild ist freilich auch das Problem angedeutet: Breslau und Königsberg waren die politischen, wirtschaftlichen sowie geistig-kulturellen Zentren ihrer Provinzen. Sie bildeten die Sonne, um welche die Städte und Gemeinden kreisten und die weit über die Provinzgrenzen hinausstrahlten. Das hat Stettin nie vermocht. Mit mehr als 200.000 Einwohnern war es die mit Abstand größte Stadt der Provinz, aber eine überregionale Strahlkraft ging nicht von ihm aus. Der Reiseführer des städtischen Verkehrsvereines aus dem Jahr 1929 trägt den verschämten Untertitel: „Ein Führer durch die Hafen- und Industriestadt im Grünen“. Hin- und hergeschoben auf dem Schachbrett der Weltgeschichte, heißt es, habe die Stadt keine „Museumsschönheit“ werden können. Das Herzogsschloß, das auf einem Hügel thront, erinnerte an keine glanzvolle Vergangenheit, sondern an die politische Ohnmacht Pommerns, das mehrmals in Teilherzogtümer zerfiel. 1637 war das regierende Greifengeschlecht ausgestorben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zuletzt war Stettin 1677 im Schwedisch-Brandenburgischen und 1713 im Nordischen Krieg schwer zerstört worden. Erst unter Preußen kam es ab 1720 zur Ruhe, aber den preußischen Frieden habe es „mit der Eigenart ihres alten Ichs“ bezahlt. Es wurde eine nüchterne Provinzstadt, geprägt von Beamten und Militär, und zur Vorstadt von Berlin. Der entscheidende Unterschied zu Königsberg und Breslau war das Fehlen einer Universität. Eine pommersche Universität gab es seit 1456 in Greifswald, doch hier handelte es sich um eine mittlere Provinzstadt. Gleiches gilt für Kolberg, Köslin, Stargard, Stralsund und Stolp, die zweitgrößte, weit östlich gelegene Stadt in Pommern, die sich mit dem Beinamen „Klein Paris“ schmückte. Darüber hinaus gab es zahlreiche verträumte Kleinstädte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vorpommern endet heute an der deutsch-polnischen Grenze, doch historisch reichte es weit über die Oder hinaus und schloß die Provinzhauptstadt Stettin ein. Im Westfälischen Frieden 1648 fiel es an Schweden, während Hinterpommern zu Brandenburg gehörte. 1720 erwarb Preußen das westliche Vorpommern inklusive Stettin und die Odermündung, das nun Altvorpommern genannt wurde. 1815 kam das Gebiet zwischen Recknitz und Usedom als Neuvorpommern hinzu. Die Dreiteilung der Provinz bestand bis 1932 in den Regierungsbezirken Stralsund, Stettin und Köslin fort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Vor allem das alte Hinterpommern ist hinter dem Geschichtshorizont verschwunden. Die Gründe lassen sich schon in der Vorkriegszeit ausmachen. Es handelte sich um ein dünnbesiedeltes, verkehrstechnisch spät erschlossenes Gebiet, das im Reich „als ein im Dornröschenschlaf verwunschenes, der Zeitentwicklung abgekehrtes Ländchen angesprochen“ wurde. So jedenfalls heißt es in dem aufwendigen Sammelband <em>Hinterpommern. Wirtschafts- und Kulturaufgaben eines Grenzbezirks</em>, der 1929 vom Kösliner Regierungspräsidenten herausgegeben wurde. Hinterpommern war von Fischfang und von der Landwirtschaft geprägt. Nur waren die Böden wenig fruchtbar und die klimatischen Bedingungen schwierig. Das milde Seeklima begünstigte lediglich einen schmalen Küstenstreifen, dahinter herrschte rauhes Landklima. Die wirtschaftliche Entwicklung war jäh unterbrochen worden durch den Kriegsausbruch 1914 und die Grenzziehung im Versailler Vertrag, die Hinterpommern zum Grenzland machte. Verkehrswege wurden zerschnitten, Absatzmärkte brachen weg, der polnische Korridor blockierte den Zugang zum Danziger Hafen. Zudem sah man sich militanten polnischen Territorialforderungen ausgesetzt. Im Buch erging der dringende Appell an „Staat und Reich“, Hinterpommern „helfend zur Seite (zu) stehen“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Mehr aufrichtig als freundlich sowie treu und verschwiegen“</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die klimatischen Bedingungen, die historischen Erfahrungen und die dünne Besiedlung hatten offenbar einen knorrig-spröden Volkscharakter geformt. In der frühesten Pommernchronik aus der ersten Hälfte des 16. Jh. werden die Pommern mehr aufrichtig als freundlich sowie treu und verschwiegen genannt; Lügen und Schmeichelworte seien ihnen zuwider. Friedrich II. bemängelte ihren Bildungsstand, meinte aber, sie seien brav, zuverlässig, geeignet als gute Soldaten und Offiziere. Von der Diplomatie wollte er sie wegen ihrer Direktheit hingegen fernhalten.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large"><img fetchpriority="high" decoding="async" width="1024" height="804" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/10/AdobeStock_50346887-Gross-1024x804.jpeg" alt="" class="wp-image-12353" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/10/AdobeStock_50346887-Gross-1024x804.jpeg 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/10/AdobeStock_50346887-Gross-300x236.jpeg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/10/AdobeStock_50346887-Gross-768x603.jpeg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/10/AdobeStock_50346887-Gross.jpeg 1375w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Adobe Stock, Sergey Kamshylin</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Mag sein, daß sie für die Politik nicht sonderlich begabt seien: Nach 1989 wurde ein Landesverband Vorpommern gegründet, der die ignorierte Region wieder in ihr historisches Recht setzen wollte. Er versteifte sich auf die Gründung eines separaten Bundeslandes, was angesichts der geringen Bevölkerungszahl und der wirtschaftlichen Gegebenheiten abwegig war. Sinnvoller wäre gewesen, von Anfang an pommersche Reservatsrechte in der Landesverfassung einzufordern. Die Verwaltungseinheiten in Mecklenburg-Vorpommern berücksichtigen den alten Umriß Vorpommerns nur teilweise. Lediglich die evangelischen und katholischen Kirchenbezirke berücksichtigen den historischen Grenzverlauf zwischen beiden Landesteilen. Allerdings ist die katholische eine Diasporakirche und die evangelische Pommernkirche nur noch ein Kirchenkreis innerhalb der 2012 gegründeten Nordkirche, zu der auch Mecklenburg, Hamburg und Schleswig-Holstein gehören.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Westdeutschland hielt der Vertriebenenverband, die Pommersche Landsmannschaft, so gut es ging die Erinnerung wach. 1988 konnte sie in Anwesenheit von Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Lübeck-Travemünde sogar ein komfortables Pommernzentrum eröffnen. Mit dem Mauerfall ein Jahr später war der Standort zum Anachronismus geworden. Zukunftsträchtig wäre der Umzug nach Stralsund oder Greifswald gewesen, wo 2005 das Pommersche Landesmuseum eröffnet wurde. Das Pommernzentrum hingegen wurde 2017 wegen Insolvenz geschlossen, die Landsmannschaft spielt keine öffentliche Rolle mehr. Hoffnungsvoll stimmt, daß die Polen die deutsche Geschichte Pommerns aktiv angenommen haben. Pommern ist, legt man seine historische Grenze zugrunde, heute binational und zweisprachig. Aus dieser Tatsache ergeben sich seine Perspektiven. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong><em>Über den Autor:</em></strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Geboren 1962 in Vorpommern/DDR, Studium der Germanistik in Leipzig 1984-89. In Berlin tätig als Journalist, Publizist und Buchautor mit Schwerpunkt deutsche Literatur, Geschichts- und Kulturpolitik sowie nordostdeutsche Heimatkunde.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Leuchtfeuer wider die Beipackzettelkunst</title>
		<link>https://dereckart.at/leuchtfeuer-wider-die-beipackzettelkunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 27 Sep 2026 20:08:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12336</guid>

					<description><![CDATA[von Anna Rieger Der deutsche Autor Wolfgang Asholt schrieb über den Dadaismus, er habe „das höchstmögliche Maß des Verlassens der Institution Kunst mit teilweise künstlerischen Mitteln realisiert“. Asholt faßt in einem Satz über eine mittlerweile über hundert Jahre alte Avantgarde-Strömung das Grundproblem des heutigen Kunstbetriebes zusammen. Denn was als Revolution gegen die Institution Kunst begann, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Anna Rieger</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der deutsche Autor Wolfgang Asholt schrieb über den Dadaismus, er habe „das höchstmögliche Maß des Verlassens der Institution Kunst mit teilweise künstlerischen Mitteln realisiert“. Asholt faßt in einem Satz über eine mittlerweile über hundert Jahre alte Avantgarde-Strömung das Grundproblem des heutigen Kunstbetriebes zusammen. Denn was als Revolution gegen die Institution Kunst begann, ist selbst zu ihrer tragenden Logik geworden. Das Ansinnen der Avantgarde, Kunst und Leben wieder zusammenzuführen und den abgeschotteten bürgerlichen Kunstbegriff zu zerschlagen, wurde vom Kunstbetrieb absorbiert und in symbolisches Kapital verwandelt: Wer permanent mit den eigenen Voraussetzungen der Kunst breche, mache gute Kunst. Das bedeutet auch: Wer sich, um mit Asholt zu sprechen, nur noch teilweise künstlerischer Mittel bediene, wessen Werke also eines erklärenden Beipackzettels bedürften, wessen Werke eine politische Aussage träfen, eine Performance seien oder sich nicht verdächtig machten, dem öden Credo anzugehören, wonach Kunst von Können komme, der mache gute Kunst. Es ist dies das paradoxe Selbstverständnis neuer Kunst.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Die neue Kunst verweigert künstlerische Maßstäbe bei gleichzeitiger Überbetonung ihrer Autonomie.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Kunst seit der Avantgarde ist demzufolge ein seltsames Mischwesen. Anders als die bürgerliche Institution Kunst des 19. Jh., die ganz nach ihren eigenen Regeln lebte, und anders als die präautonome Kunst, die sich nicht so sehr als eigene Institution begriff, sondern viel eher als Handwerk vollständig in Bezugsrahmen wie Religion, Adel oder Mythos eingebettet war und deren Botschaften zum Ausdruck bringen wollte, verweigert die neue Kunst jegliche künstlerischen Maßstäbe bei gleichzeitiger Überbetonung ihrer eigenen Autonomie: Sie ist ihre eigene Institution, ohne eigene Regeln. Künstler, die sich außerhalb des neuen Kunstbegriffes bewegen, arbeiten beinahe im luftleeren Raum. Verbindliche Bezugsrahmen, die der Kunst über Jahrtausende Ikonographie, Auftraggeber und Umfeld gaben, entfallen. Zugleich haben auch kunstimmanente Maßstäbe, etwa der gekonnte Umgang mit Material oder anspruchsvolle Bildkompositionen, an Bedeutung verloren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch gibt es zeitgenössische Künstler, deren Werke sich entweder an diesen Maßstäben messen lassen oder zumindest durch ihre Motive den Eindruck vermitteln, etwas künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, das über sie selbst hinausweist. Sie wollen nicht zuallererst nur „Kunst“ sein, sondern den Betrachter erschüttern oder verzücken, etwas bejubeln oder verdammen. Diese Bilder sind versinnbildlichte Gedanken, haben Symbolcharakter, in ihnen fallen Idee und Werk zusammen – nachfolgend eine persönliche und nicht repräsentative Auswahl.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Immer wieder sind es Maler aus dem Osten, die sich hervortun. Olga Suvorova entwirft opulente Gemälde, die an Barockgärten erinnern, aber dennoch keinen Anklang fader Historisierung zeigen. Ähnlich auch die Gemälde von Andrey Remnev. Ganz anders, aber ebenso faszinierend sind die Bilder Igor Kravtsovs oder Alexander Jurjewitsch Novoselovs. Beide malen düster, ernst und sehr russisch. Weite Landschaften, Personen, die nicht gefällig in den Raum lächeln, und klare, prägnante Formen dominieren. Daß sie dabei in der Tradition des sozialistischen Realismus stehen, ist nicht zu übersehen. Aber auch das zeichnet ehrgeizige Malerei aus: in einer Tradition stehen zu wollen, ohne ewig Gleiches zu wiederholen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Der diesjährige deutsche Pavillon auf der Biennale stand unter dem Titel „Ruin“. Eine wohl unfreiwillig selbstironische Namenswahl.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der deutschen Malerei schaffen bekannte Namen wie Neo Rauch und Xenia Hausner immerhin Bilder mit eigenem Stil. Neben einem – allerdings bereits verstorbenen – Meister wie Werner Tübke wirken ihre Werke dennoch weniger stark im künstlerischen Charakter. Geschmacksfrage? Natürlich. Womöglich ist dies aber auch eine Frage der Förderungspolitik an deutschen Kunsthochschulen, deren Ausrichtung weit aggressiver ist als anderswo. Auch abseits der Malerei birgt die zeitgenössische heimische bildende Kunst Schönes. So schnitzt der Südtiroler Bruno Walpoth Holzstatuen, deren Ausdruck ernst, nachdenklich und anziehend ist. Mit Farbe überzogen gewinnt das Holz an Tiefe und betont die feinen, schlanken Körper seiner Figuren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die genannten Beispiele sind kleine, interessante Leuchtfeuer. Programmatisch sind sie aber nicht. Geld und Aufmerksamkeit liegen anderswo. In Venedig etwa. Der diesjährige deutsche Pavillon auf der Biennale stand unter dem Titel „Ruin“. Eine wohl unfreiwillig selbstironische Namenswahl. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bauen heute</title>
		<link>https://dereckart.at/bauen-heute/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 15 Sep 2026 14:10:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12300</guid>

					<description><![CDATA[von Michael Demanega In der Architektur das Tradierte zu kopieren, könnte ein probates Mittel sein. Aber: Das 20. Jh. vollzieht einen radikalen Bruch. Das tektonische Prinzip, wonach das Dach oben und das Fundament unten ist, wurde aufgehoben. Moderne Hochleistungsmaterialien sprengen die Ra­ster. Spannweiten werden extrem. Formen werden willkürlich. Digitale Planungsmethoden machen Unvorstellbares möglich. Das Ergebnis [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Michael Demanega</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der Architektur das Tradierte zu kopieren, könnte ein probates Mittel sein. Aber: Das 20. Jh. vollzieht einen radikalen Bruch. Das tektonische Prinzip, wonach das Dach oben und das Fundament unten ist, wurde aufgehoben. Moderne Hochleistungsmaterialien sprengen die Ra­ster. Spannweiten werden extrem. Formen werden willkürlich. Digitale Planungsmethoden machen Unvorstellbares möglich. Das Ergebnis sind – vielfach – unverständliche Entwürfe, die mehr abstrakte Kunst als Bauwerk sind und die ein Unbehagen in uns auslösen, weil das innere Bedürfnis nach Harmonie und Ordnung verworfen wird.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Moderne, Revolte gegen die Moderne – es muß einen dritten Weg geben, der an das Wahre anknüpft.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im weltweiten Netz und in sozialen Medien kursieren Gegenprogramme zur baulichen Moderne, die, ausgehend von einer inneren Revolte gegen die Moderne, Stil propagieren: Modernistische Stadtfassaden werden anschaulich rückgebaut und erhalten einen historischen Aufputz. Das kann gefallen, gefällt auch, ist aber letztlich eine hübsche Fassade für einen andersartigen Kern und in diesem Sinne eine Fälschung. Gebäude des späten 20. Jh., die eine Fassade bekommen, die die Illusion erzeugt, es handle sich um ein Gebäude des 19. Jh., sind Trugbilder, die zwar schöner sind als der modernistische Entwurf, aber dennoch eine Kluft eröffnen. Das Äußere bewahrheitet sich nach der Prüfung nicht. Inneres und Äußeres stehen in keinem Verhältnis zueinander, sondern widersprechen einander. Das erzeugt wiederum Unbehagen. Es muß einen dritten Weg geben, der an das Wahre anknüpft. Wir sind doch mehr oder weniger alle Lebensreformer, die die Widersprüche aufheben und ein Gleichgewicht der Dinge finden wollen. Wieso nicht auch beim Bauwerk?</p>



<p class="wp-block-paragraph">An das Alte anzuknüpfen, ist der falsche Weg. Dazu ist im 20. Jh. zu viel passiert. Wir bauen keine Fahrzeuge, die wie vom letzten Jahrhundert aussehen. Es stimmt zwar, daß das Fahrzeug eine Maschine ist und die Behausung die bauliche Heimat; dennoch, wir bauen massiv Technologie in unsere Bauwerke ein und begnügen uns nicht mit Technik der Vor-Moderne.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zwei Schweizer, die dem Bauen Nietzsche und Spengler zugrunde legen wollen</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Schweizer Architekturtheoretiker Markus Breitschmid, der in Virginia in den Vereinigten Staaten lehrt, hat mit dem Schweizer Architekten Valerio Olgiati das Buch <em>Nicht-referenzielle Architektur</em> geschrieben. Die beiden beziehen sich in ihren Gedanken zum Bauen auf Friedrich Nietzsche und Oswald Spengler und wollen ein Bauen, das von historischer Imitation losgelöst ist und das Heroische wiederfindet: „Räume machen den Sieg über die Materie erfahrbar. Aus diesem Sieg über die Materie des Materials bezieht das Gebäude seine sinnstiftende Funktion.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Formel für ein Bauen, das seinen Namen verdient, ist für Olgiati und Breitschmid: Idee – Ordnung – Bauwerk. Von der prinzipiellen Möglichkeit der konstruktiven Freiheit der Form ist in der Gegenwart, in der Moderne, auszugehen. Freiheit findet allerdings erst dann ihren Sinn, wenn sie nicht in Willkür endet, sondern zu Ordnung, Symmetrie und Klarheit führt. Bauwerke sind nicht (nur) Kunst, sondern menschliche Umgebungen, die Schutz, Geborgenheit und Heimat stiften bzw. stiften sollen. Darin besteht ihr evolutionärer Sinn. Daneben drücken Bauwerke sozialen Status und kulturelle Werte aus, dienen der Repräsentation, sagen etwas aus, sind Form und Ästhetik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bauwerke sind nicht nur Natur, stehen aber bestenfalls in einem Verhältnis zur Natur. Sie sind in ihren Bestandteilen aus der Natur entnommen, in die Natur gesetzt und werten, wenn der Entwurf glückt, die Natur auf. Ganz am Ende werden die Bauwerke bestenfalls wieder an die Natur zurückgegeben, sind natürlich abbaubar. Zuletzt soll das Bauwerk das Geistige fördern und fordern. Strukturierung, Sachlichkeit und Klarheit fördern die freien Gedanken. Der Minimalismus, den wir bei Gebrauchsgegenständen schätzen – denken wir an den Elek­tronikhersteller „Braun“ und in der Braunschen Tradition an „Apple“ – reduziert Komplexität. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche, finden innere Ruhe. Was bei Gebrauchsgegenständen gilt, gilt umso mehr für Bauwerke. Gerade in stressigen und komplizierten Zeiten wie heute.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Komplexe Anforderungen an Bauwerke, die zeitgemäß sind, aber keinekünstliche Anmaßung</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Verlangt werden: menschliche Kultur, Naturbezug, kreative Freiheit. Der Architekt Heinrich Tessenow meinte, die Natur sei am schönsten, wenn gar nicht erst gebaut werde. Das stimmt, ist aber auch keine Lösung. Wir wollen ja weder in Waldhütten noch in Höhlen leben, zumindest nicht das ganze Jahr über. Denken wir Tessenow weiter, dann könnte die Lösung, bezogen auf das heutige Bauen, darin bestehen, in die Natur hineinzubauen. Das Bauwerk wird in das Erdreich hineingebaut und überschüttet. Das Bauwerk ist: Natur plus x. Gottfried Benn meinte jedoch auch, mit der Antike habe eine Erhöhung der Erde stattgefunden. Die Erde sei zwar noch Erde, strebe jedoch nach oben. Das ist das, was wir Kultur nennen, der Gegenentwurf zur Natur, das Kultivierte, das Erhöhte und Überhöhte. Nach Peter Sloterdjik ist es die Vertikale, die wirkt, wenn sich in uns ein Anspruch nach Größe und Höhe entwickelt. Manche würden vom Göttlichen sprechen. Aus diesen philosophischen Gedanken ergibt sich der kühne Hochbauentwurf. Ja, wir wollen nicht nur in Erdhöhlen leben. Städte, die pulsieren, verlangen nach anderen Konzepten. Gewissermaßen sind wir ja nicht nur Naturwesen, sondern Kulturwesen, streben nach Gemeinschaft und organisiertem Gemeinwesen. Wie könnte ein Bauen aussehen, das zeitgemäß ist – und gefällt?</p>



<h3 class="wp-block-heading">Stahlbeton, Stahl und Glas sind im modernen Bauen nicht wegzudenken, aber auch problematisch.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Stahlbeton erzeugt die Illusion einer amorphen und beliebig modellierbaren Masse. Bauherren und Architekten glauben an diese Illusion. Haustechniker glauben hingegen, in die Betonkörper könnten unzählige Leitungen hineingepackt werden. Hinzu kommen dann allerlei Dämmmaterialien, weil Beton zwar gut trägt, aber schlecht dämmt. Sind diese Dämmmaterialien synthetisch, verbauen wir quasi Müll. Man fragt sich besser nicht, was nach dem Ablauf der Nutzungsdauer passieren werde. Weitaus problematischer ist, daß Entwürfe, die modernistisch und nicht zeitlos sind, eine sehr geringe Halbwertszeit haben und somit nach 30 oder 50 Jahren über einen Ersatzneubau nachgedacht wird, weil der Entwurf niemandem mehr gefällt. Und weil ihn auch niemand vermissen würde. Nicht viel besser verhält es sich dann, wenn wir moderne Glas-Stahl-Türme in die Höhe ragen lassen. Der Glaskörper heizt sich unnötig auf, ist im Sommer der Hitze und im Winter der Kälte ausgesetzt. Nichts funktioniert ohne übermäßige Technik. Schön ist es vielfach auch nicht. Das Glas vergilbt, und emotional „warm“ werden wir mit dem vielen Glas auch nicht.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Holz bringt den Wald in die Stadt und die Seele ins Bauwerk.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine Lösung besteht im Holzbau. Das Holz bringt nicht nur den Wald in die Stadt, sondern bestenfalls die Seele ins Bauwerk. Kein Baustoff ist so intim wie Holz. Holz altert wie Menschen. Holz kann, mit der richtigen Pflege, alt werden. Holz hinterläßt Spuren. Und erzeugt Atmosphären. Kaum ein Werkstoff ist so menschlich wie Holz.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Holz erfordert aber ein hohes Maß an planerischen Fertigkeiten. Brandschutz, Schallschutz, Schwingungen und Feuchteschutz machen ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit notwendig. Es zählt also wieder Qualität statt Masse. Wichtig ist, daß der Rohstoff Holz aus lokalen und regionalen Netzwerken stammt. Fichtenmonokulturen gehören zunehmend der Vergangenheit an. Wir werden uns notgedrungen an Mischwälder gewöhnen müssen. Das bringt gleichzeitig auch mehr Vielfalt bei Holzprodukten ins Bauen: nicht mehr nur Nadelholz, sondern vermehrt Laubholz. Holz ist im Normalfall ehrlich und konstruktiv konsequent. Spielereien spielt Holz nicht mit. Amorphe Formen sind in Holz schwer herstellbar. Klarheit, Struktur und Stringenz der Konstruktion sind beim Holzbau vorteilhaft. Der Holzbau ist, auch wenn er modern ist, notgedrungen – mehr oder weniger – symmetrisch, geordnet und strukturiert. Die Eleganz kommt ins Bauwerk zurück und dadurch die Schönheit, die wir vermissen. Zwar nicht immer, aber im Holzbau tendenziell öfter.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Flachdach nur, wenn intensiv begrünt!</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Unseren Städten fehlt aber auch noch etwas anderes: Der triste, graue Alltag erfordert zunehmend ein Umdenken. Parkende Fahrzeuge auf Asphalt, dazu Fassaden aus Stein oder Stahl machen unsere Städte kaum lebenswert, besonders nicht im Sommer. Neben der Begrünung der Straßen geht es dabei auch um die Begrünung der Gebäude selbst. Fassadenbegrünungen geben manchem modernen Bauwerk nicht nur den Naturbezug zurück, sondern machen unsere Städte spürbar behaglicher – und schöner. Eine sinnvolle Formel wäre: Flachdach nur, wenn es intensiv begrünt wird! </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Käthe Kollwitz und Lovis Corinth</title>
		<link>https://dereckart.at/kaethe-kollwitz-und-lovis-corinth/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Sep 2026 20:49:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12294</guid>

					<description><![CDATA[von Erik Lehnert Zwei Ostpreußen als Aushängeschilder der deutschen Moderne Die Ausstellung mit dem merkwürdigen Namen „Gothic Modern“, die im letzten Herbst in der Albertina zu sehen war, entpuppte sich als echter Augenöffner. Es ging um die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kunst durch die Moderne im ausgehenden 19. Jh. Im Gegensatz zum Historismus ging es den [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Erik Lehnert</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Zwei Ostpreußen als Aushängeschilder der deutschen Moderne</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Ausstellung mit dem merkwürdigen Namen „Gothic Modern“, die im letzten Herbst in der Albertina zu sehen war, entpuppte sich als echter Augenöffner. Es ging um die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kunst durch die Moderne im ausgehenden 19. Jh. Im Gegensatz zum Historismus ging es den Modernen nicht um Nachahmung, sondern darum, die ästhetische Qualität der mittelalterlichen Kunst als Orientierung zu nutzen, um den Gefühlslagen des modernen Menschen einen eigenen Ausdruck zu verleihen. Diese unterschieden sich grundsätzlich nicht von denen des Mittelalters: Es geht um Liebe, Tod, Schmerz und Glück. Unter den gezeigten Künstlern waren auch zwei gebürtige Ostpreußen: Käthe Kollwitz und Lovis Corinth. Ihre Geburtsorte liegen im heute zu Rußland gehörenden Teil Ostpreußens: Corinth wurde 1858 in Tapiau, Kollwitz 1867 in Königsberg geboren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Zu Lebzeiten umstritten, heute kanonisiert</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Auch wenn der Name Kollwitz bei dem einen oder anderen eine Abwehrreaktion auslöst, weil ihm ihre Elendsgestalten nicht gefallen, konnte man sich in der Ausstellung davon überzeugen, wie stark auch Kollwitz, besonders bei ihren bekannten Zyklen, durch die religiösen Themen der Gotik geprägt wurde. Und bei Corinth, dessen Porträts von Künstlern, Gelehrten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sich durch ein besonderes Einfühlungsvermögen auszeichnen, mag der überzeichnete Naturalismus überraschen, mit dem er die klassischen Themen Kreuzigung und Kreuzabnahme in die Gegenwart zurückholt. Beiden gemeinsam ist, daß ihr Werk zu Lebzeiten sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen hat und daß beide heute in ihren Fächern, bei Corinth vor allem der Malerei, bei Kollwitz der Druckgraphik und Bildhauerei, zu den wichtigsten modernen Künstlern Deutschlands gehören. Da beide gegenständlich arbeiteten, erfahren sie mittlerweile auch bei denjenigen Wertschätzung, die mit moderner Kunst sonst nicht viel anfangen können.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Schön war für mich der Königsberger Lastenträger,…“ – Käthe Kollwitz als Bildchronistin des Proletariates</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Kollwitz wurde als Käthe Schmidt in eine Familie hineingeboren, die sich zur dissidentischen „Freien Gemeinde“, einer freireligiösen, evangelischen Vereinigung, bekannte. Ihr Vater, Jurist, mußte den Staatsdienst verlassen, war dann Bauunternehmer und folgte seinem Schwiegervater im Predigtamt. Er förderte die Begabung seiner Tochter in jeder Hinsicht. Neben dem Elternhaus war Königsberg prägend: „Wenn meine späteren Arbeiten durch eine ganze Periode nur aus der Arbeitswelt schöpften, so liegt der Grund dazu in jenen Streifereien durch die enge, arbeiterreiche Handelsstadt.“ Ab dem 14. Lebensjahr erhielt Käthe Mal- und Zeichenunterricht in Königsberg, noch ganz im klassischen Sinne, der heroisierenden Kunst des 19. Jh. Mit den modernen Kunstströmungen kam sie über den Kreis um Gerhart Hauptmann in Verbindung, Rubens entdeckte sie für sich, als sie an der Berliner Künstlerinnenschule ihre Ausbildung fortsetzte, wo sie auch zum ersten Mal von Max Klinger hörte. Dessen Radierungsfolge <em>Ein Leben</em> war „das erste, was ich von ihm sah, und es erregte mich ungeheuer“. Klinger ist es auch, der Kollwitz, die sich noch vorwiegend als Malerin verstand, durch seine Schrift <em>Malerei und Zeichnung</em> (1891) bewußt werden läßt, daß sie eigentlich Graphikerin sei. Denn Klinger weist in seiner Schrift der Malerei den Auftrag zu, die Schönheit der Welt zu zeigen. Die Zeichner hingegen betonen in ihrem Werk die Schwächen und das Schlechte: „Aus ihren Werken bricht fast überall als Grundton hervor: So sollte die Welt nicht sein!“ Das hat Kollwitz als Fingerzeig und Auftrag verstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kam, daß sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz, in den Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, gezogen war, wo jener dem damals durchaus noch vorhandenen Proletarierelend ganz bewußt Abhilfe leisten wollte. Allerdings darf man daraus nicht schlußfolgern, daß Kollwitz ihr Sujet aus politischen Gründen wählte. Wie bei der gesamten Naturalistengeneration war auch bei ihr die Ästhetik entscheidend: „Schön war für mich der Königsberger Lastenträger, […] schön war die Großzügigkeit der Bewegungen im Volke. Ohne jeden Reiz waren mir Menschen aus dem bürgerlichen Leben. Das ganze bürgerliche Leben erschien mir pedantisch. Dagegen einen großen Wurf hatte das Proletariat.“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre ersten Erfolge waren die Radierungsfolgen <em>Ein Weberaufstand</em> (1898) und <em>Bauernkrieg</em> (1908). Die Not des Volkes wird hier in drastischen Bildern dargestellt, was ihr Anerkennung in Künstlerkreisen und Ablehnung von offizieller Seite einbrachte. Neben ihr graphisches Werk tritt zunehmend das bildhauerische, angeregt vor allem durch das Vorbild Auguste Rodins. Daß der jüngere ihrer beiden Söhne gleich am Anfang des Krieges fiel, war für Kollwitz „der Bruch“ in ihrem Leben. An dem Denkmal arbeitete sie mit Unterbrechungen fast 18 Jahre lang: das „Trauernde Elternpaar“ steht heute auf dem Deutschen Soldatenfriedhof in Vladslo. Auch die „Mutter mit totem Sohn“, heute in der Neuen Wache in Berlin, ist dem gefallenen Sohn gewidmet. In der Weimarer Republik gab es keinen Zweifel, wo Kollwitz politisch stand. Sie hatte Sympathien für den Kommunismus, den sie zur Friedensideologie verklärte. Sie wurde dennoch in die Akademie der Künste aufgenommen. Nach 1933 mußte sie sich zurückziehen. Bis zum Schluß verteidigte sie ihre Kunst. Aus dem ästhetischen Interesse am Proletariat sei durch Erfahrung ein „Verpflichtungsgefühl“ entstanden, „ihnen mit meiner Kunst zu dienen. Das ist jedoch – wohlverstanden – nicht tendenziöse Kunst.“ Kollwitz starb am 22. April 1945 in Moritzburg, wohin sie der Kunstsammler Prinz Heinrich von Sachsen eingeladen hatte.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large"><img decoding="async" width="1024" height="514" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-1024x514.jpg" alt="" class="wp-image-12296" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-1024x514.jpg 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-300x151.jpg 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-768x386.jpg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-1536x771.jpg 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13-585x295.jpg 585w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/13.jpg 1920w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Wikimedia Commons, invaluable.com<br>Liegender weiblicher Akt von Lovis Corinth, 1915</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Lovis Corinth feierte das pralle Leben.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Er galt als jemand, der Kunst lebte, der begeisterungsfähig war, der über eine erstaunliche Lebens- und Erlebniskraft verfügte. Dieses Naturell wurde zwiespältig beurteilt: „Pariser Virtuosentum, Münchener Fasching, saucige Historienmalerei, wildes Genre und daneben und darin Griffe von erstaunlicher Kraft“, so der Kunstkritiker Julius Meier-Graefe. Malen war bei Corinth keine Passion, sondern Obsession, ein künstlerischer Zeugungsakt. Seine Frau, die ihm oft Modell stand, berichtete, daß er sich beim Malen in Ekstase befand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Corinth war das einzige gemeinsame Kind seiner Eltern, die eine Gerberei und viel Ackerland bewirtschafteten, hatte mütterlicherseits allerdings fünf Halbgeschwister, was die Jugend konfliktreich gestaltete. Der Vater förderte seinen Sohn, der das Kneiphöfische Gymnasium in Königsberg besuchte und anschließend in Königsberg das Akademiestudium bei einem Historienmaler aufnahm. Er setzte es in München fort, leistete dort seinen Militärdienst, unternahm dann Reisen nach Antwerpen und Paris, versuchte zunächst erfolglos, in Berlin künstlerisch Fuß zu fassen und ließ sich schließlich für fast zehn Jahre in München nieder. Nach kleineren Anfangserfolgen gestaltete sich der weitere Weg zäh.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Erst Anfang der 1890er-Jahre entstanden in München Gemälde, die Aufsehen erregten. Sie zeigen sein handwerkliches Können ebenso wie den Versuch, über die Tradition der Figurenmalerei hinauszukommen, es den Alten Meistern gleichzutun und trotzdem eine ganz eigene Bildsprache zu entwickeln. Aber nicht alle Bilder blieben dem Kanon verpflichtet, seine Schlachthausszenen aus dieser Zeit fanden erst später Anerkennung bei den Kritikern. Die 1895 entstandene <em>Kreuzabnahme</em> wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet und ist das erste Bild, das Corinth verkaufen konnte. Er begann, die Schriftsteller Schwabings zu porträtieren.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„… sodaß uns auch noch der Glanz der Märtyrerkrone umstrahlte.“</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Sein Bild <em>Salome</em> (1900) wurde von der Münchner Jury der Sezession zurückgewiesen und entwickelte sich zu einem Skandal, der Corinth bekannt machte. Salome beugt sich darauf nackt über das Haupt des Täufers, was der Szene eine erotische Aufladung gibt, die damals anstößig wirken mußte. Corinth ging auf Empfehlung seines Kollegen Walter Leistikow nach Berlin und hatte dort endlich den ersehnten Erfolg. Auch hier entstanden zahlreiche Porträts u.a. von Peter Hille, Gerhart Hauptmann und Admiral Tirpitz, er eröffnete eine Malschule, die ein wirtschaftlicher Erfolg wurde. Der unbändige Ehrgeiz Corinths wurde hier gestillt: „Wie konnte es auch anders sein, da der Handel und Wandel in Berlin glänzend war, die Kaufleute intelligent und nach neuer Kunst begierig waren, außerdem der junge Kaiser gegen alles Neue eine Aversion hatte, sodaß uns auch noch der Glanz der Märtyrerkrone umstrahlte.“ Als figürlicher Maler war er einer der hervorragenden Vertreter der klassischen Moderne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1911 hatte Corinth einen Schlaganfall, der seine manisch-depressive Natur, die zwischen Schwermut und Enthusiasmus schwankte, verstärkte. Gleichzeitig begann er seinen Malstil zu verändern. Die Farbigkeit der Bilder, besonders der Landschaften am Walchensee, wo er seit 1919 einen Sommersitz hatte, und der heftige Pinselstrich, der die Formen auflöste, führten dazu, daß man sein Spätwerk dem Expressionismus zuschlägt – was nach 1933 den Vorwurf der „Entarteten Kunst“ nach sich zog. Seine Heimat besuchte Corinth immer wieder, malte dort die <em>Ratsherren von Tapiau</em> und wurde Ehrenbürger seine Heimatstadt. 1921 folgte der Titel Ehrendoktor der Universität Königsberg, 1924 eine große Retrospektive in Königsberg. Auf einer Reise nach Amsterdam, wo er noch einmal Rembrandt und Hals sehen wollte, starb er am 17. Juli 1925. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutsch als Muttersprache in Europa: Eine Bestandsaufnahme</title>
		<link>https://dereckart.at/deutsch-als-muttersprache-in-europa-eine-bestandsaufnahme/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Sep 2026 09:13:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12275</guid>

					<description><![CDATA[von Bruno Burchhart Der Stellenwert der Muttersprache für die eigene Identität und die Identität der eigenen Gruppe bzw. des eigenen Volkes ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die eigene Tradition, die Geschichte, die Sitten, das Brauchtum, die Bildung – all das wird in der Muttersprache weitergegeben. Infolge der Zerstückelung Europas durch die Siegermächte des Ersten [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Bruno Burchhart</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Stellenwert der Muttersprache für die eigene Identität und die Identität der eigenen Gruppe bzw. des eigenen Volkes ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die eigene Tradition, die Geschichte, die Sitten, das Brauchtum, die Bildung – all das wird in der Muttersprache weitergegeben. Infolge der Zerstückelung Europas durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges fanden sich plötzlich viele Angehörige des deutschen Volkes als Minderheiten in neuen Staaten. Dadurch und durch die Zeit der kommunistischen Diktaturen im „Ostblock“, wo Deutsch unter strenger Strafandrohung verboten war, war die Weitergabe der deutschen Muttersprache meist sehr schwierig: Eine „sprachlose“ Generation war dort die Folge.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Lage der deutschen Muttersprache im heutigen Europa ist sehr unterschiedlich. Innerhalb der „binnendeutschen“ Staaten wird in der BRD natürlich Deutsch gesprochen, aber eine ausdrückliche Festlegung darauf gibt es nicht; in Österreich ist die deutsche Sprache als die Staatssprache verfassungsmäßig fixiert, in Liechtenstein und Luxemburg ist sie die Amtssprache, in der Schweiz Hauptsprache. In vielen weiteren Staaten gibt es jedoch eine deutsche Minderheit bzw. Volksgruppe. Dabei sieht man eine beträchtliche Variationsbreite, von der gleichberechtigten deutschen Sprache wie in Belgien bis zur nicht einmal verfassungsmäßigen Anerkennung auch nur der deutschen Volksgruppe wie in Frankreich und Slowenien.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Leuchtendes Vorbild Belgien</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die relativ kleine deutsche Volksgruppe ist völlig gleichberechtigt mit der wallonisch-frankophonen und der flämisch-niederländischen. Alle drei sind Staatssprachen und haben ein gleichberechtigtes Parlament für ihre Angelegenheiten. Deutsch ist in Ostbelgien (Eupen-Malmedy) alles, unterrichtet wird auf Deutsch in Kindergärten und Grundschulen bis hin zu Gymnasien und Fachschulen. Straßen, Betriebe usw. sind deutsch beschriftet. Die deutsche Tageszeitung <em>Grenzecho</em> informiert über Regionales und Weltnachrichten ebenso wie das deutsche <em>Radio Contact</em>. Im eigenen Parlament wird in Deutsch verhandelt. Eine so vorbildhafte Situation gibt es für die Deutschen in Europa sonst nirgendwo.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Noch halbwegs annehmbare Verhältnisse bestehen in Rumänien, Südtirol, Ungarn und mit Abstrichen in Schlesien und Dänemark. Eher mäßig ist die Situation in Kroatien, Serbien, der Slowakei und Tschechien, sehr schlecht in Slowenien und Frankreich.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Rumänien</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Im 1918 entstandenen Groß-Rumänien fanden sich deutsche Volksangehörige aus verschiedenen früheren Staaten auf einmal gemeinsam in einem neuen Staat: Sie alle mußten sich erst zusammenfinden. Die Siebenbürger hatten den großen, bis heute anhaltenden Vorteil des deutschen Schulsystemes, das alle Regimes von der Monarchie über die Republik bis zum Kommunismus überstanden hatte. Dadurch konnte die Muttersprache erhalten bleiben. Das deutsche Schulsystem in Rumänien stellt eine erfreuliche Besonderheit dar. In den Lyzeen/Gymnasien wird in deutscher Sprache unterrichtet. Wegen des hohen Ansehens der deutschen Schulen und der schwindenden Zahl der deutschen Minderheit werden diese hauptsächlich von ethnischen Rumänen besucht. Gewisse Probleme mit Lehrern für technische Fächer, bei Büchern etc. gibt es zwar, aber die Gymnasien in Hermannstadt, Temeschwar etc. blühen. Die verfassungsmäßige Vertretung der Deutschen erfolgt im kulturellen und politischen Bereich durch das DF (Demokratische Forum). Die <em>Allgemeine Deutsche Zeitung</em>, wohlgemerkt eine Tageszeitung, und das Wochenblatt <em>Hermannstädter Zeitung</em> informieren, deutsches Radio hingegen gibt es nur regional und stundenweise. Bekannt sind die „Deutschen Literaturtage“ im Banater Reschitza, der Literaturzirkel „Stafette“ in Temeschwar und besonders das Deutsche Theater ebendort. Zahlreiche Kulturgruppen – Chöre sowie Tanz- und Instrumentalensembles – tragen zur Förderung von Muttersprache, Kultur und Tradition bei, ein ausgezeichnetes Jahrbuch berichtet darüber. Eine insgesamt also recht gute Situation.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Italien</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Italien wurde 1918 das jahrhundertelang deutsch besiedelte Südtirol zugeschlagen und dieses dann einer massiven Italianisierung unterzogen, u.v.a. durch gelenkte Zuwanderung, Italianisierung von Personennamen und geographischen Bezeichnungen sowie Verbot des Deutschunterrichtes. Erst 1992 konnte mit der Umsetzung des Autonomiestatutes eine halbwegs akzeptable verfassungsmäßige Lösung erreicht werden. Muttersprachlich gesehen ist das Schulproblem heute entsprechend dem Proporzsystem zwischen den 600.000 Deutschsüdtirolern, 300.000 Italienern und 30.000 Ladinern geregelt – mit zahlreichen Grundschulen, Fachschulen und Gymnasien in 45 deutschen Schulsprengeln und 77 Direktionen sowie der seit 1997 eingerichteten Freien Universität Bozen. Die größte der deutschen Zeitungen sind die <em>Dolomiten</em>, dazu kommen etliche regionale und örtliche. Mehrere deutsche Radiosender informieren. Zahllose Kulturgruppen pflegen die deutsche Muttersprache und Tradition.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es gibt in Italien außerdem noch etliche deutsche Sprachinseln – im Kanaltal, im Fersental, in Timau, in Sauris, mit den sieben cimbrischen Gemeinden. Sie behaupten mühsam ihre Sprachbesonderheiten der alten kärntnerisch-tirolo-bajuwarischen Dialekte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ungarn</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht leicht ist die Situation der ungarländischen Deutschen, da sie im Gegensatz zur geschlossenen volksdeutschen Siedlung in Rumänien und in Südtirol ziemlich verstreut leben. Es gibt deutsche Zentren im Bereich Budapest, Westungarn und im südungarischen Komitat (Bezirk) Branau/Baranya. In der LdU (Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen) sind die Deutschen im kulturellen und politischen Bereich verfassungsgemäß organisiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">&nbsp;Die Muttersprachenvermittlung ist schwierig. Trotz massiver Magyarisierung, Horthy-Faschismus und Kommunismus kann man heute zwar wieder ein deutsches Leben mit unendlich vielen kulturellen Vereinigungen erkennen. Es gibt mittlerweile auch in allen Komitaten deutsche Kindergärten und deutsche Grundschulen, die zum Teil unter Mitträgerschaft der LdU stehen. Das Problem liegt in den unterschiedlich vielen Deutschstunden pro Woche, die von einer bis zu fünf Stunden reichen. Es existieren auch deutsche Gymnasien, z.B. in Budapest, sowie zwei große deutsche Bildungszentren in Frankenstadt/Baja und Fünfkirchen/Pécs. Dort wird vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Matura in Deutsch unterrichtet. In Budapest ist die deutsche Andrassy-Universität beheimatet, sowie ein universitäres Germanistikinstitut. Die Lehrerausbildung wird von den ungarländischen Deutschen in großer Intensität vorangetrieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es besteht außerdem eine große Zahl von Kulturgruppen wie Instrumental- und Tanzgruppen sowie Chören. Deutsche Medien wie die tägliche <em>Budapester Zeitung</em>, die regionale <em>Balaton-Zeitung</em>, besonders auch das <em>Sonntagsblatt</em> der Jakob-Bleyer-Gesellschaft informieren; auch gibt es eine deutsche Radiosendung aus Fünfkirchen. Ein deutsches Theater wird im südwestungarischen Sechsard/Szekszárd bespielt. So kann das Deutschtum auf vielfältige Art gepflegt und weitergegeben werden. Angeführt werden muß, daß das Magyarenland der einzige Staat ist, der für die Vertreibung der Deutschen einen eigenen Feiertag, den 19. Januar, eingerichtet hat. Ein nachahmenswertes Beispiel für andere!</p>



<h3 class="wp-block-heading">Polen</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine völlig andere Situation findet man im Fall der Volksdeutschen in Polen vor. Nach Flucht, Genozid und Vertreibung der meisten Deutschen war eine Sammlung der „sprachlosen“ Generation nach der Wende sehr schwierig. Im VdG (Verband der deutschen soziokulturellen Gemeinschaften) sind die etwa 300.000 Volksdeutschen als verfassungsmäßig anerkannte Minderheit kulturell und politisch organisiert. Die Vermittlung der Muttersprache ist in Anbetracht der eher restriktiven polnischen Regierung nicht einfach. Es werden nur zwei bis drei Wochenstunden Deutschunterricht in den Volksschulen des Minderheitengebietes finanziert. Es gibt dort Kindergärten und Grundschulen, wo unter der Trägerschaft des VdG mit Hilfe von Vereinen wie Pro liberis Silesiae oder dem privaten Kindergarten „Wunder“ in Chronstau ein zweisprachiger Unterricht erfolgt. Eine großartige Ausnahme ist der Schulkomplex in Goslawitz bei Oppeln, wo vom Kindergarten über die Grundschule bis zur Matura in Deutsch unterrichtet wird. Das deutsche <em>Wochenblatt</em> informiert, ein sehr schönes Jahrbuch resümiert. Man kann deutsches Internetradio, allerdings kaum deutsches Fernsehen konsumieren. In Oppeln gibt es ein großartiges Museum über die Volksdeutschen. Viele Kulturgruppen halten die deutsche Tradition aufrecht – keine leichte Aufgabe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Balkanstaaten, Tschechien, Slowakei</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">In den Staaten mit relativ kleinen deutschen Minderheiten wie Kroatien, Serbien, der Slowakei und Tschechien ist eine schon fast bedrohliche Situation festzustellen. Die Folgen von Flucht, Vertreibung und Genozid sind gewaltig. So leben dort nur mehr wenige tausend Volksdeutsche. Zwar gibt es jeweils zahlreiche Vereinigungen, vorwiegend in den Städten, die mit Hilfe von Kulturgruppen in ihren meist von der BRD errichteten Gemeinschaftshäusern die Tradition pflegen. So geschieht es mit großem Idealismus in den etwa zehn Ortsgruppen in Kroatien, wie z.B. Esseg/Osijek, den etwa zwölf in Serbien wie z.B. Mariatheresiopel/Subotica, weiters den 21 in Tschechien wie z.B. Reichenberg und Aussig sowie den etwa zwölf in der Slowakei, z.B. in Preßburg. Die deutschen Zeitungen <em>Karpatenblatt</em> in der Slowakei, das <em>Landesecho</em> in Tschechien und das zweisprachige <em>Deutsche Wort</em> in Kroatien sind hervorragende Medien. Der muttersprachliche Deutschunterricht erfolgt jedoch nur durch private Initiativen in den Ortsgruppen. Es gibt keine deutschen Schulen, die Ausnahme ist das Thomas-Mann-Gymnasium in Prag. Gott sei Dank findet man überall kulturelle Aktivitäten, wodurch die eigene Tradition, wie Volkstanz, Literatur und Musik, hochgehalten wird. Auch Theatergruppen bestehen. Ein herrliches Museum über die Karpatendeutschen findet sich in Preßburg, ein wunderbares Jahrbuch in Marburg in Slowenien. Mit großem Idealismus wird dort überall gearbeitet und geschaffen.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Baltikum</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Kurz erwähnt werden soll noch die Situation der Baltendeutschen. Das traditionsreiche Baltendeutschtum besteht heute nur mehr aus wenigen tausend Seelen in Estland und Lettland. Deutsch wird nur als Fremdsprache unterrichtet. Literarische und gesellschaftliche Veranstaltungen finden unter den Volksdeutschen statt. Wichtig ist der wiederbelebte Kontakt zu den zahlreichen baltendeutschen Vereinigungen in der BRD.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Dänemark</h3>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large"><img decoding="async" width="1024" height="683" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23-1024x683.webp" alt="" class="wp-image-12277" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23-1024x683.webp 1024w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23-300x200.webp 300w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23-768x512.webp 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23-1536x1024.webp 1536w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/09/23.webp 1920w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Wikimedia Commons, https://www.nordschleswig.dk/kontakt.1102.aspx<br>Fahne des Bundes Deutscher Nordschleswiger</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Beachtenswert ist die Situation der Deutschen in Dänemark. Für die im BDN (Bund Deutscher Nordschleswiger) zusammengeschlossenen etwa 20.000 Dänen-Deutschen gibt es 22 deutsche Kindergärten, 14 deutsche Schulen und ein Gymnasium in Apenrade. Kulturelle Aktivitäten und die politische Vertretung sind gewährleistet. Ein ausgeklügeltes Büchersystem und die Zeitung <em>Der Nordschleswiger</em> versorgen die Volksgruppe.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Fördernde Institutionen</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">In der AGDM (Arge der Deutschen) innerhalb der FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) wird von Seiten aller Volksdeutschen zusammengearbeitet. Die bundesdeutsche Regierung fördert die deutschen Volksgruppen nach Kräften. Auch von Österreich kommt Unterstützung, ebenso wie von privaten Vereinigungen wie z.B. der Österreichischen Landsmannschaft, der Deutschen Burschenschaft und dem Kärntner Heimatdienst. Sie alle bemühen sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, ungebrochen um die Förderung der Muttersprache und des deutschen Volkstumes – und auch die Abonnenten des <em>ECKARTs </em>leisten dazu einen wichtigen Beitrag! </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutsche Spuren in Georgien</title>
		<link>https://dereckart.at/deutsche-spuren-in-georgien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Aug 2026 17:06:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12268</guid>

					<description><![CDATA[von Erik Lehnert Vielleicht handelt es sich um eine symbolische Zahl, wenn es heißt, daß heute noch 1.000 Menschen in Georgien leben würden, die sich zur deutschen Minderheit zählen würden. Denn in der Bibel steht die „1.000“ für eine „große Zahl“, und das nationale Statistikamt Georgiens weist die Deutschen nicht als eigene Ethnie aus, sodaß [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Erik Lehnert</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Vielleicht handelt es sich um eine symbolische Zahl, wenn es heißt, daß heute noch 1.000 Menschen in Georgien leben würden, die sich zur deutschen Minderheit zählen würden. Denn in der Bibel steht die „1.000“ für eine „große Zahl“, und das nationale Statistikamt Georgiens weist die Deutschen nicht als eigene Ethnie aus, sodaß man diese unter „Andere“ oder „keine Angabe“ vermuten muß. Diese Zahl gibt aber auch einen Hinweis darauf, daß man die historische Leistung der Deutschen, auch wenn sie nur noch in verschwindend geringer Zahl in Georgien leben, nicht an der nackten Zahl bemessen könne. Denn das deutsche Erbe in Georgien besteht nicht nur aus den üblichen Forschungsleistungen Deutscher, sondern vor allem aus den Hinterlassenschaften der deutschen Koloni­sten, die im 19. Jh. nach Georgien kamen. Die Geschichte der Transkaukasiendeutschen – denn in Aserbaidschan gab es auch welche – war in Georgien lange kein Thema. Erst vor zehn Jahren begann man damit, den Anteil der Deutschen an der georgischen Geschichte systematisch zu erforschen und sichtbar zu machen. Anlaß war das 200-Jahr-Jubiläum der Ankunft der ersten Deutschen im Jahre 1817.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Deutsche Auswanderung nach Transkaukasien bis ins 20. Jh. hinein<br></h3>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei handelte es sich um Schwaben aus der Umgebung Ulms, die einerseits unter den damaligen Mißernten und andererseits als Pietisten unter religiös motivierter Verfolgung litten. Mit ihrem Weg Richtung Osten folgten sie einer Einladung, die zuletzt 1804 von Zar Alexander I. ausgesprochen worden war. Diese versprach den deutschen Siedlern religiöse Freiheit, Land, Unterstützung beim Aufbau ihrer Existenz, Steuervorteile und Befreiung vom Wehrdienst. Die Schwaben machten sich in mehreren Gruppen auf den langen Weg, zunächst auf der Donau bis zum Schwarzen Meer und von dort auf der nördlichen Route um das Meer herum und über den Kaukasus. Die ersten 31 Familien erreichten am 21. September 1817 Tiflis. Es waren Weinbauern, die gut in ein Land paßten, das als Wiege des Weinbaus gilt. Es folgten weitere Familien, darunter 499 Handwerksmeister verschiedenster Berufe. Die Deutschen gründeten Dörfer, die bald wirtschaftlich erfolgreich waren, sodaß weitere Siedlungen entstanden und im Laufe der Jahre, auch noch zu Beginn des 20. Jh., weitere Deutsche nach Transkaukasien lockten. 23 ehemals deutsche Siedlungen zählt man heute im Gesamtterritorium Georgiens.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Erfolg sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Leben für die Deutschen dort harte Prüfungen bereithielt. 1826, währen des Russisch-Persischen Krieges, wurden einige Siedlungen verwüstet und Einwohner verschleppt, der Zar entzog ihnen die Privilegien, und die bolschewistische Revolution führte auch in Georgien zu Terror und Gleichschaltung. Aber man arrangierte sich, machte die Dörfer zu Musterkolchosen. Es war Stalin, der für das vorläufige Ende der Deutschen in der Region sorgte und sie, ca. 23.000 an der Zahl, nach Kasachstan deportieren ließ. Lediglich Frauen, die mit einem Georgier verheiratet waren, blieben davon verschont. Die Deutschen kehrten auch nach Ende des Stalinismus und der Sowjetunion nicht mehr in nennenswerter Zahl zurück. Fährt man heute durch die ehemaligen Siedlungen, findet man noch zahlreiche Häuser vor, die trotz des erbarmungswürdigen Zustandes durch ihre Fachwerkbauweise an ihre deutschen Erbauer erinnern. Im Rahmen der Wiederentdeckung des deutschen Erbes hat man einige Dörfer mit historischen Ort- und Straßenschildern versehen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Katharinenfeld (Bolnissi), der größten deutschen Siedlung, erinnert neben den Häusern nur noch weniges an die Deutschen. Die Kirche wurde erst zum Kino und schließlich zur Turnhalle umgebaut, der Friedhof eingeebnet. Immerhin weisen Schilder auf dieses dunkle Kapitel hin. In derselben Stadt befindet sich eine Außenstelle des Georgischen Nationalmuseums, die vor allem archäologische Funde der Region zeigt, den Deutschen aber auch einen ganzen, schön gestalteten Raum widmet. In Elisabethtal (Assureti) leben zwar auch keine Nachkommen der Kolonisten mehr, aber immerhin einige später zugezogene Deutsche – die deutsche Schule in Tiflis macht es möglich. Hier gibt es sogar noch ein paar deutsche Grabsteine zu bewundern. Schön ist aber vor allem, daß es gelungen ist, die 1871 eingeweihte deutsche Kirche, die genauso verschandelt war wie die in Bolnissi, wieder aufzubauen. Der Kirchturm steht wieder, die Anbauten sind verschwunden, und das Kircheninnere ist ein sonnendurchfluteter, leerer Raum mit Empore. An der Wand sind großformatige Reproduktionen von alten Fotos aneinandergereiht, die ein typisch deutsches Dorfleben zeigen. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutschfeindlichkeit und Prohibition in den USA</title>
		<link>https://dereckart.at/deutschfeindlichkeit-und-prohibition-in-den-usa/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Aug 2026 15:17:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12262</guid>

					<description><![CDATA[von Arnulf Helperstorfer „We are fighting three enemies – Germany, Austria and Drink“ John Harvey Kellog, Arzt, Lebensreformer und Erfinder der Cornflakes Der erste Versuch eines unionsweiten Alkoholverbotes in den USA im Jahr 1914 schlägt noch fehl. Doch drei Jahre später erreicht ein erneuter Gesetzesantrag die notwendige Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Möglich wird [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Arnulf Helperstorfer</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„We are fighting three enemies – Germany, Austria and Drink“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>John Harvey Kellog, Arzt, Lebensreformer und Erfinder der Cornflakes</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der erste Versuch eines unionsweiten Alkoholverbotes in den USA im Jahr 1914 schlägt noch fehl. Doch drei Jahre später erreicht ein erneuter Gesetzesantrag die notwendige Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern des Kongresses. Möglich wird dies durch den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und eine damit einsetzende Welle der Deutschfeindlichkeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„The infidel foreign population of our country“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Frances Willard, Lehrerin, Sozialreformerin und Suffragette</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit diesen Worten bezeichnete Francis Willard, Präsidentin der Woman’s Christian Temperance Union (WCTU), einer der einflußreichsten Gruppen der Prohibitionsbefürworter, die aus ihrer Sicht Hauptverantwortlichen für das Laster des Trinkens in „God’s own Country“. Mit der Welle der Einwanderer in der zweiten Hälfte des 19. Jh. sei auch der Alkoholismus in die USA gekommen. Iren, Italiener, Skandinavier, Osteuropäer und vor allem Deutsche waren in große Scharen in das nach dem Bürgerkrieg expandierende Land gekommen und hatten ihre Trinkgewohnheiten mitgebracht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die USA waren seit ihrer Gründung keineswegs eine besonders enthaltsame Nation. „It commonly entered into the first draught of an infant and the last thought of the dying man“, charakterisierte der junge Abraham Lincoln seine Landsleute 1842. Um das zu ändern, bildeten sich ab den 1830er-Jahren die ersten Temperenzvereine. Aus dem ursprünglichen Gedanken der Mäßigung wurde sehr schnell völlige Enthaltsamkeit. Aus Aufrufen zur individuellen Enthaltsamkeit entwickelte sich der Gedanke eines völligen Alkoholverbotes. Den ideologischen Hintergrund bildeten die großen religiösen Erweckungsbewegungen im 19. Jh. Diese pietistischen und puritanischen Bewegungen verbanden eine christliche Erneuerung mit sozialen Forderungen wie die Alkoholprohibition oder den Kampf gegen Prostitution und Verbrechen. Insbesondere Frauen engagierten sich in den Temperenz-Vereinen und verbanden dabei Prohibition mit dem Frauenwahlrecht und sozialem Engagement. Die 1874 von „Crusaders“ gegründete WCTU mit mehreren hunderttausend Mitgliedern zu Beginn der 1920er-Jahre verdeutlichte diesen Anspruch.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„And the worst of all our German enemies, the most treacherous, the most menacing, are Pabst, Schlitz, Blatz and Miller“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>John Strange, Vizegouverneur von Wisconsin (Republikaner)</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die mächtigsten und einflußreichsten Kontrahenten dieser „drys“, wie die Prohibitionsbefürworter im Gegensatz zu den „wets“ genannt wurden, waren die deutschen Brauer, vereinigt in der United States Brewers Association; unter ihnen stach insbesondere der Brauereimagnat Adolphus Busch hervor. Die Brauer waren eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche Macht. Rund 80% der Saloons gehörten Brauereien, wurden von ihnen finanziert oder waren in anderer Weise wirtschaftlich von ihnen abhängig. Sie waren durchaus bereit, ihre beachtlichen finanziellen Mittel in die Waagschale zu werfen, um den Prohibitionsbefürwortern entgegenzutreten. So wurden Kampagnen finanziert oder politische Kandidaten unterstützt, die die Prohibition ablehnten.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Ein weiteres wichtiges Element der Prohibitionsgegner waren die unzähligen deutschen Vereine und Zeitungen in den USA.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Angeführt wurden diese von der National German-American Alliance NGAA mit über zwei Millionen Mitgliedern im Jahr 1914. Gemäß dem Zensus von 1910 waren rund zwölf Prozent der US-Amerikaner im Deutschen Reich, der Schweiz oder Ö­sterreich-Ungarn geboren, oder ihre Eltern waren von dort eingewandert; organisiert waren die Deutsch-Amerikaner in rund 4.400 Vereinen. Konzentriert waren die Deutsch-Amerikaner im Mittleren Westen, in New York und Zentraltexas. Bier wurde von der Überzahl als wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur betrachtet. Prohibitionsbefürworter waren damit in deutsch dominierten Distrikten de facto chancenlos; in Distrikten mit entsprechend deutsch-amerikanischem Bevölkerungsanteil konnte der hohe Organisationsgrad auschlaggebend sein. Im Verbund mit anderen Prohibitionsgegnern konnten die „drys“ damit zwar einzelne Countys und schließlich auch Bundesstaaten trockenlegen; die Prohibition auf Bundesebene schien aber außer Reichweite.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„Patriotism spells Prohibition“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>William Faunce, Präsident der Brown University, Providence/Rhode Island</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der große Durchbruch für die Prohibitionsbefürworter kam mit dem Kriegseintritt der USA. Die Anti-Saloon League (ASL) als wichtigste Organisation der Prohibitionsbefürworter thematisierte die angebliche Rohstoffverschwendung von Getreide und Kohle für Brauereien und Destillen und trug so maßgeblich zum „Lever Food and Fuel Control Act“ bei, mit dem der Getreideverbrauch von Brauereien durch den Präsidenten gedrosselt werden konnte. In ihren Flugblättern diffamierte sie den Alkoholhandel als „unamerikanisch“, „prodeutsch“, um zu dem Schluß zu kommen: „Alles Prodeutsche muß weg“. Sie waren damit Teil einer antideutschen Welle, die die USA überrollte und binnen kürzester Zeit das bis dahin blühende deutsche Leben zum Erliegen brachte.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Das deutsche Vereinswesen wurde fast ausgelöscht, die Verwendung der deutschen Sprache galt plötzlich als Hochverrat.</h3>



<p class="wp-block-paragraph">Im Gegensatz zu vielen anderen Zuwanderergruppen, die sich teilweise erst während der und vor allem durch die Prohibition politisierten, waren die Deutsch-Amerikaner eifrige Teilnehmer am politischen Diskurs. Erst als ihre Stimmen zum Verstummen gebracht wurde, konnten sich die Prohibitionsbefürworter bundesweit durchsetzen; der 18. Verfassungszusatz wurde im Dezember 1917 beschlossen. Der letzte Triumph der „drys“ war der rigorose Volstead Act, das Durchführungsgesetz der Prohibition. Mit dem Verbot aller alkoholischen Getränke zerschlugen sich die letzten Hoffnungen der Brauer, zumindest Leichtbier könne weiter legal bleiben. Am 16. Jänner 1920 hieß es „Last Call“.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„I knew it was as fragile as tissue paper“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>George Remus, Rechtsanwalt und Alkoholschmuggler zum Volstead Act</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit dem Ende der legalen Alkoholindustrie übernahmen Kriminelle die Versorgung der weiterhin durstigen Kehlen. Im Gegensatz zu den italienischen, irischen und jüdischen Gangstern ist einer der erfolgreichsten Bootlegger der frühen Prohibitionszeit heute weitgehend vergessen – der 1882 aus Bayern eingewanderte George Remus. Remus kam nicht aus dem Milieu der Straßenbanden, sondern absolvierte eine Lehre als Pharmazeut und studierte danach Rechtswissenschaften. Als erfolgreicher Strafverteidiger erkannte Remus schnell die enormen Gewinne des illegalen Alkoholgeschäftes. Seine juristischen Kenntnisse halfen ihm, die Gesetzeslücken zu finden, mit denen er in die oberste Liga der Schmuggler aufstieg. In unzähligen De­stillen schlummerten große Mengen an Hochprozentigem, die jedoch de facto wertlos waren. Remus erwarb günstig vierzehn Brennereien, unter anderem Jack Daniels, und gründete gleichzeitig eine landesweite Apothekenkette. Mit entsprechenden Bezugsscheinen konnte zu medizinischen Zwecken weiterhin Alkohol verkauft werden. Die Apotheken waren jedoch nur Scheinfirmen. Remus ließ seine eigenen Alkohollieferungen überfallen und versorgte weite Teile des Mittleren Westens bis hin zu den Großstädten im Osten mit hochwertigem Alkohol. Seine Alkoholbezugsscheine erhielt er für ein paar Dollar pro Stück von Jess Smith, Assistent des Justizministers Henry Daugherty. Um Kontrolleure zu täuschen, ersetze er den „Schwund“ in seinen Fässern durch Wasser mit Alkoholgeruch und baute eine eigene Pipeline von einer seiner Destillen zu einer Verladestation. Mit seinen legendären und extravaganten Festen – bei einem erhielt jede anwesende Dame ein Automobil als Gastgeschenk – wurde er zu einem der Vorbilder von F. Scott Fitzgeralds <em>The Great Gatsby</em>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">1925 neigte sich seine Glückssträhne dem Ende zu. Zwei Jahre in einem Bundesgefängnis unter Umständen, die eher einem Luxusurlaub glichen, konnte er eher ertragen als den Verrat seiner Ehefrau Imogene. Sie betrog ihn mit einem Prohibitionsagenten, der ihn in der Haft aushorchen sollte und so um seine finanziellen Geheimnisse wußte; gemeinsam brachten sie Remus um seine Millionen. Auf dem Weg zum Scheidungstermin erschoß George Remus seine Frau. Vor Gericht gelang ihm sein letzter Streich. Er plädierte wegen des Ehebetruges und des damit verbundenen Stresses auf zeitweise Unzurechnungsfähigkeit. Nach kurzer Beratung sprachen ihn die Geschworenen frei und sicherten ihm damit einen Platz in der amerikanischen Rechtsgeschichte.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>„What America needs now, is a drink“</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Franklin D. Roosevelt, 32. Präsident der Vereinigten Staaten</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Erfolg der „drys“ war nur von kurzer Dauer. Die Wahlen von 1932 gerieten zur Abstimmung über die Prohibition und wurden für den strikten Prohibitionisten Herbert Hoover zum Desaster. Gerade in den Gebieten mit hohem Anteil an Deutsch-Amerikanern, früher großteils Parteigänger der Republikaner, votierten die Wähler für seinen demokratischen Gegner Franklin D. Roosevelt. Die Prohibition fiel, aber von den Verheerungen des Jahres 1917 haben sich die Deutsch-Amerikaner nie wieder erholt. </p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>„Ich habe das gleiche Blut wie du!“</title>
		<link>https://dereckart.at/ich-habe-das-gleiche-blut-wie-du/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Aug 2026 09:52:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Schwerpunkt Panorama]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=12225</guid>

					<description><![CDATA[von Daniel Fabian Bei den Deutschen in Chiles Süden Als jüngst ein neuer chilenischer Präsident gewählt wurde, kam die Berichterstattung um deutsche Namen nicht herum: Die Eltern des neuen Präsidenten José Antonio Kast waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Allgäu nach Chile ausgewandert; noch Kasts älterer Bruder Michael, der früh verstorbene Zentralbankpräsident unter Pinochet, [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Daniel Fabian</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Bei den Deutschen in Chiles Süden</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Als jüngst ein neuer chilenischer Präsident gewählt wurde, kam die Berichterstattung um deutsche Namen nicht herum: Die Eltern des neuen Präsidenten José Antonio Kast waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Allgäu nach Chile ausgewandert; noch Kasts älterer Bruder Michael, der früh verstorbene Zentralbankpräsident unter Pinochet, war in Deutschland geboren. Kasts jüngerer rechter Mitbewerber, der „libertär-reaktionäre“ Johannes Kaiser, stammt von allen vier Großeltern her von Deutschen ab, ist zweisprachig aufgewachsen und studierte in Heidelberg und Innsbruck. Viele trauen ihm nach einem Achtungserfolg bei der vergangenen Wahl in der Zukunft eine Präsidentschaft zu. Und mit Evelyn Matthei stammt auch eine dritte der fünf mit Erfolgsaussichten angetretenen Kandidaten aus der deutschen Minderheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Häufung mag Zufall gewesen sein, doch sie lenkt den Blick auf die unter vielen europäischstämmigen Gruppen bis heute besonders bedeutende Gemeinschaft der Deutschen im Einwanderungsland Chile. Das Zentrum der deutschen Einwanderung liegt im Süden des Landes, südlich der Provinzhauptstadt Temuco bis zur Provinzhauptstadt Puerto Montt. Freilich beschränken sich die deutschen Spuren vielfach auf Nachnamen und historische Überbleibsel. Bis heute am stärksten sichtbar und lebendig ist der deutsche Einfluß jedoch im Süden des bezeichneten Gebietes, etwa ab der Stadt Osorno südwärts im Umkreis des riesigen Llanquihue-Sees. Dorthin zu reisen, geht weit über eine „Spurensuche“ hinaus, wie sie vielfach in geographisch viel näher gelegenen ehemals deutschen Gebieten leider nur noch möglich ist.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Kuchen, Würste, Schwarz-Rot-Gold</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zunächst fallen die vielen deutschen Bundesflaggen auf. Die Kleinstädte am Westufer des Sees sind an einem normalen Werktag üppiger beflaggt als eine bundesdeutsche Kleinstadt am Tag der Deutschen Einheit. Nicht nur die chilenische Neigung zum Hissen ihrer Nationalflagge wird hier in abgrenzender Aneignung aufgenommen, auch der Tourismus spielt eine Rolle. Denn dieser ist in Frutillar, Llanquihue oder Puerto Varas stark auf das deutsche Erbe und deutsche Besucher ausgerichtet. Aber auch von Autoaufklebern und aus den Fenstern von Privathäusern grüßt unübersehbar vielfach der deutsche Dreifarb. Und nicht nur das: Zur Einkehr lockt etwa ein „Kuchenladen“, „El rincón de la Oma“ („Omas Ecke“ – „Oma“ ist hier statt der spanischen Bezeichnungen weit verbreitet), eine Bäckerei „Vollkornbrot“ (in kantiger Frakturschrift) oder, wenn es etwas gehobener sein soll, das Restaurant „Zur Wassermühle“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Von dieser Überraschung erholt sich der Tourist am be­sten mit einer Bratwurst, einem „Kunstmann“-Bier von der beliebtesten chilenischen Brauerei oder einem „<em>Kuchen</em>“, denn so werden diese Süßspeisen auch hier genannt. Dann werden aber auch die Unterschiede zum heimisch Bekannten deutlich, denn eine gute Wurst nach deutschem Standard zu finden, ist hier schwer. Und „Kuchen“ ist die Bezeichnung für eine bestimmte Art als deutsch wahrgenommener Backwaren, die aber anders sind, als aus Mitteleuropa bekannt. Der Blick in ein Backbuch der deutschen Einwanderer belehrt: Ihre süße Küche hat sich von jener in der Heimat wegentwickelt. In Chile sind Quark/Topfen und Schmand unbekannt, weswegen oft Mischungen aus Maisstärke und Sahne verwendet wurden und werden. Die „Kuchen“ in Chile sehen anders aus und schmecken anders!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dennoch gibt es wohl keine Weltgegend außerhalb Europas, in der sich – mitten in der spanischsprachigen Mehrheitsgesellschaft, ohne religiöse Abschottung – so viele deutsche Kulturelemente und deutsche Identität so lange gehalten haben. Wer deutsche Friedhöfe sehen will, auf denen auch über hundert Jahre alte Gräber nicht abgeräumt werden, wird im Süden Chiles eher fündig als in der BRD. Auf dem reizvoll direkt an einer Steilküste am Seeufer gelegenen, nahezu rein deutschen Friedhof von Totoral werden auch heute noch die neu hergestellten Grabsteine mit deutschen Grabsprüchen und zum Teil in Fraktur beschriftet. Ganz in der Nähe findet sich auf einer Anhöhe das Denkmal der deutschen Einwanderung, 1937 errichtet. „Unseren Ahnen“ steht in großen Lettern darauf, dazu sind die Namen der ersten 80 Einwanderer gesetzt.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Die Deutschen haben sich sehr aufgeopfert für dieses Land. Als sie kamen, war hier nur Urwald.“</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Landschaft, die die deutschen „Colonos“ hier vorfanden, war wild, unübersichtlich und von Urwald geprägt. Die einzigen Bewohner waren Nomaden. Heute erinnert die Landschaft an eine etwas wildere Version von Oberbayern. Die Deutschen glichen das Land an ihre alte Heimat an; Felder, Wiesen und die Ufer der vielen Seen bebauten, gestalteten und hegten sie so, wie sie es aus Deutschland kannten. Kaum irgendwo wird die landschaftsprägende Kraft einer Kultur so bewußt wie hier. Die nichtdeutsche Einwanderung folgte erst spät und langsam. Noch in den 1950er-Jahren waren die ländlichen Gegenden rein deutschsprachig, in einer Kleinstadt wie Llanquihue gab es in jener Zeit gerade einmal zehn aus Zentralchile zugewanderte „spanische“ Familien. Den heutigen Einheimischen jedweder Herkunft ist das sehr bewußt, und die Geschichte der Kolonisierung wird in etlichen größeren und kleineren Museen dargestellt. Der nicht deutschstämmige Ingenieur Claudio sagt voller Anerkennung: „Die Deutschen haben sich sehr aufgeopfert für dieses Land. Als sie kamen, war hier nur Urwald!“</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese vielfach anzutreffende Zuneigung zur deutschen Herkunft treibt ungewohnte und manchmal kuriose Blüten. Wir sehen eine große, sehr auffällige Tätowierung mit dem Wappen des Deutschen Kaiserreiches auf dem Rücken eines halbnackten Mannes offensichtlich nicht in erster Linie deutscher Herkunft. Auf einer abgelegenen Landstraße werden wir von einem staubigen Pritschenwagen überholt – am Heck erkenne ich den Aufkleber einer der vier deutschen Burschenschaften in Chile mit dem typischen Zirkel. Ein schwarzhaariges Baby mit dunklem Teint heißt „Hans“, der Vater Pedro hat, wenn auch äußerlich nicht erkennbar, eine deutsche Großmutter und interessiert sich für deutsche Geschichte und die politische Lage ebenso wie für deutschen Fußball. Deutsche oder hispanisierte deutsche Namen wie Oswaldo, Rodolfo etc. sind weit verbreitet. Und mehrere Male äußern Einheimische ohne deutsche Vorfahren Meinungen über die deutsche Geschichte und Gegenwart, die ich hier nicht wiederholen kann, ohne die <em>ECKART</em>-Redaktion in Schwierigkeiten zu bringen …</p>



<h3 class="wp-block-heading">Wirtschaftlicher Aufschwung, unsichere Zukunft?</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Region ist heute wirtschaftlich vergleichsweise stark, vor allem durch den immer noch weiter zunehmenden Tourismus. Dazu kommt die „Stadtflucht“ vieler, vor der Sicherheitslage in der Hauptstadt Santiago geradezu fliehender Wohlhabender, angezogen durch hervorragende Infrastruktur und die Naturschönheiten der Umgebung. Das Preisniveau ist relativ hoch, dies wiederum hält Armutseinwanderer ab. Doch gerade dieses Wachstum (Bauboom und Überfüllung inbegriffen) könnte das Ende der deutschen Minderheit einläuten. Schon eine Industrialisierungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg hatte erst die spanischsprachigen Chilenen als Arbeitskräfte in die Gegend gebracht und damit den Bedarf nach nichtdeutschen Schulen erzeugt. Heute ist Deutsch als Umgangssprache immer weiter auf dem Rückzug, trotz mehrerer deutscher Schulen in der Region. Trotz einer frisch aus Deutschland eingetroffenen jungen Pastorin gibt es rund um den See keinen deutschsprachigen Gottesdienst mehr. Auch wenn die Liste der Namen im Kirchenvorstand der lutherischen „Seegemeinde“ sich liest wie aus einer Pfarrei in der Bundesrepublik: Die Gottesdienstsprache ist Spanisch.</p>



<h3 class="wp-block-heading">„Ich bin aus der vierten Generation, aber wir haben immer nur untereinander geheiratet!“</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">„Ihr beide würdet in Deutschland nicht auffallen!“, sage ich dem deutschstämmigen Bauern Patricio und erhalte als Antwort: „Ich bin aus der vierten Generation, aber wir haben immer nur untereinander geheiratet! Ich habe das gleiche Blut wie du!“ Deutsch spricht auch er nur noch wenig, obwohl seine Großmutter mit ihm immer Deutsch gesprochen hat. Er würde sein Kind gerne zu einem Schüleraustausch nach Deutschland schicken, ist aber besorgt um die Sicherheitslage in Europa: „Was wir hören über Deutschland heute, können Frauen dort nicht mehr sorglos auf die Straße gehen.“ Sein Cousin Walter äußert beim gemütlichen Lamm-Grillen ähnliche Bedenken. Auch seine Tochter soll nicht unbegleitet nach Deutschland gehen. Die Lage in Europa beobachten sie genau, sind sich ihrer Herkunft mehr als bewußt. Deutsch war für Walter sogar die erste und bis zum sechsten Lebensjahr einzige Sprache, doch der Schulbesuch und der Tod seiner Großeltern änderten das. Heute spricht er nur noch wenig Deutsch, versteht aber noch manches.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der deutschen Minderheit verstehen weitgehend noch Deutsch, wollen es aber oft nicht mehr sprechen, sondern lernen unter Einfluß der Globalkultur als Fremdsprache lieber Englisch. Deutsche Chöre und Tanzgruppen haben keinen oder nur wenig Nachwuchs. Mehrere deutsche Schulen sorgen für die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur an die Jugend, können aber nicht deren Anwendung im Alltag sichern; und ein Direktorenwechsel kann das Ende von Volkstanz oder deutschem Lied an einer Schule bedeuten. Im Bereich des internationalen Austausches scheint es dagegen heute wieder mehr Interesse unter den Jüngeren zu geben, sodaß die deutsche Sprache mittelfristig zumindest als Zweit- und Fremdsprache in vielen Fällen erhalten bleiben wird.</p>



<figure class="wp-block-image aligncenter size-large is-resized"><img loading="lazy" decoding="async" width="960" height="1024" src="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-960x1024.jpeg" alt="" class="wp-image-12226" style="width:510px;height:auto" srcset="https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-960x1024.jpeg 960w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-281x300.jpeg 281w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross-768x819.jpeg 768w, https://dereckart.at/wp-content/uploads/2026/08/7-2-Gross.jpeg 1080w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" /><figcaption class="wp-element-caption">Rathaus in Frutillar: Schwarz-Rot-Gold, anders als im Mutterland mit Palme, aber ohne Regenbogenfahne</figcaption></figure>



<h3 class="wp-block-heading">Ein deutsches Leben: Von Ostpreußen an den Llanquihue-See</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Um die ganze Entwicklung der letzten Jahrzehnte nachvollziehen zu können, fragen wir einen, der alles miterlebt hat: den ältesten Mann der deutschen Gemeinschaft, Heinz Schwarz. In Ostpreußen 1934 geboren, entkam er kurz vor Kriegsende nur knapp und unter dramatischen Bedingungen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern dem Tod und seinem Herkunftsland. Seinen Vater verschlang der Krieg spurlos. Nach eineinhalb Hungerjahren und weiteren Nachkriegsjahren voller harter Arbeit und Entbehrungen in Süddeutschland suchte seine Mutter mit ihren sechs Kindern ein besseres Leben unter Deutschen fern der Heimat am Ufer des Llanquihue-Sees. Herr Schwarz berichtet von der langsamen Entfernung von der Herkunftskultur: Anfangs bestanden noch enge Wirtschaftsbeziehungen, fast alle Gegenstände, von landwirtschaftlichen Maschinen bis zu Geschirr, wurden aus der BRD importiert. Dies wurde aber durch die deutschen Unternehmen selbst sabotiert, weil Lieferung nur noch gegen zunehmend höhere und in dieser Region unrealistische Abnahmezahlen geleistet wurde. Auch hier sprangen schließlich Chinesen in die Lücke, heute gibt es außer manchen Lebensmitteln im Supermarkt schon lange keine nennenswerten Deutschlandimporte mehr. Dadurch wurde der Bezug zu Deutschland in der Alltagskultur stark geschwächt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und wie ist das mit der Vermischung und Zusammenarbeit zwischen deutschen und nichtdeutschen Chilenen? Es fällt auf, daß die Landwirtschaft weitgehend und ein bedeutender Teil von Handel und Gewerbe/Handwerk in deutscher Hand sind. Keine Protektion, keine Struktur oder Organisation trennt deutsche von nichtdeutschen Bauern und anderen Fachleuten in der Region, sondern Mentalität und Vertrauen. Ob noch deutschsprachig oder nicht: Die Nachfahren der deutschen Einwanderer denken und handeln anders, erklärt der ehemalige Landwirt und Landmaschineneinkäufer Schwarz: „Deutsche sind: ja oder nein! Wenn ich sage, ich komme morgen um zehn, dann komme ich morgen um zehn!“ Und dann wechselt er ausnahmsweise auf Spanisch und zählt die Art von Ausreden auf, die vielen Ankündigungen der anderen Chilenen typischerweise folgen: „Ich konnte nicht, weil die Mutter des Nachbarn meines Cousins …“, „Ich habe mich nicht gut gefühlt“ usw. … Schalk, Spott und etwas Verbitterung mischen sich in seinem Gesicht. </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Flanieren, ein Zeichen der Muße</title>
		<link>https://dereckart.at/flanieren-ein-zeichen-der-musse/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[samuel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 May 2026 10:49:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Heftschwerpunkte]]></category>
		<category><![CDATA[xStartseite]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://dereckart.at/?p=11981</guid>

					<description><![CDATA[von Erich Körner-Lakatos Gedanken zur Entschleunigung Das Flanieren – sohin das beinahe provokant langsame Umherschlendern ohne rechtes Ziel – macht denjenigen, der es sich gönnt, irgendwie verdächtig. Was hat der Mensch im Sinne? Hat er nichts zu tun? Sucht er gar ein passendes Objekt, ein Haus oder Fahrzeug, in das er nach Einbruch der Dunkelheit [&#8230;]]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>von Erich Körner-Lakatos</em></p>



<h2 class="wp-block-heading">Gedanken zur Entschleunigung</h2>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Flanieren – sohin das beinahe provokant langsame Umherschlendern ohne rechtes Ziel – macht denjenigen, der es sich gönnt, irgendwie verdächtig. Was hat der Mensch im Sinne? Hat er nichts zu tun? Sucht er gar ein passendes Objekt, ein Haus oder Fahrzeug, in das er nach Einbruch der Dunkelheit einbrechen will? Das Flanieren ist heutzutage generell weitgehend tabu. Sicher, an einem lauen Urlaubsabend an der Meeresküste, da mag solches angehen. Aber sonst? Mit dem Flanieren als Zeichen der Muße verhält es sich anders als mit den meisten Verhaltensweisen. Denn heute darf man vieles, was früher strikt verpönt gewesen ist: zum Beispiel Mann und Frau ohne Trauschein unter einem Dach. Das Tabu der Nacktheit ist nicht nur gefallen, es hat sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Die Reklametafeln sind voll mit spärlich bekleideten jungen Damen.</p>



<h3 class="wp-block-heading"><em>Mit Max Webers </em>Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus <em>hört sich das gemütliche Dasein auf.</em></h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei der Muße – das Flanieren ist ja bloß eine äußere Form dieses entspannten Lebensgefühls – ist es gerade umgekehrt: Was früher alltäglich war, scheint seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten verpönt zu sein. Ab da ist Betriebsamkeit angesagt, die Stechuhr wird zur Taktgeberin. Die Industrialisierung zwingt den Arbeiter zum Schuften um der bloßen Existenz willen. Mit Max Webers Werk <em>Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus</em> hört sich dann das gemütliche Dasein selbst für den Fabriksherrn auf. Rastloses Schaffen, bisher nur in calvinistisch beeinflußten Gegenden üblich, greift auf katholisch geprägte Landstriche über. Weber schreibt: „Nicht Muße und Genuß, sondern nur Handeln dient dem unzweideutig geoffenbarten Willen Gottes zur Mehrung seines Ruhmes. Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden.“ Allem Work-Life-Balance-Gerede zum Trotz verlangt in unseren Tagen die hektische Betriebsamkeit einen Arbeitsmenschen, der von der fraglosen Wichtigkeit der von ihm zu leistenden Handgriffe überzeugt ist. Mit dieser Fixierung gerät sohin eine andere Eigenschaft, um nicht zu sagen <em>conditio humana</em>, ins Visier: die Muße. Der Zwillingsbruder der Muße ist der Müßiggang, dem a priori etwas Negatives anhaftet, er ist bekanntlich aller Laster Anfang. Vor allem bei der Unterschicht, die seit jeher im Rufe steht, wenig leistungsbereit zu sein. Das war schon seit Jahrhunderten so, wie ein von Rolf Schwendter (<em>Reiche speisen, Arme essen</em>, 2005) ausgegrabenes G’stanzl aus dem 19. Jh. bezeugt, das aus dem Wiener Vorort Erdberg stammt: „Fünf Kreuzer für d’Suppn, fünf Kreuzer fürs Kraut, auf d’Arbeit wird pfiffen…“.</p>



<h3 class="wp-block-heading">Heute bummeln selbst die alten Herren nur noch mit schlechtem Gewissen.</h3>



<p class="wp-block-paragraph"></p>



<p class="wp-block-paragraph">Heutzutage gerät die schlichte Weisheit, man könne sich auch auf zwei Beinen fortbewegen, ins Vergessen. Das einfache Schreiten, der zweckfreie wie ziellose Spaziergang, der Gefühle und Gedanken in uns aufsteigen läßt, die man im Rahmen des rastlosen Alltags gleichsam unterdrückt, wird zum recht zweifelhaften Vergnügen. Der schlendernd seines Weges Ziehende wird in den Augen seiner Mitmenschen zum Bummler, zumal wenn er im arbeitstüchtigen Alter steht. Ein solcher Außenseiter provoziert in den ihm Begegnenden die Frage: „Was fällt denn dem ein, hat der nichts Besseres zu tun?“ Der von solch stummen Fragen, ja Anklagen Betroffene mag sich der Übertretung der von allen stillschweigend akzeptierten Regel – immer und um jeden Preis betriebsam zu sein – bewußt sein; er wird vorbringen, er gehe spazieren, weil es der Arzt ihm verordnet habe. Oder weil er vor einer große Herausforderung stehe, für deren Bewältigung er sich fithalten müsse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Aus meiner Jugendzeit sind mir die alten Herren in Erinnerung. Pensionäre, die im Wiener Stadtpark in endlosen Gesprächen auf- und ab wandelten. Wesen, über die die Zeit ein mildes Regiment zu führen schien. Heute kommt mir vor, als ob selbst die alten Herren nur noch mit schlechtem Gewissen bummeln. Seit der Antike gilt der Grundsatz des Alterns in Würde. So prägte Cicero den Begriff des <em>otium cum dignitate</em>, der mit philosophischer Betätigung verbrachten würdevollen Muße in Zurückgezogenheit, zu der auch das vermeintlich ziellose Bummeln gehört.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in unseren Breiten ist es hoch an der Zeit, das Tabu zu brechen und die Muße kleinweis’ wiederzubeleben. Zum Beispiel am Sonntag. In meiner Kindheit waren die Geschäfte am Sonntag geschlossen. Man durfte länger schlafen, frühstückte gemütlich. Nach dem Sonntagsbraten – „unter der Woche“ Fleisch zu essen, galt als unschicklich – machte es sich jedermann bequem, döste vor sich hin. Und ging danach flanieren… </p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
